alt=Hermann Prigann, „Gelbe Rampe“, III. Europa-Biennale Niederlausitz 1995, Aufnahme von April 2015|mini|Herman Prigann, „Gelbe Rampe“, III. Europa-Biennale Niederlausitz 1995, Aufnahme von April 2015 Die Europa-Biennale Niederlausitz war eine internationale Kunstprojektreihe, die im Jahr 1991 am Tagebau Cottbus-Nord und in den Jahren 1993 und 1995 am Rande des zu diesem Zeitpunkt auslaufenden Tagebaus Greifenhain in Pritzen im Land Brandenburg durchgeführt wurde. Im Rahmen der Biennale entstanden insgesamt 47 Kunstobjekte, die sich mit den Themen Bergbau, Landschaftszerstörung und Landschaftswandel auseinandersetzen. Einige der Kunstwerke sind bis heute in der „Kunstlandschaft Pritzen“ erhalten.

Die Kommission der europäischen Gemeinschaft zeichnete das Projekt des 1. Symposiums für eine Biennale mit dem Preis „Kulturbühne Europa 1991“ aus.

Hintergrund und Anliegen

Mitte der 1880er-Jahre wurden in der Niederlausitz die ersten Tagebaue zur Förderung von Braunkohle aufgeschlossen. Die in den folgenden Jahrzehnten kontinuierliche Steigerung der Förderleistung führte zu einer großräumigen Vernichtung gewachsener Natur- und Kulturlandschaften. So entstanden „‚wüstenähnliche‘ Flächen inmitten einer zivilisatorisch voll erschlossenen und besiedelten Landschaft“. Eine besondere Herausforderung stellte die Stilllegung zahlreicher Tagebaue infolge der Deutschen Wiedervereinigung und die daraus folgende Notwendigkeit der Rekultivierung großer Flächen dar.

Parallel zu den damit verbundenen massiven Strukturveränderungen entstanden im Sommer 1990 Bestrebungen, die entstehenden Bergbaufolgelandschaften kulturell und künstlerisch zu beleben, unter anderem mit dem Ziel, der Heimat eine andere Perspektive zu geben als die einer Kohleregion. Am 16. April 1991 wurde der Förderverein Kulturlandschaft Niederlausitz e.V. gegründet. Zu seinem Ehrenvorsitzenden ernannte der Verein den Landschaftsarchitekten Otto Rindt, einen der Nestoren der Landschaftsplanung. Um den mehrere Jahre umfassenden Übergang von der Industrielandschaft zur Kulturlandschaft sichtbar zu machen, initiierte der Förderverein die Idee einer internationalen Biennale.

Die Biennale sollte Bestandteil des langfristigen Großvorhabens Kulturlandschaft Niederlausitz sein, dessen Träger der gleichnamige Förderverein in Zusammenarbeit mit der Regierung des Landes Brandenburg, der Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG), der Technischen Universität Cottbus und weiteren Partner war. Grundidee des Großvorhabens war, die Zerstörung der Landschaft als Möglichkeit der Neukonzeptionierung und Neugestaltung zu nutzen und eine „humanisierte, voll funktionsfähige Landschaft in der Vielfalt von Natur und Siedlung, Wirtschaft, Verkehr, Erholung und Kultur“ zu schaffen. Das Ziel, eine Kulturlandschaft zu gestalten, beschränkte sich dabei nicht auf einen der genannten Bereiche, sondern verfolgte den Anspruch, die kulturelle Entwicklung in sämtlichen genannten Feldern zu fördern.

Die als internationale Veranstaltung konzipierte Biennale war mit dem Großvorhaben Kulturlandschaft Niederlausitz durch die folgenden Hauptgedanken inhaltlich verbunden: der Gesamtsicht auf die Problematik von Mensch und Umwelt, einer aktiven und konstruktiven Haltung gegenüber den Einzelproblemen des Beziehungsgefüges Natur – Mensch – Zivilisation – Kultur, dem Europa-Gedanken sowie der europäischen künstlerischen Bewegung Arte Nella Natura/Kunst in der Natur/Art in nature bzw. Land Art. In diesem Sinn verstand sich die Biennale „auf künstlerisch schöpferischem (wie auf intellektuellem) Gebiet als regelmäßig wiederkehrender Appell an Vernunft und Verantwortungsbewußtsein aller an der Entstehung von Umweltproblemen Beteiligten [...], indem sie die Gegensätze zwischen natürlicher und zivilisierter Umwelt reflektiert, gegebenenfalls verdeutlicht“.

1. Symposium/I. Biennale 1991, Tagebau Cottbus-Nord Vom 26. August bis zum 15. September 1991 wurde als Auftakt das 1. Symposium der Biennale Europäischer Länder für Land Art, Objektkunst und Multimedia in der Niederlausitz mit 29 Künstlerinnen und Künstlern aus neun Ländern durchgeführt. Veranstaltungsort war der Südost-Bereich des Tagebaus Cottbus-Nord am heutigen „Südkap“, Veranstalter der Förderverein Kulturlandschaft Niederlausitz e. V. und die Lausitzer Braunkohle AG. Es wurden mehr als 8000 Besucher gezählt. Das Symposium wurde im Jahr 1993 rückblickend als I. Europa-Biennale bezeichnet.

Einen Schwerpunkt bildete die Kunstform Art in nature, die mit ihren Werken in der Natur mit den Mitteln der Natur auf ein erneuerungsbedürftiges Verhältnis zwischen Mensch und Natur aufmerksam und zu seiner Neugestaltung beitragen wollte. Die Arbeiten waren großflächige Installationen in der Landschaft, Aktionen, Performances und experimentelle Musik – nicht als homogenes Ganzes konzipiert, sondern als eine Reihe souveräner einzelner künstlerischer Arbeiten. Aktions- und Ausstellungsfläche war in der Anmutung eines großen Amphitheaters der Tagebau selbst. Teil des Symposiums war die Dokumentation desselben.

Am Symposium bzw. der Biennale wirkten mit:

Kategorie Objekte und Installationen in der Landschaft: Claudio D'Ambrosio (Viterbo/Italien), Solveig Bolduan (Spremberg), Vladimír Broniševský (Košice/CSFR), Kazimierz Kowalczyk (Danzig/Polen), Marlen Liebau (Berlin), Zenon Polus (Zielona Góra/Polen), Samuel La Roze (Chabeuil/Frankreich); Kategorie Landschaftsgestaltung: Ben Wagin (ORT) unter Mitarbeit von Manfred Karsch (Berlin); Kategorie Aktionen, Multimedia und Performance: AUDIO-GRUPPE (Benoît Maubrey, Vereinigte Staaten; Gerrit de Vries, Niederlande; Manfred Thiem, Deutschland; vorgeführt von Studenten der Pädagogischen Hochschule Cottbus), Stefan Schiske (Berlin) und Marlen Liebau (Berlin), Frank Petzold (Cottbus), Herman Prigann (Portals Nous/Spanien); Kategorie Sicht und Reflexion (Dokumentation): Maria Otte (Melle), Thomas Kläber (Cottbus), Wolfgang Dressel (Berlin), Mischa Kuball (Düsseldorf), Jan Cyž (Bautzen) und Ars Video (Cottbus; Roswitha Kleitz, Dieter Heinz, Regina Siewert, Andreas Wirth, Jan Cyž).

Die Vorbereitung und Durchführung des Symposiums wurde von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe beider Veranstalter getragen. Die Konzeption und künstlerische Leitung des Symposiums hatte Bettina Winkler, die Gesamtregie lag in den Händen von Heinrich Schierz (gest. am 28. November 2020), Geschäftsführer des genannten Fördervereins und Gründungsdirektor der damaligen Galerie Kunstsammlung des Bezirksmuseums Cottbus, heute Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst.

II. Biennale 1993, Pritzen mini|Pit Kroke, „Die Arche“, II. Biennale 1993, Aufnahme vom Juli 2025 Die II. Biennale der Europa-Biennale Niederlausitz wurde vom 22. August bis zum 12. September 1993 durchgeführt. Veranstalter waren der Förderverein Kulturlandschaft Niederlausitz e. V., die LAUBAG, die Association Art in Nature (Paris), die Hochschule der Künste in Berlin, die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste, die Technische Universität Cottbus, die Pädagogische Hochschule Zielona Góra und das Staatstheater Cottbus.

Veranstaltungsort war der Ort Pritzen und sein landschaftliches Umfeld. In den 1970er-Jahren näherte sich der Tagebau Greifenhain dem Dorf zunächst von Osten und schwenkte dann nördlich um die Ortslage. Die Tagesanlagen befanden sich am südlichen Ortsrand. Aufgrund der dadurch entstandenen und bis heute erhaltenen Lage des Ortes am Ende einer in den Tagebau hineinreichenden Landzunge wurde 1973 die Umsiedlung des Ortes beschlossen und große Teile in den Jahren 1982 und 1989 abgebrochen. In der Folge wurden 188 Einwohner umgesiedelt. Im Jahr 1992 wurde der Tagebau vorzeitig stillgelegt, die Abbaggerung Pritzens abgewendet und Pläne für eine Revitalisierung des Dorfes entworfen. Zum Zeitpunkt der II. Biennale befand sich Pritzen daher in einem ruinösen Zustand; von 400 Einwohnern lebten nur noch 30 im Dorf.

Im Gegensatz zur I. Biennale entstanden auf längerfristige Erhaltung ausgerichtete Arbeiten, die nicht lediglich in einem „Schauraum“ installiert werden sollten, sondern den Anspruch hatten, Beiträge zur Landschaftsgestaltung in einem Rekultivierungsgebiet und Maßnahmen zur Neugestaltung einer zerstörten Landschaft zu leisten. Die Werke wurden größtenteils in einem Zeitraum von drei Wochen realisiert. Nicht umgesetzt wurde die Idee von Guiliano Mauri, der als einziger die alte Dorfmitte für seine Arbeit gewählt hatte. Hier sollte an die Stelle der alten Pritzener Kirche aus Rundhölzern die Grundform einer dreischiffigen Kathedrale entstehen, die später von Bewuchs umrankt werden würde. An die Stelle der abgetragenen und in Spremberg wieder aufgebauten Dorfkirche wurde stattdessen der mittelalterliche Glockenturm des ebenfalls devastierten Ortes Wolkenberg errichtet; Mauri ließ sein Werk in zehn Meter Entfernung quasi als Skizze aufbauen.

In einer ergänzenden Ausstellung in einer ehemaligen Halle der Tagesanlagen Greifenhain wurden Skizzen, Entwürfe, Modelle und Überlegungen der Künstler und ihrer Arbeiten geboten.

An der II. Biennale wirkten mit:

Kategorie Objekte und Installationen in der Landschaft: Marc Babarit und Gilles Bruni (Nuaillé/Frankreich), Solveig Bolduan (Spremberg), Mercedes Engelhardt (Berlin), Mikael Hansen (Albertslund/Dänemark), Pit Kroke (Berlin), Giuliano Mauri (Lodi/Italien), Nils-Udo (Riedering), Eiji Okubo (Inagawa/Japan), Zenon Polus (Zielona Góra/Polen), die Grupe POST ARS (Aleksas Andriuškevičius, Robertas Antinis, Česlovas Lukenskas-Čezius; Kaunas/Litauen), Herman Prigann (Portals Nous/Spanien) mit einer Studentengruppe der Technischen Universität München-Weihenstephan in Freising (Udo Weilacker, Klaus Overmeyer, Gitti Dorfstätter, Stefanie Arneht, Siri Frech, Thomas Jakob, Reiner Mertins), Peter F. Strauss (Bad Endorf-Hemhof) und Rolf Viva (Saarbrücken); Kategorie Aktionen, Konzeptionen, Performance und Konzerte: Marlen Liebau und Stefan Schiske (Berlin), Frank Petzold (Cottbus), Mauro Staccioli (Mailand/Italien).

Die Hauptpreise gingen an die Gruppe POST ARS und an Solveig Bolduan. Die Lausitzer Rundschau verlieh ihren Sonderpreis an Marc Babarit und Gilles Bruni.

Das Leitungsgremium bestand aus einem von den acht Veranstaltern berufenen zehnköpfigen Kuratorium, das Projektmanagement hatte der Förderverein Kulturlandschaft Niederlausitz e. V. als Initiator und regieführender Veranstalter inne. Die Gesamtleitung lag in den Händen von Heinrich Schierz.

III. Biennale 1995, Pritzen alt=Eberhard Krüger, Grüner Dom (Baumgruppe), III. Biennale 1995|mini|Eberhard Krüger, „Grüner Dom“ (Baumgruppe), III. Biennale 1995, Aufnahme von Juli 2025 Die III. Biennale der Europa-Biennale Niederlausitz fand in der Zeit vom 19. Juni bis zum 9. Juli 1995, wiederum in der Ortslage von Pritzen und dem landschaftlichen Umfeld am auslaufenden Tagebau Greifenhain, statt. In Kontinuität zur II. Biennale wurde dieser Ort aufgrund seiner besonderen Lage und seiner anfanghaften Transformation von einer Kohle- zu einer Bergbaufolgelandschaft mit einem sich langsam füllenden Tagebaurestloch bewusst gewählt. Auf die Ausschreibung hin hatten sich 270 Künstlerinnen und Künstler aus 30 Ländern beworben.

Veranstalter waren der Förderverein Kulturlandschaft Niederlausitz e. V., die Lausitzer Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LBV mbH), die Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG), die Bergbausanierung und Landschaftsgestaltung GmbH (BUL) Sachsen, die Association Art in Nature (Paris), die Europäische Akademie der Wissenschaften und Künste, die Associazione Arte Natura Sardegna, die Hochschule der Künste in Berlin, die Technische Universität Cottbus und das Staatstheater Cottbus.

An der Biennale wirkten mit: