Das Massaker von al-Dawayima war ein Massaker der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) an palästinensischen Zivilisten, das sich am 29. Oktober 1948 in dem Dorf al-Dawayima während des Palästinakriegs ereignete.

Hintergrund mini|263x263px|Karte von al-Dawayima, 1933 Al-Dawayima lag 18 Kilometer westlich von Hebron und hatte 1944/45 3.710 Einwohner. Das Dorf wurde vom Nachrichtendienst der Hagana als „sehr freundlich“ eingestuft.

Während des Palästinakriegs starteten die IDF am 15. Oktober 1948 die Operation Joav, um die ägyptische Armee aus dem Negev und den nördlich angrenzenden Territorien zurückzudrängen. Bis zum 22. Oktober, an dem die Operation durch einen UN-Waffenstillstand unterbrochen wurde, konnten die Israelis wichtige Erfolge erzielen: Die westliche und die östliche Flanke der ägyptischen Armee wurden voneinander getrennt, die Majdal–Beit Jibrin-Linie durchtrennt und eine Einheit der Ägypter in Brigadengröße bei Faluja eingekesselt. Bereits an den Tagen unmittelbar nach Inkrafttreten des Waffenstillstandes begannen israelische Einheiten, das von der IDF kontrollierte Gebiet auszuweiten und näher an die bei Faluja eingeschlossenen ägyptischen Truppen heranzurücken. Am 28. Oktober nahm das israelische 89. Bataillon al-Qubeiba, das Nachbardorf von al-Dawayima, ein; die Ägypter hatten das Dorf ohne Kampf verlassen. Am 29. Oktober erreichten israelische Einheiten al-Dawayima.Morris 2008, S. 332 f.

Beteiligte israelische Soldaten stellten das Massaker teilweise als Vergeltungsaktion für das Massaker von Kfar Etzion dar, das am 13. Mai 1948 von Soldaten der Arabischen Legion und Angehörigen lokaler Milizen an jüdischen Bewohnern des Kibbuzes Kfar Etzion und Kämpfern der Hagana verübt worden war.

Verlauf Al-Dawayima wurde am 29. Oktober 1948 mittags während des Freitagsgebets vom 89. Bataillon der Achten Brigade der IDF eingenommen, nachdem dieses nur „leichtem Widerstand“ begegnet war. Die israelischen Truppen gaben zunächst von Halbkettenfahrzeugen aus Mörser- und Maschinengewehrfeuer ab und stürmten anschließend unter Maschinengewehrfeuer das Dorf, wobei Bewohner in ihren Häusern, in den Gassen sowie während der Flucht auf den umliegenden Hügeln erschossen wurden. Laut dem Historiker Ilan Pappe kesselten die israelischen Soldaten das Dorf von drei Seiten ein und ließen die Ostflanke offen, um die Einwohner über diese zur Flucht zu bewegen. Als jedoch keine Fluchtbewegung einsetzte, eröffneten die Soldaten das Feuer auf die Menschen.

Die Moschee, in der sich zum Zeitpunkt des Einmarschs der israelischen Truppen sowohl Gläubige als auch Schutzsuchende versammelt hatten, wurde zu einem Schwerpunkt des Massakers. Ein weiterer Schwerpunkt war die nahe des Dorfes gelegene Höhle Tor Il-Zagha, wo die Soldaten Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, ermordeten.Abdel Jawad 2007, S. 90 f.

Der Historiker Saleh Abdel Jawad schätzte die Anzahl der Todesopfer auf zwischen 100 und 200.Abdel Jawad 2007, S. 67. Meron Benvenisti schrieb von „zwischen 80 und 100 männlichen Dorfbewohnern“ sowie einer unbestimmten Anzahl an Frauen und Kindern, die getötet worden seien.

Augenzeugenberichte Ein Bericht des Arab Refugee Congress gegenüber den Vereinten Nationen vom 14. Juni 1949 gab die unter Eid abgegebene Schilderung der Ereignisse durch den Muchtar von al-Dawayima, Hassan Mahmoud Ihdeib, wieder:

Avraham Vered, einer der beteiligten Soldaten des 89. Bataillon, beschrieb die Geschehnisse wie folgt:

Ein israelischer Soldat namens Schabtai Kaplan berichtete in einem Brief an Eliezer Peri von den Beobachtungen eines befreundeten Soldaten, der als Augenzeuge am Tag nach der Eroberung in al-Dawayima war:

Kaplan schrieb darüber hinaus, ein Soldat hätte damit geprahlt, dass er eine Frau erst vergewaltigt und anschließend erschossen habe. Eine weitere Frau sei von Soldaten für ein oder zwei Tage zur Arbeit herangezogen worden und anschließend zusammen mit ihrem Neugeborenen ebenfalls erschossen worden.

Nachwirken Flüchtlinge aus al-Dawayima, die Hebron erreichten, berichteten dort Beobachtern der Vereinten Nationen von den Geschehnissen.

Am 3. November beauftragte Jigal Allon den Befehlshaber der Achten Brigade, Jitzchak Sadeh, den Gerüchten, laut denen das 89. Bataillon „viele Dutzend Gefangene am Tag der Eroberung von al Dawayima“ getötet hatte, nachzugehen. Zwei Tage später wies Allon Sadeh an, dem Bataillon aufzutragen, in das Dorf zurückzukehren und die Leichen der Ermordeten zu vergraben.Morris 2004, S. 470.

Generalstabschef Jaakow Dori gab am 5. November eine Untersuchung der Ereignisse in al-Dawayima in Auftrag, nachdem er am Vortag von Jigael Jadin über das Massaker informiert worden war. Isser Be’eri, Leiter des Nachrichtendienstes der IDF, legte am 18. November seinen finalen Bericht vor, für den er beteiligte Soldaten befragt hatte. Laut Be’eri seien 80 Einwohner während der Eroberung des Dorfes getötet worden; 22 weitere seien später vom 89. Bataillon gefangen genommen und ermordet worden. Be’eri empfahl, den verantwortlichen Befehlshaber, der gestanden hatte, vor Gericht zu stellen – was jedoch nie umgesetzt wurde.Morris 2004, S. 470 f.

Am 7. November erreichte ein Team von UN-Beobachtern den Ort, fand jedoch – abgesehen von zerstörten Häusern und einer Leiche – keine Hinweise auf ein Massaker. Aufgrund der mündlichen Aussagen von palästinensischen Überlebenden nahmen sie aber dennoch an, dass ein Massaker stattgefunden hatte.Morris 2004, S. 471. Die israelischen Truppen verwehrten dabei dem UN-Team den Zugang zu Teilen des Dorfes, darunter auch zur Moschee.

Der ehemalige Muchtar des Dorfes kehrte 1984 in Begleitung eines israelischen Journalisten erstmals nach al-Dawayima zurück und zeigte diesem eine Zisterne, in der seiner Aussage zufolge die Leichen von Opfern des Massakers begraben wurden. Der Journalist initiierte daraufhin eine Grabung, bei der menschliche Knochen gefunden wurden.Khalidi 1992, S. 215.

Trivia Nach dem Palästinakrieg zerstörten die israelischen Behörden das Dorf. Auf den Ruinen von al-Dawayima wurde 1955 das israelische Dorf Amatzya gegründet. Im Jahr 2013 wurden weitere Teile der Ruinen abgetragen, um Platz für die Siedlung Karmei Katif, die ihren Namen in Anlehnung an den geräumten Siedlungsblock Gusch Katif im Gazastreifen trägt, zu schaffen.

Weblinks The Massacre at Tur al-Zagh: Al-Dawayima, 29. October 1948 bei Forensic Architecture.

Einzelnachweise

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