Das heute unter der Bezeichnung "Heilige Cäcilie" bekannte Gemälde wurde zwischen 1613 und 1654 vom flämischen Maler Thomas Willeboirts in Ölfarbe auf einer 202 mal 135 cm großen Leinwand im Hochformat gemalt. Das Bild stellt die Heilige Cäcilia mit einem Violoncello dar, die zusammen mit Engeln musiziert.
Das Gemälde wurde 1804 als Säkularisationsgut aus dem Benediktinerkloster Münsterschwarzach erworben. Heute gehört dieses Bild zu den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und befindet sich in der Staatsgalerie im Neuen Schloss Schleißheim (Inv. Nr. 4783).
Erhaltungszustand Das Werk ist doubliert und zeigt eine Vergilbung. Der Bildträger besteht aus sechs zusammengefügten Leinwandstreifen: vier vertikale Streifen unterschiedlicher Breite, wobei der äußerst rechte nur wenige Zentimeter misst, sowie zwei horizontale Streifen im unteren Bildbereich. Der unterste Streifen wurde offenbar nachträglich angesetzt. In diesem Bereich ist das Krakelee feiner und weniger ausgeprägt als im übrigen Bild. Zudem sind grobe Farbretuschen sichtbar, die auf eine Restaurierung aus dem Jahr 1878 zurückgehen. alternativtext=Thomas Willeboirts Bosschaert - Hl. Cäcilie|mini|S/W-Fotografie des Gemäldes der Hl. Cäcilie von Thomas Willeboirts Bosschaert
Provenienz Laut Axel Heinrich handelt es sich bei dem Gemälde um eine nahezu gleich große Kopie eines Gemäldes desselben Themas von Anthonis van Dyck, das lediglich am unteren Rand um ein Podest erweitert wurde. Das Original war 1930 bei Wertheim in Berlin versteigert worden. Es wird der sogenannten englischen Schaffensphase Van Dycks zwischen 1632 und 1641 zugeordnet. Es ist unklar, wann und wo Willeboirts das Original Van Dycks gesehen hat; möglicherweise stand es ihm als Studienobjekt in Antwerpen zur Verfügung. Auffällig ist, dass die Naht der angesetzten Leinwand in der Kopie exakt an der Stelle verläuft, an der das Original endet. Zusammen mit der abweichenden Krakelee-Struktur wird dies als Hinweis auf einen nachträglichen, posthumen Eingriff gewertet. Bildbeschreibung Das Schleißheimer Gemälde stellt die hl. Cäcilia als Ganzfigur dar, die im Vordergrund der rechten Bildhälfte auf einer Bank sitzt und ein Violoncello mit Bogen hält, während sie ihren Blick nach oben richtet. Sie trägt ein glänzendes weißes Gewand. Hinter ihr befinden sich nach links oben gestaffelt zwei Engel, die jeweils ein Instrument spielen: Der eine Engel befindet sich dicht hinter der Heiligen, trägt ein blaues Gewand und spielt die Orgel, während er ebenfalls nach oben in den Himmel blickt. Links hinter ihm befindet sich ein Engel mit rotem Gewand, der von einer erhöhten Position eine Laute spielt. Auf dem Bild links unten, neben dem Cellokörper, sitzt ein Putto mit kurzen Flügeln, mit gelbem Gewand und blickt nach unten. Unter ihm liegt ein schlafender Hund. Im Hintergrund auf der oberen Bildhälfte ist ein bewölkter Himmel dargestellt. Über der Heiligen gibt es jedoch eine Wolkenlücke, aus der Lichtstrahlen hervordringen. Links und rechts neben dieser Lücke sind zwei geflügelte Engelsköpfe dargestellt.
Ikonografische Deutung der heiligen Cäcilia Auf dem vorliegenden Bild ist die hl. Cäcilia zu sehen, die sich beim Singen selbst auf dem Violoncello begleitet. Sie trägt auf dem Bild ein weißes Gewand, das auf ihre Unschuld und Reinheit ihres Lebens hindeutet. Nach der Legenda aurea stammte Cäcilia aus einer vornehmen römischen Familie. An ihrem Hochzeitstag bat sie Gott darum, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Sie bekehrte ihren ursprünglich heidnischen Bräutigam Valerianus zum Christentum und überzeugte ihn, mit ihr in einer keuschen Ehe zu leben. Das Bild zeigt den Augenblick, als die hl. Cäcilia bei ihrer Hochzeitsfeier Gott um Beistand bittet: Während die Orgeln, also die weltliche Hochzeitsmusik der Spielleute, erklangen, sang Cäcilia, in ihrem Herzen „in corde suo“ allein für den Herrn und sprach: „Ach Herr lass mein Herz und mein Leib Unbefleckt bleiben, damit ich nicht zu Schanden werde.“
Dieser Text wurde in das ihr gewidmete Officium aufgenommen und als erste Antiphon der Vesper gesungen. Dabei wurde die Wendung „in corde suo“ häufig weggelassen. Der ursprünglich nur innerlich gedachte Gesang wurde so als hörbarer Gesang verstanden. Dadurch wandelte sich die Bedeutung der weltlichen Hochzeitsmusik: Sie wurde nun als himmlische Musik gedeutet, die Cäcilies Gebet begleitet. Diese Umdeutung führte zu einer Aufwertung der instrumentalen Musik, die zuvor im kirchlichen Raum als unangemessen galt. In diesem Zusammenhang erhielt die hl. Cäcilia im späten Mittelalter das Patrozinium über die Musik. Erst ab dem ausgehenden 15. Jahrhundert lässt sich das Portativ als ihr festes Attribut nachweisen. Mit der zunehmenden Verwendung weiterer Instrumente im Kirchenraum fanden auch diese Eingang in die bildlichen Darstellungen der hl. Cäcilia. Seit dem Barock kam zudem der gefühlvolle, schwärmerische Aufblick als charakteristisches Ausdrucksmittel hinzu. Beide Aspekte finden sich in der Kopie von Willeboirts nach dem Original von Van Dyck wieder. Darüber hinaus gewinnt die positive Bewertung der instrumentalen Musik hier besonderes Gewicht durch die Darstellung der zwei musizierenden Engel. Deutung von Ikonografie und Farbsymbolik der Putten Neben der Heiligen Cäcilia zeigt das Gemälde drei Engel in unterschiedlichen Altersstufen und Gewandfarben:
Der Putto im Vordergrund erscheint als Kind und trägt ein goldenes Gewand. Das Kind verkörpert den Zustand ursprünglicher Unschuld und Reinheit, der dem göttlichen Ursprung besonders nahe ist. Diese Bedeutung wird durch das goldene Gewand unterstrichen, das in der christlichen Ikonographie für göttliches Licht und Ewigkeit steht. Die Tatsache, dass er kein Instrument spielt, unterstreicht sein junges Alter. Durch Auflegen des Zeigefingers an den Mund mahnt er den Zuschauer, das himmlische Spiel nicht zu stören. Der schlafende Hund könnte als Sinnbild der Treue Cäcilies zu ihrem Ehemann Valerianus ausgelegt werden.
Dicht hinter der Heiligen spielt ein jugendlicher Engel im blauen Gewand die Orgel und blickt in den Himmel. Der jugendliche Engel befindet sich symbolisch in einer Übergangsphase zwischen kindlicher Unschuld und Vollendung. Blau verweist auf den Himmel, auf Treue und geistige Hingabe und steht damit für einen Glauben, der bereits bewusst angenommen wird, sich jedoch noch im Prozess der Festigung befindet.
Der erwachsene Engel im Hintergrund im roten Gewand stellt schließlich die Vollendung dieses Weges dar. Rot ist die Farbe des Blutes und der Märtyrer, die ihr Blut für Christus vergossen haben. Kardinäle zeigen durch das Tragen der roten Farbe ihre grundsätzliche Bereitschaft, diesem Vorbild zu folgen. In direktem Bezug zur heiligen Cäcilia, die als jungfräuliche Märtyrerin verehrt wird, kann dieser Engel den vollendeten Glauben symbolisieren, der sich im Leiden und in der Selbsthingabe an Gott erfüllt. Als hinterste Figur wirkt er weniger unmittelbar, übernimmt jedoch eine tragende, ordnende Funktion innerhalb der Komposition.
Die unterschiedlichen Altersstufen stehen dabei für aufeinanderfolgende Phasen menschlicher und spiritueller Reifung. In ihrer Gesamtheit veranschaulichen die drei Figuren somit einen allegorischen Glaubensweg, der von der göttlichen Unschuld über die bewusste Hingabe bis hin zur Vollendung im Martyrium führt. Diese Symbolik steht in enger Verbindung zur Heiligenlegende der Hl. Cäcilia und betont zentrale christliche Werte wie Reinheit, Treue und Opferbereitschaft.
Komposition und Unterschiede zum Vorgängerbild von Anthonis van Dyck Das Violoncello steht im Zentrum des Bildes und wird von der hl. Cäcilia schräg gehalten. Dadurch entsteht eine Diagonale, die hier als zentrales Element der Bildkomposition verwendet wurde. Sie teilt das Bild in zwei Hälften: Auf der linken Seite befinden sich die Engel und auf der rechten Seite die Heilige. Diese Linie wird von den parallel verlaufenden Lichtstrahlen aus dem Wolkenhimmel und der Laute verstärkt. Der Blick des Betrachters wird dadurch gezielt durch das Bild gelenkt. Bedenkt man, dass Willeboirts das Bild um das Podium nach unten verlängert hat, erkennt man, dass im originalen Gemälde von Van Dyck die Diagonale des Cellos noch unmittelbar die untere linke Ecke mit der oberen rechten Ecke verbunden hatte. Auffällig ist, dass das Podium in der Bildmitte zurückspringt, und an dieser Stelle die Perspektive nicht stimmt. Die Kante ist jedoch der Ausgangspunkt einer zweiten Diagonale, die von dort entlang des Beins des kleinen Engels nach links oben führt und die andere Diagonale kreuzt.
Der Raum ist durch eine einfache Fluchtpunktperspektive definiert, die man an den Linien des Fußbodens erkennen kann. Räumliche Tiefe entsteht auch durch die Staffelung der Engel hinter der Heiligen. Auch der starke Hell-Dunkel-Kontrast aus dem Zusammenspiel der hellen Figuren mit dem dunklen Hintergrund verstärkt die Illusion des Raumes. Hierbei fällt die hl. Cäcilia besonders auf, da sie ein leuchtendes Gewand trägt. Ihr Gewand wurde mit detaillierten Falten versehen, deren plastische Wirkung durch die Hinzufügung von Glanzlichtern verstärkt wurde. So sticht sie aus dem dunklen Hintergrund hervor und tritt somit als Hauptfigur des Bildes in Erscheinung. Durch den starken Eigenschatten des Podiums erhält das Bild insgesamt mehr räumliche Dimension und die Figuren stehen in erhöhter Position.
Bei der Farbwahl des Gemäldes fallen zunächst die individuellen Farben der Engelsgewänder auf. Das Inkarnat der Engel hat einen natürlichen warmen Farbton während das Gesicht der Heiligen eher blass wirkt und mit ihrem weißen Gewand abgestimmt. Der hohe Grauanteil in den Kleidern sowie die Braun- und Grautöne in anderen Bildbereichen, vor allem im Hintergrund, geben dem Gemälde insgesamt eine eher kühle Farbwirkung. Unklar bleibt, ob die Farbgestaltung in Willeboirts Version derjenigen des Vorbilds von Van Dyck entspricht, da deren heutiger Verbleib unbekannt ist. Literatur
Heinrich, Axel: ein flämischer Nachfolger Van Dycks, Brepols: Turnhout 2003, ISBN 2-503-51143-0 Heinz-Mohr, Gerd: Lexikon der Symbole: Bilder und Zeichen der christlichen Kunst, Neuausgabe, Eugen Diedrichs Verlag: München 1988, ISBN 3-424-01420-6
Weblinks
Gemälde auf der Website der Pinakotheken
Anmerkungen und Einzelnachweise
Kategorie:Gemälde (17. Jahrhundert) Kategorie:Bayerische Staatsgemäldesammlungen Kategorie:Heiligenbild Kategorie:Cäcilia von Rom als Namensgeber