mini|Titelseite der frühneuhochdeutschen Übersetzung des Neuen Testaments von Martin Luther mini|Jacob Grimms Manuskript zum Deutschen Wörterbuch

Die deutsche Sprachgeschichte oder Geschichte der deutschen Sprache beginnt im engeren Sinn Mitte des 8. Jahrhunderts mit den ersten überlieferten althochdeutschen Texten und Glossaren, wie den Merseburger Zaubersprüchen und dem Abrogans. Nicht allzu lange davor, im 7. Jahrhundert, hatten sich die vordeutschen Dialekte in Süd- und Mitteldeutschland mit der Hochdeutschen Lautverschiebung aus dem Kontinuum der westgermanischen Sprachvarianten herausgelöst. Auch das 7. Jahrhundert kann insofern als Beginn der deutschen Sprache angesehen werden. Allerdings sind aus dem 3. bis 7. Jahrhundert im späteren deutschen Sprachgebiet nur eine kleine Zahl kurzer Runeninschriften erhalten. Unter Berücksichtigung ihrer Vorgeschichte ist die deutsche Sprache indes viel älter und kann unter Einbeziehung ihrer westgermanischen, urgermanischen und indogermanischen Vorläufer bis mindestens ins 4. Jahrtausend vor Christus zurückverfolgt werden.

Die deutsche Sprachgeschichte im Überblick Deutsch, als eine der Sprachen der germanischen Sprachgruppe, gehört zur indogermanischen Sprachfamilie und hat ihren Ursprung in der rekonstruierten proto-indogermanischen Sprache. Diese hat sich spätestens im 3. Jahrtausend vor Christus in einen östlichen und einen westlichen („alteuropäischen“) Zweig geteilt. Letzterer bildet die Vorform der italischen, keltischen und germanischen Sprachen und damit auch des Deutschen. Die bronze- und eisenzeitliche Vorform der germanischen Sprachen des zweiten und frühen ersten Jahrtausends vor Christus („Frühurgermanisch“ bzw. gelegentlich „prägermanisch“) wurde von der linguistischen Forschung lange Zeit wenig bearbeitet und erst im frühen 21. Jahrhundert genauer erforscht und beschrieben.Dies insbesondere mit der Monographie von Don Ringe: From Proto-Indo-European to Proto-Germanic. Oxford University Press, 355 S., New York 2006, ISBN 0-19-928413-X. Seit 2017 in erweiterter zweiter Auflage. Inzwischen (Stand 2023) ist das frühe Urgermanische ziemlich gut erforscht, und die Veränderungen in Phonologie, Morphologie und Wortschatz vom (westlichen) Indogermanisch des späten 3. Jahrtausends vor Christus zum (späteren) Urgermanischen der Zeit um 100 v. Chr. können heute recht genau nachvollzogen werdenvgl. Ringe (2017): 84-240, 328f und Euler/Badenheuer (2021): 57-235.

Aus dieser Zwischenstufe hat sich erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausends v. Chr., also in der La-Tène-Zeit, das späte Urgermanische herausgebildet, das in der Forschung traditionell auch einfach als urgermanische Sprache bezeichnet wird. Die entscheidende Zäsur hierfür waren die Erste Lautverschiebung, die Veränderungen infolge des sog. Vernerschen Gesetzes sowie die Verlagerung des Akzents auf die Stammsilbe. Die daraus hervorgegangene, rekonstruierte urgermanische Sprache wurde im 2. und 1. Jahrhundert vor Christus gesprochen, beispielsweise von den Sueben und Cheruskern. Auch aus dieser Sprache sind keine Texte überliefert, sondern nur eine Reihe von Lehnwörtern im Finnischen (etwa kuningas aus germ. *kuningaz „König“), eine kleine Zahl von Lehnwörtern und Herrschernamen im Lateinischen. Auch die Runeninschrift von Negau gehört wahrscheinlich dazu. Die germanische Sprache befand sich in dieser Zeit in einem schnellen Umbruch, und bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. zerbrach die germanische Spracheinheit infolge von Sonderentwicklungen im OstgermanischenHartmann 2023: 198., die anhand der erhaltenen gotischen Texte des 4. Jahrhunderts n. Chr. gut nachvollzogen werden können.

Klar ist heute, dass das frühe Urgermanische weit länger gesprochen wurde (nämlich etwa 1600 Jahre lang, allerdings auch mit vielen Veränderungen in dieser Zeit) als das „klassische“ (= späte) Urgermanische nach der ersten LautverschiebungEuler/Badenheuer (2009): 55, 72f, ähnlich Ringe (2017): 84.

Die germanischen Varianten in Skandinavien und im westlichen Mitteleuropa bildeten danach noch für eine gewisse Zeit eine Einheit, die in der Forschung meist Nordwestgermanisch bzw. Proto-Northwest-Germanicvgl. Don Ringe (2017): passim und Wolfram Euler (2009/2021): passim genannt wird. Ein näherungsweiser Beleg für das (späte) Nordwestgermanische ist die Runeninschrift von Gallehus. Ab etwa dem 2. Jahrhundert begannen sprachliche Sonderentwicklungen in Skandinavien, die zur Herausbildung des Urnordischen führten. Die verbliebenen Varianten des Germanischen, die etwa in den heutigen Benelux-Ländern, im heutigen Deutschland östlich und nördlich von Rhein und Donau und in den böhmischen Ländern gesprochen wurden, werden unter dem Begriff „Westgermanisch“ zusammengefasst. Diese Sprachstufe hielt sich vom 3. bis 7. Jahrhundert, und dazu gehörten auch noch das damalige Friesisch und die Vorformen des Altenglischen und Altniederländischen.

Bereits ab dem 6. Jahrhundert begann die Desintegration des Westgermanischen. Hauptgrund waren die angelsächsische Eroberung Englands und die fränkische Expansion nach Gallien hinein, beides ab Mitte des 5. Jahrhunderts. Das westgermanische Sprachgebiet war damit so groß und politisch so unzusammenhängend geworden, dass die regionalen Dialekte sich verselbständigten. Eine wichtige Etappe dieser Entwicklung war die Zweite Lautverschiebung des 7. Jahrhunderts, die unmittelbar zur Entstehung der althochdeutschen Sprache geführt hat.

Diese erste in längeren Texten überlieferte Stufe des Deutschen dauerte von zirka 750 bis um 1050. Ihr folgte die Stufe der mittelhochdeutschen Sprache, die in deutschen Gebieten bis um 1350 gesprochen wurde. Ab dann spricht man von der Epoche des Frühneuhochdeutschen und seit ungefähr 1650 des Neuhochdeutschen – der Entwicklungsphase der deutschen Sprache, die bis heute andauert. Die angegebenen Daten sind nur angenähert, denn Sprachen verändern sich fast immer kontinuierlich und in langen Zeiträumen; im Deutschen unterscheiden sich diese Veränderungen außerdem regional in Umfang und Tempo.

In der mittelhochdeutschen Periode entwickelte sich im deutschen Sprachgebiet eine spezifische Ausprägung des Deutschen, die von Juden untereinander gesprochen und meist mit dem hebräischen Alphabet geschrieben wurde, das Jiddische. Charakteristisch sind viele Entlehnungen aus dem Hebräischen (ca. 15 % des Wortschatzes) sowie in geringem Maße aus dem Romanischen (Französisch, Italienisch und Spanisch, ca. 5 % des Wortschatzes), zu denen ab dem 14. Jahrhundert Entlehnungen aus slawischen Sprachen kamen.

Indogermanisch Ursprung der indogermanischen Sprachen Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Sprachen Europas und Asiens (zum Beispiel Latein, Altgriechisch und Sanskrit) wurden schon im 17. und 18. Jahrhundert bemerkt; aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts begannen Sprachwissenschaftler (u. a. Franz Bopp und Jacob Grimm), diese Ähnlichkeiten systematisch zu erforschen. Dabei wurde erkannt, dass fast alle Sprachen Europas und mehrere Sprachen Asiens auf eine gemeinsame Vorform zurückgehen und diese Protosprache auch näherungsweise rekonstruiert werden kann. Im Deutschen wird sie die indogermanische Sprache genannt. Außerhalb des deutschen Sprachraums wird diese erschlossene Sprache (rückübersetzt ins Deutsche) meist als „indoeuropäische“ Sprache bezeichnet. Das primäre Verbreitungsgebiet des Indogermanischen, traditionell oft „Urheimat der Indogermanen“ genannt, lag nach aktuellem Forschungsstand wahrscheinlich nördlich und östlich des Schwarzen Meeres, von wo aus es sich über weite Teile Europas und Asiens (und in der Neuzeit weltweit) ausgebreitet hat.

Auseinanderentwicklung der indogermanischen Sprachen, östliche und westliche Gruppe Der Wortschatz und die grammatischen Strukturen des Indogermanischen wurden bis ins 4. Jahrtausend v. Chr. zurück erschlossen, unter Einbeziehung des Hethitischen sogar bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. Schon früh – spätestens im ausgehenden 4. Jahrtausend vor Christus – begann der Differenzierungsprozess des Indogermanischen, bereits damals begannen sich die Vorformen mehrerer der heutigen Sprachgruppen zu entwickeln, wobei nicht immer klar ist, in welcher Reihenfolge sich die Untergruppen und einzelnen Nachfolgesprachen trennten.

Als gesichert gilt heute – nach der frühen Abspaltung der anatolischen Sprachen (vor allem Hethitisch) – eine primäre Aufgliederung des Indogermanischen in eine östliche Gruppe und eine westliche, „alteuropäische“ Gruppe. Diese Aufgliederung kann kaum vor etwa 3400 v. Chr. zum Abschluss gekommen sein, weil beide Untergruppen gemeinsame Worte haben für „Nabe“ (indogermanisch *h₃nebʰ-) und „Rad“ (dafür gab es sogar zwei indogermanische Lexeme, nämlich *kʷékʷlos, daraus englisch wheel aus späturgermanisch *hwehwlą und griech. kyklos sowie idg. *Hróth₂, daraus dt. Rad und lateinisch rota), die Erfindung des Rades lässt sich jedoch mit archäologischen Mitteln auf etwa 3400 v. Chr. datieren. Möglich ist, dass eine erste Differenzierung in eine östliche und westliche Gruppe bereits vor diesem Zeitpunkt eingetreten ist, sofern die beiden Dialektgebiete einander noch so nahe standen, dass das neue Wort für Rad sich noch über die Dialektgrenze hinweg ausbreiten konnte. Im Hethitischen sind die drei indogermanischen Worte für Rad und Nabe jedenfalls nicht mehr greifbar.

Zur östlichen Gruppe gehören als Nachfolgesprachen Sanskrit (Altindisch), Avestisch (Altiranisch), Griechisch und Armenisch, außerdem wahrscheinlich das Tocharische. Zur westlichen Gruppe die baltischen, italischen und keltischen Sprachen sowie die germanische Sprachfamilie. Die slawischen Sprachen nehmen trotz ihrer Nähe zum Baltischen eine Zwischenstellung ein.

Bis zur Entdeckung des Tocharischen nahm man dagegen nach einer Theorie von Peter von Bradke aus dem Jahre 1890 vielfach an, die primäre Aufgliederung des Indogermanischen sei diejenige in Kentum- und Satemsprachen gewesen. Die Bezeichnungen stammen von dem altpersischen (satem) und lateinischen (centum) Wort für hundert, das im Indogermanischen *k̑m̥tóm gelautet hatte. Diese Theorie war von Anfang an nicht ganz plausibel und wurde bereits nach recht kurzer Zeit im frühen 20. Jahrhundert mit der Entzifferung des Tocharischen widerlegt. Seitdem werden die Begriffe „Kentum-“ und „Satemsprachen“ nur noch deskriptiv (beschreibend) verwendet, nicht aber im Sinne einer sprachgeschichtlichen Aufgliederung entlang dieses Merkmals.

Der endgültige Nachweis der primären Aufgliederung des Proto-Indogermanischen in eine östliche und eine westliche Gruppe gelang erst in den 1970er Jahren mit dem Nachweis der primären Verwandtschaft des Griechischen mit dem Sanskrit, insbesondere anhand gemeinsamer Archaismen in der Nominalflexion beider Sprachen.

Textproben Die indogermanische Fabel nach Schleicher (1868) mini|August Schleicher, Autor der indogermanischen Fabel

Nach der erfolgreichen Rekonstruktion von Lexemen, Phonemen und morphologischen Strukturen haben Linguisten immer wieder auch kurze Texte in der proto-indogermanischen Sprache rekonstruiert. Der älteste und bekannteste ist die sogenannte Indogermanische Fabel Das Schaf und die Pferde, die 1868 von August Schleicher verfasst wurde. Schleichers Rekonstruktion ist heute überholt, jedoch gibt es neuere Fassungen, die den Forschungsstand für verschiedene Phasen der Vorgeschichte des Deutschen veranschaulichen.

Hier zunächst der kurze Text in heutigem Deutsch: Ein Schaf, das keine Wolle mehr hatte, sah Pferde, eines einen schweren Wagen fahrend, eines eine große Last, eines einen Menschen schnell tragend. Das Schaf sprach: Das Herz wird mir eng, wenn ich sehe, dass der Mensch die Pferde antreibt. Die Pferde sprachen: Höre Schaf, das Herz wird uns eng, weil wir gesehen haben: Der Mensch, der Herr, macht die Wolle der Schafe zu einem warmen Kleid für sich und die Schafe haben keine Wolle mehr. Als es dies gehört hatte, bog das Schaf auf das Feld ein.

Schleichers Fabel nach F. Kortlandt (2007/2010)