Polavision war ein 1977 von Polaroid vorgestelltes und im Mai 1978 in den Markt eingeführtes „Sofortbild“-Schmalfilmsystem. „Sofortbild“ bedeutete dabei, die Filmkassette konnte wenige Minuten nach dem Belichten vorgeführt werden, indem sie in ein spezielles Betrachtungsgerät – mit Anschluss an das Stromnetz – eingelegt und daraufhin automatisch entwickelt wurde. Das System wurde bereits 1979 wegen Erfolglosigkeit wieder eingestellt.
Vorgeschichte thumbnail|Edwin Herbert Land bei der Vorstellung von Polavision Idee Polaroid hatte bereits erfolgreich Sofortbild-Kameras eingeführt, zunächst nach dem Trennbild-Verfahren, dann mit dem Integralfilm des Systems SX-70. Letzteres bedeutete, das Bild kam unmittelbar nach dem Auslösen von einem Motor bewegt aus der Kamera und entwickelte sich ohne jedwedes Zutun des Fotografen von allein. Polavision setzte diese Idee auf bewegte Bilder um, ein Schmalfilm sollte sich nach der Belichtung ebenfalls ganz von allein entwickeln. Dies setzte ein neukonstruierte Filmkassette voraus, da die bekannte Super-8-Kassette weder Platz für die erforderlichen Chemikalien zur Entwicklung bot, noch der Film zurückgespult werden konnte. Eine neue Kassette erforderte wiederum eine spezielle Kamera. Da Polaroid den Film auch zur Vorführung in der Kassette belassen wollte, bedurfte es überdies eines speziellen Vorführgeräts.
Marktchancen Treibende Kraft des Projekts war der Unternehmensgründer Edwin Herbert Land, während die meisten Mitarbeiter es ablehnten. Ihr Argument war: Super 8 macht nur etwa 3 % des gesamten Fotomarkts aus und mit solch einer Dimension ist es unmöglich, die Entwicklungskosten wieder herein zu bekommen – egal, zu welchem Preis man die Geräte und Filme anbietet. Land hingegen argumentierte: Es handelt sich um etwas ganz Neues, dass man mit Super 8 nicht vergleichen kann und dass deswegen ungleich mehr Erfolg haben wird.Polavision: the Product That Killed Polaroid Youtube
Ein weiteres Problem bestand in der fraglichen Zukunft des Schmalfilms. Akai hatte bereits 1970 den tragbaren Videorecorder VT 100 und eine Videokamera dazu herausgebracht. Es handelte sich zwar noch um Schwarzweiß-Geräte, sie zeigten aber bereits die Zukunft, mit 20 min Spielzeit pro Band und einer derart immensen Lichtempfindlichkeit, dass man problemlos in der Dämmerung oder bei Zimmerbeleuchtung aufnehmen konnte. Aus diesen Grund kam das Wort Film in der Bezeichnung der Filmkassetten nicht vor, sie erhielten den eigenartigen Namen Polavision Phototape Cassette.
Problematisch war auch das an sich für einen „Sofortbild“-Film nicht nötige Konzept, den Film für immer in der Kassette zu belassen. Zum einen musste man einen längeren Film mit mehreren Pausen schauen, in denen das Vorführgerät den Film zurückspulte und die Kassette anschließend auswarf; während der typische Super-8-Projektor 120 m Film entsprechend etwa 25 min Laufzeit ohne Unterbrechung vorführen konnte. Dies betraf insbesondere die häufige Schmalfilm-Anwendung Urlaubsfilm. Zum anderen konnte man den Film nicht schneiden und deswegen vor allem misslungene Aufnahmen nicht beseitigen. Bei Videorecordern konnte man zwar ebenfalls noch nicht schneiden, weil das nur mit Überspielen ging und der dafür erforderliche zweite Recorder viel zu teuer gekommen wäre. Aber man konnte sich eine Aufnahme sofort ansehen und sie gegebenenfalls wieder löschen.
Erste Ankündigungen Polaroid hielt Neuentwicklungen grundsätzlich bis zur Markteinführung geheim, Anfang 1974 erschien aber ein zweiseitiger Bericht in Popular Science. Dieser erwähnte die schon seit einiger Zeit im Umlauf befindlichen Gerüchte, welche aber nur darauf fußten, dass nach dem Sofortbild-Foto ein Sofortbild-Film wahrscheinlich ist. Aber er ergänzte die Analyse von Polaroid-Patenten mitsamt einer Skizze der zukünftigen Kassette. Dabei ging man bereits davon aus, dass der Film immer in der Kassette verbleit und nicht in der Kamera, sondern im Projektor entwickelt wird. Bis zur Vorstellung würden aber noch ein paar Jahre vergehen.Instant Movies - Next blockbuster from Polaroid?, Popular Science März 1974
Tatsächlich waren die Entwicklungsarbeiten schon weit fortgeschritten, der Wechsel des Geräteherstellers führte aber zu einer erheblichen Verzögerung. Zunächst arbeitete man mit Bell & Howell zusammen, mehrfache Änderungswünsche führten aber im Sommer 1974 zur Trennung. 1976 kam es dann zu einem Vertrag mit Eumig, dieses Unternehmen kreierte die Apparate dann ganz nach den Wünschen von Polaroid.
System Eumig produzierte die Kamera und das Betrachtungsgerät in seinen Werken in Österreich. Zuerst berichtete wiederum Popular Science davon und zeigte mit einem dreiseitigen Artikel Fotos von der Kamera und dem Betrachtungsgerät, man vermutete aber noch einen Preis unter $ 500 für beides zusammen. Tatsächlich lag der Listenpreis dann bei $ 699. In Österreich wurde das Set für 9.990 öS angeboten. Polavision war damit erheblich teurer als vergleichbare Super-8-Geräte.
Filmkassette Maße Die Polavision-Kassette war in hoch, in breit und ¾ in dick, entsprechend 130 mm × 70 mm × 15 mm. Sie enthielt einen Film mit einer Länge von 38,5 ft, entsprechend 11,7 m, welcher der Super-8-Norm folgte und infolgedessen 2800 Bilder enthielt. Polavision lief ausschließlich mit einer Bildfrequenz von 18/s, so dass die Laufzeit 2 min 35 s betrug – gegenüber 3 min 20 s bei der Super-8-Kassette.
Aufbau In der Polavision-Filmkasette befanden sich die beiden Spulen nicht wie von Super 8 bekannt auf einer Achse, sondern in einer Ebene. War sie in einer Kamera eingelegt, dann lagen unten die Aufwickel-, darüber die Abwickelspule und nochmals darüber der Tank mit der Entwicklungsflüssigkeit. Um letzteren verlief der Film in einer Schleife. Damit der Film auch zur Vorführung in der Kassette verbleiben konnte, gab es ein Prisma hinter dem Bildfenster, welches die Lichtstrahlen der Projektorlampe auf den Film umlenkte. Der Film trug am Anfang den aufgedruckten Schriftzug unexposed und am Ende exposed.
Filmentwicklung Die Filmentwicklung wurde mit dem Zurückspulen des komplett durchgelaufenen Films automatisch eingeleitet. Der Tank für die Entwicklungsflüssigkeit war dafür mit einem Deckel verschlossen, an dem ein Kunststoffband hing. Dieses Band wies ein pfeilförmiges Ende auf, welches neben dem Film lag und durch die Bewegung des Films in ein Loch geschoben wurde, dass sich am Ende des Films befand. Durch einen Widerhaken blieb das Band im Loch hängen, dass dazu eine geeignete Form aufwies. So öffnete sich der Tank, wobei das Band mit aufgewickelt wurde und mit einer Sollbruchstelle nach der Öffnung vom Deckel abriss, der an einer bestimmten Stelle in der Kassette verblieb. Da sich die Kassette während der Entwicklung nicht in der Kamera, sondern im Betrachtungsgerät befand, hatte sie eine definierte Lage, bei der die Entwicklungsflüssigkeit direkt auf den Film lief.
Das Betrachtungsgerät erfuhr durch zwei elektrische Kontakte, ob es sich um einen unentwickelten Film handelte. Dann waren die beiden Kontakte durch ein Blech miteinander verbunden. Dieses Blech wies zwei Widerhaken auf, die sich beim Rückspulen rechts und links in den Filmanfang einhaken konnten, weil es dort eine verjüngte Stelle gab. Anschließend lief das Blech mit dem Film mit, unterbrach so den elektrischen Kontakt und bewegte ein weiteres Blech. Dieses schob sich vor den Tank, um ihn durch einhaken wieder zu verschließen.
An dem Ablauf waren mehrere Umlenkrollen beteiligt. Da es zudem Arretierungen für die beiden Spulen gab, befand sich im Inneren der Polavisions-Kassette ein ausgesprochen komplizierter Mechanismus.
Kamera Polavision Land Camera 3600 thumbnail|Polavision Land Camera Zum System gehörte eine gut, aber billig aussehende Filmkamera, was der Realität entsprach.Inside Polaroid's instant movie system, Popular Science August 1977 Ihr Objektiv war mit f/1,8 und 12 mm bis 25 mm Brennweite für eine 8-mm-Kamera weder besonders lichtstark, noch mit einem großen Zoom-Bereich ausgestattet. Für die Entfernungseinstellung konnte man den Tubus axial bewegen, wobei es nur zwei Stellungen gab, nämlich für 2 m bis 5 m und für 5 m bis unendlich. Das Zoomen ging nicht motorisch vonstatten, wie es bei Super-8-Kameras mittlerweile Standard war, sondern durch Drehen des schwergängigen Tubus, wozu man einen Hebel rechts oder links anschrauben konnte, um den Sensor des Belichtungsmessers nicht mit der Hand zu verdecken. Für die Stromversorgung befanden sich vier AA-Zellen im Handgriff. Die Bildfrequenz betrug 18/s, es gab weder Zeitlupe, noch Zeitraffer.
Für diese Kamera gab es mit der Polavision Twi Light eine einfache Filmleuchte, die auf die Kamera geschraubt wurde. Sie bestand aus zwei transparenten Kunststoffröhren mit je einer Halogen-Reflektorlampe, die mit Netzspannung betrieben wurden. Mit dem Aufschrauben bewegte sich der Rotfilter aus den Strahlengang, um bei Kunstlicht aufnehmen zu können – es verhielt sich also genau wie bei Super 8. Kamen andere Filmleuchten zum Einsatz, dann musste die unten in den Griff eingeschraubte Trageschlaufe anstelle der Filmleuchte montiert werden.
Eumig hat 171.000 Kameras produziert.
Nicht mehr realisierte Modelle Polaroid kündigte zur Vorstellung von Polavision aufwendigere Kameras an, darunter eine XL-Kamera, also eine Kamera für schlechte Lichtverhältnisse, und eine Tonfilmkamera, die mit Tonspur auf dem Film arbeitet. Zudem sprach man von einer Fotofunktion, um Einzelbilder zu belichten, also bis zu 2800 Bilder auf eine Kassette unterbringen zu können.
Mekel 300 Instant Analysis Camera Von der Mekel Engineering Inc. gab es die Hochgeschwindigkeitskamera Mekel 300 Instant Analysis Camera, die mit einer Bildfrequenz von 4/s bis 300/s aufnehmen konnte, also bei Maximalgeschwindigkeit eine Kassette in rund 10 s durchlaufen lassen konnte.
Betrachtungsgerät thumbnail|Polavision Player mit zwei Filmkassetten Polaroid bot für das System nur einen einzigen Apparat zum Betrachten an, welcher in etwa das Aussehen eines portablen Fernsehgeräts hatte. Der Polavision Player war nämlich ein Rückprojektionsgerät mit 12" Bilddiagonale. Er arbeitete mit einer 100 W Halogenlampe, die mit 12 V betrieben wurde. Das Gerät hatte nur wenige Bedienelemente: nach Abnehmen der Rückwand kam ein Drehschalter zum Vorschein, mit dem man die Netzspannung auf verschiedene Werte zwischen 100 V und 240 V einstellen konnte; unter der Rückwand gab eine Taste für den vorzeitigen Auswurf und ein Drehrad für den Bildfang; oben auf dem Gerät lag in der Griffmulde ein weiteres Drehrad für die Fokussierung.
Steckte man nach Öffnen eines Deckels auf der Gehäuseoberseite eine Filmkassette in das Gerät, dann schaltete es sich automatisch ein und startete. Erkannte es dabei eine unentwickelte Kassette, dann wurde sie in 90 s zurückgespult und dabei entwickelt. Nach 45 s Wartezeit zum Trocknen und Ausentwickeln des Film begann automatisch die Vorführung. Im Falle einer entwickelten Kassette startete die Vorführung. Am Ende wurde die Kassette binnen 15 s zurückgespult und ausgeworfen. Als Zubehör gab es die Instant Replay Control, eine Taste, die mit einer Zuleitung hinten an das Gerät angeschlossen wurde und mit der man den Film rückwärts laufen lassen konnte, um sich ein Abschnitt noch einmal anzuschauen. Problematisch an der Vollautomatik war ein Defekt an der Kassette, dann lief der Film nur wenige Sekunden vorwärts und wurde wieder zurückgespult. In diesem Fall konnte der Benutzer nicht eingreifen, um die Störung zu beheben.
Eumig hat 215.000 Polavision Player produziert.
Film Arbeitsweise Der Polavision-Film war anders als das SX-70-Sofortbild aufgebaut, nämlich nach dem Rasterverfahren. Dieses stammte aus der Zeit vor dem modernen Farbfilm, wie sie um 1935 mit Kodachrome und Agfacolor Neu erschienen. Allerdings konnte Polaroid mit 4500 Streifen pro Zoll ein feineres Raster und somit eine höhere Auflösung als damals erzeugen. Dabei verwendete man das Linienrasterverfahren: