Als Lernmythen (Singular Lernmythos) werden nachweislich falsche, aber verbreitete Annahmen über Lernen bezeichnet. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie versprechen, dass Lernen bei Anwendung einfacher Strategien sehr leicht werden kann, dass sie weit verbreitet sind und sich trotz wissenschaftlicher Widerlegung in der Öffentlichkeit hartnäckig halten.

Definition Es gibt allerdings keine allgemeingültig festgelegte Definition des Begriffs, da er nicht eigentlich mit Lernen zu tun hat, sondern mit der Art und Weise, wie außerhalb der Wissenschaft über Lernen gesprochen wird. Kennzeichnend für Lernmythen ist,

dass hohe Versprechungen gemacht werden, in der Regel, dass Lernen einfach sein kann, dass man dafür nur ganz einfache Regeln anwenden muss, dass gut belegte wissenschaftliche Kenntnisse über Lernen vernachlässigt werden und dass Kausalität und Korrelation verwechselt werden.

Der Begriff Mythos wird hier also nicht im Sinne einer Erzählung oder Legende gebraucht, sondern in einer eher abwertenden Bedeutung, als unwahre Erzählung. Lernmythen sind typischerweise sehr generell (erklären breite Lernphänomene mit einem einzigen Prinzip), deterministisch (gehen von einfachen Ursache-Wirkung-Beziehungen aus), simpel illustrierbar (etwa als Pyramide von unwirksamen zu wirksamen Lernformen) und intuitiv einleuchtend.

Verwandte Begriffe sind Fehlkonzepte (alternativ: Fehlvorstellungen) und Irrtümer. Von Fehlkonzepten spricht man bei unvollständigen oder unzureichenden, ebenfalls verbreiteten und widerlegten Annahmen. Sie müssen beim Lernen bearbeitet und in wissenschaftliche Konzepte verwandelt werden. Das Kriterium der Langlebigkeit ist nicht notwendig. Irrtümer sind kurzlebige falsche Annahmen, die sich in der Regel durch Information leicht korrigieren lassen.

Verbreitete Lernmythen Der wohl verbreitetste Lernmythos ist der von den visuellen, auditiven oder haptischen Lerntypen. Er besagt, dass Lernen erheblich erleichtert werden kann, wenn es im vom jeweiligen Menschen bevorzugten Kanal (durch Sehen, Hören oder Greifen/Handeln) vor sich geht und geht auf Frederic Vester zurück. Er ist abschließend widerlegt: Die vermeintlichen Lerntypen lassen sich nicht empirisch unterscheiden, sind theoretisch nicht herleitbar. Die Effizienz der entsprechenden Lernstrategien konnte nicht nachgewiesen werden. Dieser Lernmythos ist eine spezielle Form der Vorstellung von festgelegten Lerntypen, für die es ebenfalls keine Evidenz gibt. Mittlerweile gibt es Studien wie Rogowsky et al. (2015) und Rogowsky et al. (2020), welche diesen Mythos an Erwachsenen und Kindern getestet haben. Dafür nutzten sie die sogenannte Meshing-Hypothese, welche 2008 von Pashler et al. entwickelt wurde und mittlerweile als Goldstandard auf diesem Forschungsgebiet gilt. Sie ist in die folgenden drei Teile gegliedert: 1. Einteilung nach Lernstil. 2. Zufällige Zuteilung zur Unterrichtsmethode (Intervention). 3. Einheitlicher Wissenstest. Auf Grundlage dieser Methodik konnte der Lernmythos empirisch widerlegt werden. Rogowsky et al. appellieren ausdrücklich, dass Lehrende keine Ressourcen mehr in das Erkennen und Fördern dieser sogenannten Lernstile investieren, sondern die Ressourcen eher in die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler stecken sollten.

Ein weiteres bekanntes Beispiel ist, dass das Hören von klassischer Musik kognitive Leistungen bzw. die Intelligenz fördert (eine weite Interpretation des vermeintlichen Mozart-Effekts). Auch dies gilt als widerlegt. Die 10.000-Stunden Regel besagt, dass nach dieser Zeit Meisterschaft in einem Gebiet erreicht würde und nicht die Art des Übens wichtig wäre (kontraproduktiv: mechanisches Wiederholen). Zwar benötigt Meisterschaft Übung, aber qualitativ hochwertige mit Struktur und Bewusstheit beim Üben. Selbstgesteuertes Lernen ist nicht angeboren, überfordert viele Lernende, vor allem, wenn sie Neuling sind und die Aufgaben komplexer. Bei zunehmendem Können mit klaren Zielen kann die Selbststeuerung gelingen. Gamification als neuer Lerntrend ab den 2010er Jahren kann nur dann unterstützen, wenn die jeweiligen Programmierungen der Spiele individuell auf die einzelne Person abgestimmt und mit gezieltem Feedback unterfüttert wird.

Neuromythen Lernmythen können auch in Form von Neuromythen auftreten. Dies sind Mythen, die sich auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse über das Gehirn beziehen und ebenfalls auf Missverständnissen und Vereinfachungen beruhen.

Die verbreitetsten Neuromythen sind die Behauptung, dass Menschen nur etwa 10 % ihrer Gehirnkapazität nutzen (Zehn-Prozent-Mythos) und somit sehr leicht schneller lernen könnten, wenn sie die anderen Prozente aktivierten. Ein weiterer widerlegter Mythos unterteilt kreativ Lernende mit Dominanz der rechten Hirnhälfte und logisch Lernende mit Dominanz der linken Hirnhälfte. Tatsächlich lernen alle Menschen, indem sie das gesamte Gehirn nutzen.

Interventionen gegen Lernmythen Zum Begriff des Lernmythos gehört dazu, dass er sich hartnäckig hält, also beispielsweise durch richtige Information nicht dauerhaft korrigieren lässt. Seit vielen Jahren werden Interventionsprogramme entwickelt, unter anderem auch deswegen weil Professionelle und zukünftige Professionelle, etwa Lehrkräfte und Lehramtsstudierende Lernmythen nicht weniger ablehnen als Nichtprofessionelle.

Viele Interventionen nutzen Methoden des Conceptual Change, in denen Präkonzepte oder Alltagsvorstellungen explizit bearbeitet werden. Eine vielversprechende Methode sind auch explizite Widerlegungen bzw. Zurückweisungen.

Problematisch an Interventionen ist, dass sie die Lernmythen zur Widerlegung in der Regel wiederholen müssen. Dadurch entsteht eine kognitive Verzerrung, die man als Illusory Truth Effekt bezeichnet: Wiederholte (auch falsche) Information wird subjektiv für wahrer gehalten als nicht wiederholte Information. Ähnlich wirkt der Mere-Exposure-Effekt: Wird eine Information wiederholt, kann dies eine Einstellungsänderung in positiver Richtung zur Folge haben.

Literatur (Auswahl)

P. De Bruyckere, P. A. Kirschner und C. D. Hulshof (2015). Urban myths about learning and education. Elsevier. doi:10.1016/C2013-0-18621-7 P. De Bruyckere, P. A. Kirschner und C. D. Hulshof (2019). More Urban myths about learning and education. Challenging eduquacks, extraordinary claims, and alternative facts. Routledge. doi:10.4324/9781351132435

G. Steins, B. Spinath, M. Roth und M. Limbourg (Hrsg.) (2022). Mythen, Bugs, Fehlvorstellungen, Fehlkonzepte und Irrtümer rund um den Lehrberuf. Psychologie in Bildung und Erziehung: Vom Wissen zum Handeln, 217–234. Springer. doi:10.1007/978-3-658-36260-7

Einzelnachweise

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