Das Herzogtum Bretagne (bretonisch Dugelezh Breizh, französisch Duché de Bretagne) war ein mittelalterlicher Feudalstaat im Nordwesten Frankreichs in der Bretagne. Er entstand im 9. Jahrhundert als weitgehend unabhängiges Gebiet der Bretonen und behauptete über mehrere Jahrhunderte eine souveräne Stellung zwischen den Monarchien Frankreich und England. Die Herzöge der Bretagne regierten nominell als Vasallen der französischen Krone, übten jedoch faktisch umfassende Eigenmacht aus, prägten eigene Münzen und unterhielten diplomatische Beziehungen. In seiner Anfangszeit war das Herzogtum politisch instabil, da die Herzöge außerhalb ihrer eigenen Ländereien nur über begrenzte Macht verfügten. Es unterhielt wechselhafte Beziehungen zum benachbarten Herzogtum Normandie, verbündete sich manchmal mit der Normandie und geriet zu anderen Zeiten, wie beispielsweise während des Bretonisch-Normannischen Krieges im 11. Jahrhundert, in einen offenen Konflikt. In der Folgezeit wurde die Bretagne zu einem Zankapfel zwischen England und Frankreich, so während des Bretonischen Erbfolgekrieges, bei dem verschiedene Fraktionen von England und Frankreich unterstützt wurden. 1532 wurde das Herzogtum vertraglich mit Frankreich vereinigt, behielt aber bis zur Französischen Revolution gewisse Sonderrechte.
Geschichte
Vorgeschichte und Entstehung mini|Ausdehnung der Bretagne im 9. Jahrhundert Die Bretagne wurde in der Spätantike als Armorica Teil des Römischen Reichs, romanisierte sich aber nur oberflächlich. Im 5. und 6. Jahrhundert wanderten keltische Britonen aus dem heutigen Großbritannien in die Region ein und vermischten sich mit der ansässigen Bevölkerung, woher der Name der Region stammt. Sie christianisierten das Land und begründeten eine eigenständige bretonische Kirchenorganisation mit zahlreichen lokalen Heiligen, nach denen viele Orte benannt sind. Die Bretagne bestand in der Folgezeit aus kleinen, miteinander verfeindete Regna, Königreiche, die jeweils um Ressourcen konkurrierten. Das fränkische Karolingerreich eroberte die Region im 8. Jahrhundert, beginnend um 748, und hatte bis 799 die gesamte Bretagne unter seine Herrschaft gebracht. Die Karolinger versuchten, unter Einbeziehung der lokalen Herrscher eine einheitliche Verwaltung um die Zentren Rennes, Nantes und Vannes herum zu schaffen, doch ihre Kontrolle über die Region am Rand ihres Reiches blieb fragil, auch wenn die Franken Kultur und Kirchenorganisation der Bretagne maßgeblich beeinflussen.
Der bretonische Adelige Nominoë wurde 826 von Ludwig dem Frommen zum Statthalter ernannt, wandte sich aber bald gegen die Karolinger. Im Jahr 845 besiegte Nominoë den westfränkischen König Karl den Kahlen und machte die Bretagne de facto unabhängig. Sein Sohn Erispoë nahm 851 sogar den Königstitel (rex) an. Unter König Salomon (857–874), dem Mörder seines Cousins Erispoë, erreichte das bretonische Reich seine größte Ausdehnung: Durch Verträge mit dem Westfrankenreich erhielt Salomon die Grafschaft Rennes sowie Gebiete bis nach Angers und den Cotentin, womit die Bretagne zu den mächtigsten Fürstentümern des ehemaligen Galliens zählte. Zu den Herrschaftsgebieten zählen auch die Inseln Jersey und Guernsey. Diese Epoche war von relativer Stabilität und wirtschaftlicher Blüte geprägt; auch die bretonische Sprache erlebte eine besondere Vitalität.
Nach Salomons Ermordung 874 zerfiel jedoch die politische Einheit. Ab dem frühen 10. Jahrhundert wurde das Land von schweren Einfällen der Loire-Normannen erschüttert. In den Jahren 886 und 919 landeten große Wikingerflotten in Nantes und erlangten schnell die Vorherrschaft in der Region, Teile des bretonischen Adels mussten sich nach England zurückziehen. Unter den Flüchtlingen befanden sich Mathedoi, Graf von Poher, und sein Sohn Alan Schiefbart, der Enkel von Alan I., die im Exil am Hofe von Eduard dem Älteren und dessen Sohn und Nachfolger Æthelstan unterkamen. Die Besetzung der Bretagne durch die Wikinger dauerte bis etwa 936. Der Heerführer Alan Schiefbart (Alan II.) konnte die Normannen schließlich bis 939 vertreiben und wurde erster Herzog der Bretagne. Die herzogliche Hauptmacht konsolidierte sich nun; als Herrschaftszentrum etablierte sich die Stadt Rennes im Osten der Bretagne.
Hochmittelalterliche Dynastien (10.–13. Jahrhundert) mini|Expansion Frankreichs unter Philipp II. Im 10. Jahrhundert setzte sich für die bretonischen Herrscher endgültig der Titel Herzog (lat. dux) durch. Die Herzöge sahen sich in den folgenden Jahrhunderten inneren wie äußeren Herausforderungen gegenüber. Mächtige regionale Adelsgeschlechter (etwa die Grafen von Cornouaille, Nantes und Rennes) rivalisierten um Einfluss, und zeitweise bedrohten auch die benachbarten normannischen Herzöge die Bretagne. Durch Erbfolge und Heiraten wechselten die Herrscherhäuser mehrfach. Im 12. Jahrhundert geriet die Bretagne in den Einflussbereich der englisch-angevinischen Könige: 1166 zwang König Heinrich II. von England den bretonischen Herzog Conan IV. zum Verzicht und vermählte dessen Erbtochter Konstanze mit seinem Sohn Gottfried Plantagenet. Die Bretagne wurde damit Teil des Angevinischen Reichs.
Herzog Gottfried und nach seinem frühen Tod sein Sohn Arthur I. standen im späten 12. Jahrhundert im Mittelpunkt anglo-französischer Thronstreitigkeiten. Arthur, ein Neffe König Richards Löwenherz, beanspruchte die englische Krone und fiel 1203 in die Hände seines Onkels Johann Ohneland, Gerüchten zufolge ließ Johann den jungen Bretonen ermorden und seine Leiche in die Seine werfen. Arthurs rechtmäßige Nachfolgerin war Eleonore von Bretagne, die jedoch von Johann in Corfe Castle in Dorset gefangen gehalten wurde; die Bitte Philipps II. um ihre Freilassung wurde ignoriert. Jedoch gelangte kurz darauf ein naher Verwandter der Kapetinger auf den bretonischen Herzogsthron: Der französische Prinz Peter von Dreux (genannt Mauclerc) heiratete 1213 die bretonische Erbin Alix und übernahm die Regierung. Im Jahr 1214 entsandte König Johann eine Expedition nach Frankreich, unter anderem um Eleonore als seine Marionettenherzogin einzusetzen, doch nach seiner Niederlage erkannte er auch Alix und Peter als Herrscher des Herzogtums an. Eleonore wurde bis zu ihrem Tod im Jahr 1241 in England gefangen gehalten, wodurch die Linie von Gottfried II. endete.
Peter begründete die Dynastie Dreux, die die Bretagne über ein Jahrhundert lang bis 1341 regieren sollte. Die Herzöge aus dem Haus Dreux stärkten die landesherrliche Verwaltung, bauten ihren Domänenbesitz aus und gewährten Städten Privilegien. Allerdings blieben sie in ein Spannungsfeld zwischen der französischen Oberhoheit und dem weiterhin bestehenden Einfluss Englands verwickelt. So leistete Herzog Peter I. zeitweise dem englischen König Folge (1229–1234), obwohl sein Vorgänger Arthur I. durch englische Hand ums Leben gekommen war. Insgesamt nahm im 13. Jahrhundert der französische Einfluss zu, während die Bretagne rechtlich eine französische Pairie wurde. Der letzte Herzog aus dem Haus Dreux, Johann III., starb 1341 ohne männlichen Erben, ein Ereignis, das das Land in einen Erbfolgekrieg stürzte, nachdem es knapp 100 Jahre Frieden erlebt hatte. Die Wirtschaft war in dieser Zeit dank des Fernhandels mit der Hanse, England und Spanien aufgeblüht, während im Osten Burgen und Festungen verstärkt wurden.The History of Brittany from the 13th to the 21st Century Ulster University
Erbfolgekrieg und Blütezeit unter der Montfort-Herrschaft (14.–15. Jahrhundert) mini|Abbildung der Schlacht von Auray (1364) Der bretonische Erbfolgekrieg (1341–1364) brach aus, als zwei rivalisierende Linien um den Herzogstitel kämpften. Herzog Johann III. hatte seine Halbschwester Johanna von Dreux, die Gräfin von Penthièvre, als Erbin eingesetzt, die mit Karl von Blois (einem Neffen des französischen Königs) verheiratet war, der deshalb Johannas Ansprüche unterstützte. Gleichzeitig meldete Johanns Halbbruder Johann von Montfort eigene Ansprüche an und erhielt Unterstützung vom König von England. Damit verband sich der bretonische Thronstreit mit dem zeitgleichen Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England. Über zwei Jahrzehnte lang wurde die Bretagne von Bürgerkrieg und Fremdinterventionen heimgesucht. Englische und französische Truppen verwüsteten das Land und fügten ihm schwerste politische, wirtschaftliche und soziale Schäden zu. Zugleich dezimierte der Schwarze Tod ab 1348 die Bevölkerung der Bretagne um schätzungsweise ein Drittel bis die Hälfte.
Erst 1364 endete der Konflikt mit dem Sieg von Johanns Sohn Herzog Johann V. von Montfort, der in der Schlacht von Auray Karl von Blois besiegte. Im Frieden von Guérande erkannte 1365 der König von Frankreich Johann V. als Herzog der Bretagne an und bestätigte das Haus Montfort als herrschendes Geschlecht der Bretagne. In den folgenden Jahrzehnten erholte sich das Land allmählich von den Kriegsfolgen. Die Herzöge aus dem Hause Montfort regierten die Bretagne bis zum späten 15. Jahrhundert und nutzten die Schwäche des französischen Königtums während des Hundertjährigen Krieges, um ihre Autonomie zu festigen. Obwohl sie den französischen Königen nominell als Lehnsherren huldigten, verfolgten sie außenpolitisch einen eigenständigen Kurs und bemühten sich, das Herzogtum aus den weiteren englisch-französischen Konflikten herauszuhalten.
Im Inneren konsolidierten die Montfort-Herzöge ihre Herrschaft: Sie stützten sich auf effiziente Institutionen und loyale Amtsträger, was zu einer Phase relativer Stabilität und Prosperität führte. Um ihre Unabhängigkeit zu betonen, bezeichneten sich die bretonischen Herzöge als „Herzöge von Gottes Gnaden“ (Dei gratia) und prägten eigene Gold- und Silbermünzen. Im ausgehenden 15. Jahrhundert galt die Bretagne als eine der wohlhabendsten Regionen Westeuropas. Die kulturelle Blüte dieser Zeit spiegelt sich unter anderem in repräsentativen Bauten und Kunstwerken wider, welche die Herzöge förderten. So ließ Herzog Franz II. die herzoglichen Residenzen (etwa das Schloss von Nantes) erneuern und ausbauen. Sie entsandten Diplomaten und Botschafter, um Handelsabkommen mit Portugal, England, Flandern, Dänemark und anderen Ländern oder Regionen abzuschließen.
Vereinigung mit Frankreich (1480er–16. Jahrhundert) mini|Claude de France Im späten 15. Jahrhundert geriet die Eigenständigkeit der Bretagne unter steigenden Druck der französischen Zentralmacht, nachdem diese die Engländer aus dem Land vertreiben konnten. König Karl VIII. aus dem Haus Valois suchte die letzten noch halbautonomen Fürstentümer seines Reiches einzugliedern, und 1487 begann er einen Eroberungskrieg gegen die Bretagne. Herzog Franz II. der Bretagne suchte vergeblich Unterstützung bei Englands König und im reichsdeutschen Raum; nach mehreren Feldzügen unterlag das bretonische Heer am 28. Juli 1488 in der Schlacht bei Saint-Aubin-du-Cormier den französischen Truppen. Franz II. starb kurz darauf und hinterließ seine erst elfjährige Tochter Anne de Bretagne als letzte Erbin. Die junge Herzogin versuchte, mit ausländischer Hilfe die Unabhängigkeit zu bewahren, doch war sie schließlich gezwungen, im Dezember 1491 einer Heirat mit Karl VIII. von Frankreich zuzustimmen. Durch die Ehe Anne de Bretagnes mit Karl VIII. (und nach dessen Tod 1498 mit seinem Nachfolger Ludwig XII.) wurde die Bretagne dynastisch an Frankreich gebunden.