Siegfried Langer (* 1. September 1857 in Schönwald; † Anfang Juni 1882 im Jemen) war ein österreichischer Orientalist, Epigraphiker und Fotograf. Er erlangte vor allem durch eine Forschungsreise Bekanntheit, die ihn zwischen April 1881 und Juni 1882 nach Syrien und in den Jemen führte. Während dieser Expedition entdeckte und untersuchte er im Süden der arabischen Halbinsel insgesamt 22 koptische, himyarische sowie sabäische InschriftenAdolf Grohmann: Kulturgeschichte des alten Orients. Arabien (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Dritte Abteilung, Erster Teil, Band 3). C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, 1933, Seite 97. und war damit der erste Forscher seit Joseph Halévy mehr als ein Jahrzehnt zuvor, dem in dieser Region die Entdeckung neuer Inschriften gelang. Im Alter von nur 24 Jahren fiel er in der jemenitischen Wüste einem Mord zum Opfer. Annähernd 20 von Langer zusammengetragene Alltagsgegenstände sowie ebenso viele Fotografien sind heute Bestandteil der Sammlung des Weltmuseums in Wien und werden dort teilweise auch als Exponate ausgestellt.Auflistung der von Langer stammenden Objekte im Sammlungsbestand des Weltmuseums Wiens. Abgerufen auf weltmuseumwien.at (Weltmuseum Wien) am 31. Oktober 2025.
Leben Herkunft und Ausbildung Langer kam 1857 in der kleinen Ortschaft Schönwald (tschechisch: Šumvald) zur Welt, die damals innerhalb des Kaisertums Österreich zur Markgrafschaft Mähren gehörte. Nachdem die Familie, die jüdischen Glaubens war,Eric Macro: Yemen and the Western World since 1571. C. Hurst & Company, 1968, Seite 85. in die etwa 28 Kilometer südsüdöstlich gelegene Stadt Olmütz (tschechisch: Olomouc) gezogen war, besuchte Langer dort die Volks- und Realschule. In seiner Jugend unternahm er während der Schulferien eigenständig ausgedehnte Wanderungen durch das Niedere Gesenke, durch die preußische Provinz Schlesien, durch das Erz-, das Riesen- und das Fichtelgebirge, durch Süddeutschland, die österreichischen Alpen, die Schweiz und auch durch Oberitalien.Siegfried Langer †. In: Mittheilungen der kaiserlichen und königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 25 (Band 15 der neuen Folge), 1882, Seiten 370–376. Darüber hinaus begeisterte er sich bereits zu dieser Zeit für orientalische Sprachen.
Nach seinem Schulabschluss zog er nach Wien – anfangs mit dem Ziel, ein Lehramtsstudium aufzunehmen und „die modernen, insbesondere aber auch die orientalischen Sprachen zu studieren“. Zwischen 1879 und 1881 war er dann an der Universität Wien immatrikuliert und hörte Vorlesungen von Adolf Wahrmund, Leo Reinisch, Joseph von Karabacek und David Heinrich Müller. Als sogenannter externer Hörer wohnte er zudem Lehrveranstaltungen zur türkischen und zur arabischen Sprache an der kaiserlich-königlichen Akademie für Orientalische Sprachen bei. Ferner nahm er privaten Arabischunterricht bei Yousef al-Khalidi, dem ehemaligen und zukünftigen Bürgermeister Jerusalems, der damals an der Akademie lehrte. Zwar wurde Langer posthum von Eduard Glaser als „Doktor der Archäologie und der orientalischen Sprachen“ bezeichnet, diese Beschreibung ist allerdings vermutlich eher im Sinne von „Gelehrter“ zu verstehen, denn es gibt keine Hinweise auf eine Promotion Langers.
Reise nach Vorderasien Vorgeschichte Als die beiden Studenten Siegfried Langer und Eduard Glaser von ihrem Professor Müller nach der Zielsetzung ihres Studiums gefragt wurden, antworteten beide, dass sie gerne Forschungsreisende werden würden.Vom Afrikareisenden Siegfried Langer. In: Die Neue Zeit. Jahrgang 35, Nr. 178, 7. August 1882, Seiten 1–2 sowie Nr. 178, 8. August 1882, Seiten 1–2. Während Glaser dabei eine Expedition nach Afrika vorschwebte, interessierte sich Langer besonders für die arabische Region.
Glaser gelang es als erstem der beiden Kommilitonen, seine Pläne zu konkretisieren, und er ersuchte Müller um Unterstützung des Vorhabens. Dieser machte ihm deutlich, dass er eine Afrika-Expedition nicht fördern könne, wohl aber eine nach Arabien, wo „man nur allein[e] oder höchstens mit einem Führer und so unauffällig als möglich reisen muß.“ Daraufhin gab Glaser seine ursprünglichen Pläne auf und ließ sich auf eine Arabienreise ein. Da die südarabische Epigraphik Müllers Forschungsschwerpunkt war, knüpfte er an eine potentielle Unterstützung den Wunsch, die epigraphischen Funde der Expedition im Anschluss zusammen mit Glaser untersuchen zu wollen. In den folgenden Wochen konnte er dann gemeinsam mit Moritz Güdemann und Emanuel Mendel Baumgarten erhebliche Geldmittel einwerben. Zudem empfahl er Glaser in London und Paris und veranlasste Fachkollegen, ebenfalls Empfehlungsschreiben zu verfassen. Es kam jedoch zum Bruch zwischen beiden, als Glaser in Frankreich „sehr große Summen“ bewilligt wurden – verbunden allerdings mit der Maßgabe, dass die epigraphischen Funde ausschließlich an französische Universitäten abzuliefern seien. Müller versuchte, dieses Ansinnen zu verhindern oder zumindest einen Kompromiss zu finden, war damit jedoch nicht erfolgreich und sah letztlich sogar „den österreichischen Charakter der Expedition“ nicht mehr gewahrt.
Wenig später trat Siegfried Langer an ihn heran und bat nun seinerseits um Unterstützung für seine eigenen Reisepläne. Müller lehnte dies jedoch zunächst ab – „nicht etwa, [weil] ich ihn für minder fähig als Glaser gehalten hätte, sondern aus dem einfachen Grunde, weil es mir schwer fiel, von Neuem eine gleich große Summe für ihn aufzubringen und weil ich noch immer hoffte, daß Herr Glaser die Unkorrektheit seiner Handlungsweise einsehen werde, in welchem Falle ich ihm gegenüber gewisse Verpflichtungen zu erfüllen gehabt hätte.“
Finanzierung Trotz dieser zunächst ungünstigen Aussichten war Langer derart motiviert, dass er Müller gegenüber zu verstehen gab, „nach Arabien [zu] reisen [...], selbst wenn er sich dorthin durchbetteln müßte“. Tatsächlich gelang es ihm aber in der Folge, zahlreiche Fördergelder einzuwerben. So gewährten ihm beispielsweise sowohl die Preußische Akademie der Wissenschaften als auch die in Wien ansässige kaiserliche und königliche Geographische GesellschaftKultur und Wissenschaft. In: Über Land und Meer – Allgemeine Illustrirte Zeitung. Jahrgang 23, Band 46, Nr. 37, 1881, Seite 739; Eine neue Forschungsreise nach Süd-Arabien. In: Mittheilungen der kaiserlichen und königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 24 (Band 14 der neuen Folge), 1881, Seiten 126–127. und das österreichische Ministerium für Kultus und Unterricht Förderungen (letzteres 300 Gulden); außerdem erhielt er Zuwendungen von Freunden und Bekannten. Zum Zeitpunkt der Abreise verfügte er über einen Barbestand von mindestens 2100 Gulden und mehrere Hundert weiterer Gulden wurden ihm in den darauffolgenden Wochen und Monaten zugesendet. Unter anderem quittierte er nachweislich am 3. Mai 1882 den Eingang von umgerechnet 1050 Franc.
Erste Etappe: Syrien mini|Foto von Langer: Schüler einer protestantischen Schule neben einem Brunnenhaus und Wasserwerk in Gaza am 29. November 1881. Im April 1881 brach Langer auf und reiste zunächst ins osmanische Vilâyet Syrien. Um seine Arabischkenntnisse weiter zu verfeinern und vor allem, um sich die Umgangssprache anzueignen, verbrachte er dort acht Monate. Während dieser Zeit lebte er teilweise in Gemeinschaft mit Beduinen und akklimatisierte sich mit der arabischen Lebensweise. Schließlich verließ er im Dezember 1881 per Schiff die ägyptische Stadt Port Said, durchfuhr den Suezkanal und erreichte im Februar 1882 – „nach einer langen Irrfahrt an der südarabischen Küste“ im Roten Meer – die Stadt al-Hudaida im Vilâyet Jemen.
Zweite Etappe: al-Hudaida und Sanaa Als erster Europäer reiste Langer dann zwischen dem 21. Februar und dem 26. März 1882 entlang der „wenig begangene[n] Route“ von al-Hudaida über Bayt al-Faqīh, Dhuran (Ḍūrān / Dhoran / Dhorân) und Dhaff (Ḍāff / Dhaf) in die im Hochland gelegene Vilâyetshauptstadt Sanaa, wo er dem örtlichen Gouverneur Botgoriceli Ismail Hakki Pascha bereits empfohlen worden war. In Sanaa durfte er sich frei bewegen.
Als er allerdings nach zweiwöchigem Aufenthalt aufbrechen und mit ersten Stationen in Raida und Saʿda zusammen mit einem gewissen Chabschusch – der bereits Joseph Halévy geführt hatte – weiter nach Norden und ins Landesinnere vordringen wollte, verweigerte der Gouverneur ihm die dafür notwendige Erlaubnis. Es ist davon auszugehen, dass er in der unsicheren Region nicht für Langers Wohlbefinden garantieren konnte und nicht die Verantwortung für eine mögliche Gewalttat gegen den Österreicher übernehmen wollte. Stattdessen ließ Hakki Pascha ihn nach al-Hudaida zurückbringenVorderasiatische Gesellschaft (Hrsg.): Der Alte Orient – Gemeinverständliche Darstellungen. Jahrgang 8, Heft 4, 1907, Seite 29. und trug ihm auf, das Land zu verlassen. Langer wandte sich daraufhin mit der Bitte um Vermittlung an den kaiserlichen und königlichen Minister des kaiserlichen Hauses und des Äußeren Gustav Kálnoky. Er hoffte, dass die Hohe Pforte in Konstantinopel auf österreichisches Drängen ein Ferman an den jemenitischen Gouverneur schicken würde, in dem ihm die ungehinderte Fortsetzung der Reise garantiert würde.
Dritte Etappe: Aden mini|Foto von Langer: Die Zisternen von Tawila in Aden am 7. Mai 1882 – etwa drei Wochen vor Langers Ermordung. Die Zeit bis zur Reaktion des Außenministeriums wollte Langer produktiv nutzen und reiste daher nach Aden, wo er Mitte April eintraf. Fast an der Südspitze Jemens gelegen, war die Stadt seit 43 Jahren als sogenanntes Aden Settlement eine befestigte britische Kolonie und von hier aus agierten die Briten in einem schmalen, von unterschiedlichen Stämmen bewohnten Küstenstreifen als Schutzmacht. Langer besaß zwar keine Empfehlungsschreiben für James Blair, den britischen Political Resident von Aden, wurde diesem aber dennoch vom österreich-ungarischen Vizekonsul Victor Escher vorgestellt. Langer erläuterte hierbei seine Pläne, von Aden aus zur Nûr-MoscheeJoseph Alexander von Helfert: Jahres-Bericht des Präsidenten der k. k. Geographischen Gesellschaft. In: Mittheilungen der kaiserlichen und königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 26 (Band 16 der neuen Folge), 1883, Seiten 1–3. im Sultanat Ober-Yafi reisen und dann weiter in die Region Hadramaut vordringen zu wollen. Obschon Blair ihn eindringlich vor der Gefahr warnte, ohne ausreichende Eskorte in Gebiete des Landesinneren zu reisen, die nicht mehr unter britischem Schutz stünden, zeigte sich Langer unbesorgt. Blair stellte ihm daraufhin zumindest Empfehlungsschreiben für die Stämme der Abdali, Hauschabi und Ober-Yafi aus, durch deren Gebiete er reisen wollte.
Am 20. Mai verließ Langer Aden. Sein letztes Lebenszeichen war eine Nachricht, die er am 29. Mai aus Lahidsch abschickte: „Ich reise heute von [Lahidsch] ab und begebe mich über den Hanschebi Amir nach Yasa.“ In Lahidsch stellte man Langer eine Eskorte aus Männern des Abdali-Stammes und im Hauschabi-Stammesgebiet unterstützte man ihn mit Kameltreibern, die ihn bis ins Alawi-Stammesgebiet begleiteten. Dort wiederum versah man ihn mit einer Eskorte bis zu den Grenzen des Emirates Dhala. Langer traf dort auf den Emir ’Ali ibn Muqbil al-’Amiri und erklärte auch ihm, dass er auf dem Weg zur Nûr-Moschee sei. Daraufhin stellte dieser ihm zwei Kamele und Kameltreiber zur Verfügung, die ihn bis ins Gebiet des Stammes der al-Mahlay begleiteten, wo er abermals zwei Kamele und Führer erhielt, die ihn nun bis zu einer Samsara – einer typisch jemenitischen Karawanserei – begleiteten, in der die Stämme al-Abd Allah und Dâeri Zölle verlangten. Langer zahlte dort sechs Stammesvertretern den geforderten Zoll.
Ermordung