mini|Horst Wessel als Sturmführer des Berliner SA-Sturms 5, Porträtfoto (Heinrich Hoffmann, 1929) Horst Ludwig Georg Erich Wessel (* 9. Oktober 1907 in Bielefeld;Daniel Siemens: Horst Wessel: Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten, Siedler Verlag, 2010, S. 11 books.google.de † 23. Februar 1930 in BerlinDigitalisiertes Namensverzeichnis des Sterberegister des Standesamtes Berlin VIII für das Jahr 1930, S. 141: Sterberegisternummer 1930/414. (PDF; 76 MB) Landesarchiv Berlin.) war ein deutscher Paramilitär der SA, den die nationalsozialistische Propaganda zum bedeutendsten „Märtyrer der Bewegung“ stilisierte. Kurz nachdem er 1930 von einem KPD-Mitglied getötet worden war, wurde das von ihm verfasste Kampflied „Die Fahne hoch!“ zur Parteihymne der NSDAP erklärt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde verordnet, dass dieses sodann nach Wessel benannte Lied stets im Anschluss an die erste Strophe der deutschen Nationalhymne zu spielen ist. Während der Zeit des Nationalsozialismus bis 1945 wurde um Wessel ein intensiver propagandistischer Personenkult betrieben, der ihn zum Nationalhelden glorifizierte.
Leben mini|hochkant|Ludwig und Margarete Wessel mit ihrem Sohn Horst kurz nach dessen Geburt 1907
Herkunft Horst Wessel wuchs in einem Pfarrhaus als Sohn des evangelischen Pastors Wilhelm Ludwig Georg Wessel (1879–1922) und dessen Frau Margarete Wessel (1881 oder 1882–1970) auf. Sein Vater wirkte von 1906 bis 1908 an der Bielefelder Pauluskirche und ab 1913 an der historisch wichtigen Berliner Nikolaikirche. Wessels Eltern blieben auch nach der Novemberrevolution 1918 stets kaiserlich gesinnt. Weitere Kinder des Ehepaars waren die Tochter Ingeborg Wessel (1909–1993) und der Sohn Werner Wessel (1910–1929).
Schulzeit und Studium Wessel besuchte in Berlin vier verschiedene Oberschulen: von 1914 bis 1922 das Köllnische Gymnasium (bis zur Untersekunda), dann jeweils kurzzeitig das Königstädtische Gymnasium und das evangelische Gymnasium zum Grauen Kloster. Die letzten zweieinhalb Jahre der Schulzeit verbrachte er auf dem Luisenstädtischen Gymnasium. Dort bestand er im Frühjahr 1926 das Abitur.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 46, 51.
mini|Mitgliedsausweise der Bismarckjugend und des Wikingbundes
Von 1922 bis 1925 war er Mitglied der Bismarckjugend, der Jugendorganisation der rechtskonservativen DNVP.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 47, 50. Bereits hier gehörte Wessel einem Kreis an, der als „Rollkommando Friedrichshain“ Jagd auf kommunistische und sozialdemokratische Jugendliche machte. Im Frühjahr 1924 nahm er an einem mehrwöchigen Ausbildungskurs der Schwarzen Reichswehr teil und war seither – bis diese im Mai 1926 verboten wurden – Mitglied zweier paramilitärischer Organisationen: des Wikingbundes und des Sportvereins Olympia.Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 52, 55.
mini|hochkant|Wessel als Mitglied des Corps Normannia Berlin (vor 1929) mini|Wessel an der Spitze seines SA-Sturms, Nürnberg 1929
Ab 1926 studierte er vier Semester Rechtswissenschaft und wurde 1928 Mitglied der Corps Normannia Berlin und Alemannia Wien.Kösener Corpslisten 1930, 7, 461a; 131, 187 Im selben Jahr gab er das Studium auf und arbeitete unter anderem als Taxifahrer und Schipper beim U-Bahn-Bau. Daneben wirkte Wessel 1926 in der zweiten Fassung des Films Der Student von Prag von Hanns Heinz Ewers bei den Dreharbeiten in Berlin als Statist mit. Möglicherweise kannten sich Ewers und Wessel, da beide an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin Rechtswissenschaften studiert und der Studentenverbindung Normannia Berlin angehört hatten. Ewers betätigte sich später als NS-Propagandist, schrieb 1932 den Roman Horst Wessel : Ein deutsches Schicksal und wird in der Biographie von Wilfried Kugel sogar als möglicher Ghostwriter des Textes des Horst-Wessel-Liedes vermutet.
Führungsfigur der Berliner SA mini|Wessel mit seinem SA-Sturm in Berlin, 1929 Wessel trat 1926 in die NSDAP (Mitgliedsnummer 48.434)Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, ISBN 978-3-88680-926-4, S. 143. und die SA ein und stieg bis 1928 zu einer Führungsfigur der Berliner SA auf. Er agierte einige Zeit im SA-Sturm 2 (Prenzlauer Berg) und übernahm im Frühjahr 1929 als Sturmführer den Sturm 5 im Arbeiterbezirk Friedrichshain, einer Hochburg der KPD.
Der Sturm 5 galt als besonders „brutale Schlägertruppe“,Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 94. wagte sich aber – zu dieser Zeit nur 30 Mann stark – in die meisten Straßen des Bezirkes nicht hinein.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 91. Wessel fiel hier mehrfach dadurch auf, dass er in SA-Uniform – begleitet von SA-Leuten in Zivilkleidung – mit dem Fahrrad die Hauptstraßen abfuhr. Provokatorische „Märsche“ seines Sturms wurden von Polizisten begleitet.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 88. Von seinem Förderer Joseph Goebbels erhielt er die Ausnahmegenehmigung, eine Schalmeienkapelle aufzubauen, obwohl dies bis dahin eine rein kommunistische Tradition war. Mit seiner Schalmeienkapelle sorgte er daraufhin für Verwirrung.Heinz Knobloch: Der arme Epstein, sowie Der phänotypische Nazi: Horst Wessel Schalmeien und der Kampf um Kiez-Kneipen von Johannes Willms Süddeutsche Zeitung 17. Mai 2010
1929 hatte Wessel in der nationalsozialistischen Zeitschrift Der Angriff erstmals sein Gedicht „Die Fahne hoch, die Reihen dicht!“ (später geändert in: fest geschlossen) veröffentlicht, das, später mit der Melodie eines Seefahrerliedes unterlegt, zum Horst-Wessel-Lied wurde.
Tod Die polizeilichen Ermittlungen und das anschließende Strafverfahren ergaben: Horst Wessel wurde am 14. Januar 1930 von Albrecht Höhler, einem aktiven Mitglied der KPD, und weiteren Mitgliedern einer Ersatzorganisation des damals verbotenen Roten Frontkämpferbunds in seiner Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 62Manfred Gailus: Nationalsozialistische Kultfigur Horst Wessel „Hebt ihn hoch, den Toten“. Der Tagesspiegel, 26. September 2013. aufgesucht, wobei Albrecht Höhler Horst Wessel beim Öffnen der Tür in den Kopf schoss.Heinz Knobloch: Der arme Epstein: Wie der Tod zu Horst Wessel kam. Berlin 1996, S. 9–48.Bernd Kleinhans: Horst Wessel (1907–1930). shoa.de Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. München 2009.Jay W. Baird: To Die for Germany. Heroes in the Nazi Pantheon. Bloomington (Ind.) 1990, S. 80 ff.Marianne Brentzel: Die Machtfrau. Hilde Benjamin 1902–1989. Berlin 1997, S. 38 ff.
Der Prozessbeobachter der Vossischen Zeitung, Moritz Goldstein, berichtete, dass die Angeklagten im Prozess behaupteten, Wessel oder sein später eingetroffener SA-Kamerad Richard Fiedler hätten eine Erstversorgung durch den „herbeigeeilten“ jüdischen Arzt Max Selo abgelehnt. So habe es in der Folge über eine Stunde gedauert, bis ein anderer Arzt kam und Wessel ins Krankenhaus transportiert werden konnte.Heinz Knobloch: Der arme Epstein: Wie der Tod zu Horst Wessel kam. Berlin 1996, S. 49–51. Dies wurde im Prozess von seiner damaligen Lebensgefährtin Erna Jaenichen energisch bestritten. Der Historiker Daniel Siemens hält die Darstellung der Angeklagten für „nicht sehr wahrscheinlich“.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, S. 23, dort auch Hinweise auf die Zeitangaben im Tagebuch der Telefonzentrale der NSDAP-Gauleitung und in der Rechnung für den Rettungseinsatz. Um 22:15 Uhr, etwa 15 Minuten nach dem Überfall, rief eine der Zeuginnen die Gauzentrale der NSDAP an. Um 22:30 Uhr traf ein von dort alarmierter Rettungswagen ein, der Wessel in das Städtische Krankenhaus im Friedrichshain brachte, wo ihm eine von 22:50 bis 0:45 Uhr dauernde Notoperation zunächst das Leben rettete. Wessel starb dort am 23. Februar an einer Blutvergiftung.
Die Beisetzung Wessels auf dem St.-Nikolai-Friedhof am 1. März 1930 sollte auf Wunsch des NSDAP-Gauleiters von Berlin Joseph Goebbels ein propagandistisches Großereignis werden. Die Polizei verbot jedoch das Tragen von Fahnen und Uniformen und begrenzte die Größe des Leichenzuges, der an der KPD-Zentrale vorbeiführen sollte, auf zehn Fahrzeuge. Auf der Prenzlauer Allee kam es dabei zu Unmutsbekundungen durch Pfeifkonzerte und Sprechchöre gegen den Trauerzug. Bei der eigentlichen Beisetzung erfolgten Steinwürfe über die Friedhofsmauer. Der Historiker Ronald Friedmann dokumentierte unbestätigte Versuche, den Leichenwagen Wessels anzugreifen und seine Leiche zu entwenden.Ronald Friedmann: Die Zentrale. Geschichte des Berliner Karl-Liebknecht-Hauses. Karl Dietz Verlag, Berlin, 2011, S. 73f.
Schuldfrage mini|Beisetzung Horst Wessels in Berlin, 1930
Die KPD wies jede Schuld an der Tötung Wessels von sich und gab an, es handele sich um einen privaten Streit zwischen der Vermieterin Elisabeth Salm und der ehemaligen Prostituierten Erna Jaenichen, mit der Wessel in deren Wohnung zusammenlebte. Ferner streute die Partei das Gerücht, Horst Wessel sei bei einer Schießerei zwischen zwei Zuhälterbanden zwischen die Fronten geraten und dabei getroffen worden.Heinz Knobloch: Der arme Epstein: Wie der Tod zu Horst Wessel kam. Berlin 1996, S. 63–65.Hans Mommsen: Die verspielte Freiheit. Aufstieg und Untergang der Weimarer Republik. Propyläenverlag, Berlin 2019, S. 469.So noch 1943 in: J.O. Reichenheim: Der Mythos Horst Wessel. In: Die Zeitung, 29. Oktober 1943, Nr. 347, S. 4 (deutsche-digitale-bibliothek.de – Digitalisat im ZVDD).
Der verstorbene Ehemann der Vermieterin Salm war aktives KPD-Mitglied gewesen, und deshalb wandte sich die Vermieterin mit der Bitte um handfeste Unterstützung im Streit mit der Freundin des bekennenden Nationalsozialisten Wessel an Parteifreunde ihres Gatten. Am selben Tag war Camillo Roß, ein 17-jähriger Jungkommunist, von SA-Männern angeschossen worden, und Wessel war als SA-Führer eine der bekannteren Personen der örtlichen NSDAP. Demnach können sowohl die privaten Streitigkeiten als auch der Wunsch nach Vergeltung eine Rolle bei der Tat gespielt haben.
Albrecht Höhler und seine Mittäter wurden bereits kurz nach der Tat verhaftet. Höhler wurde wegen Totschlags zu sechs Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt. Weitere zwei Beteiligte erhielten Zuchthausstrafen, zehn Angeklagte Gefängnisstrafen.Heinz Knobloch: Der arme Epstein: Wie der Tod zu Horst Wessel kam. Berlin 1996, S. 106. Die Rote Hilfe unterstützte zwar die Angeklagten bei der Verteidigung, Elisabeth Salm wurde beispielsweise von der KPD-Anwältin Hilde Benjamin verteidigt, die KPD distanzierte sich jedoch von ihnen. Nach der Machtübernahme Hitlers ermordeten zum Teil hochgestellte SA-Mitglieder und mindestens ein Gestapo-Beamter Höhler während eines fingierten Gefängnistransportes im September 1933.Daniel Siemens: Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Siedler, München 2009, ISBN 978-3-88680-926-4, S. 211–225. Zwei weitere beteiligte Personen, Sally Epstein und Hans Ziegler, wurden 1934 in einem weiteren ProzessNeuer Prozeß um die Ermordung Horst Wessels. In: Völkischer Beobachter Nr. 857 v. 23. Dezember 1933; Ein neuer Prozeß um die Ermordung Horst Wessels. In: Frankfurter Zeitung Nr. 883 v. 23. Dezember 1933; Drei Mörder Horst Wessels vor dem Schwurgericht. In: Völkischer Beobachter. Nr. 164 v. 13. Juni 1934. zum Tode verurteiltDer Mord an Horst Wessel gesühnt! In: Völkischer Beobachter. Nr. 168 v. 17. Juni 1934. und 1935 hingerichtet.Angebliche Horst Wessel-Mörder hingerichtet. In: Pariser Tageblatt. Jg. 3. 1935, Nr. 485 (11. April 1935), S. 2.Heinz Knobloch: Der arme Epstein: Wie der Tod zu Horst Wessel kam. Berlin 1996, S. 145–187.