Der Vulkankomplex des Nemrut Dağı ( = Bergquell, ) liegt in Ostanatolien östlich der Muş-Ebene (Muş Ovası) in der türkischen Provinz Bitlis etwa 25 km nördlich der Provinzhauptstadt sowie 10 km nordnordwestlich der Kreisstadt Tatvan bzw. 20 km südwestlich der Kreisstadt Ahlat am äußersten Südwestufer des Vansees. Der gegenwärtig weitgehend ruhende, zentrale Schichtvulkan erhebt sich bis zu einer Höhe von 2948 mSmithonian Volcanism Program Volcano Number 213020 Abgerufen am 8. Januar 2022. zwischen zwei großen Senken, dem Vansee-Becken und der Muş-Ebene, wobei die Entstehung des Vansees unmittelbar mit den Eruptionen des Nemrut Dağı zusammenhängt.
Dieser Nemrut Dağı ist nicht zu verwechseln mit dem etwa 300 km entfernten und nur 2150 m hohen Nemrut Dağı in der Provinz Adıyaman, auf dem die berühmten Reste von Heiligtum und Grabstätte des späthellenistischen Königs Antiochos I. Theos (69–36 v. Chr.) von Kommagene zu finden sind. Beide Berge sind nach dem sagenhaften König Nimrod benannt.
Orogenetische Hintergründe Aufgrund ihrer Lage im Zwickel der plattentektonischen Konvergenzzone zwischen der Eurasischen, Arabischen und Anatolischen Platte sind beträchtliche Partien Ostanatoliens nicht nur ein Teil des alpin-himalaischen Gebirgssystems, sie durchliefen auch eine lange kollisions- und postkollisionsbedingte Phase frontalen Aufeinandertreffens (Konvergenz), die zu einer Verdickung und Anhebung der Erdkruste führte. So hatte das Ostanatolische Hochplateau mit seinen zahlreichen vulkanischen Komponenten seine durchschnittliche Höhe von 2000 m über dem Meeresspiegel etwa seit dem mittleren Miozän erreicht, als die Kollision zwischen den Platten entlang der Bitlis-Kontaktzone (Suturzone) endete. Neuere Studien zeigen, dass die Konvergenz noch immer im Gange ist, wobei es im Zusammenhang mit der entsprechenden Tektonik seit dem Mittelmiozän zu einem Übergang vor allem im frühen Pliozän von einem Nord–Süd-gerichteten Kontraktions-Regime (Schub-Tektonik, Verkürzung und Verdickung der Kruste) zu einem Extensions-Regime (Ausweichtektonik, Escape-Tektonik) kam – in diesem Fall zu einem Ausweichen der Anatolischen Platte nach Westen. Die Bildung des Ostanatolischen Hochplateaus wurde von diesen beiden tektonischen Regimen bestimmt, wobei jüngste seismische Daten zeigen, dass das Ostanatolische Hochplateau nicht auf einer dicken Lithosphärenkruste ruht, sondern – wahrscheinlich aufgrund des Abbruchs der nordwärts abtauchenden Platte – auf heißen Teilen des Erdmantels mit der Konsequenz eines ausgeprägten Vulkanismus. So sind kollisionsbedingte Vulkane in Ostanatolien in einer breiten Zone vom Kars-Plateau und Kleinen Kaukasus im Nordosten (dem nördlichen Teil der Plattengrenze) bis zum Arabischen Vorland im Südwesten (dem südlichen Teil der Plattengrenze) entstanden, und fast zwei Drittel des Plateaus sind von den Produkten des kollisionsbedingten Vulkanismus bedeckt. Dabei begann der Vulkanismus im mittleren bis späten Miozän auf der verdickten Kruste der Nordseite der Plattengrenze, wanderte im Pliozän und Quartär nach Süden und bildete die großen Schicht- oder Stratovulkane des Ararat (Ağrı Dağı), Tendürek Dağı, Süphan Dağı und Nemrut Dağı.
Lage und Aussehen links|mini|Blick von der Rahvan Yaylası auf die äußere Südostwand des Nemrut Dağı. Im Mittelgrund erkennt man einen Zug der Türkischen Staatsbahnen auf der Fahrt in Richtung Muş. Im gesamten Nordosten der Türkei, vom Van-See bis zu den armenischen und georgischen Grenzen – und darüber hinaus in Armenien, dessen Relief weitgehend vulkanisch ist – verschwinden die Reliefs gefalteter Ketten und Senken des Pontischen und Taurischen Gebirges unter dicken Ansammlungen vulkanischen Gesteins: unter dem Lavahochland von Kars und Ardahan und unter einer Reihe von großen vulkanischen Erhebungen, die entlang einer linienhaft in Nordost-Südwest-Richtung ziehenden Störungszone nordwestlich des Vansees angeordnet sind. Es sind dies (von Nordost nach Südwest) der Kleine Ararat (Küçük Ağrı Dağı, 3896 m) und der Große Ararat (Büyük Ağrı Dağı, 5137 m) mit zwei sehr deutlichen Kegeln, die auf einer andesitischen Basis mit großer Basaltdicke überlagert sind, der Tendürek Dağı (3538 m) mit zwei Kegeln, die mit gut geformten Kratern ausgestattet sind, der Süphan Dağı (4058 m), der dritthöchste Berg der Türkei, nördlich des Van-Sees mit mehreren kleineren Gletschern, dessen Gipfel aus einem dicken Lavapfropfen inmitten einer großen Caldera besteht, und schließlich am SW-Ende dieser Folge riesiger Vulkanberge der Nemrut Dağı (Sivri Tepe 2935 m) westlich des Van-Sees, dessen Kegel sich im nordöstlichen Teil eines ausgedehnten, plateauartigen Lava- und Tuff-Feldes auftürmt. Der Nemrut Dağı ist der größte innerhalb einer Gruppe von teilweise gleichaltrigen Vulkanen östlich des Van-Sees. Unter diesen sind nach dem Nemrut Dağı der Kirkor Dağı und der Mazik Dağı die größten Vulkane. Sie erstrecken sich etwa 50 km in Nord-Süd-Richtung. Diese Gruppe von Vulkanen, die eine Barriere vor einem von Ost nach West verlaufenden Flusstal in Richtung auf die Muş Ovası bilden, hat offenbar eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Van-Sees gespielt (s. u.). Das vulkanische Zentrum dieser Gruppe, der polygenetische Schichtvulkan (durch Zusammenwirken mehrerer Prozesse entstandenes Relief) des Nemrut Dağı, liegt nahe der Südwestspitze des Vansees. Es hat eine weitgehend elliptische Form mit einer Längsachse von etwa 27 km in Nordnordwest-Südsüdost-Richtung. Die kurze Achse misst um die 18 km. Der Vulkan bedeckt eine Fläche von ca. 486 km². Das vulkanische Zentrum besteht aus geschätzten 337,5 km³ vulkanischem Material. Die Kegelspitze ist mit einer nahezu kreisförmigen, im Durchschnitt 7,5 km breiten Caldera gekrönt. Das eingestürzte Gebiet misst ungefähr 8,3 × 7 km im Durchmesser. Die Calderawand ist etwa 688 m hoch.
Die wesentlich tiefer liegende Westhälfte des Calderabeckens wird von einem bis 155 m tiefen Süßwassersee, dem Nemrut Gölü, eingenommen. Der Boden des östlichen Caldera-Abschnitts zeigt dagegen ein durch jüngste vulkanische Erscheinungen äußerst unruhiges Relief mit frischen Tuff- und Aschekegeln und jungen Lavastromformen mit kleinen Förderkratern. Der Caldera-Boden liegt im Durchschnitt bei 2300 m Höhe. Mit einem steilen, stellenweise wandartigen Hang steigt der Calderarand über 2800 m an (Sivri Tepe 2935 m am Nordrand, Turşuk Tepe 2828 m am Südrand, Nemrut Sivrisi 2801 m im Osten). Das steile Profil des Caldera-Hanges gibt einen guten Einblick in den lithologischen Bau des Nemrutkegels. Andesitische und basaltische Lavaergüsse sind dominant am Kegelaufbau beteiligt. Sie liegen jedoch im Wechsel mit Tuffen, Aschen, Ignimbriten und Bimssteinen. Der Außenhang des Calderarandes besteht überwiegend aus Bimssteinen, Lapilli und Vulkanbomben, die wahrscheinlich von den letzten Ausbrüchen herrühren. Dem Gesteinsaufbau nach handelt es sich beim Nemrut Dağı um einen Schichtvulkan.
Nemrut Gölü links|mini|In den Sommermonaten kommen viele Halbnomaden mit ihrem Vieh aus Südostanatolien, um das Weidepotential und das Süßwasser des Nemrut Gölü für ihre Schafherden zu nutzen. mini|Zelte der Halbnomaden, im Hintergrund der Vansee.mini|Einen nomadischer Schäfer mit seiner Herde am ausgetrockneten Göper Göl in der Caldera des Nemrut Dağı in seinem speziellen „Wintermantel“ gegen die in der Höhe oft herrschende Kälte. Der Nemrut Gölü, der Kratersee des Nemrut Dağı, gilt als eine der weniger bekannten Naturschönheiten der Türkei. Innerhalb der Caldera des Vulkankegels, einer der größten Calderen der Welt, liegt er auf einer Höhe von 2247 m. In diesem riesigen Krater befinden sich mehrere Seen: der Große See (Nemrut Gölü, auch Büyük Göl), der Ilık-See (Ilıkgöl, Ilığgöl, dtsch. = warmer See) und, je nach Jahr bzw. Jahreszeit, zudem drei oder vier große und kleine sehr flache „temporäre“ Seen, deren Tiefen von Jahr zu Jahr variieren und die Marschland ähneln. In manchen Jahren trocknen diese ganz aus. Halbiert man die große Caldera-Mulde entlang einer Nord-Süd-Achse, so nimmt der Nemrut Gölü die Westseite als großer See in Form eines Halbmondes ein. Mit 5 km Länge und 2,5 km Breite deckt er eine Fläche von rund 12 km² ab. Seine durchschnittliche Wassertiefe beträgt etwa 100 m (die maximale Tiefe misst 155 m). Er ist ein reiner Hochgebirgssee mit kristallklarem Wasser und äußerst spärlichem Plankton, ist oligotroph, also nährstoffarm. Das Wasser ist frisch und trinkbar und wird im Allgemeinen durch Schnee gespeist. Neben dem Hauptsee, der halbmondförmig in der Westhälfte des Kraters liegt, gibt es im Nemrutkrater zwei kleinere Nebenseen: links|mini|Eine der heißen Quellen am Ilıkgöl (Ilığgöl) im Nemrut Dağı. Gasemissionen – hauptsächlich Helium aus dem Erdmantel – weisen darauf hin, dass der Vulkan durchaus noch aktiv ist. mini|Der Ilık-See (llıkgöl, Ilığgöl) und sein Umfeld werden im Sommer als Heilbad von vielen Einheimischen und Besuchern besucht, die in den heißen Quellen dort aus gesundheitlichen Gründen ein Bad nehmen. Im Norden des Nemrut Gölü liegt der llıkgöl (Ilığgöl), dessen Wasser warm ist. Er misst rund 500 m im Durchmesser und ist 7–8 m tief. An den Rändern liegen heiße Quellen, in deren Bereich die Wassertemperatur auf über 80 °C ansteigt. Untersuchungen der austretenden Gase einer heißen sprudelnden Quelle weisen darauf hin, dass junge vulkanische Gasemission noch vorhanden ist und 95 % des gesamten austretenden Heliums aus dem Erdmantel stammt, der Vulkan also durchaus noch aktiv ist. links|mini|An einer felsigen Stelle des Nemrut Dağı oberhalb des llıkgöl (Ilığgöl) strömen aus einer Spalte im Gestein heiße, schwefelhaltige Gase aus. Das heiße Wasser wird von den Einheimischen und Besuchern als Heilbad genutzt. Der Ilık-See und sein Umfeld werden im Sommer von vielen Menschen aufgesucht, die in den heißen Quellen dort aus gesundheitlichen Gründen ein Bad nehmen. In der Regel kommen auch viele Halbnomaden mit ihrem Vieh aus Südostanatolien und bauen für ein paar Monate Zelte auf, um sich des Wassers des Nemrut Gölü und des Ilık-Sees zu bedienen. Somit wird der Nemrut Dağı sowohl klimatologisch als auch wirtschaftlich genutzt. Ein dichter Vegetationsgürtel aus Binsen, Schilf und anderen Wasserpflanzen ist hier zu finden. An einer felsigen Stelle oberhalb des llıkgöl (Ilığgöl), in Richtung Hauptsee, strömen aus einer Spalte im Gestein heiße, schwefelhaltige Gase aus. Zuweilen klingt aus dem Inneren des Berges dumpfes Gepolter. Zusammen mit den heißen Quellen zeigt dies, dass der Vulkan noch bis in nahe Zeit aktiv war und sich erst in der AbkühIungsphase befindet. Der zweite größere Nebensee, der Küçük Göl (Kleiner See), im Osten des Kraters, ist ein flaches Schmelzwasserbecken, das in manchen Jahren austrocknet. Seine Oberfläche liegt 35 m höher als die des Hauptsees bzw. des llıkgöl (Ilığgöl). Er hat keinerlei Bewuchs; der Seeboden besteht aus lockerem Geröll und Schlamm.
Die geologische Entwicklung des Nemrut Dağı mini|450px|Die Kartenskizze enthält die wichtigsten geologisch und stratigraphisch interessanten Aspekte des Nemrut-Dağı-Stratovulkans und seines Umfeldes bei Tatvan am Vansee in der türkischen Provinz Bitlis.