mini|Khong wong yai, Gongkreis aus 16 Buckelgongs und zwei Schlägel mit scheibenförmigen Köpfen Khong (), auch khǭng, englische Umschrift khawng, ist der Oberbegriff für Buckelgongs in Thailand und Laos, die einzeln oder in Reihen aufgehängt in klassischen Musikstilen der höfischen und zeremoniellen Musik wie piphat, mahori und khruang sai gespielt werden. Durch beschreibende Namenszusätze werden die Gongtypen unterschieden. Einzeln aufgehängte Gongs dienen als Rhythmusinstrumente und Taktgeber, die Gongkreise khong wong yai und khong wong lek mit einem Tonumfang von zwei Oktaven sind die führenden Melodieinstrumente in den Ensembles. Ähnliche Gongkreise werden auch in der kambodschanischen und burmesischen Musik gespielt. Buckelgongkreise sind auf Reliefs abgebildet, die im 16. Jahrhundert am Angkor Wat entstanden, an javanischen Hindutempeln finden sich Darstellungen von Gongspielen ab dem 12. Jahrhundert. Wann diese möglicherweise aus dem Khmer-Reich in Siam oder umgekehrt eingeführt wurden, ist unklar. Im 18. Jahrhundert erhielten die thailändischen Gongkreise ihre heutige Form.
Herkunft mini|Eine Musikgruppe am Angkor Wat (12. Jahrhundert). Relief am Ostflügel der Nordgalerie nachträglich im 16. Jahrhundert angebracht. In der Mitte ein Musiker mit einer Fasstrommel, links davon ein Buckelgongkreis, links oben zwei Flöten, rechts oben zwei Kegeloboen Gongs sind unmittelbar angeschlagene Idiophone (Selbstklinger) in der Form metallener runder Gefäße, die ihr Schwingungsmaximum und damit ihren Anschlagpunkt in der Mitte haben. Damit unterscheiden sie sich von den am stärksten schwingenden Gefäßrand angeschlagenen Glocken und von ebenfalls am Rand schwingenden tellerförmigen Becken. Buckelgongs mit einem hohen Rand und einer deutlichen Erhebung in der Mitte produzieren eine bestimmte Tonhöhe, während Flachgongs einen Ton von unbestimmter oder veränderlicher Höhe hervorbringen. Der umgebogene Rand unterscheidet Flachgongs von gänzlich flachen Schlagplatten wie dem burmesische kyizi oder Schlagbrettern. Heimat und Hauptverbreitungsgebiet von Gongs ist das Gebiet vom Südwesten Chinas über das südostasiatische Festland bis zu den Malaiischen Inseln.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. I. Definition. II. Klassifikation. 2016
Vor der Einführung von Gongs gab es bereits Bronzeglocken, von denen die ältesten vom Typ nao in China aus dem Ende der Shang-Dynastie (13.–11. Jahrhundert v. Chr.) erhalten sind.Alan R. Trasher: Zhong. 2. History and usage. In: Grove Music Online, 2001 Die ersten Gongs, die den anderen Gongtypen zeitlich vorausgehen, waren häufig reich verzierte Kesselgongs mit einem taillierten röhrenförmigen Bronzekorpus und einer flachen Bronzeplatte als Schlagfläche. Die südwestchinesische Provinz Yunnan gilt als Ursprungsregion von Kesselgongs, chinesisch tonggu („Bronzetrommel“). Sie entsprechen den wenig später entstandenen Dong-Son-Trommeln, die nach einem Ausgrabungsort im Delta des Roten Flusses im Norden Vietnams benannt sind. Der vermutlich älteste überlieferte Kesselgong stammt aus den Wanjiaba-Gräbern in Yunnan und wird um 700 v. Chr. datiert. Der älteste bekannte Flachgong wurde auf dem Friedhof von Luopowan in der südchinesischen Provinz Guangxi ausgegraben. Der um 200 v. Chr. datierte, ungefähr kreisrunde Flachgong ist am Rand mit eingravierten Mustern verziert. Er wurde an drei am Rand angelöteten Ösen senkrecht aufgehängt. Ein um 100 v. Chr. datierter Kesselgong aus Shizhaishan in der Provinz Yunnan ist auf der Deckelplatte mit der Szene eines Menschenopfers dekoriert, umgeben von einem Gongspiel aus 16 U-förmig angeordneten Kesselgongs. Spätestens seit dieser Zeit wurde also in China mit Gongspielen musiziert.
Möglicherweise bildeten diese südchinesischen Gongspiele mit Bronzekesselgongs den Ausgangspunkt für die heutige Verbreitung der südostasiatischen Gongspiele auf dem Festland und auf den Malaiischen Inseln. Auf der indonesischen Insel Java ist die im Gamelan gespielte Buckelgongreihe bonang ein typischer Vertreter dieser Gruppe von Melodieinstrumenten. Die ältesten erhaltenen bonang (vier Exemplare mit je drei Buckelgongs) werden im Kraton von Yogyakarta aufbewahrt. Sie sollen laut einem javanischen Manuskript vom Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Jahr 347 n. Chr. stammen. Die Historizität dieser Jahreszahl konnte bislang nicht überprüft werden.Gretel Schwörer-Kohl: Gong und Gongspiele. VI. Geschichte, 2016 Bekanntermaßen als Mythos überliefert ist hingegen laut einem anderen Text vom Ende des 19. Jahrhunderts die Einführung der Tonskala Slendro des Gamelan durch Gott Siwa im Jahr 404.Raden Tumenggung Purbodiningrat: Gamelan. In: Judith Becker (Hrsg.): Karawitan: Source Readings in Javanese Gamelan and Vocal Music, Band 2 (Michigan Papers On South And Southeast Asia), University of Michigan Press, Ann Arbor 1987, S. 233–260, hier S. 235f
mini|Javanische Buckelgongreihe bonang im indonesischen Kulturinstitut ISBI in Bandung Im Verlauf des 1. Jahrtausends wuchsen die Handelsbeziehungen auf dem Seeweg zwischen China, Südostasien, Indien und Arabien. Chinesische Chroniken aus dem 10. Jahrhundert berichten über die Ankunft von Seeleuten der philippinischen Insel Luzon an der südchinesische Küste. Um diese Zeit waren – vermutlich auf einem von China über die Philippinen führenden Seeweg – Flachgongs nach Borneo, Sumatra und auf die Malaiische Halbinsel gelangt, zu der auch der Süden Thailands gehört. Die ältesten Funde von Flachgongs in Schiffswracks im Gebiet der Malaiischen Inseln um Sumatra und Borneo werden in das 10. bis 13. Jahrhundert datiert. Auf der Insel Luzon ist in der Ritualmusik indigener Völker bis heute der Flachgong gangsa in Gebrauch.
Um 200 v. Chr. könnte es neben Flachgongs auch bereits Buckelgongs gegeben haben. Diesen Schluss lässt die Abbildung eines Musikers zu, die auf der Deckelplatte von einem der Dongson-Kultur zugeschriebenen und in diese Zeit datierten Kesselgong eingeritzt ist. In der umrahmten Szene des nach dem Fundort Hoàng Hạ benannten Kesselgong steht der Musiker zwischen sechs senkrecht aufgehängten kreisrunden Gegenständen auf beiden Seiten, auf die er mit einem Stock in jeder Hand schlägt. Ein Punkt in der Mitte der Kreise spricht Gretel Schwörer-Kohl (1995) zufolge für die Darstellung von Buckelgongs.
Zahlreicher als Flachgongs sind die Schiffsfunde von Buckelgongs in der gesamten Inselwelt ab dem 13. Jahrhundert. Der älteste vor der thailändischen Küste gefundene Buckelgong stammt aus dem Rang-Kwien-Schiffswrack und wird in das 13./14. Jahrhundert datiert. Das Schiff war von Thailand in Richtung Indonesien unterwegs. Es war hauptsächlich mit Keramik und Münzen aus China und Vietnam beladen. Der einzelne Gong mit einem Durchmesser von 29 Zentimetern und mit einem 7 Zentimeter hohen Rand sowie eine außerdem gefundene Glocke wurden vermutlich als Signalinstrumente eingesetzt.Arsenio Nicolas: Gongs, Bells, and Cymbals: The Archaeological Record in Maritime Asia. From the Ninth to the Seventeenth Centuries. In: Yearbook for Traditional Music, Band 41, 2009, S. 62–93, hier S. 63f, 69f, 80 Steinreliefs an Tempeln belegen die Verbreitung von Gongs in Südostasien um jene Zeit: Gongspiele mit acht oder neun Gongs am Angkor Wat in Kambodscha (12. Jahrhundert) und Gongs an ostjavanischen Tempeln (14./15. Jahrhundert). Die westliche Grenze der Verbreitung von einzelnen Buckelgongs bilden Tibet mit dem in der tibetischen Ritualmusik gespielten (m)khar rnga und Nordostindien entlang der Grenze zu Myanmar mit unter anderem dem darkhuang der Mizo.
mini|Kambodschanische Buckelgongkreise: im Vordergrund kong thom (entspricht dem thailändischen khong wong yai), links dahinter kong tauch (entspricht dem thailändischen khong wong lek). Museum der Khmer-Kultur in Trà Vinh, Vietnam Die Musikkultur der südostasiatischen Buckelgongspiele ist in den Inselstaaten Indonesien, dort unter anderem auf Java, Bali, Sumatra (keromong, ogung) und isoliert auf östlichen Inseln (meko), in Malaysia (bandai auf Borneo) und im Süden der Philippinen (kulintang) sowie auf dem Festland in Myanmar, Thailand, Laos und Kambodscha verbreitet. Die Kunstmusik der letztgenannten drei Länder ist eng verwandt. Im Zentrum der bekanntesten klassischen Ensembles piphat in Thailand, piphat und sep nyai in Laos und pinpeat in Kambodscha stehen zwei Buckelgongkreise. Außer von der chinesischen Musik wurden die im Gebiet von Thailand im 1. Jahrtausend lebenden Völker von der indischen Musik beeinflusst. Aus Südwestchina wanderten Tai-Völker aus dem im 8. Jahrhundert blühenden Reich Nanzhao in das unter der Herrschaft der indisierten Khmer stehende Zentralthailand, wo sie nach deren Niederlage im 13. Jahrhundert das erste thailändische Königreich Sukothai gründeten.Gretel Schwörer-Kohl: Thailand, Laos und Kambodscha. I. Einleitung und Geschichte. In: MGG Online, Februar 2022
Während aus dem alten Indien keine Gongs bekannt sind,Die praktisch einzige altindische Abbildung, die als Gong interpretiert werden könnte, fand sich am Stupa von Amaravati aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Walter Kaufmann (1981) hält den an einer Stange, die von zwei Yakshas getragen wird, hängenden Korpus mit breitem Rand für eine Trommel (Musikgeschichte in Bildern. Band 2. Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 104, Abb. 61), Roger Blench (2007) hingegen ohne Begründung für einen Gong ( Draft, Juli 2007, S. 2) werden auf den Reliefs am Angkor Wat (erste Hälfte 12. Jahrhundert) mehrere hängende Flachgongs chinesischen Ursprungs abgebildet.Roger Blench: Musical instruments of South Asian origin depicted on the reliefs at Angkor, Cambodia. Draft, Juli 2007, S. 1–7, hier S. 2
Am Angkor Wat sind auch – möglicherweise ab dem 8. Jahrhundert vorhandene – Einflüsse aus der javanischen Musik auf die Khmer-Kultur erkennbar. So zeigt ein Relief eine Prozession, bei der auch einige Musiker teilnehmen. Einer der Musiker spielt einen aus acht Buckelgongs bestehenden Gongkreis. Spätestens im 12. Jahrhundert müssen David Morton (1976) zufolge demnach Gongkreise in der Khmer-Musik gespielt worden sein, also noch vor dem engen kulturellen Austausch mit den Thai, der mit deren allmählicher Eroberung des gesamten Khmer-Reichs im Verlauf des 14. und 15. Jahrhunderts einherging. Da aber auf Java und Bali damals wie heute Buckelgongs entweder einzeln aufgehängt oder etwa bei bonang und trompong sowie auf Bali reyong (réong) in einer geraden Einfach- oder Doppelreihe liegend, aber nicht im Kreis angeordnet sind, hält es David Morton (1976) für möglich, dass Buckelgongkreise eine Erfindung der Khmer sind. Bei den Thai waren sie zu jener Zeit – Morton bezieht sich auf das 12. Jahrhundert – noch unbekannt.David Morton, 1976, S. 4. Morton geht nicht auf die älteren, mutmaßlichen chinesischen Kesselgongkreise ein.