Deutschland erwache! ist ein politisches Gedicht von Kurt Tucholsky (unter dem Pseudonym Theobald Tiger) aus dem Jahr 1930. Es ist als antifaschistischer Warnruf zu lesen, der die Losung „Deutschland erwache!“ ironisch umkehrt und auf das Erstarken der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik aufmerksam macht.

Entstehung und Veröffentlichung Das Gedicht entstand 1930 im Spannungsfeld der Weimarer Republik. Es erschien in der Berliner Arbeiter-Illustrierten Zeitung (AIZ), einem von Willi Münzenberg herausgegebenen, anti-faschistischen Wochenblatt. Die AIZ gelang eine hohe Auflage (bis zu 350.000 Exemplare im Jahr 1930) und sie bot eine Plattform für linke Intellektuelle wie Erich Kästner, Maxim Gorki und Kurt Tucholsky (alias Theobald Tiger).

Inhalt und Form Inhaltlich besteht das Gedicht aus vier mehrzeiligen Strophen mit jeweils gereimten Versen. Die Jülicher Stadtverwaltung beschreibt es als einen „scharf formulierten Warnruf“ gegen Radikalisierung und Gewalt. Das Gedicht arbeitet mit einfachen, drastischen Bildern (Grab, Totenkranz, Übungsgranaten) und einem dramatischen Umschlag: nach Beschreibung von Bedrohung und Gewalt schließt ein kollektiver Arbeiter-Chor, der Wachsamkeit und Widerstand betont. Formal handelt es sich um ein agitatorisches Versgedicht mit alarmierendem Ton. Viele Interpretationen sehen das Gedicht als frühe Warnung vor den Gefahren, die von dem Nationalsozialismus ausgehen und eine klare Benennung der bereits begangenen Verbrechen.

Durch die gleichmäßige Form erinnert das Gedicht bewusst an ein Sturmlied, welches es inhaltlich angreift.

Text des Gedichts

Deutschland erwache!

Daß sie ein Grab dir graben, daß sie mit Fürstengeld das Land verwildert haben, daß Stadt um Stadt verfällt … Sie wollen den Bürgerkrieg entfachen – (das sollten die Kommunisten mal machen!) daß der Nazi dir einen Totenkranz flicht –: Deutschland, siehst du das nicht –?

Daß sie im Dunkel nagen, daß sie im Hellen schrein; daß sie an allen Tagen Faschismus prophezein … Für die Richter haben sie nichts als Lachen – (das sollten die Kommunisten mal machen!) Daß der Nazi für den Ausbeuter ficht –; Deutschland, hörst du das nicht –?

Daß sie in Waffen starren, daß sie landauf, landab, ihre Agenten karren im nimmermüden Trab … Die Übungsgranaten krachen … (das sollten die Kommunisten mal machen!) Dass der Nazi dein Todesurteil spricht –: Deutschland, fühlst du das nicht –?

Und es braust aus den Betrieben ein Chor Von Millionen Arbeiterstimmen hervor: Wir wissen alles. Uns sperren sie ein. Wir wissen alles. Uns lässt man bespein. Wir werden aufgelöst. Und verboten. Wir zählen die Opfer; wir zählen die Toten. Kein Minister rührt sich, wenn Hitler spricht. Für jene die Straße. Gegen uns das Reichsgericht. Wir sehen. Wir hören. Wir fühlen den kommenden Krach. Und wenn Deutschland schläft –: Wir sind wach!

Rezeption Zeitgenössische Belege für eine breite Rezeption des Gedichts in der bürgerlichen Tagespresse sind nicht nachweisbar; das Gedicht blieb zunächst vornehmlich im Umfeld der Arbeiter- und antifaschistischen Presse präsent. Studien zur politischen Kultur der späten Weimarer Republik weisen zudem darauf hin, dass viele Warnungen von Intellektuellen und antifaschistischen Publizisten nur begrenztes öffentliches Gehör fanden.

Später wurde der Text in Tucholskys Gesammelten Werken zugänglich gemacht und als frühes Beispiel des antifaschistischen Einsatzes in seinem Gesamtwerk betrachtet. Wissenschaftliche Literatur erwähnt das Gedicht meist nur im Zusammenhang mit Tucholskys späterer Kritik an den Nazis oder seiner Rolle als letztlich erfolglosen Warner der Weimarer Republik.

Verwechslung mit NS-Propaganda Wegen des identischen Wortlauts des Titels besteht Verwechslungsgefahr mit der nationalsozialistischen Losung (siehe: Sturmlied). Wichtig ist jedoch die semantische Differenz: Während die NS-Losung als Aufruf zur Mobilmachung und Ausgrenzung diente, verwendet Tucholsky die Phrase ironisch und als kritische Frage – er markiert damit die Gefahr, nicht den patriotischen Aufruf. Juristische und erinnerungskulturelle Diskussionen über die Verwendung der Phrase verweisen auf deren historisch belastete Bedeutung; in Aufsätzen und Kommentaren wird explizit auf die unterschiedliche Intention Tucholskys hingewiesen.

Gleichwohl rechtfertigt die reine Existenz des Gedichts oder eine Berufung auf dieses nicht den Gebrauch der Parole „Deutschland erwache!“, um einen straffreien Gebrauch zu begründen. Vielmehr sind die Glaubwürdigkeit darzulegen und die genauen Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, bzw. zunächst zu dokumentieren. Anderenfalls ist von einer Strafbarkeit gem. § 86a StGB auszugehen.

Einzelnachweise

Kategorie:Werk von Kurt Tucholsky Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Satire Kategorie:Kultur (Weimarer Republik)