200px|mini|Imogen von Herbert Gustave Schmalz Cymbeline (frühneuenglischer Originaltitel: The Tragedie of Cymbeline, in einigen späteren Ausgaben auch veröffentlicht unter dem Alternativtitel Cymbeline, King of Britain; in deutschen Übersetzungen als „Zymbelin“, „König Zymbelin“, „Cymbelin“ oder zuletzt auch „Kymbelin“) ist ein Schauspiel von William Shakespeare. Das Werk spielt in der Zeit der römischen Antike und handelt vom Schicksal der Imogen (auch Innogen), der Tochter von König Cymbeline. Imogen heiratet heimlich und gegen den Willen ihrer Stiefmutter den niedrig geborenen Posthumus. Vom Hof verbannt gelangt dieser nach Rom, wettet auf die Untreue seiner Frau und strebt, nachdem er getäuscht wurde, danach, Imogen ermorden zu lassen. In den Wirren militärischer Konflikte zwischen Rom und Britannien trifft Imogen ihre verloren geglaubten Brüder wieder, die böse Stiefmutter gesteht auf dem Sterbebett ihre Intrigen gegen die Tochter des Königs, Posthumus vergibt seinem verräterischen Freund und Imogen verzeiht ihrem Mann den Mordanschlag. Als Quelle für das Stück hat Shakespeare vermutlich die Novelle II, 9 aus Boccaccios Decamerone und Auszüge aus Holinsheds Chronicles verwendet. Der Autor hat das Drama wahrscheinlich im Jahre 1610 fertig gestellt. Die früheste Aufführung wird durch einen Bericht des elisabethanischen Astrologen und Okkultisten Simon Forman bezeugt, der das Stück in seinen Aufzeichnungen erwähnt und angibt, es am Globe Theatre – vermutlich im Jahre 1611 – gesehen zu haben. Die erste Druckversion erschien 1623 in der First Folio. Seit Edward Dowden wird das Werk zur Gruppe der späten Romanzen gerechnet.
Handlung Imogen, die Tochter des Königs Cymbeline, war verlobt mit Cloten, dem Sohn der neuen Königin. Statt seiner hat sie jedoch heimlich Posthumus, einen Mann niederen Standes, der große Verdienste erworben hat, geheiratet. Der verärgerte Cymbeline verbannt Posthumus daraufhin aus seinem Königreich. Letzterer gibt Imogen beim Abschied ein Armband und erhält einen Ring von ihr. Posthumus' treuer Diener Pisanio bleibt am Hofe.
In Italien wettet Iachimo (oder „kleiner Iago“), ein Soldat der römischen Armee, mit dem exilierten Posthumus, dass er Imogen zum Ehebruch verführen kann; gelingt ihm dies, dann soll Posthumus ihm den Ring geben. In Britannien hat die Königin dem Doktor Cornelius aufgetragen, ihr ein tödliches Gift zu besorgen; der gibt ihr aber nur ein Schlafmittel, das den Anschein des Todes hervorruft. Dieses Mittel, das sie als Beruhigungsmittel ausweist, übergibt sie Pisanio. Der aus Italien angereiste Iachimo versucht Imogen für sich zu gewinnen, wird jedoch zurückgewiesen. Er gibt scheinbar auf und bittet, eine große Truhe in Imogens Zimmer abstellen zu dürfen, die seinen wertvollsten Besitz enthalte, was Imogen gewährt. In der Nacht entsteigt Iachimo der Truhe, mustert das Schlafgemach und die schlafende Imogen, die ein Muttermal auf der linken Brust hat, und streift das Armband von ihrem Handgelenk. Zurück in Italien erklärt er Posthumus, die Wette gewonnen zu haben, schildert Imogens Schlafgemach und präsentiert das Armband. Dem zunächst ungläubigen Posthumus beschreibt er dann das Mal auf Imogens Brust, worauf Posthumus ihm den Ring gibt.
In Britannien verweigert Cymbeline dem römischen Botschafter Caius Lucius, die Tributzahlung fortzusetzen, die Julius Caesar erzwungen hatte. Pisanio hat einen Brief von Posthumus erhalten mit der Aufforderung, Imogen aus London zu bringen und sie zu ermorden. Er gibt ihr einen zweiten Brief von Posthumus mit der Bitte, sie möge sich nach Milford Haven an der Küste von Wales begeben, wo sie ihn treffen werde. In Milford Haven gesteht Pisanio seine Täuschung und zeigt Imogen den ersten Brief, in dem Posthumus ihr Untreue vorwirft. Er schlägt Imogen vor, Knabenkleidung anzulegen und in die Dienste des Caius Lucius einzutreten, wodurch sie nach Italien kommen könne, und gibt ihr als Stärkungsmittel für die Reise das von der Königin erhaltene Mittel. Am Hofe ist unterdessen Imogens Abwesenheit aufgefallen, der zurückgekehrte Pisario gibt Cloten einen falschen Aufenthaltsort an, wohin dieser sich mit einem Anzug von Posthumus aufmacht. Imogen hat sich in der Wildnis verirrt und stößt auf „Polydore“ und „Cadwell“, die, was sie nicht weiß, ihre eigenen Brüder Guiderius and Arviragus sind. Zwanzig Jahre zuvor hatten zwei britische Edelmänner Meineide geschworen, indem sie den Edelmann Belarius des Zusammenwirkens mit den Römern beschuldigten, woraufhin er von Cymbeline aus dem Königreich verbannt wurde. Belarius entführte aus Rache Cymbelines Söhne, um ihn ohne Thronerben zu lassen. Die Söhne wurden von der Amme Euriphile aufgezogen, die sie für ihre Mutter halten. Auf der Jagd treffen Belarius und die Söhne auf den mit Posthumus’ Anzug bekleideten Cloten, der von Guiderius in einem Duell getötet und enthauptet wird. Imogen hat inzwischen das Mittel genommenTabor nimmt an, dass es sich bei der Pflanze, die Imogen einen totenähnlichen Schlaf versetzt, um Gämswurz handeln könne, Edward Tabor, Plant Poisons in Shakespeare. Economic Botany 24/1, 1970, 86 und die zurückkehrenden Männer halten sie für tot. Sie lassen Clotens kopflosen Körper bei ihr und verlassen sie so. Nach einiger Zeit erwacht Imogen und hält den toten Körper neben sich für denjenigen ihres Mannes. Als Caius Lucius mit seinem Heer auftaucht, stellt sie sich als Fidele vor und wird als Page in die Dienste des Römers aufgenommen.
Der Kampf zwischen dem römischen und dem britannischen Heer gestaltet sich für dieses zunächst ungünstig, obschon Posthumus, mit den Römern nach Britannien gekommen, die Römer verlässt und für die Britannier kämpft. Dann aber tauchen auf britannischer Seite Belarius, Guiderius und Arviragus auf – die Römer werden besiegt, Caius Lucius und Posthumus, der römische Kleidung trägt, gefangen genommen. Um den schlafenden Posthumus versammeln sich Geister seiner verstorbenen Ahnen und bitten Jupiter, mit ihrem Nachfahren Mitleid zu haben; darauf erscheint Jupiter und verkündet, er werde Posthumus’ Glück zuwege bringen. Tatsächlich kommt wenig später ein Bote mit der Order, ihn zu Cymbeline zu bringen.
Im Finale des Schauspiels treten fast alle Personen nochmals auf, um die Bruchstücke der verwirrenden Handlung zusammenzufügen. Der Hofarzt Cornelius überrascht alle mit der Nachricht, dass die Königin, Imogens Stiefmutter, gestorben sei. Mit ihrem letzten Atemzug gestand sie ihm ihre finsteren Taten: Sie liebte Cymbeline nicht, sie ließ Imogen unwissentlich durch Pisanio vergiften und hatte die Absicht, Cymbeline ebenfalls zu vergiften, damit ihr Sohn Cloten den Thron besteigen könne. Die noch verkleidete Imogen fragt Iachimo, woher er den Ring an seinem Finger habe, und dieser gesteht sein schelmisches Tun. Imogen gibt sich zu erkennen, sie und Posthumus umarmen einander. Belarius offenbart seine wahre Identität und diejenige von Arviragus und Guiderius als Söhne Cymbelines. Cymbeline schließt mit einer großen Rede an die Götter und erklärt Frieden zwischen Britannien und Rom. Die Römer dürfen unbehelligt abziehen und erhalten ihren geforderten Tribut. Zum Abschluss eröffnet Cymbeline ein großes Fest in Luds Stadt (London) und schließt mit den Worten „Nie hatt ein Krieg, eh noch die Hände / Vom Blut sich wuschen, solch ein schönes Ende.“
Literarische Vorlagen, intertextuelle Bezüge und kulturelle Zusammenhänge Obwohl das Werk mit seinen zahlreichen Verwicklungen, der Trennung der Liebenden sowie überraschenden Wendungen und der wundersamen Rettung am Ende charakteristische Merkmale einer Romanze aufweist, hat Shakespeare den Stoff für seine Geschichte nicht wie in Pericles oder The Winter’s Tale überwiegend aus der vorliegenden Romanzenliteratur seiner Zeit übernommen.
Als Vorlage für die Zeichnung der historischen Titelfigur des semi-legendären Königs Cymbeline, der im Jahre 33 v. Chr. während der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus den Thron bestiegen haben soll, wie auch für den geschichtlichen Grundriss der Auseinandersetzungen zwischen den Briten und Rom griff er stattdessen wie in seinen Historien auf Raphael Holinsheds Chronicles of England, Scotland and Ireland zurück. Holinsheds Chronicles waren 1587 in der zweiten Auflage erschienen und thematisierten nicht allein die dokumentarisch überlieferte Geschichte Großbritanniens, sondern ebenfalls die legendäre oder mythische Frühzeit. Diesen sagenhaften Teil der Chronicles nutzte Shakespeare bereits zuvor für seine großen Tragödien King Lear und Macbeth.
Im Unterschied zu Holinsheds Chronicles verlagert Shakespeare allerdings den dort in der Regierungszeit von König Kymbelines Sohn Guiderius datierten Tributstreit historisch vor. Die Beschreibung der heroischen Taten von Belarius, Guiderius und Arviragus im Kampfgeschehen mit den Römern ist an den Bericht Holinsheds über das maßgebliche Eingreifen des Bauern Haie und einer Söhne in der Schlacht von Loncart zwischen den Schotten und den Dänen im Jahre 976 n. Chr. angelehnt.
Diverse Einzelheiten in der Ausgestaltung der Figur des Guiderius lassen darauf schließen, dass Shakespeare ebenso der Bericht über Guiderius im zweiten Teil von A Mirror for Magistrates (1578) und Robert Fabyans New Chronicle of England and of France (1516) vertraut war.
Da Holinsheds Chronicles und die übrigen zeitgenössischen Geschichtsdarstellungen, die Shakespeare aller Wahrscheinlichkeit nach für den Entwurf seines Werkes heranzog, kaum Details über die britische Frühgeschichte enthielten, musste Shakespeare für ein vollständiges Drama einen Großteil der Figuren und Handlungsbausteine selber hinzufügen, wobei er neben seiner eigenen Imagination auch auf seine Erinnerungen an nutzbare Motive und Elemente der ihm bekannten älteren und jüngeren Erzählliteratur zurückgriff.Vgl. Ina Schabert (Hrsg.): Shakespeare-Handbuch. Die Zeit, der Mensch, das Werk, die Nachwelt. 5., durchgesehene und ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-520-38605-2, Seite 464 und Ulrich Suerbaum: Der Shakespeare-Führer. Reclam, Ditzingen 2006, ISBN 3-15-017663-8, 3. rev. Auflage 2015, ISBN 978-3-15-020395-8, S. 197. Siehe auch Michael Dobson, Stanley Wells (Hrsg.): The Oxford Companion to Shakespeare. Oxford University Press, 2. Ausgabe, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-870873-5, S. 244, und Jonathan Bate, Eric Rasmussen (Hrsg.): William Shakespeare Complete Works (The RSC Shakespeare). Macmillan Publishers 2008, ISBN 978-0-230-20095-1, S. 2244. Vgl. zu den angegebenen Quellen ebenso die detaillierte Darstellung in Roger Warren (Hrsg.): William Shakespeare: Cymbeline. Oxford World's Classics. Oxford University Press, Oxford 1998, Introduction S. 15ff. und S. 26–42, sowie Valerie Wayne (Hrsg.): William Shakespeare: Cymbeline. The New Arden Shakespeare. Third Series. Bloomsbury 2017, Introduction, S. 94–109.
So findet sich beispielsweise die Wette zwischen Posthumus und Giacomo über die Treue Imogens vorgebildet in Giovanni Boccaccios Novellensammlung Decamerone (wahrscheinlich abgefasst zwischen 1349 und 1353) in der neunten Geschichte am zweiten Tag (Novelle II.9), die Shakespeare entweder im Original oder aber in einer der zahlreichen französischen Übersetzungen vorgelegen haben muss.