mini|Bevölkerungspyramide der Niederlande (2023) mini|Langfristige Bevölkerungsentwicklung der Niederlande seit 1300 (Rückgang gegen 1800 liegt an unterschiedlichen Quellen bei der Fortschreibung) Der Artikel Demografie der Niederlande beschäftigt sich mit der Bevölkerungsentwicklung und anderen demografischen Indikatoren der Niederlande. Die Niederlande haben im Jahr 2024 rund 18 Millionen Einwohner und zählen zu den am dichtesten besiedelten Staaten Europas und der Welt. Auf einer Landesfläche von etwa 33.900 km² ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von über 500 Einwohnern pro Quadratkilometer, nur Malta weist in der EU eine noch höhere Dichte auf. Das Bevölkerungswachstum der Niederlande ist seit den 1990er-Jahren moderat und wird inzwischen fast ausschließlich durch Wanderungsgewinne getragen, da die Geburtenrate unter dem Bestanderhaltungsniveau liegt. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau betrug zuletzt nur etwa 1,4 (2022), während die Lebenserwartung mit rund 82 Jahren über dem EU-Durchschnitt liegt. Gleichzeitig altert die Bevölkerung deutlich: Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren stellen nur noch gut 15 % der Einwohner, während 20 % bereits 65 oder älter sind. Die demografische Entwicklung der Niederlande ist geprägt von einer langen Phase natürlichen Wachstums im 20. Jahrhundert, gefolgt von sinkenden Geburtenraten, zunehmender Alterung und wachsender Zuwanderung seit dem späten 20. Jahrhundert. Infolge von Globalisierung und Migration hat sich die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten stark diversifiziert: Etwa 27–28 % der Bevölkerung besitzen heute einen Migrationshintergrund (davon rund 16 % im Ausland Geborene).
Geschichte
Mittelalter und frühe Neuzeit Im Mittelalter wuchs die Bevölkerung im Gebiet der heutigen Niederlande zunächst langsam. Schätzungen zufolge lebten um das Jahr 1300 knapp 0,9 Millionen Menschen in den Niederlanden.Population Our World in Data Wie in weiten Teilen Europas kam es Mitte des 14. Jahrhunderts zu schweren demografischen Verlusten durch die Pest (Schwarzer Tod). Nach dieser Krise setzte im Spätmittelalter wieder ein Bevölkerungswachstum ein. Die Niederlande gehörten bereits um 1400 zu den am stärksten urbanisierten Regionen Europas: Etwa ein Drittel der Bevölkerung lebte damals in Städten.General Dutch Population development 1400-1850 Universität Groningen Die relative Freiheit und der Wohlstand der niederländischen Städte zogen über die Jahrhunderte auch Einwanderer an. So siedelten sich z. B. im 16. und 17. Jahrhundert viele religiös verfolgte Hugenotten aus Frankreich und jüdische Sepharden bzw. Aschkenasim aus Spanien, Portugal und Osteuropa in den Niederlanden an. Diese Zuwanderer trugen zur wirtschaftlichen und kulturellen Dynamik bei und ließen die ausländische Wohnbevölkerung auf damals über 5 % ansteigen. Insgesamt blieb die Gesamtbevölkerung im 15. und 16. Jahrhundert jedoch relativ klein: Um 1500 wird sie auf knapp über eine Million geschätzt.
Mit der Unabhängigkeit der Niederlande (Unabhängigkeitserklärung 1581, Westfälischer Friede 1648) und der Blütezeit der Niederländischen Republik im 17. Jahrhundert beschleunigte sich das demografische Wachstum deutlich. Diese Periode, bekannt als das Goldene Zeitalter, war gekennzeichnet durch wirtschaftlichen Aufstieg, überseeischen Handel und relative religiöse Toleranz, was weiteres Bevölkerungswachstum begünstigte. Zwischen 1500 und 1650 stieg die Einwohnerzahl von etwa 1,1 Mio. auf rund 1,85 Mio. Amsterdam wuchs von ca. 65.000 Einwohnern um 1600 auf etwa 200.000 um 1700 an und wurde damit eine der größten Städte Nordeuropas. Insgesamt waren Mitte des 17. Jahrhunderts über die Hälfte der niederländischen Bevölkerung Stadtbewohner, ein für die Zeit außergewöhnlich hoher Urbanisierungsgrad. Zu den Zuwanderern im Goldenen Zeitalter gehörten neben Hugenotten und Juden auch kaufmännische und handwerkliche Fachkräfte aus den Spanischen Niederlanden, Deutschland und Skandinavien, die den Bevölkerungsanstieg zusätzlich stimulierten.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts begann das Wachstum jedoch zu stagnieren. Politische und wirtschaftliche Probleme (z. B. die Kriege von 1672 bis 1713) und Epidemien führten dazu, dass die niederländische Bevölkerung um 1700/1750 mit etwa 2 Mio. Einwohnern kaum noch wuchs. Im 18. Jahrhundert stagnierte die Bevölkerungszahl weitgehend; in manchen Dekaden kam es sogar zu leichten Rückgängen. Gründe waren u. a. Abwanderung (etwa zur niederländischen Kap-Kolonie in Südafrika) und eine Zunahme der Sterblichkeit infolge von Seuchen und Missernten. Die Verstädterungsrate ging im 18. Jahrhundert ebenfalls zurück, von rund 46 % im Jahr 1700 auf etwa 40 % um 1800.
Industrialisierung und demografischer Wandel im 19. Jahrhundert Um 1800 lebten im nun von Frankreich dominierten Königreich Holland bzw. im Königreich der Niederlande (ab 1815) schätzungsweise rund 2 Millionen Menschen (ohne Belgien). Nach den Napoleonischen Kriegen und mit beginnender Industrialisierung setzte im 19. Jahrhundert wieder deutliches Bevölkerungswachstum ein. Entscheidende Faktoren dafür waren Fortschritte in Landwirtschaft und Hygiene sowie allmähliche Verbesserungen der medizinischen Versorgung, die zu einem Rückgang der Sterblichkeit führten. Beispielsweise sank die Säuglings- und Kindersterblichkeit im 19. Jahrhundert merklich, wodurch mehr Kinder das Erwachsenenalter erreichten. Die Lebenserwartung stieg von rund 35–40 Jahren um 1800 auf etwa 50 Jahre um 1900. Die Geburtenziffern blieben zunächst hoch, was zu einem kräftigen natürlichen Bevölkerungswachstum führte. Zwischen 1800 und 1850 nahm die Einwohnerzahl von ca. 2 auf 3 Millionen zu, und bis 1900 erhöhte sie sich nochmals auf 5,1 Millionen.
Diese Phase entspricht dem ersten demografischen Übergang, in der die Sterberaten deutlich sanken, während die Geburtenraten zeitversetzt noch hoch blieben. Gleichzeitig verbesserte sich das Bildungsniveau der Bevölkerung erheblich: Bereits vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht im Jahr 1901 (für die Altersgruppe 6–12 Jahre) war Analphabetismus in den Niederlanden selten geworden. Um 1900 konnten weit über 90 % der jungen Erwachsenen lesen und schreiben.tIndividual modernity and the decline of illiteracy in the Netherlands, 1775-1875f Radboud Repository Ein weiterer Trend war die wieder steigende Urbanisierung durch die Industrialisierung. Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht wuchsen; gleichzeitig stagnierte die Bevölkerung einiger agrarisch geprägter Regionen.
Neben der Binnenwanderung spielte im 19. Jahrhundert auch Auswanderung eine Rolle. Ab etwa 1870 verließen mehr Menschen das Land als zuwanderten. Gründe für die Emigration waren wirtschaftliche Not (besonders in landwirtschaftlichen Regionen) und die Verlockung neuer Siedlungsgebiete im Ausland. Zwischen 1850 und 1914 wanderten hunderttausende Niederländer nach Übersee aus – vor allem nach Nordamerika (USA und Kanada), aber auch nach Südafrika, Australien und Neuseeland. Diese Emigrationswellen wirkten dem Bevölkerungswachstum etwas entgegen. Dennoch wuchs die Bevölkerungszahl weiter, da der natürliche Geburtenüberschuss bis ins frühe 20. Jahrhundert hoch blieb. Um 1914 lebten bereits über 6 Millionen Menschen in den Niederlanden.
Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war von extremen demografischen Schwankungen geprägt. Erster Weltkrieg (1914–1918) und Spanische Grippe (1918) trafen die Niederlande zwar weniger verheerend als andere europäische Länder, zumal die Niederlande im Ersten Weltkrieg neutral blieben, dennoch war 1918 aufgrund der Grippepandemie ein Jahr mit ungewöhnlich hoher Sterblichkeit. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 und die darauf folgende Rezession führten zu einem Rückgang der Eheschließungs- und Geburtenzahlen Anfang der 1930er, doch insgesamt blieb ein Geburtenüberschuss mit stabilem Wachstum. Während des Zweiten Weltkriegs (1940–1945) erlitten die Niederlande erhebliche Verluste: Schätzungsweise 300.000 Niederländer kamen ums Leben, darunter viele niederländische Juden, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Infolge der Kriegshandlungen und dem Hongerwinter 1944/45 (eine schwere Hungersnot im besetzten Westen des Landes) stieg die Sterblichkeit 1945 stark an. Bereits 1946 verzeichneten die Niederlande jedoch mit rund 180.000 Einwohnern Zuwachs binnen eines Jahres ein historisches Höchstwachstum von +2,5 %, was den Babyboom der Nachkriegszeit einleitete.
Zwischen 1945 und 1970 stieg die Einwohnerzahl von etwa 9 auf über 13 Millionen, ein Zuwachs von jährlich durchschnittlich 120.000 Personen. Dieses Wachstum war vor allem auf sehr hohe Geburtenraten zurückzuführen. In den späten 1940ern lag die zusammengefasste Geburtenziffer über 3 Kinder je Frau, und noch um 1965 waren es etwa 2,7, eine der höchsten Raten in Westeuropa. Wegen Platz- und Arbeitskräftemangel ermutigte die niederländische Regierung viele Bürger zur Auswanderung. In den 1950er-Jahren verließen etwa 350.000 Niederländer das Land. Dennoch blieb der Wanderungssaldo insgesamt ausgeglichen oder leicht positiv, da gleichzeitig ehemalige Kolonialbürger in die Niederlande kamen (z. B. aus Indonesien) und ab den 1960ern vermehrt Gastarbeiter zuzogen. Der „Pillenknick“ (Verbreitung der Antibabypille) und der Wertewandel führten ab Ende der 1960er zu einem starken Rückgang der Geburtenrate. Innerhalb eines Jahrzehnts halbierte sich die Fertilität beinahe – von 3,0 Kindern pro Frau (1965) auf 1,7 (1975). Diese Entwicklung markiert den Beginn des zweiten demografischen Übergangs. In den 1970er-Jahren stagnierte das natürliche Bevölkerungswachstum nahezu. Das jährliche Gesamtwachstum fiel von ca. 1,5 % (um 1960) auf nur noch 0,5 % Mitte der 1970er.
Die demografische Entwicklung seit den 1990er-Jahren ist geprägt von Bevölkerungsalterung und einer wachsenden Bedeutung der internationalen Migration. Durch die niedrigen Geburtenraten der 1980er (Tiefpunkt 1,5 Kinder/Frau 1983) rückte die große Babyboom-Generation ab den 1990ern in höhere Altersgruppen vor, was das Durchschnittsalter der Bevölkerung ansteigen ließ. Die Gesellschaft der Niederlande gehört nun – ähnlich wie Deutschland oder Italien – zu den „alternden Gesellschaften“, in denen bald ein Viertel der Einwohner im Rentenalter sein wird. Parallel zur Alterung hat seit den 1990er-Jahren die Zuwanderung erheblich zur Bevölkerungsentwicklung beigetragen. So kamen vermehrt Arbeitskräfte und Studierende aus anderen EU-Staaten (besonders nach der EU-Osterweiterung 2004/07), zum anderen suchten Flüchtlinge und Asylbewerber aus Konfliktregionen Zuflucht. Diese Einwanderung ließ die Einwohnerzahl bis 2024 auf 18 Millionen Menschen ansteigen.
Die niederländische Politik und Gesellschaft diskutieren kontrovers über den richtigen Umgang mit diesem demografischen Wandel. Laut Regierungsprognosen könnte die Bevölkerung bis 2060 auf über 20 Millionen anwachsen. Die 2024 eingesetzte Staatscommissie Demografische Ontwikkelingen 2050 empfiehlt, das jährliche Netto-Migrationsvolumen zu begrenzen, um ein „moderates Wachstum“ zu erreichen.Achtergrondnotie rapport Staatscommissie Demografische Ontwikkeling 2050 Andererseits betonen Wirtschaftsexperten, dass angesichts der Alterung zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden. So berechnete der Adviesraad Migratie (unabhängiger Migrationsrat) 2022, dass bis 2040 etwa 3 Millionen zusätzliche Erwerbspersonen aus dem Ausland nötig wären, um die Renten- und Sozialkassen stabil zu halten, eine Zahl, die politisch als unrealistisch gilt, auch aufgrund des erstarken einwanderungsfeindlicher Kräfte in der niederländischen Politik seit den 2000er Jahren.
Bevölkerungsverteilung
mini|Bevölkerungsdichte der Niederlande (2020)