Anneliese Wittgenstein, auch Annelise Wittgenstein (geboren am 30. Mai 1890 in Geibsdorf (Schlesien), heute Gmina Siekierczyn (Polen); gestorben am 19. Dezember 1946 in Berlin) war eine deutsche Ärztin, Wissenschaftlerin und Universitätsdozentin.

Berufsweg Anneliese Wittgenstein war die Tochter von Emma und Ernst Oskar Wittgenstein, einem Landwirt und späteren Kaufmann. Sie wuchs mit einer Schwester und zwei Brüdern in finanziell guter Situation auf. Ihre Vorfahren waren jüdischen Glaubens. Die Eltern ihres Großvaters Richard Simon konvertierten zum evangelischen Glauben.

Wittgenstein besuchte eine private höhere Mädchenschule, ein Lyzeum und ein Oberlyzeum in Berlin. Mit 19 Jahren bestand Anneliese Wittgenstein ihr Lehrerinnenexamen, anschließend unterrichtete sie in Rheinsberg am Pädagogikum. Mit etwa 21 entschloss sie sich, bei der bekannten Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange in Berlin einen Gymnasialkurs zu belegen. Ihr Abitur bestand sie 1913 am Werner-Siemens-Realgymnasium.

Anschließend begann sie an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität zu Berlin) Medizin zu studieren. Parallel dazu war Wittgenstein für den Lebensunterhalt weiterhin als Privatdozentin tätig. Ihr medizinisches Staatsexamen legte sie 1918 ab, 1919 schlossen sich die Promotion und die Approbation an. Wittgenstein hatte sich auf innerer Medizin und Neurologie spezialisiert. Ab Sommer 1919 arbeitete sie als Assistentin an der III. Medizinischen Universitätsklinik und Poliklinik der Charité Berlin, geleitet vom internistischen Neurologen Alfred Goldscheider. Hier erarbeitete sie sich in den folgenden Jahren einen hervorragenden medizinischen und wissenschafrtlichen Ruf.

1926 hatte sich Wittgenstein mit der Arbeit „Das Liquorbild in der Diagnose und Therapie der Nervensyphilie“ für Innere Medizin habilitiert. Sie ist damit die erste offizielle Habilitation einer Frau an einer Medizinischen Fakultät in Berlin. In ihrer Habilitationsschrift ging es um Untersuchungen über den Stofftransport vom Blut ins Kammerwasser unter besonderer Berücksichtigung physikalisch-chemischer Gesichtspunkte.

1932 stellte ihr Direktor Alfred Goldscheider den Antrag auf eine Professur für Wittgenstein an der Medizinischen Fakultät. In einem Dokument des Dekans Hermann Gocht aus dem Jahr 1933 zur Erlangung der Professur wurde Anneliese Wittgenstein fachliche Kompetenz, persönliche und menschliche Eignung bescheinigt. Sie habe sich als „Dozentin ganz entschlossen durchgesetzt dank ihrer ernsthaften gehaltenen Persönlichkeit, ihrer wissenschaftlichen Bedeutung, ihrem ärztlichen Können, ihrer nicht zu verkennenden Lehrbegabung“. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es nicht mehr zur Berufung, der Antrag wurde ohne Angabe von Gründen 1934 abgelehnt. Wittgenstein hatte zu diesem Zeitpunkt aus gesundheitlichen Gründen ihre Venia Legendi – die Lehrberechtigung – zurückgegeben, fand 1934 eine Anstellung am Franziskus-Krankenhaus, wo sie bis 1946 arbeitete, und war ab 1937 zudem in ihrer ambulanten Facharztpraxis, anfangs in Wilmersdorf, später in der Motzstraße 30 in Berlin-Schöneberg, tätig.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie erneut für eine Professur an der Humboldt-Universität vorgeschlagen. Nachdem sie alle Unterlagen zur Rückgabe der Dozentur aus gesundheitlichen Gründen inklusive eines Fragebogens zu ihrem Verhalten während der NS-Zeit und ihrer Gesinnung vorgelegt hatte, beantragte die Fakultät für Medizin im Dezember 1946 eine außerplanmäßige Professur.

Anneliese Wittgenstein starb ledig und kinderlos am 19. Dezember 1946. Ihr Grab befindet sich auf dem Alten St. Matthias Friedhof in Berlin-Schöneberg.

Mitgliedschaften Anneliese Wittgenstein war Mitglied im Hartmannbund und in der Berliner Medizinischen Gesellschaft.

Literatur

W. Debschnitz-Kunowski: Unsere Zeit in 77 Frauenbildnissen. Niels Kampmann Verlag, Leipzig 1930. Annette Vogt: Aufbruch und Verdrängung. Wissenschaftlerinnen an der Berliner Universität zwischen 1918 und 1945/46. In: Frauen an der Humboldt-Universität. 1908 - 1998. Vorträge anläßlich der Festveranstaltung 90 Jahre Frauen an der Berliner Universität. Humboldt-Universität, Berlin 1999, S. 21–48. Annette Vogt: Schwestern und Freundinnen. Zur Kommunikations- und Beziehungskultur unter Berliner Privatdozentinnen. In: Eva Labouvie (Hrsg.): Schwestern und Freundinnen. Böhlau, Köln 2009. Störgröße "F": Frauenstudium und Wissenschaftlerinnenkarrieren an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin – 1892 bis 1945. Eine kommentierte Aktenedition. Trafo Wissenschaftsverlag, Berlin 2010, ISBN 978-3896268952.

Einzelnachweise

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