mini|Musikschule von El Sistema in Maracay, 2022 El Sistema (dt.: Das System), offizielle Bezeichnung Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela, ist ein staatlich finanziertes Musikausbildungsprogramm für junge Menschen, das 1975 in Venezuela von dem Pädagogen, Musiker und Aktivisten José Antonio Abreu gegründet wurde. Das Programm ist dafür bekannt, vor allem Kinder und Jugendliche aus von Armut bedrohten Verhältnissen menschlich und musikalisch zu fördern.
Nach offiziellen Angaben der UNICEF umfasste das Programm in Venezuela im Jahr 2022 mehr als 400 Musikzentren und 1000 kleinere Schulen für eine Million junge Musiker, die vorwiegend klassische Musik in Orchestern spielen. Daneben bestehen auch Musikgruppen und Chöre, die der traditionellen Musik des Landes und ihren Instrumenten gewidmet sind. In ähnlicher Weise arbeiten zahlreiche Programme zur Musikerziehung in vielen Ländern der Welt.
Die Nähe der Institution zur Regierung erweckte mitunter den Eindruck, dass die Institution und ihr früherer Dirigent Gustavo Dudamel zu Propagandazwecken der Regierung dienen. In einem Artikel in der New York Times vom 4. Mai 2017 übte Dudamel jedoch wenige Tage nach dem Tod eines Musikstudenten, der an einer Demonstration gegen die Regierung teilgenommen hatte, deutliche Kritik an der Unterdrückung in seinem Heimatland.
Geschichte El Sistema wurde 1975 unter der Leitung von José Antonio Abreu mit elf Schülern in einer Tiefgarage gegründet. Der offizielle Name lautet Fundación del Estado para el Sistema Nacional de las Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela (FESNOJIV), was „Staatliche Stiftung für das Nationale System der Jugend- und Kinderorchester Venezuelas“ bedeutet. 2011 wurde das Programm zu Ehren von Simón Bolívar der Fundación Musical Simón Bolívar (Stiftung Simón Bolívar für Musik) unterstellt. Weltweit ist das Programm als El Sistema bekannt. Nach Angaben der UNICEF von 2022 nahmen mehr als eine Million Kinder und Jugendliche täglich an dem Programm teil, das über 443 Zentren (nucléos) und 1704 kleinere Schulen (módulos) in allen 24 Bundesstaaten Venezuelas angeboten wird.
Vor der Gründung von El Sistema gab es in Venezuela lediglich zwei Symphonieorchester, die vorwiegend aus europäischen Emigranten bestanden. Durch die Arbeit von El Sistema entstand 1975 mit dem nationalen Jugendsymphonieorchester das erste ausschließlich einheimische Symphonieorchester.
Abreu war der Meinung, dass „Musik als Agent der sozialen Entwicklung im höchsten Sinne anerkannt werden muss, weil sie die höchsten Werte vermittelt – Solidarität, Harmonie, gegenseitiges Mitgefühl“ und schrieb ihr die Fähigkeit zu, „eine ganze Gemeinschaft zu vereinen und erhabene Gefühle auszudrücken“.Abreu, zitiert nach Tunstall (2012), S. 273 So beginnen Kinder in Gruppen zu spielen, sobald sie ein Instrument in die Hand nehmen. Dieses sofortige Eintauchen ist das bemerkenswerteste Merkmal ihres Musikunterrichtssystems. Die Schüler lernen, sich als Teil einer Gruppe zu verhalten und entdecken gleichzeitig die Musik. Ein übergreifendes Ziel von El Sistema ist es, Musikunterricht zum Schutz von Kindern durch Ausbildung und frühzeitige Prävention eines möglichen kriminellen Verhaltens zu nutzen.
Abreu erhielt 1979 für seine Arbeit den Nationalen Musikpreis und wurde 1983 Kulturminister. 1995 wurde Abreu von der UNESCO zum Sonderbotschafter für die Entwicklung eines globalen Netzwerks von Jugend- und Kinderorchestern und -chören ernannt. Außerdem wurde er für die Entwicklung von Orchestern im Rahmen der UNESCO-Initiative „Weltbewegung der Jugend- und Kinderorchester und -chöre“ beauftragt.
Abreu leitete das Programm fast vier Jahrzehnte lang mit der materiellen und kulturpolitischen Unterstützung von sieben aufeinanderfolgenden venezolanischen Regierungen, die das gesamte politische Spektrum von der Mitte-Rechts bis zur späteren linksgerichteten Präsidentschaft von Nicolás Maduro umfassen. Dabei achtete er darauf, El Sistema von der Parteipolitik fernzuhalten, auch wenn El Sistema auf staatliche Förderung angewiesen ist.Tunstall (2012), S. 84
Struktur und Arbeitsweise Die Programme von El Sistema bieten kostenlose Musikausbildung für Instrumente und Chorgesang, wodurch die Entwicklung von Kindern aus allen sozialen Gruppen gefördert werden soll. Hierbei werden bewusst auch Kinder aus benachteiligten Schichten betreut. Das Programm umfasst vier Stunden Musikunterricht und Proben an jedem Nachmittag nach dem Unterricht sowie zusätzliche Übungen am Wochenende. Nach eigenen Angaben besteht das Repertoire der mehr als 1000 Orchester und ebenso vieler Chöre sowohl aus klassischen europäischen Werken (Beethoven, Mahler, Tschaikowski) sowie aus Werken venezolanischer und anderer lateinamerikanischer Komponisten (z. B. Antonio Estévez, Aldemaro Romero) und aus Arrangements venezolanischer Volks- und Populärmusik. Volksmusik und das Erlernen der traditionellen Instrumente werden in zahlreichen entsprechenden Musikgruppen und Chören gepflegt.
Laut offiziellen Aussagen der Organisation besteht das pädagogische Personal im Jahr 2025 aus mehr als 5.000 Lehrkräften. Die meisten Musiklehrer und Dirigenten begannen als Schüler von El Sistema in Jugendorchestern und stiegen durch Erfahrung auf, nicht durch einen Universitätsabschluss. In den größeren Zentren und regionalen Orchestern verfügen die Lehrer oft über Diplome von Konservatorien oder Universitäten, insbesondere in Caracas, Mérida und Maracaibo. Sie werden durch ein Netzwerk für das Management, pädagogische Standards, inklusive digitaler Materialien in einem virtuellen Zentrum, einem Forschungs- und Dokumentationszentrum (Centro de Investigación y Documentación), sowie weiteren Einheiten, z. B. für den Bau und die Reparatur von Instrumenten unterstützt. Außerdem bietet El Sistema auch Musikunterricht in Haftanstalten an, um dadurch zur Resozialisierung von mehr als 1000 Insassen beizutragen.
Um den Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Missbrauch zu gewährleisten, verfügt El Sistema an allen Schulen über ein System für Information, Fortbildung und Prävention, inklusive der Möglichkeit für entsprechende Hinweise. Dies wird laut eigenen Angaben durch ein Komitee für Prävention und Schutz der Schülerinnen und Schüler unterstützt, das mit Organisationen wie AVESA (Asociación Venezolana para una Educación Sexual Alternativa), UNFPA, UNICEF und externen Gutachtern zusammenarbeitet.
Vision und Motto Laut seiner offiziellen Webseite ist das Nationale System der Jugend- und Kinderorchester und -chöre Venezuelas „eine Institution, die der gesamten Gesellschaft offensteht, hohe musikalische Ansprüche hat und zur ganzheitlichen Entwicklung des Menschen beiträgt.“
Seit 1975 lautet das Motto für El Sistema und sein landesweites System von Jugendorchestern „Tocar y Luchar“ (Spielen und Kämpfen). In Anspielung auf die vielen Herausforderungen in der Anfangsphase des Programms drückt es die Entschlossenheit und das Engagement seiner Mitglieder für ihr sowohl musikalisch als auch sozial bedeutendes Projekt aus.
Unterstützung durch die venezolanische Regierung mini|Das damalige Simón Bolívar Youth Orchestra in der Londoner Royal Albert Hall (2007) Die venezolanische Regierung unter Präsident Carlos Andrés Pérez begann nach dem Erfolg von Abreus Orchester 1976 beim „International Festival of Youth Orchestras“ in Aberdeen, Schottland, dieses vollständig zu finanzieren. Von Anfang an unterstand El Sistema nicht dem Kulturministerium, sondern dem Ministerium für Familie, Gesundheit und Sport, was strategisch gesehen zu seinem Überleben beigetragen hat.
Im September 2007 kündigte der damalige Präsident Hugo Chávez in Anwesenheit von Abreu in der Fernseh-Talkshow Aló Presidente ein neues Regierungsprogramm namens Misión Música an, das venezolanischen Kindern Unterricht und Musikinstrumente zur Verfügung stellen sollte. Es wurde betont, dass „verschiedene Ministerien El Sistema bis vor zwei Jahren beaufsichtigten, bis das Präsidialamt die direkte Kontrolle übernahm. Die Mission von El Sistema verläuft parallel zu Chávez' Programm, den Armen Subventionen und Dienstleistungen zukommen zu lassen.“
Die Regierung unter Nicolás Maduro ist bislang der bedeutendste Förderer von El Sistema und übernimmt fast den gesamten jährlichen Betriebsetat sowie zusätzliche Investitionsprojekte. Die Nähe der Institution zur Regierung hat den Eindruck erweckt, dass die Institution und das Orchester als Propagandainstrument der Regierung von Maduro dienen.
Das Nationale Zentrum für soziale Musikförderung mini|Simón-Bolívar-Saal in Caracas Seit 2011 ist El Sistema im Nationalen Zentrum für soziale Musikförderung in Caracas tätig, einem modernen Gebäude, das über verschiedene Räume für Musikunterricht, Instrumentalproben und Chorproben verfügt. Darüber hinaus gibt es eine Bibliothek, Aufnahmekabinen, Umkleideräume, Cafeterias sowie Verwaltungs- und Gesundheitsdienste. Unter den für die Öffentlichkeit zugänglichen Bereichen sticht der große Simón-Bolívar-Saal hervor, der Platz für 1.100 Personen bietet und mit einer großen Orgel ausgestattet ist, die von einer Stiftung finanziert wurde. Darüber hinaus gibt es ein Theater, einen Kammermusiksaal und eine akustische Muschel im Außenbereich, die sich im südlichen Teil des Gebäudes befindet, das zum Los Caobos Park gehört, sowie Werkstätten für den Bau von Musikinstrumenten und einen Raum für das Nationale Audiovisuelle Musikzentrum „Inocente Carreño“ (CNAMIC).
Verbreitung regionaler Zentren in Venezuela Am 6. Juni 2007 gab die Interamerikanische Entwicklungsbank (IDB) die Gewährung eines Darlehens in Höhe von 124 Millionen US-Dollar für den Bau von sieben regionalen Zentren von El Sistema in sieben Großstädten des Landes bekannt. Viele Banker der IDB lehnten das Darlehen ursprünglich mit der Begründung ab, dass klassische Musik nur etwas für die Elite sei. Die Bank führte jedoch Studien mit mehr als 2.000.000 jungen Menschen durch, die im Rahmen von El Sistema ausgebildet wurden, und stellte einen Zusammenhang zwischen der Teilnahme an dem Programm und einer Verbesserung der Schulbesuchsquote sowie einem Rückgang der Jugendkriminalität und der Kriminalitätsrate allgemein fest. Unter Berücksichtigung dieser Vorteile berechnete die Bank, dass jeder in El Sistema investierte Dollar etwa 1,68 Dollar an sozialen Dividenden einbrachte. Mit Unterstützung der Regierung begann El Sistema, sein Musikprogramm in den Lehrplan der öffentlichen Schulen aufzunehmen, mit dem Ziel, bis 2015 in jeder Schule vertreten zu sein und 500.000 Kinder zu unterstützen.
Eine Untersuchung von Connectas aus dem Jahr 2022, die mit Unterstützung des International Center for Journalists durchgeführt wurde, kam jedoch zu dem Schluss, dass die von der IDB finanzierten regionalen Zentren nie gebaut wurden und somit das langfristige Projekt der Bank gescheitert war.
Simón Bolívar Symphonieorchester mini|Simón Bolívar Children’s Orchestra in Maracaibo, Bundesstaat Zulia Ein weltweit bekanntes Ergebnis von El Sistema ist das Orquesta Sinfónica Simón Bolívar. Mitte der 1990er Jahre gründete Abreu das Nationale Kinder- und Jugendorchester, aus dem viele junge Musiker später in das Simón Bolívar Symphonieorchester wechselten, das dadurch erheblich an Größe gewann. Es ist heute das führende Tourneeorchester des Landes. Es debütierte 2007 unter der Leitung von Gustavo Dudamel bei den BBC Proms in der Londoner Royal Albert Hall und später in der Carnegie Hall, wo es begeisterte Kritiken erzielte.
Das nach der venezolanischen Pianistin benannte Jugendsinfonieorchester Teresa Carreño debütierte im Herbst 2010 mit Auftritten beim Beethovenfest in Bonn, gefolgt von Festivals in Wien, Berlin, Salzburg, Mailand, Amsterdam, Madrid und London. Weitere Jugendorchester von El Sistema sind das Caracas Symphony Youth Orchestra und das National Children’s Orchestra.Tunstall (2012), S. 126–127
Blutige Proteste im Jahr 2017