mini|Das Mordasini-Denkmal (2026) Das Mordasini-Denkmal ist ein dem liberalen Politiker und Journalisten Augusto Mordasini (1846–1888) gewidmetes Denkmal in Locarno im Schweizer Kanton Tessin. Seine Einweihung am 17. Februar 1889 war ein wichtiges Vorspiel des Tessiner Putsches. Das von Antonio Soldini geschaffene Werk stand ursprünglich auf der Piazza Grande und wurde 1934 an den Stadtrand versetzt.

Geschichte Hintergrund Der aus dem Onsernonetal stammende Augusto Mordasini war in den 1870er und 80er Jahren eine zentrale Figur der Tessiner Radikalliberalen, die damals noch in der Minderheit waren. Nach dem Studium der Rechte an der Universität Genf liess er sich in Locarno nieder und arbeitete hier als Anwalt in der Praxis seines Bruders Paolo und als Journalist bei diversen liberalen Zeitungen. 1878 gründete er zusammen mit Rinaldo Simen das Parteiblatt der Liberalen Il Dovere, dem er auch als Herausgeber vorstand. Ab 1881 sass er als Nachfolger seines Bruders im Tessiner Kantonsparlament, dem Grossen Rat. Er starb am 3. Februar 1888 mit erst 41 Jahren in Locarno. Offizielle Todesursache war ein Schlaganfall, der ihn nach einem Mittagessen im «Albergo dell’America» jäh getroffen habe.Cons. avv. Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 3. Februar 1888, S. 113 (online).Cons. avv. Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 4. Februar 1888, S. 116 (online). Mordasini war ein prononcierter Kirchenkritiker, weswegen er zivil bestattet wurde. An seinem Begräbnis am 5. Februar nahmen über 1500 Personen teil, wobei Angehörige der konservativen Partei den Anlass grösstenteils mieden. Mordasinis Leichnam wurde in der Turnhalle an der Piazza Grande aufgebahrt und dann, von einem langen Leichenzug begleitet, auf dem städtischen Friedhof beigesetzt.I funerali di Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 6. Februar 1888, S. 120 (online).

Projektierung Noch im selben Jahr rief Rinaldo Simen zusammen mit vier Parteikollegen eine Kommission zur Errichtung eines Denkmals für Mordasini ins Leben, die am 27. August 1888 einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen mit folgenden Auflagen eröffnete: Das mit Spendengeldern finanzierte Denkmal sollte seinem «historischen und patriotischen Zweck» gerecht werden, ferner einen «besonderen zivilen Charakter» und «möglichst mächtige und strenge architektonische Proportionen» aufweisen. Abgesehen von einer Büste oder einem Medaillon in Bronze konnte der Künstler weitere dekorative Elemente einpflegen. Die Ausführungskosten sollten 6000 Franken nicht übersteigen.Per il monumento ad Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese 29. August 1888, S. 866 f. (online). Anfang Oktober kürte die Kommission den Entwurf von Antonio Soldini zum Sieger. Das zweitplatzierte Projekt von Antonio Chiattone verwendete sie später für das Pioda-Denkmal.Monumenti Mordasini e Pioda. In: Gazzetta Ticinese. 6. Oktober 1888, S. 1007 (online). Soldini war selbst Radikalliberaler und gehörte 1890 zu den Urhebern des Tessiners Putsches.Christian Luchessa: Antonio Soldini. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 16. November 2011, abgerufen am 7. November 2025. Er verlangte für seine Arbeit keinen Lohn.

Einweihung mini|Das Mordasini-Denkmal um 1910, an seinem ursprünglichen Standort auf der Piazza Grande Die Einweihungsfeier konnte nicht wie ursprünglich beabsichtigt an Mordasinis erstem Todestag, dem 3. Februar 1889, abgehalten werden, sondern fand am Sonntag, den 17. Februar, statt. Für die An- und Rückreise der Gäste verkehrte je ein Sonderzug mit 25 bis 30 Wagen.Monumento ad Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 16. Februar 1889, S. 166 (online). Um 14 Uhr begab sich ein Festzug mit über 3000 Personen vom Bahnhof Locarno zur Piazza Grande, wo das Denkmal bei der Turnhalle aufgerichtet worden war. Der Anlass wurde «zugleich zu einer Demonstration gegen das neueste Gebaren der Regierungspartei».Tessin. In: Thurgauer Zeitung. Nr. 42, 19. Februar 1889, S. 2 (online). Nach Romeo Manzoni und Rinaldo Simen ergriff Leone de Stoppani das Wort und schlug vor, dem Bundesrat folgenden Beschluss zukommen zu lassen:

Die Menge akklamierte Stoppanis Ansinnen enthusiastisch, und die Nachricht wurde noch selbigen Tags nach Bern telegrafiert.

Versetzung Am 12. November 1934 wurde im Locarner Gemeinderat vorgeschlagen, das Mordasini-Denkmal aus dem Stadtzentrum zu entfernen und stattdessen im Bosco Isolino («Inselwald») auf öffentlichem Grund aufzustellen,Il Consiglio Comunale. In: Giornale del Popolo. 14. November 1934, S. 3 (online). was am 14. November angenommen wurde. Von vierzig Abgeordneten waren nur fünfundzwanzig bei diesem Entscheid anwesend.Consiglio Comunale. In: Giornale del Popolo. 16. November 1934, S. 3 (online). Die Versetzungsarbeiten wurden im Dezember verrichtet.Locarno. Il monumento Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 10. Dezember 1934, S. 2 (online)

Jüngere Geschichte Am 30. September 2009 reichte der Grossrat Silvano Bergonzoli von der rechtspopulistischen Lega dei Ticinesi eine polemische Anfrage an die Exekutive Locarnos, den Municipio, ein, in der er sich über die Vernachlässigung und den Verfall des Denkmals beklagte. Es sei «umgeben von einem regelrechten Wald meterhoher Brennnesseln», sein Zustand sei «ziemlich mitleiderregend», und man könne sich kaum vorstellen, wann es das letzte Mal gereinigt worden sei. Er schlug vor, das Monument, falls die Stadt ausserstande sei, es angemessen zu pflegen, Mordasinis Geburtsgemeinde Onsernone zu schenken, die «sich gewiss besser darum zu kümmern und die Persönlichkeit ihres Bürgers zu würdigen» wisse.Silvano Bergonzoli: Interrogazione – Proposta. Il monumento in onore di Augusto Mordasini si sta degradando! Locarno, 30. September 2009 (PDF; 491 kB). Am 30. Oktober 2025 reichte Bergonzolis Parteikollegin, die Gemeinderätin Valérie Camponovo, eine weitere Anfrage ein. Das Denkmal sei «geschwärzt, verlassen, moosbedeckt, als hätten die Zeit und die Gleichgültigkeit langsam die Erinnerung an einen Mann ausgelöscht, welcher der Stadt so viel gegeben hat», und seit Bergonzolis Vorstoss habe sich sein Zustand trotz Versprechungen vonseiten der Behörden nicht verbessert.Valérie Anna Angela Camponovo: Interrogazione. Tracce del nostro passato che fanno letteralmente paura. Locarno, 30. Oktober 2025 (PDF; 669 kB).

Beschreibung mini|Das Bronzerelief auf dem Postament Das Denkmal steht heute am nördlichen Rand des Bosco Isolino, an der Via Francesco Ballerini. Es ist aus Verzasca- und Baveno-Granit gehauen.Locarno Monumentale. In: Gazzetta Ticinese. 22. März 1889, S. 297 (online). Letzterer war damals in der Tessiner Architektur als besonders luxuriöses Gestein beliebt.Virgilio Gilardoni: Giardini e quartiere nuovo. In: Locarno e il suo circolo (= I monumenti d’arte e di storia del Canton Ticino. Band 1). Birkhäuser, Basel 1972, S. 165 (online). Über einem auf einer dreistufigen Krepis ruhenden Postament erheben sich zwei Säulen, die einen verwitterten Architrav tragen. Zuoberst thront ein todwunder Brozeadler mit einem Pfeil in der Brust.Il monumento ad Augusto Mordasini. In: Gazzetta Ticinese. 18. Februar 1889, S. 172 (online). Er erhebt Mordasini zum Märtyrer des Liberalismus und war eine unmissverständliche Anklage gegen die Konservativen, denen die Schuld an seinem frühen Tod zugeschrieben wurde.

Auf der auskragenden Deckplatte des Postaments ist ein von einem Lorbeerkranz umgebenes Bronzemedaillon mit dem Reliefporträt Mordasinis angebracht. Daneben sind, typisch für Soldinis Denkmäler, flechtwerkartig emblematische Objekte gruppiert: links die von Mordasini gegründeten Parteizeitungen Il Tempo und Il Dovere sowie eine Schreibfeder (als Symbole für sein journalistisches Wirken), rechts eine Freiheitsfahne mit der lateinischen Aufschrift «LIBERTAS» (als Symbol für seinen Kampf für den Liberalismus).

Auf der Vorderseite des Mittelkörpers ist ein flaches, rechteckiges Bronzerelief eingelassen, das eine Sitzung des Grossen Rats zeigt. Einige der abgebildeten Abgeordneten wie Carlo Battaglini und Leone de Stoppani, die zur rechten Seite Mordasinis sitzen und andächtig lauschen, sind echte Porträts. Virgilio Gilardoni deutete die Szene als die «historische Rede von 1875», in der Mordasini die Verfassungswidrigkeit des Parlaments angeprangert habe. Da Augusto Mordasini zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Rat sass, verwechselte er ihn vielleicht mit seinem Bruder Paolo. Das Relief ist unten mit «Soldini. A. 1889» signiert.

Inschriften Auf den weiteren Seiten des Mittelkörpers sind Inschriften in Majuskeln eingehauen. Jene auf der rechten Seite lautet:

Die Inschrift auf der linken Seite expliziert Mordasinis Tätigkeit:

Die Inschrift auf der Rückseite nennt die Initianten und nimmt mit der Nennung der Auslandtessiner Bezug auf die geplante Änderung des Wahlrechts:

Siehe auch

Liste von Denkmälern im Kanton Tessin

Literatur Virgilio Gilardoni: Giardini e quartiere nuovo. In: Locarno e il suo circolo (= I monumenti d’arte e di storia del Canton Ticino. Band 1). Birkhäuser, Basel 1972, S. 164 f. (online).

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Denkmal in Locarno Kategorie:Bauwerk in Locarno Kategorie:Bronzeskulptur (Schweiz) Kategorie:Skulptur (1889)