Als Münchner Zauberensemble wird ein spätantiker ägyptischer Liebeszauber in griechischer Sprache aus der Zeit zwischen ca. 300 und 500 n. Chr. bezeichnet. Er besteht aus einem Tongefäß, einem Figurenpaar aus Wachs sowie einem magischen Papyrus.
Herkunft und Beschreibung Das 1982 von der Staatlichen Sammlung Ägyptischer Kunst in München erworbene Ensemble besteht aus einem kleinen, mit Deckel versehenen 17 cm hohen Tongefäß, zwei einander umschlingenden Wachsfigürchen von gut 10 cm Höhe sowie einem mit Zaubersprüchen versehenen Papyrusblatt mit den Maßen 34 × 19 cm.Die einzelnen Objekte tragen die Inventarnummern ÄS 6791, ÄS 6792 und ÄS 6793. Die Figürchen waren in das Papyrus eingeschlagen und in dieser Ummantelung in das Gefäß eingebracht, dessen Deckel zusätzlich durch eine Versiegelung verschlossen wurde.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 81, 84.
Über die genaue Provenienz des Objektensembles liegen keine Informationen vor.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 81. Dem Inhalt nach dürfte der Zauber wohl auf einem Friedhof vergraben worden sein. Ein analoges Ensemble aus Gefäß, Wachsfiguren und zugehörigem Papyrus gelangte in den 1960er Jahren in die Papyrussammlung der Universität Köln und wurde 1968 von dem Papyrologen Dierk Wortmann (1936–1972) erstmals ediert.Dierk Wortmann: Neue magische Texte. In: Bonner Jahrbücher 168 (1968), S. 56–111, hier: S. 85–102. Für einige Jahre bildete dieses Kölner Zauberensemble das einzige bekannte Exemplar seiner Gattung.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 81. Mitte der 1970er Jahre erwarb dann der Louvre ein weiteres, mutmaßlich aus Antinoupolis stammendes Set von magischen Objekten,Louvre, Inv.-Nr. E 27145. das in mehreren Publikationen eingehende Würdigung fand. Es besteht aus einer knienden, mit Nadeln durchstochenen weiblichen Tonfigur mit hinter dem Rücken gefesselten Armen, die zusammen mit einer Bleitafel in einen Krug eingebracht worden war. Aus der Bleitafel geht hervor, dass ein Sarapammon, Sohn von Area, hier die Liebe einer Ptolemais, Tochter von Aias und Origenes, erzwingen wollte.Zu diesem Zauberensemble siehe insbes. Sophie Kambitsis: Une nouvelle tablette magique d’Égypte. Musée du Louvre, inv. E 27145 – IIIe/IVe siècle. In: Bulletin de l’Institut français d’archéologie orientale 76 (1976), S. 213–23 (Digitalisat).
Inhalt und Deutung des Zaubers Das Papyrusblatt enthält einen auf Griechisch verfassten Liebeszauber mit Anrufung der Totengeister, wie er häufig in Zaubertexten auf Papyrus, Pergament und Blei zu finden ist. Ein gewisser Priskos, Sohn des Annus, beschwört verschiedene unterirdische Mächte und Unterweltsbewohner, um die Liebe einer gewissen Isis, Tochter der Auei, zu gewinnen. Durch die wiederholte Verwendung derselben Formeln und Redewendungen und dem Gebrauch unverblümter Sprache bringt er sein Verlangen eindeutig zum Ausdruck, sodass keinerlei Zweifel über das Objekt seiner Begierde und seine Absichten bestehen.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 82. Der Papyrus nennt eine Vielzahl göttlicher Mächte, die angerufen werden. Im Zentrum der Zauberhandlung stehen jedoch nicht sie, sondern die in und um die Nekropole weilenden Daimonen. Der Text verspricht den Daimonen Belohnungen, sofern sie den Anweisungen des Beschwörers Folge leisten. Die Daimonen sollen ein unstillbares Verlangen der Isis, gegenüber dem Beschwörer zu wecken, das sich auf ihr Gehirn, ihre Hände, ihr Herz, ihre inneren Organe und ihr Geschlecht erstreckt und sie unzertrennlich an den Beschwörer bindet. Zugleich droht der Text den unterirdischen Mächten und Unterweltbewohnern bei Missachtung seiner Forderungen katastrophale Folgen, darunter den Stillstand der Sonne und den Zusammenbruch des gesamten Kosmos.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 85–88.
Bei dem Text handelt es sich dabei keineswegs um eine originäre Komposition des in Liebesglut entbrannten Priskos. Vielmehr ließ er ihn offenbar von einem Zauberer auf Papyrus schreiben. Der Zauberspruch ist größtenteils aus einem Potpourri bereits bekannter Texte und stimmt insbesondere mit dem Zauberspruch des von Wortmann editierten Kölner Zauberensembles überein. Daneben finden sich Zeilen und Phrase, die aus anderen Texten seiner Sammeledition bekannt sind.William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109, hier: S. 82.
Weblinks Das Münchner Zauberensemble bei bavarikon.
Literatur William M. Brashear: Ein neues Zauberensemble in München. In: Studien zur Altägyptischen Kultur 19 (1992), S. 79–109.
Anmerkungen
Kategorie:Magie Kategorie:Literatur (Altgriechisch) Kategorie:Religion (Spätantike)