mini|300px|Lage Charakenes um 51 v. Chr. Die Charakene (auch Mesene), am Persischen Golf gelegen, war ein kleiner Vasallenstaat in Südmesopotamien innerhalb des Partherreiches, dessen Hauptstadt Charax Spasinu ein wichtiger Handelsplatz auf dem Weg von Indien ins Zweistromland und auch auf der Seidenstraße war. Das Reich entstand um 130 v. Chr. und ging mit der Eroberung der Region durch die Sassaniden um 224 n. Chr. unter.

Das Partherreich der Arsakiden war eine Art Feudalstaat, der sich aus verschiedenen mehr oder weniger unabhängigen Vasallenstaaten zusammensetzte, die dem parthischen Herrscher als Unterkönige dienten. Die Geschichte dieser Vasallenstaaten ist oftmals nur bruchstückhaft überliefert. Ihr Einfluss und Zusammenspiel ist wenig erforscht. Die Charakene ist eines dieser Kleinkönigreiche und gehört neben Hatra und Armenien zu den etwas besser erforschten, da sie eine eigene Münzprägung hatte und damit zumindest die Namen der Herrscher bekannt sind.Zum Vergleich seien die Atropatene oder Elymais angeführt, von denen in der Tat noch viel weniger bekannt ist. Trotzdem ist nur wenig überliefert und aus antiken Quellen fassbar, was den schlechten Forschungsstand zum Partherreich im Allgemeinen widerspiegelt.

Geographie Die Charakene wird von verschiedenen antiken Autoren, meist Geographen, beschrieben,Plinius: Naturgeschichte, VI, 135–147; Ptolemäus, VI 3,2; Strabon XVI 4, 1 (767). die sie meist Arabien zuordnen.Strabon XVI 4, 1 (767); vgl.: Schuol: Characene, 94. Es handelt sich um die Region im Süden Babyloniens, im heutigen Irak, Iran und Kuwait. Als Grenzen werden im Westen die arabische Wüste, im Norden die chaldäischen Sümpfe und im Süden der Persische Golf genannt. Im Osten grenzt die Charakene an die Elymais, wobei PliniusNaturgeschichte, VI, 129. sie sogar als Teil der Elymais bezeichnet. Die Hauptstadt der Charakene hieß Charax-Spasinu und lag am Schatt al-Arab (circa 50 km nördlich des heutigen Basra). Die Stadt war ein bedeutendes Handelszentrum zwischen Mesopotamien und Indien. Sie war in der Antike für ihre umfangreichen Dammanlagen bekannt, die ja auch namengebend waren. Charax-Spasinu heißt Palisade des Hyspaosines.Plinius: Naturgeschichte, VI, 139. Die Stadt konnte bei einem Survey lokalisiert werden und hatte beachtliche Ausmaße (ca. 2,8 × 1,3 km). Mauern aus Erde stehen heute noch bis zu 4,6 m hoch an. Es sind noch Bastionen zu erkennen.Hansman: Charax and the Karkheh, In: Iranica Antiqua, 7 (1967), S. 36–45. Weitere Hafenorte waren Forat, Teredon und Apologos. Forat umfasste etwa 1,8 × 1,3 km und war damit auch eine ansehnliche Stadt. Sie lag etwas südlich von Charax-Spasinu. An der Nordgrenze des Reiches befand sich die Stadt Apameia, bei der es sich um eine Gründung von Seleukos I. handelt, die nach seiner Gemahlin benannt wurde. Plinius nennt für die Charakene noch die Orte Barbatia und Dumatha, die aber nur bei ihm bezeugt sind und von denen nichts weiter bekannt ist.Plinius: Naturgeschichte, VI, 146.

Der ganze Süden Babyloniens bildet ein Alluvialland, das durch die Ablagerungen des Euphrat und Tigris entstand. Durch die Sedimentablagerungen der Flüsse, die sich hier vereinigten, schob sich die Küste im Laufe der Zeit immer weiter ins Meer, und schon in nachchristlicher Zeit lag Charax-Spasinu nicht mehr nahe an der Küste, sondern in einiger Entfernung davon, so dass sich das am Meer liegende und neu gegründete Forat zu einer weiteren wichtigen Hafenstadt entwickelte. Zwei weitere Flüsse kamen von Osten und verbanden die Charakene mit der Elymais. Es handelt sich um den Karche (antik: Eulaios) und die Karun. Zum Herrschaftsgebiet der Herrscher der Charakene gehörten auch die Omani, ein fast nur aus antiken Quellen bekanntes arabisches Volk, das im Gebiet zwischen der Charakene und dem Nabatäischen Reich gelebt haben muss. Verschiedene Inseln im Persischen Golf, darunter vor allem Bahrain, gehörten auch zum Herrschaftsbereich der Charakene. Hier fanden sich zahlreiche charakenische Münzen, eine Bauinschrift des Königs Hyspaosines, und hierher wurde der palmyrische Kaufmann Yarhai von König Meredates als Satrap eingesetzt. Bahrain war eine wichtige Zwischenstation auf dem Seeweg nach Indien.

Die Charakene war in der Antike für ihre trüben Winter und extrem heißen und schwülen Sommermonate bekannt.Strabon, XVI, 4, 1. Niederschlag war selten, doch waren die Flüsse wasserreich. Sie bewirkten oftmals vernichtende Überschwemmungen, machten das Land aber auch sehr fruchtbar.

Die Namen Die Bezeichnungen Mesene (auch Messene, aramäisch Mayshan) und Charakene werden schon in der Antike fast gleichbedeutend nebeneinander benutzt. Charakene leitet sich von dem Namen der Hauptstadt Charax-Spasinu ab und bezeichnete ursprünglich vielleicht nur die Gegend um die eigentliche Stadt, wurde aber im Laufe der Zeit auch für das ganze Königreich verwendet. Der Ursprung der Bezeichnung Mesene ist dagegen unsicher. Vielleicht ist das Wort akkadisch.zweites Wasser, siehe: G. F. del Monte: Tesi della Babilonia ellenistica I, Pisa/Rom 1997, S. 117, 137. Es handelt sich zunächst wahrscheinlich um die Bezeichnung der Landschaft des südlichen Babyloniens.zuerst bei Strabon, II, 1, 31(84–85); XVI, 1, 8 (739). In der nachparthischen Zeit hielt sich die Bezeichnung Mesene im Aramäischen u. a. im Babylonischen Talmud als myšn, myšwn (Baba Kamma 97b; Baba Bathra 73a; Shabbat 101a)Aaron Oppenheimer, Babylonia Judaica in the Talmudic Period (= Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients, Reihe B [Geisteswissenschaften] 47; Wiesbaden 1983). oder in einer Zauberschale aus NippurStephen A. Kaufman (1983). Appendix C. Alphabetic Texts. In: McGuire Gibson. Excavations at Nippur Eleventh Season (= Oriental Institute Communications 22; Chicago 1973), S. 151–152 https://oi.uchicago.edu/research/publications/oic/oic-22-excavations-nippur-eleventh-season., welches sich im Arabischen als maysān,Yāqūt, Kitab mu'jam al-buldan III, IV. oder armenisch meschun hielt, während der Begriff Charakene verschwand.Schuol: Characene, S. 276–280.

Geschichte Vorgeschichte Alexander der Große gründete im Süden Babyloniens, am Zusammenfluss von Euphrat und Karche eine Stadt mit dem Namen Alexandria, die meist als Alexandria am Tigris bezeichnet wird. Als Einwohner wurden makedonische Soldaten und Leute der nahegelegenen Stadt Durine angesiedelt. Alexandria am Tigris entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Handelszentrum. Hier gab es wahrscheinlich einen Flottenstützpunkt des Seleukidenreiches.

Im Seleukidenreich bildete ganz Babylonien eine eigene Satrapie. Antiochos III. unterteilte sie und kreierte mit der Teilung im Süden die Satrapie des Erythräischen Meeres, zu der wahrscheinlich auch die Insel Failaka gehörte. Hauptstadt wurde Alexandria am Tigris, wobei die Stadt unter Antiochos IV. von einer Flut vernichtet und wieder aufgebaut wurde. Sie erhielt nach ihrem neuen Erbauer den Namen Antiochia.

Seit der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. fielen immer mehr Provinzen (Parthien, Baktrien) vom Seleukidenreich, das sich von Indien bis zum Mittelmeer erstreckte, ab. In der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. befand sich das Reich schließlich in einer Phase der staatlichen Auflösung. Der Osten des Reiches ging für immer verloren. Babylonien wurde mehrmals von neuen Herren regiert. Von 162 bis 161 v. Chr. war hier Timarchos an der Macht, der ehemalige Satrap von Medien. Er wurde jedoch von dem Seleukidenkönig Demetrios II. besiegt. Zwanzig Jahre später machte sich die Elymais selbständig und versuchte, Teile des Seleukidenreiches zu erobern. Ihre Truppen sind 142 v. Chr. in Südbabylonien bezeugt. Im Jahr 141 v. Chr. wurde das Zweistromland von dem arsakidischen Partherkönig Mithridates I. erobert. Um 139/38 v. Chr. gab es eine zeitweilig erfolgreiche Gegenoffensive der Seleukiden. Mit dem Schlachtentod von Antiochos VII. endete ihre Herrschaft über Mesopotamien wenige Jahre später jedoch für immer.

Gründung miniatur|250px|Münze des Hyspaosines Um 165/64 v. Chr. wurde ein gewisser Hyspaosines von Antiochos IV. zum Statthalter (Eparch) der Satrapie des Erythräischen Meeres eingesetzt, er sollte die Region für ca. 40 Jahre beherrschen. Nach Plinius war Hyspaosines der Sohn des Sagdodonacus, "König der Araber". Der Name Hyspaosines ist aber wahrscheinlich die gräzisierte Form des iranischen Vispa-canah (an allem Gefallen habend). Dieser Name ist mehrmals in der griechischen Welt bezeugt, doch kann sonst kaum etwas zum Ursprung des Namens und damit des Hyspaosines gesagt werden. Er mag von Antiochos IV. als besonders fähiger Mann in diese unruhige Provinz entsandt worden sein. Ab ca. 140 v. Chr. unternahm Hyspaosines diverse Feldzüge und regierte kurzzeitig sogar Teile von Persien und Babylonien. Er sandte seinen Sohn Timotheos nach Seleukia am Tigris, wurde aber schnell wieder zurückgedrängt. Auf alle Fälle gehörte die Stadt Babylon zeitweilig zu seinem Herrschaftsbereich, denn von dort gibt es nach ihm datierte Texte. Hyspaosines prägte vielleicht schon ab 140 v. Chr. eigene Münzen, auf denen er als König erscheint, doch ist sein Status und die genaue Datierung dieser Münzen und damit die Annahme des Königstitels in der Forschung umstritten. Mit Sicherheit ist Hyspaosines zum ersten Mal am 30. Mai 127 v. Chr. in einem Keilschrifttext als König bezeugt.Schuol: Charakene, S. 33. Der genaue Zeitpunkt der Übernahme des Königstitels und damit der Gründung der Charakene als (teil-)autonomer Staat bleiben jedoch ungewiss. Ein möglicher Zeitpunkt ist die Periode kurz nach 129 v. Chr. In diesem Jahr unternahm der Seleukide Antiochos VII. einen letzten Versuch, das Zweistromland zurückzugewinnen, scheiterte aber. In diesem Chaos konnten sich die Charakene wohl mit Hyspaosines als König etablieren. Von Hyspaosines und seiner Gemahlin Thalassia gibt es eine Bauinschrift von Bahrain, die einem Tempel der Dioskuren und den Strategos von Bahrain mit Namen Kephisodoros nennt.Galier, Lomvard, al-Sindi: In: Arabian archaeology and epigraphy 13 (2002), S. 223–226. Wahrscheinlich war Bahrain schon Teil der Satrapie des Erythräischen Meeres. Mit der Etablierung der Charakene als eigenes Königreich war dieser Teil der Satrapie automatisch eine Provinz dieses neuen Staates, mit eigener Provinzialverwaltung. Hyspaosines starb am 11. Juni 124 v. Chr. im hohen Alter von 85 JahrenLukan, Macrobi XVI 16., nachdem er vier Tage vorher krank geworden war.Keilschrifttext British Museum 33024, 33045, Übersetzung: Schuol: Charakene, S. 40. Er kann als eigentlicher Gründer des Königreiches Charakene bezeichnet werden. Münzen mit seinem Namen wurden noch bis 122/1 v. Chr. geprägt, was die frühere Forschung dazu veranlasste anzunehmen, dass er bis in dieses Jahr regierte. Sein genaues Todesdatum ist jedoch in den Astronomischen Tagebüchern überliefert.

Die Position der Parther in der Charakene in der Zeit des Aufstieges von Hyspaosines ist weitgehend unbekannt. Sie waren schon um 140 v. Chr. im Zweistromland eingefallen und hatten es erobert, hatten aber gleichzeitig mit einfallenden Nomaden im Osten zu kämpfen, so dass ihre Kräfte andernorts gebunden waren und ihre Herrschaft im Zweistromland nicht sicher war. Hyspaosines mag sich den Parthern von Anfang an unterworfen haben, um sich dann in Zeiten ihrer Schwäche wieder von ihnen loszureißen. Seine Eroberungszüge mag man als Versuch von seleukidischer Seite sehen, das Land wieder zurückzugewinnen. Die Erhebung des Hyspaosines zum König belegt dann aber das Handeln im eigenen Interesse.

Erstes vorchristliches Jahrhundert miniatur|250px|Münze des Apodakos