Der Historikerinnenstreit oder auch Feministinnen-Streit war ein geschichtswissenschaftlicher und politischer Disput um die Rolle von Frauen im Nationalsozialismus, der sich Mitte der 1980er und den frühen 1990er Jahren vor allem zwischen der US-amerikanischen Historikerin Claudia Koonz und der deutschen Historikerin Gisela Bock entwickelte.

Hintergrund

Vorgeschichte Im Rahmen der 68er-Bewegung gründeten sich CR-Gruppen, die sich intensiv mit der weiblichen Familiengeschichte im Nationalsozialismus auseinandersetzten, diese betonten die subjektiven Erfahrungen. Zentrales Element war die weibliche Unterdrückung.

Im Rahmen der Aufarbeitung des Nationalsozialismus begann die spezifische Frauengeschichtsforschung zur Rolle von Frauen im Dritten Reich in den 1980er Jahren. Vor dieser Zeit wurde die Rolle der Frau im NS-Regime oft durch Klischees wie die der reinen Hausfrau und Gebärmaschine oder durch einen angeblichen „Mutterkult“ geprägt. Lange galt ein Mythos der Gnade der Weiblichen Geburt (ähnlich der Gnade der späten Geburt).

Namensherkunft – Der Historikerstreit Der Historikerstreit beschäftigte sich mit der Singularität des Holocaust und seiner spezifischen Gewaltdynamik. Rückblickend wurde diese Debatte namensgebend für den Historikerinnenstreit, da die damit verbundene Frage nach individueller Verantwortung auch für den Historikerstreit prägend war.

Der Fall Kellermann

Der sogenannte Fall Kellermann wurde 1985 zu einem aufsehenerregenden Ereignis in der westdeutschen Frauenbewegung und bildete einen wichtigen Hintergrund für den späteren Historikerinnenstreit. Während einer Ringvorlesung der Universität Hamburg wurde die frühere Ethnologin Ruth Kellermann von einer Vertreterin der Rom- und Cinti-Union als ehemalige Mitarbeiterin der Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle während des Nationalsozialismus identifiziert. Kellermann hatte dort an Untersuchungen mitgewirkt, die zur Zwangssterilisation und Deportation von Sinti und Roma beitrugen, und war auch nach 1945 in der rassistisch geprägten Sinti- und Romaforschung tätig geblieben. Die Enthüllung löste eine Kontroverse über Verantwortung, Verdrängung und die mögliche Täterschaft von Frauen im Nationalsozialismus aus und wurde Grundlage des Historikerinnenstreits.

Kernpunkte der Debatte

Spezifische vs. allgemeine Schuld Hauptpunkt des Historikerinnenstreits war die Frage nach der „spezifisch weiblichen“ Schuld im Nationalsozialismus. Koonz sah die Schuld von Frauen primär in ihrer „traditionellen separaten Sphäre“ als Mütter und Ehefrauen, die das NS-Regime durch ihre Stabilität im Privaten unterstützten und damit den Massenmord erst ermöglichten. Bock hingegen lehnte diese Hypothese ab und argumentierte, dass der Beitrag von Frauen zu den Verbrechen eher in außerhäuslichen, nicht-traditionellen Funktionen (wie in der rassenhygienischen Bürokratie oder in Lagern) zu suchen sei, und dass die Verantwortung qualitativ ähnlich der der männlichen Täter sei. Grundsätzlich sprach sie Frauen als Frauen keine Schuld zu, sondern sah sie lediglich als Teil der patriarchalen Struktur.

Opfer-Täterinnen-Dichotomie Die Diskussion zeigte auf, dass Frauen im Nationalsozialismus mehr Handlungsoptionen als nur die des Opfers oder der Täterin hatten.

Opfer-Perspektive: Bock hatte in ihrer eigenen Arbeit argumentiert, dass alle Frauen in gewissem Maße Opfer des Regimes seien, insbesondere durch Maßnahmen wie die Zwangssterilisation. Täterinnen-Perspektive: Der Historikerinnenstreit markierte den Punkt, an dem Frauen erstmals explizit als Täterinnen definiert wurden. Koonz wie auch andere Historiker argumentierten, dass Frauen direkter an den Verbrechen beteiligt waren, entweder durch ihre Tätigkeit in der Bürokratie, ihre Informiertheit über die Geschehnisse im Osten (durch Briefe von Männern an der Front) oder auch durch direkte Beteiligung an Morden. Spätere Arbeiten untersuchten auch die Rolle von Denunziantinnen, BDM-Führerinnen und des weiblichen SS-Korps.

Die Rolle des „Mutterkults“ Ein weiterer Aspekt war der Mythos des angeblichen NS-„Mutterkults“. Bock sah den Fokus auf die „Macht der Mütter“ und die „separate sphere“ als Versuch, diesen Mythos zu retten, indem der eigentliche Schrecken des NS-Regimes aus frauengeschichtlicher Perspektive, Zwangssterilisation und Massenmord von Frauen, verharmlost wurde. Sie betonte, dass der Antifeminismus des Nationalsozialismus oft übersehen werde.

Folgen der Debatte Die Debatte führte zu einem differenzierten Blick auf die Frauen im Nationalsozialismus und betonte die Notwendigkeit, moralische Urteile auf präzisen Untersuchungen unterschiedlicher Handlungsräume und Grade der Beteiligung zu gründen, anstatt auf pauschalen Anklagen oder Apologien, was den Weg für eine differenzierte wissenschaftliche Genderforschung bereitete.

Einzelnachweise

Kategorie:Geschichtswissenschaftliche Kontroverse Kategorie:Holocaustforschung Kategorie:Feminismus