Meine Großmutter Millard (Originaltitel: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek, deutschsprachige Übersetzung teilweise unter dem Titel Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach) ist eine Kurzgeschichte des US-Schriftstellers und späteren Literaturnobelpreisträgers William Faulkner, die erstmals im März/April 1943 in Story veröffentlicht und später in den Collected Stories abgedruckt wurde.A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: My grandmother Millard and General Bedford Forrest and the Battle of Harrykin Creek. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts on file, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 202–203. Hier S. 202. Die deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack erschien erstmals bei Fretz & Wasmuth.William Faulkner: Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach. In: William Faulkner: Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach. Schwarzer Harlekin. (=Reclams Universal-Bibliothek, Band 8221.) Reclam, Stuttgart 1958. S. 5–48. Hier S. 2. Kurzbeschreibung Der Ich-Erzähler Bayard Sartoris schildert die Taten seiner Großmutter Rosa Millard auf dem Südstaaten-Familiengut während des Sezessionskriegs, wo neben Bayard und einigen Bediensteten auch seine aus Memphis geflohene Cousine Melisandre lebt. Großmutter Millard drillt alle Bewohner im schnellen Vergraben der Familienwertsachen, doch als tatsächlich Nordstaatler-Soldaten heranrücken, bleibt keine Zeit für den trainierten Ablauf. Stattdessen zwängen die bangen Zivilisten die Wertsachen und die verängstigte Melisandre in ein Klo-Häuschen (englisch: backhouse), das kurze Zeit später von sechs Nordstaatlern gestürmt wird. Ein Südstaatler-Leutnant namens Backhouse vertreibt die Angreifer in waghalsiger Aktion und verliebt sich sofort in Melisandre, die jedoch bei der Nennung seines Namens in Panik verfällt. Großmutter Millard muss daraufhin Backhouses Vorgesetzten mobilisieren, um durch Identitäts- und Geschichtsverfälschung das Paar doch noch zusammenzubringen. Inhalt Während ringsherum der Sezessionskrieg tobt, liegt das Gut des meist abwesenden Südstaatler-Offiziers John Sartoris ruhig da. Es wird unter anderem bewohnt von Sartoris‘ aus Memphis geflohener Nichte Melisandre, die ihren Mitbewohnern immer vorlesen will, und „was sie uns durchaus vorlesen wollte, war nicht so übel, selbst wenn’s meistens nur von Damen handelte, die aus dem Fenster schauten und irgendwas spielten (vielleicht waren’s Zimbeln), während jemand anders fort war, irgendwo, und kämpfte.“Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 42. Hausherrin während John Sartoris‘ Abwesenheit ist seine resolute Schwiegermutter Rosa Millard, für die es einiges zu tun gibt, denn angesichts des Kriegsverlaufs drillt Großmutter Millard unter den Augen des jungen Ich-Erzählers Bayard Sartoris die freien und versklavten Hausbewohner, die Wertsachen im Fall der Fälle rasch vor heranrückenden Nordstaatlern retten zu können: Anfangs trainiert man es täglich, später, „als wir es immer besser und immer schneller konnten, war Omi mit einmal die Woche zufrieden“, noch später reicht es einmal im Monat oder noch seltener.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 5. Jede Trainings-Einheit besteht darin, dass man die Wertsachen – bis auf eine Uhr, mit der die Zeit genommen wird – in einen Koffer packt, anschließend „ließ Omi uns den Koffer in die Grube senken und die Erde drüber schaufeln und glätten und Buschwerk und Gras draufpacken und dann den Koffer wieder ausgraben und ins Haus zurücktragen.“Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 10. Eines Tages jedoch bleibt trotz all der Übungen im Ernstfall „keine Zeit. Wir wußten nicht mal, daß Yankees […] innerhalb einer Meile vom Sartoris-Gut waren.“Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 13. Als John Sartoris‘ Pferde-Hauptmann die Hausbewohner warnt, sieht man schon sechs blau uniformierte Nordstaatler heranreiten, „als ob sie nicht nur zu Gespannen aneinandergekoppelt, sondern an eine einzige Wagendeichsel geschirrt wären“,Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 17. ein Eindruck, der durch einen zwischen die Pferde gespannten Rammpfahl entsteht. Die Koffer-Rettung bleibt auf der Strecke in dem Sinne, dass man nur noch dazu kommt, den Koffer in das enge Klo-Häuschen im Hof zu zwängen und sicherheitshalber ebenfalls die schöne Melisandre in ihrem „Ballongeflatter von […] Reifröcken“. Gleichzeitig mit dem Südstaatler-Leutnant Philip Backhouse, der ihnen nachsetzt, stürmen die Nordstaatler den Hof, „bis die Pfahlspitze gegen die Türe des Häuschens stieß. Es kippte nicht einfach um: es explodierte. In der einen Sekunde stand es noch da, hoch und schmal und dünnwandig, und in der nächsten Sekunde war es verschwunden, und stattdessen war‘s ein Gebrodel von brüllenden Männern in Blau“, die dem säbelschwingenden Backhouse ausweichen, der sie schließlich vertreibt, „und mitten drin saß Base Melisandre neben dem Koffer, umrahmt von ihren Reifröcken, mit geschlossenen Augen und weit offenem Mund, und schrie“.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 19. Nachdem die Nordstaatler unter Schusswechseln über einen Bach namens Harrykin Creek vertrieben sind und Melisandre ins Haus gebracht wurde, schwärmt Backhouse mehrfach „Das schöne Mädchen“, fordert erst Kamm, später weitere Utensilien, um sich schön zu machen und von Melisandre und Großmutter Millard im Salon empfangen zu werden. Der Ich-Erzähler kündigt ihn namentlich an, und die Namensgleichheit von Leutnant und Ort von Melisandres Klohäuschen-Trauma kommt bei Melisandre nicht gut an: „Sie saß kerzengerade auf dem Stuhl, genauso wie sie am Morgen in den Trümmern aus Brettern und Schindeln auf dem Hinterhof gesessen hatte, mit geschlossenen Augen und weit offenem Mund – und schrie.“Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 24. Sie wird auf ihr Zimmer gebracht, kann auch nicht zum Abendessen erscheinen, während dessen der Ich-Erzähler keck vorschlägt, der verliebte Leutnant könne doch seinen re-traumatisierenden Namen ändern lassen, was Großmutter Millard sehr vernünftig findet, Leutnant Backhouse jedoch ausschließt: Sein Großvater hätte unter diesem guten Namen an der Seite von General Marion gekämpft, sein Vater wäre unter diesem Namen in der Schlacht von Chapultepec gefallen, und so gehöre dieser gute Name nicht ihm allein, außer, er verlöre ihn „in der Schlacht“, was Großmutter Millard so kommentiert: „Das können Sie nicht gut tun, solange sie hiersitzen“; Leutnant Backhouse springt daher auf und geht wieder in den Dienst.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 25–26. Großmutter Millard lädt dessen Vorgesetzten General Forrest, einen Ex-Geschäftspartner ihres Mannes, auf das Gut ein, um die Liebesangelegenheit zu regeln.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 33. Nachdem Forrest die alte Dame zunächst vertröstet,Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 34. erscheint er schließlich doch, weil Backhouse als Soldat leicht unbrauchbar geworden ist: Mal taucht Backhouse einerseits mit rund 50 zweckentfremdeten Südstaatler-Soldaten beim Gut auf, um Melisandre vergeblich die Aufwartung zu machen,Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 35. mal schüchtert er andererseits auf eigene Faust die vierfach überlegenenFaulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 40. Nordstaatler-Truppen von General Smith „so ein, daß der seine ganze Kavallerie aufstellte und sich in ihrem Schutz davonmachte“ – eine Tollkühnheit und Todesverachtung Backhouses, die Backhouse selbst so kommentiert, es sei ihm „ziemlich einerlei, so oder so“, ob er stürbe oder nicht; eine Auffassung, die der General nicht teilt, da das weitere Soldaten in den Tod risse.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 39. Zu beiderlei Vorteil beschließen die Großmutter und der General, Leutnant Backhouse offiziell zum in einer fingierten Schlacht am Harrykin Creek heldenhaft Gefallenen zu erklären und an seiner Stelle einen Philip St. Just Backus zum Leutnant zu machen: Auf diese Weise bleibt der Name Backhouse heroisch, und der Liebesnarr kann ohne re-traumatisierenden Namen die schöne Melisandre heiraten.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 44. Textanalyse Bei Meine Großmutter Millard handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte „Sittenkomödie“„comedy of manners“ – John Lewis Longley: The tragic mask. A study of Faulkner's heroes. University of North Carolina Press, Chapel Hill NC 1963. S. 113. nach Art einer „Fantasie, so unwahrscheinlich in einer alltäglichen Welt wie eine Szene aus einer Scott-Romanze“.„a fantasy, as improbable in a workaday world as a scene from a Scott romance“ – Elmo Howell: William Faulkner's General Forrest and the uses of history. In: Tennessee Historical Quarterly, Jg. 29, Nr. 3, 1970, , S. 287–294, hier S. 290. Ort der Handlung ist ein Landgut im fiktiven Yoknapatawpha County. Die Haupthandlung findet am 28. April 1862Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 45. und dessen Vortag statt, die vorangeschaltete Handlung reicht acht Monate zurück.Faulkner, Meine Großmutter Millard und die Schlacht am Harrykin-Bach, S. 7. Themen