Schleimkeim – Otze und die DDR von unten ist ein deutscher Dokumentarfilm von Jan Heck über Dieter Ehrlich, genannt „Otze“, den Sänger der DDR-Punkband Schleim-Keim aus dem Jahr 2023.
Handlung Der Film zeichnet anhand von Interviews und (wenigen) Archivaufnahmen den Weg von Dieter Ehrlich nach und umfasst die Zeitspanne von der Gründung der Band Schleim-Keim bis zu Ehrlichs Tod im Jahr 2005. Interviews wurden unter anderem mit den Bandmitgliedern Mario „Isegrim“ „Lippe“ Lippmann und Hagen Schröder, seinen Jugendfreunden Speiche und Abse, dem Zeitzeugen Geralf Pochop, Michael „Pankow“ Boehlke (ehemals bei der DDR-Band planlos) sowie Höhnie von Höhnie Records geführt.
Dieter Ehrlich, der den Spitznamen Otze erhielt, wuchs auf einem Bauernhof zusammen mit seinem Bruder Klaus Ehrlich auf. Während seine Mutter als herzliche, aber etwas raue Persönlichkeit beschrieben wird, ist sein Vater streng und unnahbar. Als Jugendlicher hörte er im Westradio bei BBC zum ersten Mal Punkmusik, insbesondere Sex Pistols, The Clash und die Ramones. Über eine in den Osten eingeschmuggelte Bravo von der Oma sah er dann auch zum ersten Mal den Look. Anschließend gründete er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Klaus die Band Schleim-Keim, eine der ersten Bands dieser Art in der DDR. Das Equipment schweißte und lötete er aus alten Elektrogeräten zusammen, das Schlagzeug wurde aus Mülleimern zusammengestellt. Von Beginn an gehörte auch gesteigerter Alkoholkonsum zum Image von Otze und seiner Band.
Auftritte fanden vor allem im Umfeld der evangelischen Jugendarbeit statt. Die Band wurde, wie die gesamte Punkszene jener Zeit, von der Stasi beobachtet und mit Repressalien bedacht. Dennoch gelingt es ihnen, zusammen mit Zwitschermaschine ein Tape in den Westen zu schmuggeln und ein Album bei Höhnie Records zu veröffentlichen. Das Pseudonym Sau-Kerle flog jedoch schnell auf. Was niemand damals wusste war, dass Dichter Sascha Anderson, der bei Zwitschermaschine als Sänger aktiv war, ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) war. Dieter Ehrlich fuhr mehrfach ein und wurde ebenfalls als IM angeworben. Diese Tatsache wurde jedoch erst nach der Wende bekannt. Die Interviewten verziehen ihm den Verrat, da er wohl keine verwertbaren Informationen geliefert und zum Teil die Stasi in die Irre geführt habe. Auch sie berichten von den Repressionen, die sie, zum Teil nur wegen ihrem Äußeren, erfuhren.
Nach der Wende versackte Ehrlich. Er konnte in der Wendezeit nicht an seine damaligen Erfolge anknüpfen, die Band zerbrach 1995. Ehrlich versank im Drogensumpf und war zum Teil obdachlos. 1999 tötete Ehrlich seinen Vater mit einer Axt und kam in eine psychiatrische Anstalt, wo er 2005 an einem Herzinfarkt verstarb.
Hintergrund Schleimkeim – Otze und die DDR von unten wurde von Regisseur Jan Heck, einem Schwaben, gedreht. Der Filmemacher, der selbst in einer Punkband spielte, war bereits in seiner Jugend Fan der Band. Es handelt sich um das Regiedebüt des ansonsten als Kameramann und Schnitttechniker arbeitenden Heck.
Veröffentlichung Seine Premiere hatte der Film im November 2023 beim Filmfest Braunschweig. Er wurde im Anschluss auf mehreren Filmfestivals gezeigt. Bei Dokville, einem Dokumentarfilmkongress in Stuttgart, gewann er 2024 den Deutschen Dokumentarfilmpreis in der Kategorie Musik und war ab dem 14. März 2024 im Kino zu sehen. Den Verleih übernahm Arsenal Filmverleih. Am 22. Juli 2024 folgte die DVD-Veröffentlichung.
Rezeption Der Film gilt als authentischer Blick auf den DDR-Punk-Underground. Ferdinand Meyen von Bayern 2 lobte vor allem, dass er seinen Protagonisten auf Augenhöhe begegne und nicht den Fehler mache, Otze zu idealisieren. Die Dokumentation helfe „dabei, den Osten zu verstehen.“
Das Lexikon des internationalen Films urteilte: „Der erfrischende Dokumentarfilm wirft einen unverstellten Blick auf die Ost-Punks zwischen Ekstase, Selbstzerstörung, Verrat, Krankheit und Tod. Eine vitale, kurzweilige Erinnerung an oppositionelle Außenseiter und ihre grausame Unterdrückung durch das DDR-System.“
Weblinks
SCHLEIMKEIM - OTZE UND DIE DDR VON UNTEN - Im Gespräch mit Jan Heck (German). Filmemacher Jan Heck spricht über seinen Dokumentarfilm.
Einzelnachweise
Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Musikfilm Kategorie:Filmtitel 2023 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Punk (DDR)