mini|hochkant|Richard Burdon Haldane Als Haldane-Mission wird eine diplomatische Reise bezeichnet, die der britische Kriegsminister Richard Haldane vom 8. bis 9. Februar 1912 nach Berlin unternahm. Er traf sich dort mit dem deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, Kaiser Wilhelm II. und dem Staatssekretär des Reichsmarineamtes Alfred von Tirpitz, um das Flottenwettrüsten zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Vereinigten Königreich zu beenden.

Die deutschen Verhandlungsführer beharrten auf ihrer Forderung nach einem britischen Neutralitätsversprechen für den Fall eines künftigen europäischen Krieges sowie britische Unterstützung beim Erwerb weiterer Kolonien für Deutschland. Die britische Seite bestand auf einer substanziellen Reduzierung der deutschen Flottenrüstung. Die Haldane-Mission endete damit ohne verwertbare Ergebnisse, da die Ziele beider Seiten unvereinbar waren.

Die deutsch-britischen Beziehungen vor 1912 mini|hochkant|Die britische Dreadnought, Sinnbild des internationalen Flottenrüstungswettlaufs Mit der Gründung des deutschen Kaiserreiches waren die deutsch-britischen Beziehungen in eine neue Phase eingetreten. Benjamin Disraeli und Otto von Bismarck hatten auf dem Berliner Kongress 1878 große Einigkeit gezeigt. Die Gesamttendenz guter Beziehungen setzte sich auch unter Disraelis Nachfolgern William Ewart Gladstone und Lord Salisbury fort.Richard Aldous: The Lion and the Unicorn. Gladstone vs Disraeli. Pimlico, London 2007, S. 283 ff. Obwohl Salisbury sich in der andauernden Ägypten-Frage – die einen Zankapfel zwischen Großbritannien und Frankreich darstellte – durch Bismarck regelrecht erpresst fühlte,Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 88. agierten beide Mächte einvernehmlich. Bismarck war es in der von ihm vermittelten Mittelmeerentente von 1887 auch gelungen, Großbritannien an den von ihm geschaffenen Dreibund anzunähern.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 89. Im Februar 1889 hatte Bismarck ein Bündnisangebot an Großbritannien gerichtet. Salisbury hatte dieses zumindest erwogen; letztlich kam es aufgrund der Rahmenbedingungen nicht dazu.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 103 f. Außerdem wollte er seine Nachfolger nicht binden und zusätzlich widersprach ein festes Bündnis auch dem Konzept der splendid isolation.

Mit dem Regierungsantritt von Wilhelm II. kam es bald zu einer Neuorientierung der deutschen Außenpolitik. 1896 verärgerte er London mit der Krüger-Depesche;Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 136. im Gefolge der Affäre löste Großbritannien die Mittelmeerentente auf. Im frühen 20. Jahrhundert hatten sich die Beziehungen zunehmend verschlechtert. Mit der Verabschiedung des 2. Flottengesetzes im Jahr 1900 war zwischen Großbritannien und dem Deutschen Kaiserreich ein Flottenwettrüsten entbrannt.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 177 ff. Der federführende Admiral Alfred von Tirpitz strebte unter dem Begriff der Risikoflotte eine starke Hochseeflotte an, die stark genug wäre, die dominante britische Royal Navy herauszufordern. Tirpitz’ Pläne hatten eine dezidiert antibritische Stoßrichtung und bedeuteten eine Abkehr von den deutschen Bemühungen, Großbritannien an den Dreibund anzubinden.Christopher Clark: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914 Allen Lane, London 2012, S. 149.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 148 f. Er rechtfertigte den Bau der Flotte damit, dass das Deutsche Reich nur so das Wohlwollen und substantielle Zugeständnisse Großbritanniens erzwingen könne.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 135 ff. Großbritannien als Inselstaat sah das Primat seiner Marine als unabdingbar. Seit langem existierte die Doktrin des two powers standard, die für die Royal Navy eine Stärke vorsah, die die summierte Stärke der beiden nächstgrößeren Marinen übertreffen müsse. Bereits seit 1903 waren sich die Verantwortlichen in London bewusst, dass sich die Flottenrüstung des Deutschen Reiches gegen Großbritannien richtete.

In Beantwortung der deutschen Flottennovellen von 1906 und 1908, die drei bzw. sogar vier neue Großkampfschiffe pro Jahr vorsahen, entschied sich die britische Regierung dafür, den eigenen Flottenbau zu verschärfen, um den Vorsprung der Royal Navy unter allen Umständen zu behaupten.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 177. Großbritannien beantwortete die Flottennovelle von 1908 mit der Ankündigung, acht eigene neue Dreadnought-Schiffe pro Jahr zu bauen.Simon Heffer: The Age of Decadence: Britain 1880 to 1914. Random House, New York 2017, S. 606. Zudem gab die gleichermaßen aggressive und unstete Außenpolitik des Deutschen Reiches in Großbritannien Grund zur Sorge. Sir Eyre Crowe gab in einer Denkschrift vom 1. Januar 1907 seine Einschätzung wieder, dass die deutsche Außenpolitik von einer aggressiven Grundhaltung durchdrungen sei, nach Hegemonie zunächst in Europa und mithilfe des Ausbaus der Hochseeflotte auch in Übersee strebe. Als Konsequenz müsse die von Deutschland ausgehende Gefahr konsequent eingedämmt werden, um den europäischen Frieden zu bewahren.Christopher Clark: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane, London u. a. 2012, S. 162 ff.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 176. Die britische Öffentlichkeit reagierte mit großer Unruhe auf die deutsche Flottenrüstung.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 178. In Großbritannien kam es 1909 zum sogenannten Naval Scare, die aus Sorge über die Gefahr der deutschen Flottenrüstung zeitweise in eine Invasionsangst mündete. Dazu gab es bis 1912 wiederholte Auseinandersetzungen zwischen der britischen und deutschen Presse, die die öffentliche Stimmung in beiden Ländern aufzuheizen versuchten.Christopher Clark: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914 Allen Lane, London 2012, S. 235 f. Diese auf britischer Seite vor allem von der Northcliffe-Presse lancierten Kampagnen bedeuteten oft eine zusätzliche Belastung besonders für die regierenden Liberalen.Dominik Geppert: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896–1912) (= Veröffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London. Band 64). Oldenbourg, München 2007, S. 332 ff.

Die vom Leiter des Auswärtigen Amts Alfred von Kiderlen-Waechter initiierte Marokkopolitik – von Wolfgang Mommsen als allzu machiavellistisch charakterisiert – mündete im Sommer 1911 in die Zweite Marokkokrise.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 212 ff. Statt die 1904 geschlossene Entente cordiale zwischen Frankreich und Großbritannien zu hintertreiben, kam es zu einem engeren Schulterschluss zwischen beiden Ländern und Großbritannien stellte sich offen an die Seite Frankreichs. Der bislang außenpolitisch nicht hervorgetretene Schatzkanzler David Lloyd George warnte Deutschland in seiner Mansion-House-Rede davor, dass man weder eine übermäßige Schwächung Frankreichs noch einen Ausschluss Großbritanniens aus den laufenden Vorgängen akzeptieren werde.Christopher Clark: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane, London u. a. 2012, S. 209 ff.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 221 ff. Mit der klaren Positionierung Großbritanniens auf die Seite Frankreichs scheiterte die Absicht des Auswärtigen Amts, eine Internationalisierung der Krise zu vermeiden; zudem war das so gestärkte Frankreich nun umso weniger kompromissbereit.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 222. Zugleich trat die außenpolitische Isolation des Deutschen Reichs in Europa, das allenfalls halbherzige Unterstützung von seinem einzigen Verbündeten Österreich-Ungarn erhielt, offen zutage und es musste in der Folge von seiner aggressiven Kanonenboot-Politik wieder zurückweichen. Im Marokko-Kongo-Vertrag musste Deutschland seine Ansprüche in Marokko aufgeben und erhielt im Austausch mit einigen Gebieten in Zentralafrika nur einen Bruchteil dessen, was die deutsche Regierung ursprünglich angestrebt hatte.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 223.

Beide Seiten vor der Haldane-Mission

Auf deutscher Seite mini|hochkant|Theobald von Bethmann Hollweg (1913) Nach dem Debakel in der Zweiten Marokkokrise war Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg um eine realistischere Außenpolitik bemüht, die sich in Anlehnung an Großbritannien auf bestimmte Zielsetzungen konzentrieren sollte. Statt einer Politik, die auf Stärke und Konfrontation beruhte, wollte Bethmann Hollweg eine Annäherung an Großbritannien suchen.Christopher Clark: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane, London u. a. 2012, S. 318. Bethmann Hollweg sah die Verständigung mit Großbritannien als außenpolitisches Schlüsselprojekt an. Nur durch einen Ausgleich mit Großbritannien war für Bethmann Hollweg die Absicherung der Machtstellung des Deutschen Reiches gegen die Bedrohung der Französisch-Russischen Allianz möglich. Fernziel seiner Politik war ein Neutralitätsabkommen mit London.Wolfgang Mommsen: Großmachtstellung und Weltpolitik 1870–1914. Die Außenpolitik des Deutschen Reiches. Berlin 1993, S. 211. Unabhängig davon propagierte der deutsche Botschaftsrat in London, Richard von Kühlmann, ein außenpolitisches Programm, das Deutschland als Juniorpartner des British Empire sah. In enger Abstimmung sollte das Deutsche Reich seine Ziele nicht im Gegensatz, sondern in Anlehnung zu London durchführen. Konkret sah er vor allem den Erwerb weiterer Kolonien in Mittelafrika als wünschenswert an,Deutschland hegte Ambitionen auf ein deutsches Mittelafrika und hatte den Erwerb von Belgisch-Kongo und den portugiesischen Kolonien Angola und Mozambique im Blick. die mit Duldung Großbritanniens durchgeführt werden sollte. Als Hindernis für eine Verständigung zwischen Großbritannien und Deutschland hatte Bethmann Hollweg vor allem das von Tirpitz betriebene Flottenrüstungsprogramm ausgemacht.