Armut in den Vereinigten Staaten bezeichnet die wirtschaftliche Notlage eines erheblichen Teils der Bevölkerung in einem der weltweit reichsten Länder. Nach offiziellen Kriterien des US Census Bureau lebten 2024 ca. 10,4 % der US-Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze, etwa 36 Millionen Menschen. Armut und wirtschaftliche Not gilt in den USA für ein hochentwickeltes Industrieland als weit verbreitet; so weisen die USA eine der höchsten Einkommensungleichheiten unter den OECD-Staaten auf. Die relative Armutsrate (der Anteil der Bevölkerung, die über weniger als die Hälfte des Medianeinkommens verfügt), lag 2021 mit 18 Prozent innerhalb der OECD nur in Costa Rica (21 %) noch höher. Armut ist dabei ungleich verteilt: Bestimmte Bevölkerungsgruppen und Regionen sind deutlich stärker betroffen als andere.

Historische Entwicklung mini|Armut in den USA während der Great Depression (1935) In der frühen amerikanischen Geschichte gab es zwar verbreitete Armut, doch erst im 20. Jahrhundert rückte sie ins Zentrum politischer Aufmerksamkeit. Die Weltwirtschaftskrise (Great Depression) der 1930er Jahre führte zu massiver Arbeitslosigkeit und Verelendung; 1933 waren fast 25 % der US-Bevölkerung ohne Arbeit. Präsident Franklin D. Roosevelt reagierte mit dem New Deal: 1935 wurde per Social Security Act erstmals eine bundesweite Arbeitslosen- und Rentenversicherung eingeführt. Weitere New-Deal-Maßnahmen umfassten Arbeitsbeschaffungsprogramme, Sozialhilfe und Investitionen in Infrastruktur und Landwirtschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab die G. I. Bill (1944) erstmals breiten Bevölkerungsschichten (darunter auch ethnischen Minderheiten) Zugang zu höherer Bildung und der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit ließ die Armut zurückgehen. In den 1960er Jahren rief Präsident Lyndon B. Johnson den „War on Poverty“ (Krieg gegen die Armut) aus, worauf eine Reihe neuer sozialpolitischer Programme etabliert wurde – darunter 1965 die Gesundheitsversicherungen Medicare für Senioren und Medicaid für Einkommensschwache. Diese Maßnahmen zusammen mit der positiven Wirtschaftsentwicklung ließen die Armutsquote bis Anfang der 1970er Jahre deutlich sinken.

Trotz der Erfolge der 1960er Jahre verharrte die Armutsrate in den folgenden Jahrzehnten auf einem zweistelligen Niveau. Ab den 1980er Jahren vollzogen konservative Regierungen unter Ronald Reagan einen Paradigmenwechsel hin zu weniger staatlichen Eingriffen und kürzten Sozialleistungen teils drastisch. In den 1990ern wurde das Sozialsystem weiter reformiert (etwa durch die Welfare Reform 1996, welche die klassische Sozialhilfe durch zeitlich befristete Leistungen ersetzte). Verschiedene Steuersenkungen, die vorwiegend höhere Einkommensschichten begünstigten, ließen die Ungleichheit ansteigen, während einige Teile des Landes (z. B. Detroit oder West Virginia) unter Deindustrialisierung litten. Während der Finanzkrise 2007/2008 stieg die Armut in den USA dann wieder markant an und erreichte um 2010 etwa 15 % der Bevölkerung, den höchsten Wert seit 1993. Im Jahr 2011 lebten rund 46 Millionen US-Amerikaner unterhalb der Armutsgrenze. In den Folgejahren ging die offizielle Armutsquote wieder etwas zurück, die Reallöhne blieben allerdings weiter hinter der Entwicklung der Produktivität zurück, ein Trend, der in den 1970er Jahren begann. Durch steigende Lebenshaltungskosten stieg zudem die Obdachlosigkeit an und erreichte 2023 einen Rekordwert.

Armutsmessung mini|Entwicklung der US-Armutsrate laut US Census Bureau (1959–2017) Die Armutsmessung in den USA basiert vor allem auf einer offiziellen Armutsgrenze (poverty threshold), die vom Einkommen abhängig ist und regelmäßig an die Inflation angepasst wird. In den letzten Jahrzehnten schwankte die offizielle Armutsquote meist zwischen etwa 10 % und 15 % der Bevölkerung. 2022 lag sie bei 11,5 % (etwa 37,9 Millionen Menschen). Jedoch wird die offizielle Armutsgrenze häufig als eher niedrig bemessen betrachtet. Insbesondere in Regionen mit hohen Lebenshaltungskosten reichen Einkommen knapp oberhalb der Armutsgrenze oft nicht zum Auskommen. Selbst Grundbedürfnisse wie Wohnen und Gesundheitsversorgung sind für viele Haushalte kaum erschwinglich geworden. So zeigte eine Studie, dass in den USA dort die Obdachlosigkeit besonders ansteigt, wo Menschen über 30 % ihres Einkommens für Miete aufwenden müssen. Großstädte wie San Francisco oder Boston mit sehr hohen Mietkosten verzeichnen eine viel höhere Quote an Wohnungslosen als ärmere Städte mit niedrigeren Lebenshaltungskosten wie Detroit. mini|Anteil des US-Bruttoeinkommens, der von den obersten 1 % (blau) und den obersten 0,1 % (rot) der Haushalte erzielt wird (1913–2016) Die soziale Ungleichheit ist in den Vereinigten Staaten stark ausgeprägt. Das zeigt sich sowohl in der Einkommens- als auch in der Vermögensverteilung. Der Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen lag um 2010 bei etwa 0,38, deutlich höher als in den meisten europäischen Ländern (zum Vergleich: Deutschland ca. 0,29) und ist noch höher bei der Vermögensverteilung. 2024/25 besaß das oberste Prozent der Amerikaner über 30 Prozent des Gesamtvermögens und das oberste Zehntel knapp zwei Drittel. Internationale Vergleiche zeigen, dass die USA eine der höchsten relativen Armutsraten unter den Industrieländern haben – nach OECD-Definition (Anteil der Bevölkerung unter 50 % des Medianeinkommens) etwa 18 %, gegenüber im Schnitt 11 % in vergleichbaren Ländern. Diese Kombination aus hoher Ungleichheit und nur mäßiger Umverteilung führt dazu, dass Armut in den USA trotz des gesamtwirtschaftlichen Reichtums ein persistentes Massenphänomen bleibt.

Im Gegensatz zu fast allen anderen Industrieländern gibt es in den USA weiterhin extreme Armut. So waren 2023 laut Weltbank-Statistiken 1,5 Prozent der Amerikaner (mehr als drei Millionen Menschen) weitgehend abgeschnitten von der monetären Wirtschaft und bezogen Einkommen von weniger als drei Dollar pro Tag, unterhalb der internationalen Grenze für extreme Armut.Share of population living in extreme poverty, 1963 to 2023 Our World in Data 2017 reiste Philip Alston, UN-Sonderberichterstatter zu extremer Armut, durch mehrere US-Bundesstaaten und berichtete in einem anschließenden Report von an die Dritte Welt erinnernden Zuständen in ländlichen Gebieten der Südstaaten, einschließlich fehlender sanitärer Anlagen. Insgesamt wurde die Anzahl der Personen in Lebensbedingungen ähnlich der Dritten Welt auf bis zu fünf Millionen geschätzt.

Während die anhaltende Präsenz von relativer und absoluter Armut in den USA beklagt wird, wurden offizielle Statistiken allerdings auch dafür kritisiert, den Armutsrückgang in den USA nicht real abzubilden oder Armut zu überschätzen. So stellte eine Studie des National Bureau of Economic Research fest, dass die Berücksichtigung von Bareinkommen, Steuern und größeren Sachleistungen sowie die Anpassung der Armutsgrenzen an die Inflation zeigen, dass die auf den Standards von Präsident Johnson basierende Armutsquote im Zeitraum 1963–2017 von 19,5 Prozent auf 2,3 Prozent gesunken sei. Auch die Behauptung, dass Millionen Menschen in den USA unter Bedingungen der Dritten Welt leben würden, wurde angezweifelt. Konsumentenumfragen würden dies laut der wirtschaftsliberalen Heritage Foundation nicht bestätigen, so würden 2018 weniger als 0,1 Prozent der Haushalte weniger als vier Dollar an Ausgaben pro Tag pro Person machen.

Demografische Einflussfaktoren auf Armut mini|Armutsrate nach Altersgruppe zwischen 1959 und 2011 Armut betrifft diverse Bevölkerungsgruppen in sehr unterschiedlichem Ausmaß. Ethnische Minderheiten sind überproportional von Armut betroffen. So lag 2022 die Armutsquote unter nicht-hispanischen Weißen und bei Asiatischen Amerikanern bei nur etwa 8,6 %, während sie unter Afroamerikanern und unter Hispanics etwa 17 % betrug. Besonders hoch ist die Armutsrate bei Amerikanischen Ureinwohnern (American Indian/Alaska Native) mit etwa 25 %, die häufig in verarmten Reservaten mir großen sozialen Problemen leben.

Auch die Altersstruktur spielt eine große Rolle für das Armutsrisiko. Kinder und Jugendliche sind häufiger arm als Erwachsene. Im Jahr 2022 lebten etwa 15,0 % der unter 18-Jährigen in Armut, gegenüber 10,6 % der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter. Die Altersarmut (Personen ab 65 Jahren) lag mit etwa 10,2 % sogar leicht unter der Quote der Gesamtbevölkerung. Dies stellt einen enormen historischen Fortschritt dar: In den 1960er Jahren war noch fast jeder dritte Senior in den USA arm. Der Rückgang der Altersarmut wird wesentlich auf Sozialleistungen wie die staatliche Rente (Social Security) zurückgeführt, die viele ältere Menschen vor dem finanziellen Absturz bewahren. Im Gegensatz dazu ist heute vor allem Kinderarmut ein persistierendes Problem; die Armutsquote für Minderjährige gehört in den USA zu den höchsten in der entwickelten Welt.

Es zeigen sich zudem Geschlechterunterschiede bei der Armutsverteilung. Frauen haben insgesamt eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit in Armut zu leben als Männer. 2022 betrug die Armutsrate für Frauen etwa 12,5 % gegenüber 10,5 % bei Männern. Besonders ausgeprägt ist die Armutsgefährdung bei Alleinerziehenden: Familien mit alleinstehender Mutter als Haushaltsvorstand hatten 2022 eine Armutsquote von 23 %, während sie bei Haushalten mit alleinerziehendem Vater 11,5 % und bei verheirateten Paarhaushalten nur etwa 5 % betrug. Alleinerziehende (überwiegend Frauen) sind häufig auf ein einzelnes Einkommen angewiesen und haben höhere Betreuungskosten, was das Armutsrisiko erhöht. Weitere Faktoren, die mit Armut korrelieren, sind Bildungsgrad und Familienstruktur: Gering qualifizierte Personen sowie Haushalte mit vielen Kindern haben im Schnitt deutlich höhere Armutsraten als gut ausgebildete oder kinderlose Personen.

Regionale Unterschiede

mini|Armutsrate in den USA auf County-Ebene (2016–2020) Regionale Disparitäten prägen das Bild der Armut in den USA deutlich. Am stärksten betroffen ist traditionell der amerikanische Süden: In den Südstaaten liegen die Armutsquoten seit Jahrzehnten über dem Landesdurchschnitt. 2023 betrug die durchschnittliche Armutsquote im Süden rund 12,4 %, während sie im Nordosten und Mittleren Westen jeweils unter 10 % lag (Westen ca. 11 %). Viele der ärmsten Bundesstaaten – wie Mississippi, Louisiana, Alabama oder New Mexico – befinden sich im Süden, wo geringere Durchschnittseinkommen, niedrigere Bildungsindikatoren und eine historisch bedingte schwächere Sozialinfrastruktur zusammentreffen. Demgegenüber weisen wohlhabendere Regionen wie Neuengland oder der Mittlere Atlantik (etwa Bundesstaaten wie New Hampshire, Massachusetts, Connecticut oder New Jersey) deutlich geringere Armutsraten auf.

Aber auch innerhalb der Bundesstaaten und zwischen Stadt und Land gibt es große Unterschiede. Ländliche strukturschwache Gebiete – etwa Teile der Appalachen oder das ländliche Mississippi-Delta – kämpfen mit hoher Armutsverbreitung infolge von Deindustrialisierung und geringem Zugang zu Bildung und Arbeitsplätzen. In städtischen Ballungsräumen konzentriert sich die Armut oftmals in bestimmten Vierteln. Insbesondere in Großstädten entstand seit den 1970er Jahren ein Muster der Ghettobildung, bei dem Armut räumlich segregiert ist. In Stadtteilen extremer Armut lebten um das Jahr 2000 etwa 7,2 Millionen US-Amerikaner; diese Zahl stieg bis in die 2010er Jahre auf rund 13,8 Millionen. Solche urbanen Armutsgettos – etwa Teile von Detroit, St. Louis oder Los Angeles (Skid Row) – sind geprägt von hoher Arbeitslosigkeit, Kriminalität, mangelnden Bildungs- und Gesundheitsangeboten und maroder Infrastruktur. Während in wohlhabenden Vororten die Armut oft unter 5 % liegt, können in innerstädtischen Armenvierteln weit über 30 % der Bewohner arm sein. Diese extreme räumliche Ungleichheit ist ein Merkmal der sozialen Fragmentierung in den USA.

Obdachlosigkeit mini|Zelte obdachloser Menschen in San Francisco (2017)