Das Freie Territorium von Triest (kurz: FTT; italienisch Territorio libero di Trieste, Abkürzung TLT; slowenisch Svobodno tržaško ozemlje, Abkürzung STO; kroatisch Slobodan teritorij Trsta, Abkürzung STT; friaulisch Teritori Libar di Triest) war eine nach dem Zweiten Weltkrieg gebildete konstitutionelle Republik in Süd- und Mitteleuropa am Golf von Triest, die von den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich und Jugoslawien militärisch besetzt und verwaltet wurde und sich in zwei teilsouveräne Zonen (A und B) gliederte. Der Bundesstaat wurde Anfang 1947 auf Initiative der Alliierten wegen der italienisch-slowenischen Volksgruppenkonflikte gegründet und war damals der flächenmäßig größte unter den sieben europäischen Zwergstaaten. Hauptstadt und größte Stadt war Triest.
Völkerrechtlich legitimiert durch die Pariser Friedenskonferenz 1946 und einen Friedensvertrag zwischen den Alliierten des Zweiten Weltkriegs und dem Königreich Italien (ab Juni 1946 Republik) wurde das Freie Territorium Triest am 15. September 1947 als repräsentative Demokratie mit einem Direktorialsystem proklamiert. Der nie bestellte Gouverneur sollte als Staatsoberhaupt dienen und die Volksversammlung als Einkammerparlament.
Die Geschichte und Politik des Kleinstaates lässt sich in drei Abschnitte einteilen. Von 1947 bis 1948 fand durch die Einführung eigenstaatlicher Institutionen eine Konsolidierung des Landes statt. 1948–1953 kam es im Zuge des Kalten Krieges, durch die jeweilige Besatzungsmacht, zu einer umfassenden Dezentralisierung des Territoriums, die eine Entstehung eines einheitlichen Staatsgebietes faktisch verhinderte. Danach deutete sich nach Massendemonstrationen, die brutal niedergeschlagen wurden, ab 1953 die Auflösung des Staates an, die im Oktober 1954 zur Aufteilung des Territoriums zwischen Italien und Jugoslawien führte.
Landesname
Der amtliche Staatsname lautete auf Deutsch Freies Territorium Triest (selten auch Freigebiet Triest). Die verlängerte amtliche Vollform lautete Freies Territorium von Triest.
Der Name ging auf die Pariser Friedenskonferenz von 1946 zurück. Dort erklärten die verschiedenen Parteien Triest zu einem „freien Gebiet“ beziehungsweise zu einer „freien Stadt“ (wie Danzig 1920–1939). Der Landesname wurde aber erst mit der Staatsgründung 1947 angenommen. Um die Souveränität und Neutralität des Staates auszudrücken, beschloss die nationale Volksversammlung den Namen Freies Territorium Triest in einem Ständigen Statut zu verankern. Diese Verfassung trat aber nie in Kraft.
Durch das Verwenden der weit verbreiteten Abkürzung Triest entstand fälschlicherweise der Gedanke, bei dem Territorium handele sich lediglich um einen Stadtstaat. Weitere inoffizielle Namen waren Freies Gebiet Triest, Freigebiet Triest, Freistaat Triest und Freie Stadt Triest.
Geographie mini|Triest, Hauptstadt des Landes
Das Freie Territorium Triest bildete eine Landbrücke zwischen Istrien und der italienischen Stadt Duino-Aurisina am nordöstlichen Rand des Adriatischen Meeres. Damit zählte es geographisch sowohl zu Südeuropa als auch zu Mitteleuropa. Das Land grenzte im Nordwesten an Italien, im Osten und im Süden an Jugoslawien und im Westen an das Adriatische Meer.
Das Territorium – de facto ein kleiner neutraler Pufferstaat – war mit einer Fläche von 738 km² der größte unter den damals sieben europäischen Zwergstaaten. Das Land ließ sich in zwei geographische Regionen einteilen: die Zone A, heute Provinz Triest, und die Zone B, heute Teil der slowenischen Region Obalno-kraška und der kroatischen Gespanschaft Istrien. Die beiden Regionen waren damals von britischen und US-amerikanischen Soldaten (Zone A) beziehungsweise von jugoslawischen Soldaten besetzt (Zone B).
Die Zone A war ein Küstenstreifen bis Duino-Aurisina, um eine Verbindung zu Italien herzustellen. Sie umfasste die Hauptstadt Triest (italienisch Trieste) und ihr Umland. Die Region hatte eine Fläche von 222,5 km² und war 45 km lang und ca. 5 bis 15 km breit. Im Norden des Streifens befand sich der Karst (italienisch: Carso), eine Hügellandschaft, die mit sehr vielen Höhlen durchsetzt war. Die bekannteste war die Grotta Gigante („Riesenhöhle“). Im Süden folgte nach dem Grenzfluss Dragonja/Dragogna die Zone B. Dieses Gebiet hatte eine Fläche von 515,5 km² und lag auf der Halbinsel Istrien.
Die wichtigsten Flüsse des Landes waren Risana, Dragogna, Timavo, Rosandra und Quieto. Höchste Erhebung war der Monte Cocusso/Kokos mit 668 Meter über Adria.
Der nördlichste Punkt des Mutterlandes des Territoriums befand sich bei Medjavas in der Nähe von Duino auf 45° 48’, der südlichste am Porto Quieto auf 45° 18’ nördlicher Breite. Der westlichste Punkt war die Punta Salvore auf 13° 29’, der östlichste Punkt befand sich bei Gročana auf 13° 55’ östlicher Länge.
Geschichte Vorgeschichte der Entstehung des Territoriums mini|Gedenkstein auf dem Molo Audace, vorher Molo San Carlo, zur italienischen Besetzung der Stadt Triest am 3. November 1918
Das Gebiet des späteren Freien Territoriums Triest war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil eines Kronlandes von Österreich-Ungarn, des Küstenlandes, dessen wichtigster Hafen Triest war. Die Einwohner von Triest und der Städte Istriens waren mehrheitlich Italiener, die ländlichen Gebiete Istriens und der Karstregion um Triest waren mehrheitlich von Slawen besiedelt, im Norden von Slowenen und im Südwesten von Kroaten. Daneben gab es in einigen Städten, vor allem in Triest, auch eine deutschsprachige Minderheit. Mehr als 80 Prozent der Einwohner des FTT sprachen Italienisch, worunter allerdings auch Friaulisch und Venetisch subsumiert wurden, 11 % sprachen Slowenisch, 5 % Kroatisch, 1 % Deutsch.
Das bereits am Ende des Kriegs 1918 vom Königreich Italien besetzte Istrien wurde mit Triest und Teilen des heutigen Slowenien 1921 formell annektiert. 1925 folgte die heute zu Kroatien gehörende Hafenstadt Fiume an der Kvarner-Bucht (ital. Quarnero), wo einige Jahre zuvor der Freistaat Fiume bestanden hatte. Die angrenzende Krain und Dalmatien gingen 1918/1919 größtenteils im neugegründeten Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat, ab 1929 Königreich Jugoslawien) auf.
Mit der Aufteilung der ehemaligen österreich-ungarischen Gebiete unter Italien und dem SHS-Staat setzte eine tiefgreifende Italianisierung bzw. Slawisierung durch die Regierungen unter Mussolini bzw. Karađorđević ein. Die jeweiligen sprachlichen Minderheiten und ihre Kultur wurden in den 1920er- und 1930er-Jahren von Italienern und Jugoslawen massiv unterdrückt und diskriminiert. Dies betraf v. a. die slawischsprachige Bevölkerung am Karst, die italienische in Dalmatien und deutschsprachigen Minderheiten in Marburg und der Gottschee. Es kam immer wieder zu gewaltsamen anti-slawischen Ausschreitungen in Italien sowie zu anti-deutschen und anti-italienischen im SHS-Staat. So wurde schon am 13. Juli 1920 – ein Jahr vor dem formellen Anschluss des Gebiets – das Haus eines slowenischen Vereins (Narodni dom) in Triest als Vergeltungsmaßnahme niedergebrannt, nachdem bei Unruhen in der dalmatinischen, zum SHS-Staat gehörenden Hafenstadt Split (italienisch Spalato) zwei italienische Seeleute von jugoslawischen Sicherheitskräften erschossen worden waren.
Viele Slowenen und Kroaten wanderten in den jugoslawischen SHS-Staat aus, während sich andere in der 1924 gegründeten, slawischen terroristischen Organisation TIGR (Akronym aus Trst, Istra, Gorica in Reka – „Triest, Istrien, Görz und Rijeka“) engagierten, die in den 1920er- und 1930er-Jahren über 100 Terroranschläge verübte. Ebenso wanderten zahlreiche italienisch- und deutschsprachige Bewohner Jugoslawiens nach Italien oder Österreich aus, weil sie sich im SHS-Staat ebenso Diskriminierungen und Verfolgungen ausgesetzt sahen.
Italien kämpfte im Zweiten Weltkrieg bis zum Zusammenbruch des faschistischen Regimes von Benito Mussolini 1943 auf Seiten Deutschlands. Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 wurde das Gebiet von Triest von der Wehrmacht besetzt und Teil der Operationszone Adriatisches Küstenland.
Am 1. Mai 1945 wurde Triest von der Vierten Jugoslawischen Armee und dem Neunten Slowenischen Korps besetzt. Erst am 2. Mai erreichten auch neuseeländische und britische Einheiten die Stadt. Unter internationalem Druck verließen die jugoslawischen Truppen am 12. Juni Triest.
Bereits im Rahmen der Pariser Friedenskonferenz 1946 wurde beschlossen, „das internationale Territorium von Triest“ zu schaffen. Außerdem wurden die drei Amtssprachen Italienisch, Slowenisch und Kroatisch festgelegt. Jedoch bestand am Ende der Konferenz noch Uneinigkeit über „das Ausmaß der Autorität, die von dem Sicherheitsrat und der örtlichen Verwaltung im Territorium Triest ausgeübt werden soll“.
mini|Werbeplakat für den Marshallplan. Die Flagge von Triest wurde hier irrtümlich blau statt rot gefärbt (1950) mini|Die Kirche Sant’Antonio Taumaturgo, eins der Wahrzeichen des Territoriums
Unabhängigkeit und Konsolidierung des Staates
Am 10. Januar 1947 beschloss der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 16 fast einstimmig die Gründung des Freien Territoriums Triest. Der Termin der Staatsgründung stand noch offen.
Am 10. Februar 1947 wurde in Paris von Vertretern der Alliierten des Zweiten Weltkriegs ein Friedensvertrag mit der neuen italienischen Republik unterzeichnet, der die Errichtung des Freien Territoriums für den 15. September 1947 vorsah. Das Territorium sollte als neutraler Staat unter Protektion der Vereinten Nationen existieren und in zwei Zonen eingeteilt werden.
Am 15. September 1947, dem Tag des Inkrafttretens des italienisch-alliierten Friedensvertrags, wurde das Freie Territorium Triest von Terence Sydney Airey, dem britischen Gouverneur der Zone A, mit der „Proklamation Nr. 1.“ proklamiert. Es fand eine feierliche militärische Zeremonie zur Staatsgründung statt und überall im neuen Staat kam es zu Feierlichkeiten. Am gleichen Tag trat mit dem Vorläufigen Statut (offiziell „Urkunde über die Provisorische Regierung des Freien Territoriums von Triest“) die provisorische Verfassung des Gebiets in Kraft. Danach fand eine umfassende Konsolidierung des Staates statt. Als strukturelles Vorbild diente die Schweiz mit ihrem Direktorialsystem.
Zwischen 1947 und 1948 wurden die Triestiner Lira als eigene Währung, eigene Staatssymbole (Flagge, Wappen und die Nationalhymne Inno di San Giusto), ein eigenes Postwesen, Bankensystem, Briefmarkenreihe, eigene Autokennzeichen eingeführt, eine eigene staatliche Eisenbahngesellschaft gegründet, ein umfassender Sicherheitsapparat ins Leben gerufen und ein eigenes Parlament geschaffen.
Der Aufbau des neuen Territoriums erhielt jedoch bald einen Dämpfer. Zwischen Oktober 1947 und März 1948 lehnte die Sowjetunion die Kandidatur von 12 Nominierungen für den Posten des Gouverneurs, die die USA, das Vereinigte Königreich und Frankreich vorschlugen, ab. Da man sich danach immer noch nicht auf einen Gouverneur einigen konnte, wurden die beiden Kommandanten der Zonen Terence Sydney Airey (A) und Mirko Lenac (B) in ihrer Eigenschaft als Militärgouverneure mit der Errichtung einer „provisorischen Verwaltung“ für die Zeit bis zur Bestellung eines Gouverneurs durch den UN-Sicherheitsrat beauftragt. Damit hatte man ihnen faktisch die Funktion eines Regierungschefs übertragen. Dieses Provisorium hielt bis zur Auflösung des Territoriums 1954 an.