mini|Kristofer Hansteen (1865–1906) Kristofer Hansteen, getauft als Christopher Hansteen, (* 29. November 1865 in Røros; † 2. März 1906 in Kristiania (Oslo)) war der erste norwegische Anarchist. In einer wohlhabenden und angesehenen Familie geboren, verweigerte er Konfirmation und Studium und heiratete eine Dienstmagd. Er erlernte den Beruf eines Schriftsetzers und war der alleinige Verfasser, Setzer und Verteiler zweier anarchistischer Zeitschriften. Obwohl sich sein Anarchismus auf gewaltlose Propaganda beschränkte, wurde er als Teilnehmer der Maidemonstration 1893 verhaftet und zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Einer späteren Verfolgung wegen Majestätsbeleidigung und Wehrdienstverweigerung entzog er sich durch ein vorübergehendes Exil in England. Er starb mit 40 Jahren an Tuberkulose.
Obwohl Kristofer Hansteens Überzeugungen auf einer mangelhaften theoretischen Grundlage beruhten, beeindruckte seine charismatische Persönlichkeit durch selbstlosen Einsatz und unerschütterlichen Idealismus. „Er hat mehrere Generationen junger Menschen in der norwegischen Arbeiterbewegung beeinflusst.“
Familie
Kristofer Hansteen ist ein Spross der bekannten norwegischen Familie Hansteen, die von seinem Urgroßvater, dem Zollinspektor Johannes Mathias Hansteen (1744–1792) begründet wurde. Der Großvater Christopher Hansteen, auf dessen Vornamen er getauft wurde, war ein bekannter Physiker und Astronom. Die Malerin und Frauenrechtlerin Aasta Hansteen ist seine Tante; Harald Viggo Hansteen, eines der ersten Opfer der deutschen Besatzung Norwegens, ist sein Neffe.
Kristofer Hansteen war das älteste Kind des Bergwerksdirektors Harald Hansteen (1821–1903) und der Lagertha Mathilde Heiberg (1835–1898). Er hatte zwei Brüder, Edvard Heiberg (* 1867 in Røros) und Viggo (* 1871 in Kongsberg), und die Schwester Engel (* 1870 in Kongsberg).
Am 15. Dezember 1891 heiratete er das Dienstmädchen Olga Strøm (* 20. Februar 1869 in Elverum; † 2. Mai 1941 in Oslo), die Tochter des Vorarbeiters Ole Olsen Strøm (* 1830) und der Johanna Bergersdatter Dahler (* 1845). Kurz danach wurden dem Ehepaar, das sich in Kristiania in der Vibes gate 8 in Frogner niederließ, zwei Töchter geboren: Kathrine Johanna (* 29. April 1892) und Tora Lagerta (* 12. Dezember 1893). Die beiden wurden, da ihr Vater jegliche Religion ablehnte und aus der Kirche ausgetreten war, erst nach seinem Tod getauft, als sie bereits Teenager waren.
Leben Jugend mini|Polizeifoto von Kristofer Hansteen, 1893 Zur Zeit seiner Geburt war Kristofers Vater Direktor des Kupferbergwerks in Røros. Nach einigen Jahren (spätestens 1870) zog die Familie nach Kongsberg um und Harald Hansteen übernahm die Leitung des dortigen Silberbergwerks. In Kongsberg erhielt Kristofer seine Schulausbildung. 1884 legte er als Privatschüler in Kristiania das examen artium (Abitur) ab.
Die Hansteens waren, obwohl wohlhabende Patrizier, sehr liberal gesinnt. Harald Hansteen war für seine radikelen Ansichten bekannt und die Tante Aasta Hansteen war eine frühe Verfechterin der Frauenrechte. Kristofer ging noch einige Schritte weiter: Er wollte unter den Arbeitern leben und sich als einer von ihnen fühlen. Deshalb änderte er seinen Vornamen, den er in Gedenken an seinen berühmten Großvater erhalten hatte, von der dänischen in die volkstümliche, norwegische Schreibweise. Er lehnte es ab, sich konfirmieren zu lassen, einen bürgerlichen Beruf einzuschlagen oder ein Studium zu beginnen und Geld von seiner Familie anzunehmen.
Schriftsetzer Kristofer Hansteen absolvierte eine Lehre zum Schriftsetzer. „Unter den Arbeitern kam er mit den modernen sozialen Ideen in Berührung, las Karl Marx und Krapotkin. Vor allem Letzterer übte einen großen Einfluss auf den jungen Mann aus und prägte seine gesamte Weltanschauung.“ Nach der Ausbildung arbeitete er einige Jahre als Buchdrucker in Kopenhagen und Leipzig. Das war Ende der 1880er Jahre, als Bismarck mit dem Sozialistengesetz die Arbeiterbewegung im Deutschen Reich zerschlagen wollte.
Bei einem Spaziergang in Leipzig unterhielt Kristofer sich mit einem norwegischen Freund (wie üblich) über soziale Fragen und ließ sich dabei zu dem lauten Aufruf „Nieder mit dem Kaiser und Bismarck!“ hinreißen. „Dass daraufhin sofortige Verhaftung, Untersuchungshaft und Ausweisung folgten, ist fast überflüssig zu erwähnen.“
Spätestens ab seiner Rückkehr nach Norwegen war Kristofer Hansteen kein Sozialdemokrat mehr, sondern Anarchist, nach verbreiteter Meinung sogar der erste Anarchist Norwegens.
Anarchist mini|Ankertorget, Veranstaltungsort der Maidemonstration 1893 (Foto ca. 1935) Aber zunächst wurde er zum Wehrdienst eingezogen, was er widerwillig mit sich geschehen ließ. Als er dann gemeinsam mit seinen Kameraden den Fahneneid ablegen sollte, weigerte er sich mit der Beteuerung „Niemand kann mich zwingen, gegen mein Gewissen zu schwören!“. Axel Bloch, ein Weggefährte Kristofers, der diese Geschichte berichtet, bezeichnet ihn deshalb auch als Norwegens ersten Kriegsdienstverweigerer. Jedenfalls war die Staatsmacht auf einen solchen Fall (noch) nicht vorbereitet. Hansteen wurde verhaftet, aber nach einiger Zeit mit der Begründung freigelassen, er sei verrückt.
In den Jahren 1891 und 1892 hielten sich einige deutsche Arbeiter in Kristiania auf und verbreiteten anarchistische Ideen. Sie gründeten die anarchistisch-kommunistische Gruppe Libertas. Nachdem sie im Herbst 1892 Norwegen wieder verlassen hatten, bestand die Gruppe nur mehr aus zwei Personen, darunter Kristofer Hansteen. Nach dem allmählichen Anwachsen auf 8 bis 10 Mitglieder blieb Hansteen der aktivste der Gruppe, die im Laufe des Winters 1893 mit Versammlungen öffentlich in Erscheinung trat. „Die Gruppe ging über den Individualismus hinaus und sah die Ursache für die Unfreiheit in der Herrschaft einer einzelnen Klasse über die Produktionsmittel der Gesellschaft.“ Libertas wurde ab 1893 von der Polizei überwacht, war aber eine legale Vereinigung. Sie sah ihren Zweck in Aufklärung und Propaganda und lehnte Gewalt als Mittel ab.
Zu Libertas gehörten außer Kristofer Hansteen unter anderem Axel Bech, Lorentz Nybø (1870–1912), Petter Nilssen, Rasmus Steinsvik, Sigwald Lian (1874–1909) und sein Bruder Ole Olsen Lian (1868–1925). Letzterer war 1906 bis 1925 Vorsitzender der LO (Norwegischer Gewerkschaftsbund) und 1912 bis 1918 stellvertretender Vorsitzender der Arbeiterpartei.
Maidemonstration mini|Kristiania, 1. Mai 1892: Polizeiliche Beschlagnahme der Fahne der Anarchistisch-kommunistischen Gruppe Libertas. Karikatur aus dem Witzblatt Vikingen vom 7. Mai 1892. Libertas nahm als Gruppe auch an den Maidemonstrationen der Arbeiter auf dem Ankertorget in Kristiania teil. Dabei war bereits 1892 ihre rote Fahne von der Polizei beschlagnahmt worden, was vom Witzblatt Vikingen mit einer hämischen Karikatur kommentiert wurde. Dies wiederholte sich im Folgejahr, am 1. Mai 1893: Sobald die 8 bis 9 Mann starke anarchistische Gruppe auftauchte, stürmte die Polizei heran, um die Fahne zu beschlagnahmen. Nach einem kurzen Handgemenge wurde der Fahnenträger Hansteen verhaftet und wegen „Gewalt gegen einen Beamten im Dienst“ angeklagt. Er gestand, Polizeikommissar Ove Mossin „vorsätzlich“ „mit der Faust ins Gesicht geschlagen“ zu haben, als „öffentlichen Protest gegen die Aufforderung der Polizei, den Ort mit der Fahne zu verlassen“.
Die umstrittene Fahne war „ein kleines rotes Tuch von der Größe eines großen Taschentuchs“, berichtete die Zeitung Social-Demokraten und verteidigte das Recht der Anarchisten, wie alle anderen Arbeiterorganisationen für den Achtstundentag zu demonstrieren. Außerdem sei Hansteen „ein harmloser, körperlich äußerst schwacher idealistischer Fantast“, und sein Schlag sei von einer Art, „die kaum eine Fliege töten könnte“. Bürgerliche Zeitungen erinnerten sich später an Hansteens Tat als einen „Überfall“ bzw. „Angriff“.
Der bei der Maidemonstration anwesende Vorsitzende der Arbeiterpartei, Ole Georg Gjøsteen, protestierte gegen den Polizeieinsatz, ließ die Sache aber auf sich beruhen. Dies brachte ihm so heftige Kritik aus der eigenen Partei ein, dass er noch im selben Jahr zurücktreten musste. In den Zeitungen und unter Politikern wurde die Verhaftung und das spätere Urteil als Überreaktion angesehen und als unzulässige Einmischung der Polizei in die Arbeiterbewegung und den 1. Mai.
Zuchthaus mini|Maidemonstration in Kristiania (Foto 1924) Nach sieben Wochen in Untersuchungshaft wurde Kristofer Hansteen im September 1893 zu acht Monaten Zwangsarbeit verurteilt, eine Strafe, die kurz vor Weihnachten von der Regierung auf sechs Monate herabgesetzt wurde. Social-Demokraten bezeichnete diese „Begnadigung“ als „reine Komödie“: „Sechs Monate Zwangsarbeit für eine leichte Ohrfeige, die er einem provokativen Polizisten versetzt hat. Er wurde in eine Klasse mit Dieben, Räubern und Gaunern gesteckt, weil er auf etwas demonstrative Weise das Versammlungsrecht geltend gemacht hat.“ (zitiert bei)
Hansteen trat am 2. Januar 1894 seine Strafe an. Man rasierte ihm den Bart ab und erlaubte nur einmal alle sechs Wochen Besuch von seiner Frau. Briefe an ihn wurden vom Direktor des Strafvollzugs zensiert. Er wurde mit ein wenig Schreibarbeit und dem Flicken alter Kleider beschäftigt. Als er am 2. Juli 1894 entlassen wurde, hatten die sechs Monate, davon fünf Tage nur mit Wasser und Brot in einem Keller, körperliche Spuren hinterlassen. Er war blass, mager und bartlos, wie ein Geist. „Aber sein politischer Eifer war nicht gebrochen.“
Axel Bech berichtet auch von Kristofers erfolgreichem Widerstand gegen die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst in der Gefängnisanstalt. Er unterbrach die Predigt des Geistlichen mit dem Schrei „Du lügst, Geistlicher. Du alter Lügner!“. „Der Priester sank auf seiner Kanzel zusammen und musste hinausgetragen werden. Kristofer bekam eine zusätzliche Strafe, musste aber nicht in die Kirche gehen.“
Die freie Gesellschaft In den folgenden Jahren veröffentlichte Kristofer Hansteen eine Reihe von Broschüren, u. a. Til proletariatet (An das Proletariat), Undervisning uten dogmer (Unterricht ohne Dogmen) und Det frie samfund (Die freie Gesellschaft). Letztere war die Übersetzung einer 1887 in New York erschienenen „Abhandlung“ des deutschen Anarchisten Johann Most, zu der Hansteen ein eigenes langes Nachwort beisteuerte. Der Text beschrieb als Ziel eine Gesellschaft mit größtmöglicher individueller Freiheit. Er ist teilweise romantisierend und naiv, aber er bringt auch Dinge zur Sprache, die später umgesetzt wurden, wie flexible Arbeitszeiten.
Unterricht ohne Dogmen wurde ursprünglich von Hansteen als Vortrag gehalten. In diesem warf er der Volksschule vor, nur Dogmen darüber zu vermitteln, wie die Welt sei. Dagegen sollte gefragt werden, warum sie so sei und wie eine bessere Welt aussehen könnte.
En oprørers Ord (Worte eines Rebellen) ist Kristofer Hansteens Übersetzung des ersten Buches von Peter Kropotkin, das 1885 als Paroles d'un révolté in Paris erschienen war und Artikel Kropotkins aus seiner Zeitung Le Révolté enthielt. Hansteen gab seine Übersetzung in einzelnen Heften à 10 Øre heraus, die er den Käufern eigenhändig zustellte.
Anarkisten mini|Peter Kropotkins Paroles d'un révolté (Paris, 1885), die Kristofer Hansteen als En oprørers Ord ins Norwegische übersetzte