mini|Der Runenstein von Rök (Südschweden), 9. Jahrhundert mini|Runen auf dem Taufbecken von Burseryd Als Runen bezeichnet man die alten Schriftzeichen der Germanen. Der Sammelbegriff umfasst Zeichen unterschiedlicher Alphabete in zeitlich und regional abweichender Verwendung.
Runen können einerseits als Zeichen für jeweils einen Laut geschrieben werden (Alphabetschrift), andererseits stehen sie als Zeichen für die jeweiligen Begriffe, deren Namen sie tragen. Daneben können sie Zahlen darstellen oder als magisches Zeichen verwendet werden. Die Entwicklung der Zeichenformen zielte nicht auf eine flüssige Gebrauchsschrift ab. Abgesehen von einer kurzen Phase im hochmittelalterlichen Skandinavien wurde die Runenschrift nicht zur Alltagskommunikation verwendet.
Verbreitung Runen waren vom 2. bis zum 14. Jahrhundert n. Chr. überwiegend für geritzte und gravierte Inschriften auf Gegenständen und auf Steindenkmalen in Gebrauch.
Die Verbreitung der etwa 7100 bisher bekannten Runeninschriften (Stand 2023), „wobei zahlreiche unpublizierte Neufunde nicht miteingerechnet“ sind,Düwel/Nedoma, Runenkunde 2023, S. 3 zeigt einen deutlichen Fundschwerpunkt in Dänemark und Südskandinavien. Dies ist zum Teil durch die lokalen Traditionen von Runensteinen begründet. Runen waren durchaus auch entlang des Rheins, bei den Alemannen, in Bayern, Brandenburg, Thüringen sowie in Pommern, Schlesien und Böhmen begrenzt in Gebrauch, wobei sich die Funde im Norden und Osten grob vor der Völkerwanderung (200–500 n. Chr.), die im Süden und Westen zum Ende der Völkerwanderung (500–700 n. Chr.) einordnen lassen.
Dabei dominiert das ältere Futhark auf dem Kontinent, während Wikinger ab dem 4. Jahrhundert jüngere Versionen des Futhark hinterließen. In den anderen zeitweiligen Siedlungsräumen, zum Beispiel in den Niederlanden, Ungarn, Rumänien (zum Beispiel Lecani, Pietroassa und Szabadbattyán) sowie in der Schweiz, Belgien, Norditalien und Frankreich ist nur eine dünne Streuüberlieferung aus der Zeit der Völkerwanderung zu finden. Lediglich in Regionen, die von Wikingern und Nordmännern erobert worden waren, nutzte man noch einige Zeit Runen, die jedoch ebenfalls mit der Christianisierung der Nordmänner verschwanden. So waren Runen im 7. Jahrhundert noch an der niederländischen Küste, in Russland bis ins 9. Jahrhundert und auf den britischen Inseln sogar bis ins 10. Jahrhundert in Gebrauch, wobei es sich um jüngere Variationen handelt.Tineke Looijenga: Texts and Contexts of the Oldest Runic Inscriptions.
mini|Der kleine Sigtryggstein im Wikingermuseum Haithabu in Schleswig-Holstein
Die Christianisierung der Germanen, Nordmänner und Waräger führte letztendlich die lateinischen Buchstaben und in Russland die kyrillischen Buchstaben ein. Nur in den nordischen Ländern hielt sich der Gebrauch der Runenschrift bis ins 15. Jahrhundert. Die gut 350 Runeninschriften der mittelschwedischen Region Dalarna (Dalrunen) bezeugen den Runengebrauch vom späten 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert; sie befinden sich hauptsächlich auf Haushalts- und Arbeitsgeräten und sind zum Beispiel Herstellerinschriften und Besitzervermerke.Düwel/Nedoma, Runenkunde 2023
Der weitaus größte Teil der etwa 7100 Runenfunde stammt aus dem Skandinavien der Wikingerzeit. Die ältesten Inschriften datieren aus dem 2. Jahrhundert und stammen aus Moorfunden in Schleswig-Holstein, in Jütland und Fünen in Dänemark und Südschweden, sowie aus Ostdeutschland, zum Beispiel Brandenburg (Dahmsdorf) und Polen (Kowel, Rozwadów). In Deutschland und Polen wurde mit dem Aufschwung des Königreichs Preußen im 18. Jahrhundert vieles zugunsten der Landwirtschaft trockengelegt und abgetragen, sodass Runenfunde eher selten sind und sich vorwiegend auf wenige mobile Gegenstände beschränken.
Die älteste datierte Runeninschrift eines ganzen Satzes ist der Runenstein von Svingerud, datiert auf 1–250 n. Chr. Daneben gibt es mehrere Funde mit einzelnen Worten. Dazu gehört das 2024 entdeckte Runenmesser aus einem Urnengrab bei Odense, datiert um 150 n. Chr, mit der Inschrift „hirila“ (kleines Messer). Aus dem Moorfund von Vimose stammt ein Kamm mit der Inschrift harja (Kamm), der in die Zeit 150–200 n. Chr. datiert wird. Die Fibel von Meldorf ist eine in Schleswig-Holstein gefundene bronzene Rollenkappenfibel (Gewandspange), die in das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert wird. Sie ist damit zwar älter als andere Funde, doch besteht die vierbuchstabige Inschrift nicht sicher aus Runen; ihre Lesung ist deshalb umstritten, es könnte aber eine Vorstufe der Runen sein.Klaus Düwel: Runenkunde. 3., vollständig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2001, ISBN 3-476-13072-X, S. 23. Etwas jünger ist die auf einer eisernen Speerspitze eingeritzte Bezeichnung raunijaR (der Stamm raun- = „versuchen“, „erproben“). Die Spitze wurde in einem Grab aus der Zeit um 200 n. Chr. in Øvre Stabu (Oppland) Norwegen gefunden.Klaus Düwel: Runenkunde. 3., vollständig neu bearbeitete Auflage. Metzler, Stuttgart/Weimar 2001, ISBN 3-476-13072-X, S. 24.
Die Verwendung von Schrift war vor Christi Geburt in den germanischen Kulturen nicht verwurzelt. Bereits früh gab es jedoch regelmäßige Handelskontakte zu den schriftkundigen Griechen. Möglicherweise gab es Vorstellungen, die gegen eine Übernahme dieser Innovation sprachen. Eine Schriftkultur hatte sich daher sehr spät und nur im Ansatz entwickelt. Sie ging kaum über eine kleine Elite von Schreibern hinaus und wurde mit magischer Bedeutung belegt. Die Runenschrift entwickelte sich daher nie zu einer vollwertigen Buch- und Urkundenschrift und erfasste nie Bereiche der Alltagskommunikation und des kollektiven Gedächtnisses, wie es bei Schriftsystemen der Römer, Griechen oder Perser der Fall war. Literatur, Liturgie, Geschichte und Recht wurden zunächst mündlich, später lateinschriftlich überliefert. Runen wurden vor allem für Inschriften zum Gedenken an Verstorbene oder an besondere Ereignisse, zur Weihe oder zum Verschenken von Gegenständen, als Besitzerangaben und als Münzinschriften verwendet.
Erst im hochmittelalterlichen Skandinavien bildete sich, in Konkurrenz zur lateinischen Schrift, eine Art Gebrauchsschriftlichkeit in Runen aus. In einigen isolierten Dörfern der Provinz Dalarnas hat sich deren Gebrauch bis zur Einführung der Schulschrift im 19. Jahrhundert erhalten und ist für die Schreibung des mittelalterlichen Älvdalisch belegt. Der jüngste Beleg mit Dalecarlischen Runen stammt von 1909.
Bezeichnungsherkunft Im 17. Jahrhundert wurde das neuhochdeutsche Wort Rune aus der dänischen philologischen Literatur entlehnt, zunächst als gelehrte Bezeichnung für den germanischen Sänger (Runen und Skalder, Schottel), dann für das germanische Schriftzeichen (18. Jahrhundert), neben Runbuchstabe. Zuvor war das dänische Wort rune aus dem Altdänischen wiederbelebt worden.
Die Bedeutung des Wortes im Sinne von „Schriftzeichen“ greift zurück auf altnordisch rún, Plur. rúnir, rúnar „Zauber-, Schriftzeichen“. Das altnordische Wort entspricht altenglisch rūn „Geheimnis, geheime Beratung, Runenzeichen“, gotisch rūna „Geheimnis, Ratschluss“ und althochdeutsch rūna „geheime Beratung, Geheimnis, Geflüster“. Die althochdeutsche Bedeutung ist im Verb raunen erhalten geblieben.raunen. In: Duden online Bis ins 19. Jahrhundert war zudem das schweizerische Substantiv Raun für eine „geheime Abstimmung, Stimmabgabe ins Ohr einer beeidigten Magistratsperson“ gebräuchlich.Wolfgang Pfeifer et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 8. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2005. Stichwort: „Rune“. Alle genannten Wortformen beruhen auf urgermanisch *rūnō mit Grundbedeutung „Geheimnis“.
Die Bezeichnung der germanischen Schriftzeichen mit dem urgermanischen Wort *rūnō- findet sich schon in der Runeninschrift auf dem Stein von Einang (ca. 350–400) als Akk. sg. runo. Außerhalb der Runeninschriften findet sich das Wort in einem Gedicht (um 565) von Venantius Fortunatus (Carmina VII, 18), der im fränkischen Merowingerreich mit Runen in Berührung gekommen sein könnte: Barbara fraxineis pingatur rhuna tabellis/quodque papyrus agit virgula plana valet („Die Rune der Barbaren mag man auf eschene Tafeln zeichnen; was der Papyrus vermag, tut der geglättete Zweig“). Nach einer Theorie leitet sich das Wort Buchstabe von den Buchenstäben ab, auf die die Runen geritzt wurden. Nach einer weiteren Theorie geht die Bezeichnung auf den kräftigen senkrechten Strich, den sogenannten Stab, zurück, der vielen Runen gemein ist. Für eine genauere Beschreibung der vermuteten Etymologie vgl. den zugehörigen Eintrag im Artikel Buchstabe.
Rune ist in der Finnougristik und in manchen Übersetzungen auch die Bezeichnung für die einzelnen Gesänge der Kalevala und andere Werke der karelischen und finnischen Volksdichtung.Vgl. Rune. In: Duden online
Ursprung Die Runen sind vermutlich weder unabhängig entstanden, noch sind sie von den Germanen als fertiges Schriftsystem übernommen worden, sondern wurden weitgehend eigenständig nach Vorbildern mediterraner Schriften entwickelt. Sie treten allerdings schon sehr früh als komplettes Alphabet mit 24 Buchstaben auf. Vor allem die lateinische Schrift, aber auch die zahlreichen vom Lateinischen verdrängten und untergegangenen Schriften des keltisch-alpin-italischen Raums kommen als Vorbilder in Betracht. Runen gehören damit – sowohl in ihrem Prinzip einer Alphabetschrift als auch in der Form vieler Lautzeichen – zu der großen phönizisch-aramäischen Familie von Alphabeten, zu denen auch alle heutigen europäischen Schriften gezählt werden.
Der Ursprung der Runenschrift ist zeitlich und räumlich kaum zu erhellen, weil die ältesten Belege bereits einen etablierten Satz von Zeichen präsentieren. Die bisher ältesten gesicherten Runenfunde liegen auf der Halbinsel Jütland. Aber auch in Schleswig-Holstein und Schweden tauchen etwa gleich alte Funde auf. Sie sind in die zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts einzuordnen. Es handelt sich um Gegenstände aus Mooropferplätzen in Jütland wie Vimose, Illerup Ådal, Nydam und Thorsberg. Vorstufen dieser Schrift, an denen ihre Entstehung nachzuvollziehen wäre, konnten nicht zweifelsfrei identifiziert werden. Das im älteren Futhark äußerliche Charakteristikum der Runen ist die Vermeidung waagrechter und gebogener Linien, was früher immer wieder die Vermutung aufkommen ließ, dass es sich um eine Buchstabenumformung handelt, die dazu geeignet sein sollte, vor allem in hölzernes Material geritzt zu werden. Man nahm folglich an, dass Vorstufen der Runen nur deshalb nicht bewahrt sind, weil ihr mutmaßlicher Träger Holz sich schlecht erhalten hat. Trotzdem sollte auch davon ausgegangen werden, dass im Zuge der Christianisierung diese Zeugnisse zerstört wurden. Neuere Funde (zum Beispiel Moorfunde von Illerup Ådal, Dänemark) zeigen jedoch auch gerundete Formen (zum Beispiel bei der Odal-Rune) auf metallenen Waffenteilen.
Bei der Herkunft der Runen muss der Formenreichtum der epichorischen Alphabete beachtet werden, bei der gleiche Zeichen in verschiedenen Städten am Mittelmeer andere Lautwerte hatten, gleiche Lautwerte mit anderen Buchstaben geschrieben wurden, gleiche Buchstaben anders geschrieben wurden und für den örtlichen Dialekt eigene Zeichen hinzugefügt wurden. Beispielgebend ist Omega eine lokale Erfindung, die ans Ende der phönizischen Reihenfolge angehängt wurde, wie auch Othala am Ende der älteren Runenreihe steht. Da die rätische Sprache keinen O-Laut kannte, konnte es nicht als Quelle für die Schreibung mit Omikron dienen, wie es die lateinische und etruskische Sprache machten. Gleichwohl kann die andere Schreibung des Lautwerts (O-mega heißt „großes O“) dort bekannt gewesen sein, spätestens mit dem Attizismus des 1. Jahrhunderts v. Chr.
Es werden vier Hypothesen zur Entstehung der Runenschrift vertreten:
Italisch-etruskische Hypothese