Das unter der Bezeichnung Schmerzhafte Muttergottes bekannte Gemälde Guido Canlassis, gen. Cagnacci (1601–1663), entstand in der letzten Schaffensperiode des Malers um 1660–1663 in Wien. Das Werk ist Teil einer Reihe von Gemälden einzelner Halbfiguren.

Das 105,5 × 118 cm große Ölgemälde zeigt Maria in der Darstellung der Mater Dolorosa. Die Figur sitzt an einem Tisch in einem dunklen Raum, umgeben von den Arma Christi. Zentral stellt es Marias Schmerzen dar, die sie durch das Leiden Jesu bis zu seiner Passion hin erfahren musste.

Das Bild gehört heute zur Bayerischen Staatsgemäldesammlung und hängt im Neuen Schloss Schleißheim unter der Inventarnummer 121.

Bildbeschreibung Im Zentrum des Gemäldes ist eine als Halbfigur dargestellte Frau zu sehen, die in einem dunklen Raum zwischen einem Tisch und einem Hocker sitzt. Sie trägt ein rotes Gewand mit blauem Mantel und eine weiße Kopfbedeckung, durch die ihre Haare verdeckt werden. Um ihre Hüfte ist ein weißes Tuch geknotet. Ein schmaler Heiligenschein umgibt ihren Kopf.

Die Frau hat den linken Ellbogen auf den links neben ihr stehenden Tisch gelegt und stützt den Kopf in ihrer Hand, in der sie ein Tuch hält. Sie hat die Augen geschlossen und eine einzelne Träne läuft ihr die Wange herunter, fast in das Tuch. Ihr Gesichtsausdruck ist traurig. In ihrer Brust stecken sieben Pfeile. Die rechte Hand hat sie auf ihr Knie gelegt.

Auf der Oberfläche des Tisches, an den sie sich lehnt, liegen verschiedene Gegenstände: ein Schwamm auf einem Holzstab gespießt, drei Würfel, ein Schilfrohr, drei Nägel und ein Hammer sowie ein am Tisch angelehnter Speer. Rechts neben ihr auf einem kleinen Hocker liegt ein Seil, das wie eine Geißel aussieht, eine Zange und eine Dornenkrone.

Die Frau sitzt in einem dunklen Raum. Aus der rechten oberen Bildecke fällt ein Lichtstrahl auf sie. Dieser Lichtstrahl zieht sich bis in die linke untere Bildecke. Ihr Gesicht leuchtet nahezu aus dem dunklen fast schwarzen Raum hinaus. Die Objekte auf der Tischoberfläche werden ebenfalls beleuchtet. Das Licht streift noch leicht die Objekte, die sich auf dem Hocker im linken unteren Bild befinden. Der Lichteinfall in Verbindung mit dem dunklen Raum sorgt für eine starke Modellierung von Schatten, und der Gegenüberstellung von Hell und Dunkel, wodurch das Bild eine theatralische Wirkung erhält.

Ikonographische Deutung

Mater Dolorosa In dem Gemälde von Cagnacci wird Maria mit sieben Pfeilen in ihrem Herzen dargestellt, die auf die Darstellung der Mater Dolorosa verweisen. Die Schmerzensmutter ist eine von verschiedenen Mariendarstellungen, die Maria in Trauer um ihren verstorbenen Sohn, meist mit sieben Schwertern im Herzen zeigt. Diese Art der Darstellung bezieht sich auf eine marianische Andachtsform, die sich auf die sieben Schmerzen Mariens konzentriert, die Maria zu Jesu Lebzeiten und insbesondere während und nach seiner Kreuzigung erleiden musste: Simeons Ankündigung, die Flucht Jesu nach Ägypten, der Abschied ihres Sohnes auf seinem Kreuzweg, die Kreuzigung Jesu, die Kreuzabnahme und die Grablegung Jesu.

Sie hat ihren Ursprung in der neutestamentlichen Weissagung des greisen Simeon im Lukasevangelium, die er bei der Darstellung Jesu im Tempel an Maria richtet. In dieser Prophezeiung heißt es: „Dieser (Jesus) ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir (Maria) selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lukas 2, 34-35).

Die von Cagnacci gewählte Motivvariante, in welcher die sieben Schmerzen Mariens durch sieben Pfeile anstatt durch Schwerter ausgedrückt wird, existiert seit dem 15. Jahrhundert.

Arma Christi Die Mater Dolorosa ist in dem Werk umgeben von Objekten. Diese verschiedenen Gegenstände stellen die sogenannten „Arma Christi“ (Waffen Christi) dar. Diese stehen für das Leid, welches Jesus bis zu seiner Passion hin erfahren hat, aber auch als Siegeszeichen für die Überwindung des Todes. Dargestellt werden die Arma Christi in Form jener Instrumente, mit denen Jesu besagtes Leid zugefügt worden ist.

Cagnacci stellt in seinem Gemälde folgende Leidenswerkzeuge der Arma Christi im Hintergrund dar:

Auf dem Hocker links, die Zange, die Geißel und die Dornenkrone. Auf dem Tisch rechts, die drei Nägel, der Hammer, die drei Würfel, die Lanze, das Schilfrohr und der Stock mit dem Essigschwamm. Bei dem Tuch, das Maria in der linken Hand hält, könnte es sich um das Schweißtuch der Veronika handeln. Dieses zählt zum einen zu den Arma Christi. Zum anderen legt Cagnaccis Inszenierung des Tuchs diese Vermutung nahe, da in dieses die Träne Marias hineinläuft, wodurch ihre Traurigkeit unterstrichen wird.

Cagnacci verbindet in seinem Bild bewusst die Ikonographie der Mater Dolorosa mit der Darstellung der Arma Christi. Die Werkzeuge wirken wie Erinnerungsstücke an den Schmerz ihres Sohnes und vergegenwärtigen sein Leiden. Zudem kann die Darstellung der Mater Dolorosa als leidende Mutter, in Verbindung mit den Leidensinstrumenten, selbst als eine weitere Waffe für Christus gesehen werden, da der Anblick des Leidens seiner Mutter für ihn selbst Schmerz bedeutet. Der Schmerz Marias wird dadurch als zentrales Bildthema des Gemäldes hervorgehoben und durch die Verbindung beider Ikonographien verstärkt.

Maltechnik und Malweise Das Gemälde ist in Öl auf Leinwand angefertigt. Der Farbauftrag ist fein und deckend, der Malgrund tritt nicht sichtbar hervor. Die Oberfläche erscheint glatt.

Auffallend in dem Gemälde ist vor allem der Kontrast zwischen dem stark abgedunkelten, fast schwarzen Hintergrund und der beleuchteten Szene. Dieser stellt einen starken Hell-Dunkel-Kontrast dar, der die Formen plastisch modelliert und die zentral dargestellte Figur sowie die angestrahlten Objekte hervorhebt. Die starke Modellierung von Hell und Dunkel, wie sie in diesem Gemälde stattfindet, wird als Chiaroscuro bezeichnet.

Das Gewand der Figur ist in einem kräftigen Rot und Blau gemalt, während der Rest des Bildes hingegen in dunklen, erdigen Tönen gehalten ist. Die Kleidung bildet dadurch den einzigen intensiven Farbakzent im Bild und hebt sich in einem deutlichen Qualitätskontrast von den gedämpften Farben des Hintergrundes ab.

Die Bildhandlung, d. h. die dargestellte Frau und die Objekte, sind in eine Dreieckskomposition hinein konstruiert. Das Dreieck wird durch den unteren Bildrand, den Lichtstrahl und die Lanze gebildet. Der Blick des Betrachters wird dadurch auf das Innere des Dreiecks fokussiert.

Zuschreibung und Provenienz Das Kunstwerk wird Guido Canlassi, gen. Cagnacci (1601–1663) zugeschrieben. Seine Signatur befindet sich unten rechts an der Tischkante: „Bez. rechts am Tisch: GUIDO CAGNACCI“. Datiert wird das Gemälde zwischen den Jahren 1660–1663, in die letzten Jahre seiner Tätigkeit in Wien.

Zur Provenienz des Objekts ist bekannt, dass es sich im 18. Jahrhundert in der Gemäldegalerie des pfälzischen Kurfürsten in Düsseldorf befand. Im Jahr 1806 erwarb die königliche Ältere Pinakothek in München das Kunstwerk aus der Galerie Düsseldorf. Seither gehört es zum Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlung. Ausgestellt ist das Gemälde heute in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim. Es trägt die Inventarnummer 121. Über den Entstehungshintergrund des Bildes ist bekannt, dass es in der letzten Schaffensphase des Künstlers in Wien um 1660–1663 fertiggestellt wurde, sowie dass das Werk Teil einer Reihe von Gemälden einzelner Halbfiguren ist. Sein Auftraggeber ist unbekannt. Das Format lässt eine Nutzung als Galeriebild vermuten.

Objektbiografie und Erhaltungszustand Die Kataloge der Gemälde-Sammlung der Kgl. Älteren Pinakothek in München weisen in den Jahren von 1863 bis 2025 unterschiedliche Maße des Gemäldes auf. 1863–1872 hatte das Bild umgerechnet von Zoll und Feet auf metrische Maßeinheiten, die Maße von ca. 99,06 cm in der Höhe und 109 cm in der Breite. Ab 1886–1908 haben sich die Maße des Objekts verändert auf 192 cm in der Höhe und 116 cm in der Breite. Zudem ist jeweils aufgeführt, dass die Leinwand um ein „Lebensgroßes Kniestück, unten ergänzt“ wurde. 1980 hat das Bild (hier: Mater Dolorosa) nach dem Verzeichnis der Gemälde der Staatsgalerie Schleißheim die Maße 117 cm in der Höhe und 102 cm in der Breite. In der Online-Datenbank der Pinakothek bzw. Bayerischen Staatsgemäldesammlung sind die aktuellen Maße des Gemäldes 105,5 cm in der Höhe und 118 cm in der Breite. Die unterschiedlichen Maßangaben des Gemäldes, deuten darauf hin, dass die Leinwand im Laufe der Jahre mehrmals verändert wurde. Wird das Bild beschnitten oder vergrößert, wie hier, verändert sich dessen Erscheinung und Wirkung. Ein Grund, weshalb die Maße im Laufe der Jahre verändert wurden, ist nicht aufgeführt.

Angaben der Maße 1863: „Halbe Figur. Leinwand. Breite 3 F. 7 Z.; Höhe 3 F. 3 Z.“ 1865–1872: „Lebensgr. Halbfigur (…) Leinwand. 3´3´´ h., 3´7´´ br.“ 1886–1908: „Lebensgroßes Kniestück, unten ergänzt. (…) Leinw. – 192 m h., 1.16 m br.“ 1980: „Leinwand, 117 x 102 cm“. 2025: „Maße des Objekts 105,5 x 118 cm.“ Bei den Maßangaben wird explizit Leinwand angegeben, was den Rahmen als Zusatzmaß ausschließt.

Weblinks Das Gemälde auf der Website der Pinakothek in München

Einzelnachweise

Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen