Klassenübergänger (französisch transfuge de classe), oder sozialer Überläufer (französisch transfuge social) bezeichnet ein Individuum, das im Laufe seines Lebens einen starken Wandel im sozialen Milieu erfahren hat.Interview erschienen auf der französischsprachigen Internetseite Nathan Université A propos de L’Homme pluriel: Les ressorts de laction, Nathan, coll. "Essais & Recherches" Anmerkung: Der Originalverweis mit Hyperlink: https://www.nathan-u.com/ ist nicht mehr abrufbar [Stand: 8. November 2025].

Namensgebung Das Konzept der Transklasse wurde von der französischen Philosophin Chantal Jaquet geprägt. Horst Brühmann verwendet sinngemäß den Begriff „Übergänger“ bzw. „Übergang“ (französisch passage) statt „Überläufer“ (französisch transfuge) in der deutschen Übersetzung. Die englische Übersetzung von Gregory Elliot etabliert gleichsam den Begriff „Übergang“ (englisch passing) statt „Überlaufen“ (englisch defection). Im Deutschen wurde das Konzept zudem mit dem Adjektiv klassenquer beschrieben.

Definition Die Transklasse entsteht durch einen signifikanten Übergang im sozialen Raum, d. h. ein Individuum überwindet eine soziologische Grenze, die soziale Klassen voneinander unterscheidet. Dieser Übergang kann nach der Heirat, der Aufnahme einer Beschäftigung, dem Studium usw. erfolgen. Ob Aufstieg oder Abstieg, ein Übergang erfordert eine erhebliche soziale Mobilität. Die Existenz von Klassenübergängern hängt daher zum Teil mit der Möglichkeit zusammen, dass Einzelpersonen ihr soziales Umfeld radikal verändern können.

Die Aufstiegsänderung der sozialen Klasse trifft nicht nur auf soziologische Schwierigkeiten (siehe hier insbesondere die Thesen von Pierre Bourdieu), sondern auch auf psychologische Schwierigkeiten, die von Vincent de Gaulejac durch das Konzept der Klassenneurose entdeckt wurden (französisch La Névrose de classe, Buchveröffentlichung im Jahr 1987; Neuauflage im Jahr 1991).

Das Konzept der Transklasse wurde von der Philosophin Chantal Jaquet entwickelt, die selbst einen Transklassen-Werdegang durchlaufen hat.Les transclasses, retour sur un phénomène de société (Transklassen, Rückblick auf ein gesellschaftliches Phänomen), erschienen auf https://www.radiofrance.fr/, aufgerufen am 8. November 2025. Chantal Jaquet veröffentlichte ihre Theorie in zwei Büchern: „Die Transklassen und die Nicht-Reproduktion“ (französisch Les Transclasses ou la non-reproduction, veröffentlicht im Jahr 2014) und „Die Fabrik der Transklassen“ (französisch La fabrique des transclasses, veröffentlicht im Jahr 2018); letzteres war ein Gemeinschaftswerk, das sie zusammen mit dem Philosophen Gérard Bras (* 1949) herausgab. Das erste Buch wurde im Jahr 2018 ins Deutsche übersetzt mit dem Titel Zwischen den Klassen – über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Laut Chantal Jaquet ergänze ihr Denkmodell Bourdieus Arbeit bezüglich Ausnahmen sozialer Reproduktion (Nicht-Reproduktion) innerhalb von Klassen mithilfe der „Logik des Konträren“ (statt Logik der Kontradiktion). Das Konzept der Transklasse erörtere mögliche Ursachen dieser außergewöhnlichen Lebenswege (Klassenaufstieg) ohne „die Ideologie des Selfmademan“ (deutsch: selbst gemachter Mann) zu bedienen.

Medienpräsenz Das Konzept war Thema der Dokumentarreihe „Infrarouge: Die Herausforderung der Transklasse“ (französisch Infrarouge: Le défi des transclasses) im Mai 2020. Es wurde zudem in der wöchentlichen französischen Radiosendung „Hindernislauf“ (französisch Parcours de combattants) thematisiert, welche im France Inter Sommerprogramm im Jahr 2021 ausgestrahlt wurde. In Philonomist, einer unabhängigen Online-Publikation, die sich mit Wirtschaft, Arbeit und wirtschaftlichen Trends aus der Perspektive der Philosophie und der Humanwissenschaften befasst, diskutierten Chantal Jaquet und der französische Soziologe Gérald Bronner über einen möglichen negativ gefärbten Diskurs zur transklassischen Identität im März 2023. Jaquet warnte vor „jeder Moralisierung transklassischer Menschen“ und vertrat die Ansicht, dass „ein freies Wesen sich weder für seine Herkunft schämen noch stolz darauf sein muss“.

Rezeption Laut Laélia Véron und Karine Abiven ist der Begriff „Klassenübergänger“ zu einem „‚plakativen Begriff’ geworden, der die Idee der sozialen Mobilität in einer Welt künstlich popularisiert, in der die tatsächlichen Aussichten auf Mobilität begrenzt sind, und wo eine Umkehrung der Hierarchien in naher Zukunft unwahrscheinlich erscheint“; vielmehr sei es eine „mythische Kategorie“ als ein soziologischer Begriff. In ihrem Buch Verrat und Rache. Paradoxien in Geschichten über Klassenüberläufer (französisch Trahir et venger. Paradoxes des récits de transfuge de classe, 2024) erklären sie, dass das Überläufernarrativ, nachdem es großen Erfolg hatte, nunmehr eine „Gegenreaktion“ erlebt, und dass sie seine Zukunft in Frage stellen.

Der Soziologe Cédric Hugrée, Forscher am CNRS mit den Schwerpunkten soziale Klassen und Erziehungssoziologie, erklärt, dass es mehrere Diskrepanzen zwischen den bekanntesten Geschichten über den sozialen Aufstieg und der heutigen sozialen Mobilität in Frankreich gäbe: „Der Schwerpunkt liegt auf dem Erreichen einer bedeutenden sozialen und geografischen Mobilität, im Wesentlichen durch Bildungsvorteile, und richtet sich daher an kulturelle Gruppen der oberen Schichten. Schließlich handelt es sich bei vielen dieser Geschichten um Männer. (...) Der soziale Aufstieg ist jedoch in der Regel eine soziale Mobilität in kleinem Maßstab, die häufiger Frauen betrifft. Und obwohl Abschlüsse eine wichtige Rolle beim Zugang zu qualifizierten Arbeitsplätzen spielen, gibt es auch andere Wege, um dominante Positionen zu erreichen (durch Geld, Sport, Politik, Kunst usw.), über die weniger berichtet wird oder die nicht in literarischen Sammlungen veröffentlicht werden. Aus dieser Sicht könnte man sagen, dass das Genre der Überläufer-Erzählung die Realität der sozialen Mobilität bei weitem nicht erschöpft hat, während es ihrer Meinung nach die Romanliteratur erschöpft zu haben scheint.“

Literatur

Deutsch

Chantal Jaquet: Zwischen den Klassen – über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht. Konstanz University Press, 2018, ISBN 978-3-8353-9104-8.

Französisch Pierre Bourdieu: Esquisse pour une auto-analyse ["Entwurf für eine Selbstanalyse"]. Raisons d’agir ["Gründe zum Handeln"], Paris 2004, ISBN 2-912107-19-9. Claire Desmitt: La figure du transfuge: illustration biographique d’un parcours de résistance et de recherche ["Die Figur des Überläufers: eine biografische Darstellung eines Weges des Widerstands und der Suche"]. dans: Le sujet dans la cité ["Das Subjekt in der Stadt"]. 2015/1 (Actuels n°4), S. 164–175. doi:10.3917/lsdlc.hs04.0164. Dubois, Régis: Réflexions d'un transclasse qui n'a pas trahi ["Gedanken eines Transklassers, der nicht verraten hat"]. Woodstock/TheBookEdition, 2026. Didier Eribon: Retour à Reims ["Rückkehr nach Reims"]. Fayard, Paris 2009, ISBN 978-2-08-139600-5. Annie Ernaux: Écrire la vie ["Das Leben schreiben"]. Gallimard, Paris 2011, ISBN 978-2-07-013218-8. Vincent de Gaulejac: La névrose de classe: trajectoire sociale et conflits d'identité ["Klassenneurose: soziale Trajektorie und Identitätskonflikte"]. Hommes & Groupes Éd., Montréal 1987, ISBN 2-86984-014-4. Vincent de Gaulejac: La névrose de classe: trajectoire sociale et conflits d’identité ["Klassenneurose: soziale Trajektorie und Identitätskonflikte"]. Payot & Rivages, Paris 2016. (Petite Bibliotèque Payot.) ISBN 978-2-228-91643-1. Chantal Jaquet: Les transclasses ou La non-reproduction ["Zwischen den Klassen: Über die Nicht-Reproduktion sozialer Macht"]. PUF, Paris 2014, ISBN 978-2-13-063182-8. Chantal Jaquet: La fabrique des transclasses ["Die Fabrik der Klassenübergänger"]. PUF, Paris 2018, ISBN 978-2-13-081103-9. Chantal Jaquet: Révolutions transclasses : Une nouvelle théorie de l'émancipation ["Transklassische Revolutionen: Eine neue Theorie der Emanzipation"]. PUF, Paris 2026, ISBN 978-2-13-089106-2. Rose-Marie Lagrave: Se ressaisir: enquête autobiographique d’une transfuge de classe féministe ["Sich wieder aufraffen: Autobiographische Untersuchung einer feministischen Klassenübergängerin"]. La Découverte, Paris 2021, ISBN 978-2-348-08119-4. Édouard Louis: En finir avec Eddy Bellegueule ["Das Ende von Eddy (Bellegueule)"]. Seuil, Paris 2014, ISBN 978-2-7578-8505-5. Laélia Véron, Karine Abiven: Trahir et venger: Paradoxes des récits de transfuges de classe. ["Verraten und rächen: Berichte von Klassenübergängern in der Gegenwartsliteratur"]. La Découverte, Paris 2024, ISBN 978-2-348-08261-0.

Englisch

Chantal Jaquet: Transclasses: A theory of Social Non-reproduction (Deutsch: "Eine Theorie der sozialen Nicht-Reproduktion"). Verso Books, London / New York 2023, ISBN 978-1-83976-885-9.

Siehe auch Soziale Mobilität Meritokratie

Weblinks transclasse im Wiktionnaire (französisch) transclass im Wiktionary (englisch)

Einzelnachweise

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