Das Königreich Bagan (burmesisch: ပုဂံပြည် Băgam pyi; wörtlich „Staat Bagan“), auch als Königreich Pagan bekannt, war das erste burmesische Königreich, das die Regionen vereinte, die später das heutige Myanmar bilden sollten. Die 250-jährige Herrschaft von Bagan (Pagan) über das Irrawaddy-Tal und seine Umgebung legte den Grundstein für den Aufstieg der burmesischen Sprache und Kultur, die Ausbreitung der Bamar-Ethnie in Obermyanmar und das Wachstum des Theravada-Buddhismus in Myanmar und auf dem Festland Südostasiens.
Das Königreich entstand aus einer kleinen Siedlung aus dem 9. Jahrhundert in Pagan (dem heutigen Bagan) durch das Volk der Mranma, den Vorfahren der heutigen Bamar. In den folgenden 200 Jahren wuchs das kleine Fürstentum allmählich und annektierte die umliegenden Regionen, bis König Anawrahta in den 1050er und 1060er Jahren das Bagan-Reich gründete und damit vermutlich zum ersten Mal das Irrawaddy-Tal und seine Umgebung unter einer Herrschaft vereinte. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts hatten Anawrahta's Nachfolger ihren Einfluss weiter nach Süden bis in den oberen Teil der Malaiischen Halbinsel, nach Osten mindestens bis zum Saluen-Fluss, weiter nach Norden bis unterhalb der heutigen Grenze zu China und nach Westen bis in den Norden von Arakan und die Chin Hills ausgedehnt. Im 12. und 13. Jahrhundert war Pagan neben dem Khmer-Reich eines der beiden wichtigsten Reiche auf dem südostasiatischen Festland. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts setzte jedoch der Niedergang ein. Wiederholte mongolische Invasionen (1277–1301) stürzten 1287 das vier Jahrhunderte alte Königreich, das in verschiedene Kleinstaaten zerbrach.
Geschichte
Entstehung und Frühgeschichte mini|150px|Einflussgebiet vor den Eroberungen von König Anawrahta (1044) Das Königreich von Bagan (Pagan) entstand im 9. Jahrhundert im Zentrum des heutigen Myanmar (Birma/Burma) im oberen Irrawaddy-Tal. Vorausgegangen war der Niedergang der Pyu-Stadtstaaten, die bis ins 9. Jahrhundert in Oberbirma existiert hatten. Im Jahr 832 n. Chr. wurde die Pyu-Hauptstadt Halin (Halingyi) durch Einfälle des Königreichs Nanzhao (heutiges Yunnan) zerstört. Diese Invasionen hinterließen ein politisches Vakuum, das die eingewanderten Birmanen (Bamar) nutzten, um am Irrawaddy eine eigene Herrschaft zu begründen. Der Gründungsmythos datiert die Stadt Bagan auf das Jahr 849 n. Chr. mit dem König Pyinbya als erstem Herrscher. Radiokarbondatierung deutet darauf hin, dass die Stadtmauern von Bagan ab ca. 980 errichtet wurden. Die früheste Erwähnung von Bagan in externen Quellen findet sich in Song-chinesischen Aufzeichnungen, die berichten, dass Gesandte aus Bagan im Jahr 1004 die Song-Hauptstadt Bianjing besuchten.
Bagan entwickelte sich von einer kleinen Siedlung zu einem befestigten Ort und wurde zum Zentrum eines aufstrebenden birmanischen Kleinkönigreichs und Stadtstaats. Während in Südbirmar die Mon bereits ein Handelsreich etabliert hatten, das die Häfen kontrollierte, dominierten die Bamar den agrarischen Norden; die Mon expandierten damals nicht nach Norden, da ihr Einfluss auf die Küsten und den Seehandel ausgerichtet war. In der Frühzeit Bagans profitierten die Bamar von der Kultur der Pyu und anderer Vorgängervölker. Sie übernahmen Techniken der Bewässerungslandwirtschaft und Elemente indisch-buddhistischer Zivilisation von den Pyu, die bereits zuvor Städte und Pagoden errichtet hatten. Der Theravada-Buddhismus war in dieser Region zwar bekannt, war aber vor dem 11. Jahrhundert nicht dominant, stattdessen mischten sich Mahayana-Buddhismus und hinduistische Einflüsse mit lokalen Ahnen-, Schlangen- und Geister-Kulten.
Bis ins 11. Jahrhundert blieb Bagan ein regionaler Machtfaktor unter mehreren konkurrierenden Kleinstaaten. Dies änderte sich grundlegend, als König Anawrahta im Jahr 1044 in Bagan den Thron bestieg.
Expansion und Blütezeit mini|150px|Einflussgebiet nach den Eroberungen von Anawrahta König Anawrahta (1044–1077) gilt als Begründer des ersten birmanischen Reiches, da es ihm gelang, Ober- und Unterbirma politisch zu einen. Die überlieferte Geschichte Birmas beginnt im Wesentlichen mit seiner Thronbesteigung. Zunächst sicherte er die Nordgrenze seines Reiches und schloss Bündnisse durch Heiraten mit den benachbarten Shan-Fürstentümern im Osten. Er stärkte die wirtschaftliche Basis Bagans, indem er verfallene Bewässerungssysteme im Kyaukse-Gebiet reparieren und neue anlegen ließ, wodurch die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden konnte. Entscheidend für seine weitere Expansion war Anawrahtas Hinwendung zum Theravada-Buddhismus: Der Überlieferung nach wurde er von dem Mon-Mönch Shin Arahan bekehrt. Anawrahta stilisierte sich fortan zum Verteidiger dieser buddhistischen Glaubensrichtung und sah darin eine ideologische Legitimation, um die Mon-Königreich im Süden zu unterwerfen. Im Jahr 1057 eroberte er die Mon-Hauptstadt Thaton. Mit dem Fall von Thaton unterstellten sich auch die übrigen Mon-Herrscher im Irrawaddy-Delta Anawrahtas Oberhoheit.
Die Eroberung Thatons und der Zugang zu den Häfen des Golfs von Martaban brachten Bagan großen wirtschaftlichen Nutzen und einen Zustrom an Wissen und Kultur. Anawrahta verschleppte den Mon-König Manuha samt Hofstaat, Gelehrten, Handwerkern und Künstlern in seine Hauptstadt.Myanmar Institut für Asien- und Afrikawissenschaften Philosophische Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin. S. 75 Diese Mon-Spezialisten trugen wesentlich zur Blütezeit des jungen Reiches bei, indem sie ihre Künste, Technologien und das Schriftwissen mitbrachten. So erhielten die Birmanen von den Mon eine literarische Tradition, die Schrift (die frühe birmanische Schrift adaptierte Mon-Zeichen) und verfeinerte Kunstfertigkeiten in Architektur und Kunsthandwerk.
Anawrahtas Reichsausbau legte den Grundstein für zwei Jahrhunderte relativer Stabilität und kultureller Blüte. Bis etwa 1080 hatte Bagan den Großteil des heutigen Staatsgebiets von Myanmar unter Kontrolle. Anawrahtas Nachfolger – insbesondere König Kyanzittha (reg. 1084–1112) und König Alaungsithu (Sithu I., reg. 1112–1167) – konsolidierten das Reich und führten die Politik der Tempelstiftung und Förderung des Buddhismus fort. Unter ihrer Herrschaft erreichte Pagan den Höhepunkt seiner Macht und Prachtentfaltung. Das Königreich kontrollierte nun auch wichtige Küstengebiete in Unterbirma direkt, indem es dort eigene Statthalter einsetzte, um die Hafenstädte und deren Zolleinnahmen zu überwachen. Der Wohlstand Bagans basierte sowohl auf der landwirtschaftlichen Überschussproduktion der zentralen Ebenen (begünstigt durch effiziente Bewässerungssysteme) als auch auf den Erträgen des überseeischen Handels über die eroberten Häfen.
Das Reich erreichte den Höhepunkt seiner politischen und administrativen Entwicklung während der Regierungszeit von Narapatisithu (Sithu II.; reg. 1174–1211) und Htilominlo (reg. 1211–1235). Sithu II. gründete 1174 offiziell die Palastwache, die erste bekannte Aufzeichnung eines stehenden Heeres, und verfolgte eine expansionistische Politik. Während seiner 27-jährigen Herrschaft reichte der Einfluss von Bagan weiter südlich bis zur Straße von Malakka, mindestens bis zum Saluen-Fluss im Osten und bis an die Grenze nach China im Norden. Damit gehörte Bagan im 12. und 13. Jahrhundert neben Angkor (Reich der Khmer) zu den beiden dominierenden Reichen Südostasiens.
Die Blütezeit Bagans war geprägt von intensiver Bautätigkeit und kultureller Synthese. In der Hauptstadt entstanden unzählige buddhistische Tempel und Pagoden; der Theravada-Buddhismus wurde zur leitenden Religion und prägte Hof und Gesellschaft. Zeitgenössische Berichte schildern Bagan als beeindruckende Metropole voller Pagoden. Marco Polo hörte im 13. Jahrhundert von der Größe und dem Reichtum Bagans, der ihm von Reisenden geschildert wurde. Schätzungen zufolge wurden in der Bagan-Ebene während der Dynastie über 10.000 buddhistische Kultbauten errichtet, von denen heute noch etwa 2500 als Ruinen erhalten sind. Allein zur Zeit des Mongolenüberfalls (Ende 13. Jh.) sollen 3000–4000 Tempel und Klöster in Pagan bestanden haben. Darüber hinaus pflegte Bagan internationale Beziehungen zu anderen buddhistischen Reichen: Mit dem singhalesischen König Vijayabāhu von Polonnaruwa (Ceylon) stand Anawrahta in Kontakt. 1071 schickte er Mönche nach Sri Lanka, um bei der Wiederbelebung des dortigen Buddhismus zu helfen, wofür er als Dank eine Kopie einer berühmten Buddha-Reliquie (Zahn Buddhas) erhielt, die er in der Shwezigon-Pagode von Bagan feierlich deponieren ließ.
Niedergang und Untergang mini|Kumulierte religiöse Spenden im Baganischen Königreich Sithu II. gelang es, durch seinen Erfolg beim Staatsaufbau Stabilität und Wohlstand im gesamten Königreich zu schaffen. Seine unmittelbaren Nachfolger Htilominlo und Kyaswa (reg. 1235–1249) konnten von den stabilen und wohlhabenden Bedingungen leben, die er ihnen hinterlassen hatte, ohne selbst viel zum Staatsaufbau beitragen zu müssen.Aung-Thwin (1985): S. 26 So regierte Htilomino kaum selbst. Als frommer Buddhist und Gelehrter gab der König das Kommando über die Armee ab und überließ die Verwaltung einem Rat aus Ministern. mini|Blick auf Bagan heute In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geriet das Bagan-Reich in eine Phase des Niedergangs. Ein wesentlicher innenpolitischer Faktor war die fortschreitende Aushöhlung der königlichen Ressourcen durch religiöse Stiftungen: Über Generationen hatten Könige und wohlhabende Eliten große Ländereien, Arbeitskräfte und finanzielle Mittel als fromme Stiftungen an buddhistische Klöster und den Sangha (Mönchsorden) übertragen. Diese Ländereien waren von Steuern befreit, so dass im 13. Jahrhundert ein beträchtlicher Teil der landwirtschaftlichen Überschüsse dem direkten Zugriff des Staates entzogen war. Gleichzeitig blieb die Legitimität von Königtum und Gesellschaft in den Augen der Bevölkerung davon abhängig, dass der König als Beschützer des Buddhismus weiterhin großzügig die Religion förderte und auch die Könige selbst versuchten sich durch Spenden an den Klerus eine günstige Reinkarnation im nächsten Leben zu sichern, sodass bis ca. 1280 bereits ein Drittel bis zwei Drittel des Landes in Oberbirma an den Klerus vergeben war.Lieberman (2003): S. 119–120 Dieses Dilemma schwächte die Zentralgewalt zusehends: Die Krone konnte ihren weltlichen Verpflichtungen, insbesondere der Finanzierung von Verwaltung und Heer, immer weniger nachkommen. Die Loyalität mancher Adliger und Militärführer gegenüber dem König nahm ab, was in Thronstreitigkeiten und Regionalaufständen zum Ausdruck kam.
Hinzu kamen externe Bedrohungen. Bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts drangen Tai-Völker aus dem Norden in das birmanische Hochland vor, und im Süden regten sich die unterworfenen Mon. Vor allem aber tauchte eine neue Großmacht an der Nordgrenze auf: Das Mongolenreich (Yuan-Dynastie) unter Kublai Khan hatte in den 1250er Jahren das benachbarte Nanzhao erobert. Damit verlor Bagan seinen schützenden Puffer im Norden und grenzte direkt an das Einflussgebiet der Mongolen, welche begannen Tribut von Bagan zu fordern. Der letzte bedeutende König Pagans, Narathihapate (reg. 1254–1287), lehnte diese Forderungen aus Stolz ab. In den Jahren 1277 bis 1287 kam es deshalb zu mehreren Mongoleninvasionen in das Gebiet von Pagan. Ob die Mongolen die Hauptstadt Bagan selbst erreichten oder sie nur indirekt zu Fall brachten, ist in der Forschung umstritten.