Als Straubinger Zauberpuppen bezeichnet man eine Reihe von sieben anthropomorphen Tonfiguren aus dem römischen Sorviodurum (dem heutigen Straubing), die ab Ende der 1970er Jahre im Bereich des Kastellvicus geborgen wurden.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 63 und 68–73. Die Stücke datieren in unterschiedliche Zeiten zwischen dem Beginn des 2. und dem frühen 3. JahrhundertGeorg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 68–73. und gelten als herausragender archäologischer Beleg für „magische Praktiken“ in einer römischen Provinzstadt nördlich der Alpen.
Die Straubinger Exemplare stehen in engem Zusammenhang mit etwa einem halben Dutzend weiteren Tonfiguren, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands zutage kamen; die vergleichbaren Stücke stammen aus dem Heiligtum der Isis Panthea und Magna Mater in Mainz,Marion Witteyer: Verborgene Wünsche. Befunde antiken Schadenzaubers aus Mogontiacum-Mainz. In: Kai Brodersen, Amina Kropp (Hrsg.): Fluchtafeln. Neue Funde und neue Deutungen zum antiken Schadenzauber. Frankfurt a. M. 2004, S. 41–50; das Mainzer Exemplar ist insofern interessant, dass ihm eine bleierne Fluchtafel beigelegt war. aus dem Kastell EiningKonrad Spindler: Anthropomorphe Terrakotten aus den römischen Lagerdörfern von Eining und Straubing. In: Das archäologische Jahr in Bayern, 1982 (1983), S. 113–115. Eintrag. In: Kulturportal bavarikon; abgerufen am 9. Juli 2026. sowie aus einer germanischen Siedlung bei Frienstedt.Wie dieser Fund zu deuten ist, bleibt letztlich unklar. Hans-Jörg Nüsse: Römischer Schadenzauber bei den Germanen? In: Archäologisches Korrespondenzblatt, 2011, 41/1, S. 133–138. Parallelen zu in antiken Zauberhandbüchern beschriebenen Praktiken und Zauberpuppen aus dem östlichen Mittelmeerraum drängen sich auf; demnach sind die Puppen wohl bei Liebes- oder Schadzaubern zum Einsatz gekommen.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 64–68. Georg Luck: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. Stuttgart 1990, S., 99–101 und 111–115.
Die Figuren wurden nicht in einem Depot entdeckt, sondern im Zuge langjähriger Ausgrabungen des Gäubodenmuseums Straubing in verschiedenen Gruben, Kellern und Ofenbefunden des römischen Vicus geborgen. Erst die wissenschaftliche Bearbeitung des Materials in jüngerer Zeit führte zur Erfassung des Fundensembles. Die Kontextdokumentation der Grabungen ist teilweise lückenhaft, da die Bedeutung der Funde zunächst nicht erkannt wurde.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter 86 (2021), S. 63–81, hier: S. 68–74. Zu einer Karte der Fundorte siehe ebd. S. 78. Eine systematische Zusammenschau aller sieben Exemplare erfolgte erstmals im Rahmen einer Sonderausstellung des Gäubodenmuseums im Jahr 2020.Georg Greven: „Voodoo“ in Sorviodurum/Straubing. Antike Zauberpuppen. In: Günther Moosbauer (Hrsg.): Glaube, Aberglaube und Zauberei. Sonderausstellung, Gäubodenmuseum Straubing, 9. Juni bis 8. November. Straubing 2020, S. 45–57.
Die zwischen 6 und 15 Zentimeter großen, teils zerbrochenen Puppen bestehen aus derb modelliertem, bei niedriger Hitze gebranntem Ton. Charakteristisch sind ein schematisch ausgebildeter Körper ohne Hals, stummlige Gliedmaßen und lediglich angedeutete Gesichtszüge. Teilweise sind die Genitalien der Figuren ausgearbeitet. Auffällige Einstichlöcher in Augen, Mund, Ohren, Bauch sowie im Genital- und Gesäßbereich und Abdrücke von Kordeln lassen auf gezielte magische Rituale schließen.Zu einer detaillierten Beschreibung der einzelnen Zauberpuppen: Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 68–76. Für diese war offenbar lediglich eine symbolhafte Darstellung des Opfers notwendig; nur wenige der Zauberpuppen besitzen individuelle Züge.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 74. Denkbar ist aber auch, dass die nur grobe Modellierung der Figuren dazu dienen sollte, den angerufenen Dämonen keinen übermäßigen Einfluss zu eröffnen und so zu verhindern, dass sie dem Beschwörer selbst Schaden zufügten.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 74. Außerdem weisen mehrere Figuren starke Risse auf, die vermutlich auf einen unsachgemäß ausgeführten Brennvorgang zurückzuführen sind. Ein Brand in einem regulären Töpferofen erscheint wenig plausibel, da entsprechende magische Praktiken im Römischen Reich unter Todesstrafe standen. Wahrscheinlicher ist daher, dass die Stücke in einfachen Herdstätten oder offenen Feuerstellen gebrannt wurden.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 74. Einige Figuren besitzen Hohlräume im Inneren. Frühere Deutungen führten diese auf die Annahme zurück, dass die Figuren sonst beim Brand zersprungen wären.Konrad Spindler: Anthropomorphe Terrakotten aus den römischen Lagerdörfern von Eining und Straubing. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1982 (1983), S. 113–115. Experimentelle archäologische Untersuchungen konnten jedoch zeigen, dass bei den beim Brennen erreichten niedrigen Temperaturen keine entsprechende Gefahr bestand. Es ist daher wahrscheinlicher, dass die Hohlräume dazu dienten, eine magische Substanz in die Figuren einzubringen; eine derartige Praxis wird in mehreren Zauberpapyri beschrieben. In einzelnen Fällen lassen Pflanzenreste oder entsprechende Spuren darauf schließen, dass organische Materialien bereits während der Herstellung integriert wurden.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 76 f. Da sich wegen des Materials im Inneren mit einigen Zauberpuppen Rasselgeräusche erzeugen lassen, wurden diese teils auch mit vorrömischen und kaiserzeitlichen Klappeninstrumenten in Verbindung gebracht; Marion Witteyer: Verborgene Wünsche. Befunde antiken Schadenzaubers aus Mogontiacum-Mainz. In: Kai Brodersen, Amina Kropp (Hrsg.): Fluchtafeln. Neue Funde und neue Deutungen zum antiken Schadenzauber. Frankfurt a. M. 2004, S. 41–50, hier: S. 45. Möglicherweise waren den Zauberpuppen ursprünglich Fluchtafeln aus vergänglichem Material beigegeben; zwei in Straubing entdeckte Täfelchen stehen aber in keinem Zusammenhang zu den Zauberpuppen.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 77.
Da antike Autoren die Herkunft derartiger Zauberpraktiken im Orient verorten, wird in der Forschung ein Zusammenhang mit der in Sorviodurum stationierten cohors I Flavia Canathenorum sagittariorum milliaria, einer 1000 Mann umfassenden Bogenschützeneinheit, diskutiert. Es scheint möglich, dass die Soldaten dieser Einheit Kenntnisse solcher magischen Bräuche aus dem Osten mitbrachten. Da Magie in der Antike häufig als „Praxis des Feindes“ diskreditiert wurde und Rom sich an seiner Ostgrenze in stetiger Auseinandersetzung befand, ist bei der Quelleninterpretation allerdings Vorsicht geboten. Beim Blick über Straubing hinaus zeigt das Fundspektrum des 2. Jahrhunderts rasch, dass Magie in provinzialrömischen Siedlungen nicht allein als fremdkulturelle Erscheinung aufgefasst werden darf, sondern integraler Bestandteil komplexer religiöser Praxis im Alltag der Grenzregionen war.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 79.
Es ist davon auszugehen, dass die Zauberhandlungen nicht von Laien, sondern von fachkundigen „Zauberern“ gegen Entgelt durchgeführt wurden, da entsprechende magische Kenntnisse kaum frei zugänglich gewesen sein dürften. Aus Ähnlichkeiten einzelner Figuren zueinander ist geschlossen worden, dass sie von demselben „Zauberer“ stammen könnten.Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81, hier: S. 79 f.
Literatur Georg Greven: Sieben römische Zauberpuppen aus Sorviodurum/Straubing. Ein Nachweis für magische Praktiken im Kastellvicus. In: Bayerische Vorgeschichtsblätter, 2021, 86, S. 63–81.
Weblinks Die römischen Töpfereien von Straubing/Sorviodurum. vfp-archaeologie.uni-muenchen.de; Promotionsprojekt.
Anmerkungen
Kategorie:Magisches Objekt Kategorie:Archäologischer Fund (Römische Kaiserzeit) Kategorie:Archäologischer Fund (Bayern) Kategorie:Geschichte (Straubing) Kategorie:Keramikskulptur Kategorie:Römische Skulptur Kategorie:Puppenart