Mit Männern leben: Überlegungen zum Pelicot-Prozess ist der Titel eines Sachbuches der Philosophin Manon Garcia. Darin schildert sie den Prozess um Massenvergewaltigungen von Gisèle Pelicot und analysiert davon ausgehend das Sexualitätsverständnis von Männern, Geschlechterbeziehungen, Männlichkeit, die Rolle der Justiz und bettet diese in theoretische Reflexionen über Machtverhältnisse ein. Das Buch erschien Anfang 2025 auf Französisch bei Climats, die deutsche Übersetzung im Suhrkamp Verlag folgte im selben Jahr.
Vorgeschichte Zwischen Juli 2011 und Oktober 2020 hatte Dominique Pelicot seine Frau Gisèle immer wieder mit Medikamenten betäubt, im bewusstlosen Zustand vergewaltigt und anderen Männern in einem Internetchat zur Vergewaltigung angeboten. Über 80 Männer aus einem Umkreis bis zu 50 km um den Wohnort der Pelicots kamen dem nach, 50 konnten namentlich identifiziert werden. Die Taten sind sehr gut dokumentiert, da Dominique Pelicot sie gefilmt und ordentlich archiviert hatte.
Alle 51 Angeklagten wurden im Prozess schuldig gesprochen, Pelicot bekam die Höchststrafe von 20 Jahren. 46 der Angeklagten wurden der schweren Vergewaltigung, zwei wegen versuchter Vergewaltigung und zwei wegen sexueller Gewalt schuldig gesprochen. Das Gericht verhängte für die Mitangeklagten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren.
Inhalt Manon Garcia, Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin, begleitete den Gerichtsprozess in Avignon. Sie behandelt in 21 Kapiteln die durch den Prozess aufgeworfenen Fragen im Zusammenhang von Geschlecht, Gesellschaft und Gewalt. Ausgangspunkt für ihre Fragen bilden die gesellschaftliche Relevanz der im Prozess verhandelten sexualisierten Gewalt, ihre Konsequenzen für die Gesellschaft, dem Verständnis von Männlichkeit und „dem Trümmerfeld, das die männliche Sexualität darstellt“.
Zu Beginn stellt sie die Grenzen eines juristischen Prozesses dar: So sei die Kluft zwischen dem Verständnis der Zustimmung zu sexuellen Handlungen und ihrer Bedeutung vor Gericht einerseits und der Inkompetenz der Angeklagten in dieser Frage andererseits offensichtlich. Dominique Pelicot habe zwar nie bestritten, seine Frau vergewaltigt und bei Vergewaltigungen geholfen zu haben, sagte aber aus, Vergewaltigung bedeute doch, von jemandem mit Gewalt Besitz zu ergreifen. Er habe aber keine (körperliche) Gewalt ausgeübt. Einige der Vergewaltiger seien der Ansicht gewesen, dass der Ehemann für seine Frau zustimmen könne, andere, dass eine schlafende Person als einverstanden angesehen werden könne. Das Kapitel Chemische Unterwerfung behandelt die heimliche Verabreichung chemischer Substanzen mit dem Ziel, sich eine andere Person gefügig zu machen, und nimmt dort Bezug auf die Argumentation der Angeklagten. Garcia verweist auf Simone de Beauvoir und führt aus, dass sich eine chemische Unterwerfung nicht losgelöst von einer weiblichen Unterwerfung denken lasse. Diese sei nichts anderes als eine Erleichterung der Vergewaltigung und mache die Frau zu einem Ding. Wenn Männer nicht bekämen, was sie wollen, griffe man zu Medikamenten, um die weibliche Unterwerfung zu erreichen, was sie als ihr Recht betrachten würden.
Eine der unangenehmen Erkenntnisse des Prozesses sei die Normalität der Angeklagten, mit Ausnahme von Dominique Pelicot. Es seien Männer jeden Alters, aller Berufe und Schichten. In diesem Zusammenhang nimmt Garcia den Gedanken der „Banalität des Bösen“ auf, den Hannah Arendt 1961 nach dem Eichmann-Prozess klug herausgearbeitet habe. Sie überträgt Arendts Gedanken auf die Angeklagten. Diese würden ebenso wie Adolf Eichmann einen eklatanten Mangel an Selbstreflexion zeigen und sich mit den Fakten nicht auseinandersetzen. Deshalb konstatiert Garcia die „Banalität des Männlichen“.
In mehreren Kapiteln thematisiert Garcia, was „männlich“ bedeutet, was normal und was pathologisch sei. Im Vorfeld des Prozesses sei argumentiert worden, dass hier Männer gegen Frauen ausgespielt werden sollen, dass „Feminazis“ Männer daran hindern, echte Männer zu sein. Garcia entgegnet: „Was die reaktionären Beiträge zum Prozess nicht sehen wollen, ist just die Tatsache, dass es sich hier um eine Frage des Grades handelt: Niemand, selbst unter den radikalsten Feministinnen, glaubt, dass alle Männer einzeln betrachtet in gleichem Maße schuldig sind, wie Dominique Pelicot und seine Handlanger. Aber alle, insbesondere Männer, nehmen an Ritualen teil, bejahen Werte und schätzen Verhaltensweisen, die dazu beitragen, dass es möglich ist, dass normale Männer losziehen und eine Frau vergewaltigen, die sie nicht kennen und die offensichtlich im Koma ist“. Sie diskutiert im Weiteren den Begriff „Rape Culture“ und definiert diesen als das „kulturelle Gerüst der Vergewaltigung“. Insbesondere zeigt sie auf, wie unsere Vorstellungen von Sexualität durch Mythen geprägt werden. Breiten Raum nimmt die Diskussion von normalem und pathologischem Sexualverhalten ein. Garcia diskutiert psychologische Gutachten der Angeklagten und bettet sie in einen Diskurs über den Wandel von gesellschaftlichen Vorstellungen und dem Patriarchat ein. In Anlehnung an die Anthropologin Dorothée Dussy stellt sie ein Kontinuum von inzestuöser zu sexistischer und sexueller Gewalt fest.
Garcia thematisiert auch, dass Gisèle Pelicot ein „gutes Opfer“ gewesen sei, bei dem es schwer falle, eine Mitschuld zu unterstellen. Es gebe durch die Videos keine Zweifel an den Taten. Trotzdem sei auch an ihr im Prozess eine sekundäre Viktimisierung zu sehen gewesen, der sie durch ihre Geradlinigkeit und Mut habe entgegentreten können. Doch das reiche nicht, um die Breitenwirkung des Prozesses zu erklären. Es habe auch damit zu tun, dass sie eine Frau aus der Mittelschicht sei, gebildet, sprachgewandt, zurückhaltend und ohne Migrationshintergrund. Ihr Alter und ihr Lebenswandel als aufopfernde Mutter und Großmutter lasse nicht zu, dass man sie der zügellosen Sexualität verdächtige. Dadurch könnten sich weite Teile der Gesellschaft mit ihr identifizieren.
Garcia beschreibt ferner die Rolle der Richter und Anwälte. Besonders hebt sie das Plädoyer von Louis-Alain Lemaire, einem der Staranwälte Frankreichs, hervor, das alle Elemente toxischer Männlichkeit enthalte. Es wolle die Angeklagten von jeder Schuld reinwaschen, Effekthascherei betreiben und habe alles enthalten, was man sich für Gisèle Pelicot als schmutziges Plädoyer vorstellen könne.
Schlüsselzitate Garcia eröffnet das Buch mit einem Zitat von Marguerite Duras. Demnach müssten Frauen Männer ungeheuer lieben, sonst könne man sie nicht ertragen. Garcia entgegnet am Schluss: „Ich dachte, dass es zum Teil an uns ist, uns zu fragen, ob wir die Männer wirklich so lieben sollten, wie wir sie lieben, aber ich fange an zu denken, dass sie die Frauen ein wenig lieben sollten. Ein wenig, nur ein wenig. Dass sie uns ein wenig lieben, damit wir sie weiter lieben können.“
Der Prozess habe auch deswegen eine so große Wirkung entfaltet, weil Gisèle Pelicot geradlinig und mutig gehandelt habe. „Das Echo auf diesen Prozess kommt auch daher, dass sie die Persönlichkeit, den sozialen Hintergrund und das Aussehen hat, die notwendig sind. Sie ist weder zu schön noch zu hässlich noch zu dick noch zu wütend noch zu traurig noch zu arm noch zu dunkelhäutig. Sie ist auch alt und passt nicht zu den üblichen Skripten für eine Vergewaltigung. […] Ihr Verhalten hat erlaubt sich mit ihr zu identifizieren.“
Lilian Hümmler, Soziologin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, meint, dass Banalität und Normalität der Angeklagten wesentliche Faktoren seien. Garcia resümiert: „Was bei der Banalität der Angeklagten, bei der Tatsache, dass sie zusammen ein repräsentatives Muster der Männer in der französischen Gesellschaft bilden, wichtig ist, ist die ‚nahezu allseitige Verstrickung‘ der französischen Männer mit dem Patriarchat“.
Wirkung und Rezeption in deutschsprachigen Medien Nils Schniederjann meint im Deutschlandfunk Kultur, die Untersuchung von Garcia verstöre zwar, sei aber gerade deswegen wichtig. Garcia frage, wie man angesichts des gesellschaftlichen Ausmaßes männlicher Gewalt überhaupt noch mit Männern leben könne. Sie mache einerseits die Schrecken der Taten plastisch, schaffe es aber andererseits, die Normalität der Täter sichtbar zu machen. Genau diese Normalität sei es, die Garcia umtreibe, insbesondere die Tatsache, dass man offenbar jederzeit im Umkreis weniger Kilometer eine große Anzahl Männer finde, die bereit seien, eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen. Das werfe die Frage auf, welche Vorstellungen von normaler Sexualität herrschten und ob es im Rahmen männlicher Sexualität normal sei, dass Sex ein Soll sei und der Körper einer Frau zur Verfügung stehe.
Anna Volmer schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, dass das Buch von Garcia sich schon alleine durch seine philosophischen Anteile deutlich von klassischer Prozessberichterstattung unterscheide. Garcia denke über die verschiedenen Aspekte nach, die bei Fällen von sexualisierter Gewalt auftauchten. Sie fragt, wie es gelingen könne, eine ehrliche Debatte über das Ausmaß des Missbrauchs zu führen, anstatt uns über die schockierenden Details auszutauschen und dann in den Alltag zurückzukehren.
Garcias Buch wurde in der ARD-Sendung ttt – titel, thesen, temperamente besprochen. Es wurde festgestellt, dass sich nahezu alle Frauen mit Gisèle Pelicot identifizieren könnten, aber kaum jemand mit den vergewaltigenden Männern. Garcia zeige auf, dass das hegemoniale männliche Frauenbild von Unterwerfung durchsetzt sei und dass das Recht auf Sex auch mit chemischer Unterwerfung einhergehen könne. Sexualisierte Gewalt sei ein politisches Problem, das strukturell männlich sei. Zu einem ähnlichen Urteil gelangt Verena Harzer in der taz: Garcias Buch verdeutliche, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von sexualisierter Gewalt ein strukturelles Problem sei und das Strafrecht dies nicht lösen könne.
Johanna Adorjan schreibt in der Süddeutschen Zeitung, in diesem Prozess habe Garcia miterlebt, wie eine Frau zum Objekt degradiert worden sei. Im Prozess beobachtete sie, wie die angeklagten Männer zu unreifen Jungs stilisiert würden, um sie ihrer Verantwortung zu entheben. Das Buch sei weder eine Nacherzählung des Prozesses noch der Taten, sondern ein Nachdenken über beunruhigende Fragen, die der Prozess aufgeworfen habe. Allerdings merke man dem Buch an, dass es schnell geschrieben worden sei; es sei nicht immer präzise. Adorjan wünscht dem Buch trotzdem viele Leser.
In der Wochenzeitung Die Zeit hebt Jolinde Hüchtker Garcias Vergleiche zu Hannah Arendt hervor. „Banalität des Männlichen“ passe, da die Männer, die Pelicot vergewaltigt hatten, ganz normale Männer seien. Viele der Angeklagten sagten, dass sie aus verschiedenen Gründen eine Zeit lang wenig bis gar keinen Sex mit ihrer Partnerin hatten und dass die Vergewaltigung von Pelicot ein guter Ersatz gewesen sei.
In einem Interview mit dem Spiegel bekräftigt Garcia, man höre immer wieder die Vorstellung, es sei irgendwie die Schuld von Frauen, wenn sie von Männern nicht gut behandelt würden. Doch eines habe der Prozess deutlich gemacht, dass nämlich Gisèle Pelicots Rolle als perfekte Ehefrau sie nicht habe schützen können.
Lilian Hümmler schreibt im Soziopolis, Garcia habe sich gegen vermeintliche Neutralität entschieden, was zeige, dass affektiv-situierte Reflexionen, abstrakt-theoretische Ausführungen und offene Fragen gerade in ihrem Zusammenspiel einen Erkenntnisgewinn bereithielten. Es falle zwar die Auseinandersetzung der Autorin mit den zentralen Begriffen Scham und Beschämung zu oberflächlich aus, die Lektüre überzeuge aber durch „die facettenreiche und schonungslose Annäherung an den Komplex Geschlecht, Gesellschaft und Gewalt“.
Wirkung und Rezeption in französischsprachigen Medien