Unser Deutschlandmärchen, der Debütroman des Schriftstellers Dinçer Güçyeter, erschien 2022 bei mikrotext und erhielt 2023 den Preis der Leipziger Buchmesse. Er schildert in vielfachen Elementen das Leben türkischer Griechen aus Anatolien als Gastarbeiter im nordrhein–westfälischen Nettetal. Im Mittelpunkt stehen Fatma, die Mutter, die für die starke Aufbauleistung aller Frauen steht, und der heranwachsende Sohn Dinçer, der sich auf die Suche nach einem eigenen Weg begibt.
Inhalt Handlung Das Buch beschreibt in harter Offenheit und abwechselnd realistischem und poetischem Ton das Leben einer Gastarbeiterfamilie der ersten Generation im niederrheinischen Nettetal. Gleichzeitig ist es ein Text, der über fast ein Jahrhundert eine Familiengeschichte erzählt. Es zeigt sich ein langer Weg der Entwurzelung und der unermüdliche Versuch, sich wieder zu erden, doch der „Boden ist eiskalt.“Dinçer Güçyeter. Unser Deutschlandmärchen: Roman. mikrotext, Berlin 2022, ISBN 978-3-948631-16-1, Deutsche Nationalbibliothek , S. 16, S. 17, S. 85.
Die Urgroßmutter Ayşe wird mit vielen anderen Menschen während des Griechisch-Türkischen Krieges zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus ihrer Heimatstadt Kavala in Griechenland vertrieben. Sie kommt mit anderen Frauen, die während der Auseinandersetzungen ihre Männer verloren haben, auf einem Pferdekarren auf dem Marktplatz eines anatolischen Dorfes an. Dort wartet Ömer Bey, der die obdachlose Frau zu sich nimmt, den Pflichten des Korans gemäß, und sie in der ersten Nacht schwängert. So berichtet es die damals gezeugte Tochter Hanife. Ömer Bey nimmt sich weitere Frauen, um seinen Stamm zu festigen, aber die einst so kraftvolle Ayşe bleibt die Fremde, die Nomadin, die namenlose Dienstmagd für alle. Vor ihrem Tod wischt Hanife ihr noch Blutspuren vom Mund ab, danach kann sie nicht einmal Suren an ihrem Grab lesen, so achtlos wurde ihre Mutter irgendwo auf einem der Friedhöfe verscharrt.
Hanife ist damals bereits mit Osman Bey, einem Tabakschmuggler, verheiratet. Auch Hanife hat kein gutes Leben. Obwohl sie schwanger ist, schlägt ihr Schwiegervater sie auf den Kopf und tritt sie in den Bauch, weil sie für ihre sterbende Mutter ein paar Stunden den Dreschplatz verlassen hat. Ihr Mann Osman Bey schlachtet ein Schaf und wickelt Hanife in das Fell, um das Ungeborene zu retten. Die Tochter Fatma wird sein Lieblingskind. Als sie zehn Jahre ist, wird ihr Vater leblos in den Hof gebracht, Todesursache ungeklärt. Die Witwe Hanife darf ihren Mann nicht mehr berühren. Dies wäre eine Sünde, da sie nun nicht mehr verheiratet ist.
Hanife packt ihr weniges Hab und Gut auf einen Ochsenwagen, dazu die drei Kinder Fatma, Mehmed Ali und Hasan, um der hartherzigen Umgebung zu entkommen. Sie zieht in die Stadt, wo sie zu viert hungernd in einer eiskalten Kammer hausen. Hanife reinigt tagsüber Teppiche und flickt nachts. Mehmed Ali kommt in der Schneiderei eines Onkels unter, aber Hasan erkrankt in der Dauerkälte.
Auf Drängen eines jüngeren Onkels aus dem Dorf und mit Hanifes halbherziger Zustimmung soll Fatma als Vorhut mit einem Verehrer aus Deutschland ihren Brüdern eine bessere Zukunft ebnen. So verlässt Fatma mit dem roten Brautschleier als Zeichen für ihre Jungfräulichkeit um die Taille das Elternhaus und folgt Yilmaz, dem Mann mit dem großen Kopf, nach Deutschland. „Fremde“, flüstert Fatma, „die Fremde, die uns seit drei Generationen hin- und herweht, von der Erde in den Himmel, vom Himmel auf die Erde. Es ist das Jahr 1965, mein neues Leben beginnt in einem Land, wo man das Geld von den Bäumen pflücken kann.“Deutschlandmärchen. S. 19.
Deutschland ist sauber, ein Land mit Regeln und voller Maschinen, ein Land ohne Teekessel, um den sich Gäste sammeln. Fatmas Sehnsucht nach Menschen ist groß, noch größer wird die Sehnsucht nach einem Kind. Yilmaz kündigt der Giesserei in Lobberich, eröffnet eine Kneipe, ist ständig verschuldet, im Gegensatz zu Fatmas inzwischen eingereisten tüchtigen Brüdern. Sie verlässt ihre vertraute Schuhfabrik, um anderswo für mehr Geld zu schuften.
Endlich, nach vierzehn Jahren wird der Grund für Fatmas Kinderlosigkeit erkannt. 1979 kommt Dinçer, der schon als ungeborenes Kind seine Stimme erhebt, zur Welt. Bald folgt sein Bruder Özgür. Yilmaz ist stolzer Vater, aber Fatma ernährt die Familie. Sie holt sich die Hilfe anderer Frauen, der Schwägerin Güley, der Nachbarin Zeynep, der Mutter Hanife, um Familie und Arbeit in der Fabrik, auf dem Feld und in Yilmaz' Kneipe zu stemmen. Dort sitzen angetrunkene Männer, die die Familienehre hochhalten, die Welt verbessern, ihre Frauen schlagen und oft zu Prostituierten gehen.
Als Dinçer, das Kind aus dem Ghetto, in den Kindergarten kommt, begegnet ihm „Deutsch, eine nagelneue Sprache“.Deutschlandmärchen. S. 76. Er selbst ist Außenseiter, aber bald wird er zum Dolmetscher der Familie. Auch in der Schule bleibt er Einzelgänger, denn außerhalb des Unterrichts fährt er mit den Frauen als Saisonarbeiter aufs Feld. Danach hilft er im Bordell seines Onkels Mustafa, der ihm stets aus der Türkei Kassetten mitbringt. Beeindruckt von einer Zeile in einem Lied der Sängerin Sezen Aksu, beginnt Dinçer, den Text umzuformulieren, denn bis „man seine eigene Sprache findet, kann es Jahre dauern. Manchmal kann aber auch ein ganzes Leben zu kurz dafür sein“.Deutschlandmärchen. S. 101. Mit acht Jahren schreibt er sein erstes Gedicht: „Das Testament“.Deutschlandmärchen. S. 189.
Wie schnell die Zeit voranschreitet, erfährt auch die einst unverwundbare Fatma, die Akkordarbeiterin mit den Stöckelschuhen, die das Leben immer härter hernimmt. Erst ein schwerer Unfall im Betrieb, dann Tuberkulose, dazu die ermüdenden Ferien in der Türkei mit Gastgeschenken als Beweis des guten Lebens im Gepäck. Dort wird weiter gearbeitet, in einer archaischen Gegend voller Mythen, strengen Sitten und grausamen Handlungen, über die niemand spricht, auch Fatma nicht.
Inzwischen brennt überall die Welt: Mölln, Solingen, so rappt Dinçers Alter Ego in der Elif–Disco.Elif heißt auch der Verlag in Nettetal, den Dinçer Güçyeter 2011 gegründet hat.Hanna Maria Hofmann: Dinçer Gücyeters „Unser Deutschlandmärchen“ im Dialog mit Scheherezade, Loreley und Dorothea Viehmann. In: Friederike Eigler (Hrsg.): Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch / A German Studies Yearbook, Band 24, de Gruyter, Berlin / Boston 2025, ISBN 978-3-11-221863-1, Deutsche Nationalbibliothek, S. 223–248, S. 231. (DNB) Von Unruhen in der Türkei ruft DJ Dinco, vom Brandanschlag von Sivas. Mit 16 beginnt Dinçer eine Lehre als Werkzeugmacher, obwohl er lieber zum Theater möchte. Wie schon in der Schule liest er sich in den Pausen durch die Weltliteratur und schreibt. Die ruppigen Kollegen halten ihn für ein Weichei, für schwul. Dennoch erwirbt sich Dinçer ein Stück ihres dicken Fells, das ihm auf dem Weg durch die Fallstricke des Literaturbetriebs helfen wird. Obwohl er neben der Fabrik inzwischen an einem Theater arbeitet, bricht er die Lehre Fatma zuliebe nicht ab. Die starke Schulter, die Fatma sich von Yilmaz erhofft hat, sollte Dinçer in ihrem Sinne ersetzen. Doch Dinçer findet seinen eigenen Weg, in dem auch feminine SeitenLisa Frieda Cosham: „Vater, Dir fehlen die Brüste“: Schriftsteller Dinçer Güçyeter über seine feminine Seite. In: Stern. 3. Mai 2023, stern.de . zugelassen sind.
Als Yilmaz erkrankt, führt Fatma die hochverschuldete Kneipe weiter. Herr Hoeke, Richter vom Amtsgericht, hilft bei der Schuldentilgung und beobachtet Dinçers Talent. Schließlich ebnet er ihm den Weg zur ersten, viel beachteten öffentlichen Lesung. Je weiter sich die Wege von Fatma und Dinçer trennen, hier das Schweigen, dort das ausgesprochene und niedergeschriebene Wort, umso mehr formen sich ihre Stimmen im Roman zum erklärenden Dialog einer Entfernung, die von starker Liebe geprägt ist.
So entsteht das gemeinsame Deutschlandmärchen. Das Lied vom Aufbruch der entwurzelten Fatma aus Anatolien, dem Ort verborgener Erzählungen in ein gelobtes Land voller Entbehrungen, eine raue neue Heimat, die einen nur duldet, so lange man nützlich sein kann und keine Träume zeigt. So wird das „Vergangene mit dem Kommenden verbunden“ und ein „eigenes Märchen“Deutschlandmärchen. S. 41. geschrieben, prophezeite einst Dinçer, der jetzt in vielen Welten zu Hause ist: als Vater, Arbeiter und Autor.
Personen Die Hauptpersonen des Romans sprechen als Stimmen oder es wird über sie von anderen berichtet. Im Zentrum stehen der Dialog von Dinçer und seiner Mutter Fatma, daneben die Erzählungen von Verwandten, Freunden und Bekannten.
Dinçer: Ältester Sohn von Gastarbeitern der ersten Generation in Nettetal, erlebt in der Grundschule Deutsch als neue Sprache. Er verbindet körperliche mit literarischer Arbeit. Fatma, die Mutter: Sie folgt als Vorhut für ihre Brüder dem unbekannten Yilmaz als Ehefrau von der Türkei nach Deutschland. Sie ist der Halt der Familie. Yilmaz, der Vater: Farbrikarbeiter, dann Kneipier und stets verschuldet. Die schwermütigen türkischen und arabischen Kasetten-Lieder in der Bar regen Dinçers Phantasie zum Dichten an. Yilmaz ist in Anatolien begraben. Özgür, Dinçers jüngerer Bruder. Die Mutter Fatma soll ihn dem kinderlosen Onkel Mehmed Ali und seiner Frau zur Adoption überlassen. Fatma wehrt sich und ernährt ihre Familie mit Hilfe anderer Frauen. Hanife, die Großmutter (mütterlicherseits): Witwe von Osman Bey, dem Tabakschmuggler, streng volksgläubig und voller Geschichten, geht mit den Söhnen von Anatolien nach Deutschland, wohnt später bei Fatma und hilft. Ayşe, die Urgroßmutter (mütterlicherseits): Sie wird während der griechisch-türkischen Auseinandersetzungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Kavala nach Anatolien vertrieben. Zeynep, Nachbarin und Unterstützerin Fatmas: Sie hat eine umgekehrte Familiengeschichte wie Ayşe. Sie lebte mit den Eltern in Istanbul. Von dort wurden sie 1955 nach Kavala in Griechenland ausgewiesen, dem Ort, aus dem Dinçers Urgroßmutter Ayşe stammte. Tante Güley: Sie kommt 1988 aus der Türkei nach Nettetal und ist ihrer Schwägerin Fatma eine große Hilfe. Onkel Mustafa: Bordellbesitzer. Er schenkt Dinçer eine Kassette, die ihn zu ersten eigenen Formulierungen anregt. Herr Hoeke: Richter am Amtsgericht. Er erkennt und fördert Dinçers Talent und hilft ihm beim ersten Schritt an die Öffentlichkeit.
Realer Hintergrund Dinçer Güçyeter wurde wie der Dinçer des Romans 1992 als Sohn von Eltern der ersten Gastarbeitergeneration in Nettetal geboren. Mehrere Familienfotos aus dem Privatarchiv des Autors zeigen unter anderem ihn, die Eltern Fatma und Yilmaz, den Bruder Özgür, Hanife und den Ort der Sommerferien, Uşak in der Ägäis-Region, Heimat der Großeltern väterlicherseits.Deutschlandmärchen u. a, S. 12, S. 13, S. 20, S. 23, S. 24, S. 36, S. 45, S. 46, S. 47, S. 53, S. 63, S. 75, S. 92, S. 194, S. 212, Hinweis Privatarchiv, S. 216. Die Fotos deuten auf eine ausführliche Familienrecherche hin, denn einige von ihnen erschienen bereits in Güçyeters Lyrikband Aus Glut geschnitzt,Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt. Gedichte. Elif, Nettetal November 2017, Deutsche Nationalbibliothek. dazu ein übergroßes Bild der Kernfamilie in dem Gedichtband Mein Prinz, ich bin das Ghetto.Dinçer Gücyeter: Mein Prinz, ich bin das Ghetto. Gedichte. Elif, Nettetal Mai 2021, Deutsche Nationalbibliothek, S. 40. Die Handschrift in diesem Buch wird im Impressum als die seines Sohnes Yilmaz Nazim Güçyeter ausgewiesen.
Form Aufbau und Erzählform