Die Eintracht aus Braunschweig, eines von 16 Mitgliedern der Fußball-Bundesliga im Gründungsjahr 1963/64, wurde in der Saison 1966/67 nach mittleren Tabellen-Platzierungen (11. in der Saison 1963/64, 9. in der Saison 1964/65, 10. in der Saison 1965/66) überraschend Deutscher Meister unter Trainer Helmuth Johannsen und startete im Europapokal der Landesmeister, wo sie erst im Entscheidungsspiel gegen Juventus Turin am 20. März 1968 ausschied.
Vorgeschichte in der Oberliga Nord, 1960 bis 1963 Im letzten Trainerjahr von Kurt Baluses, 1959/60, belegten die Blau-Gelben aus der Löwenstadt im Mittelfeld den achten Rang. Mit dem Einbau der Talente Joachim Bäse, Wolfgang Brase und Walter Schmidt wurde der Grundstein für die Erfolge in den Sechzigern gelegt. Nach dem einjährigen Intermezzo von Hermann Lindemann, 1960/61, wurde ab 1961/62 auf die pädagogischen Fähigkeiten von Studienrat Hans-Georg Vogel gesetzt. Vogel überzeugte Neuzugänge wie Klaus Gerwien, Gerhard Schrader (beide VfL Wolfsburg), Helmut Hosung (Union Salzgitter), zog die aus dem eigenen Nachwuchs stammenden Günter Busse und Klaus Blumenberg heran und baute diese Spieler in die Wettkampfmannschaft in der Oberliga Nord ein. Am Rundenende belegte die Eintracht den 6. Rang und Präsident Hopert konnte seine guten Fäden in die DFB-Führung mobilisieren und sich als Fürsprecher für die Einführung der zentralen Fußball-Bundesliga profilieren. Den Statuten des DFB zufolge wäre der VfL Osnabrück Norddeutschlands dritter Bundesligist – hinter den gesetzten Hamburger SV und Werder Bremen – geworden. Nach einem komplizierten Schlüssel, der die Platzierungen der Oberligaspielzeiten seit 1951/52 berücksichtigte, hatten der HSV 34 Qualifikationspunkte, Werder Bremen 82 und Osnabrück 135 angesammelt. Als Nächstes folgten der FC St. Pauli mit 141 Zählern. Braunschweig und Kiel wiesen jeweils 152 Punkte auf, Hannover 96 deren 165. Eintracht Braunschweig war demzufolge nur Norddeutschlands Nummer fünf und hätte nicht in die Bundesliga aufgenommen werden dürfen. Doch der DFB vollzog eine umstrittene Kehrtwende und erklärte Osnabrück, St. Pauli, Braunschweig, Kiel und Hannover 96 „aufgrund ihrer sportlichen Vergangenheit als gleichwertig“, weshalb „der diesjährige (1962/63) Tabellenstand den Ausschlag geben“ müsse.Horst Bläsig, Alex Leppert: Ein roter Löwe auf der Brust. Die Geschichte von Eintracht Braunschweig. S. 93/94
In Braunschweig wurde auf die eingespielte Mannschaft der Serie 1961/62 gesetzt. Die eigenen Amateure Manfred Wuttich und Ernst Saalfrank sowie der Bremer Klaus-Dieter Hinz ergänzten den Spielerkader. Nach der Hinserie war das Ergebnis mit acht Niederlagen und dem 7. Rang nicht wie erhofft ausgefallen. Die Eintracht benötigte in der fast ohne Winterpause startenden Rückrunde eine Erfolgsserie um den anvisierten 3. Tabellenplatz hinter den wiederum enteilten Spitzenmannschaften des Hamburger SV und Werder Bremen doch noch erreichen zu können. Dies glückte tatsächlich: Vom 16. bis zum 24. Spieltag verlor die Vogel-Mannschaft in der Rückrunde kein Spiel mehr und rückte neun Spieltage vor Saisonende erstmals auf den 3. Rang in der Tabelle vor, den sie bis zum Saisonende nicht mehr hergab. Lediglich die zwei Spiele gegen die Überraschungsmannschaft des VfR Neumünster (4. Rang, zwei Punkte hinter Braunschweig) und gegen den Vizemeister Werder Bremen (zwei Punkte hinter Serienmeister Hamburger SV) verlor das Eintracht-Team in der Zeit vom 9. Dezember 1962 (16. Spieltag) bis zum 29. April 1963, als die Runde mit einem 2:1-Heimerfolg gegen den VfB Lübeck beendet wurde.Harald Igel, DSFS: Oberliga Nord 1947 bis 1963. Band 2: 1956 bis zur Bundesliga. Sulingen 2023. S. 266/267 Mit 23:7 Punkten in der Rückrunde – 10 Siege, 3 Remis, 2 Niederlagen – erreichte Eintracht Braunschweig unter Trainer Vogel die Voraussetzungen für die Nominierung in die Bundesliga ab der Runde 1963/64. Basierend auf einer kompakten Defensive, – lediglich 41 Gegentreffer in 30 Rundenspielen – und den zwei Torgaranten Jürgen Moll (23 Treffer) und Manfred Wuttich (14 Treffer) im Angriff, wurde das Rundenziel erreicht. Die Spieler Hans Jäcker, Wolfgang Brase, Klaus Meyer, Joachim Bäse, Walter Schmidt, Aykut Ünyazici, Helmut Hosung, Manfred Wuttich, Jürgen Moll und Klaus Gerwien bildeten das Gerüst der Stammbesetzung und wurden durch Ernst Saalfrank, Gerhard Schrader, Klaus Blumenberg und Klaus-Dieter Hinz ergänzt.
Die ersten drei Jahre in der Bundesliga, 1963 bis 1966
Saison 1963/64 Das No-Name-Team aus dem Zonenrandgebiet, von der Konkurrenz belächelt und von den meisten Experten als Abstiegskandidat Nummer eins eingestuft,Horst Bläsig, Alex Leppert: Ein roter Löwe auf der Brust. Die Geschichte von Eintracht Braunschweig. S. 103Hardy Grüne, Christian Karn: Das große Buch der deutschen Fußballvereine. Agon Sportverlag. Kassel 2009. ISBN 978-3-89784-362-2. S. 84 hatte als Nachfolger von Trainer Vogel – der Studienrat konnte infolge seiner beruflichen Beanspruchung nicht in der Bundesliga antreten – den aus Hamburg stammenden Helmuth Johannsen in die Welfenstadt geholt. Der „kühle Klare aus dem Norden“ hatte zuvor durch seriös-sachliche Arbeit in den Stationen TuS Bremerhaven 93, Holstein Kiel und von 1961 bis 1963 beim 1. FC Saarbrücken auf sich aufmerksam gemacht.
Mit den Neuzugängen Hans-Georg Dulz (Hamburger SV) – dort war der Mittelfeldspieler aber 1962/63 zu keinem Rundenspiel in der Oberliga Nord gekommen – dem herausragenden Defensivhalt des VfR Neumünster, Peter Kaack, und den vormaligen Amateuren Dieter Paulsberg (VfB Dinslaken) und Torhüter Horst Wolter (eigene Amateure), ging Johannsen 1963/64 die Herausforderung der Debütrunde in der Bundesliga an. Jeder Eintracht-Spieler ging einer Arbeit nach, trainiert wurde von 18 bis 20 Uhr jeweils montags bis donnerstagsBZV Medienhaus (Hrsg.): Sonderdruck Eintracht 1967. 50 Jahre Deutsche Meisterschaft. JHM Verlag. Braunschweig 2017. S. 7. mini | rechts | Horst Wolter
Am Rundenstart führte die Niedersachsen am 24. August 1963 die Reise zum letzten Meister der Oberliga Süd, den „Löwen“ des TSV 1860 München. Dort schwang der lautstarke und medienwirksame Max Merkel das Zepter und führte seine strenge Leistungsforderung über Könner wie Petar Radenković, Otto Luttrop, Alfred Heiß, Hans Küppers, Peter Grosser und Rudolf Brunnenmeier; lauter Stars der ersten Bundesligarunden. Die Eintracht hielt zum Erstaunen der 35.000 Zuschauer mit. Unkompliziert spielte der Außenseiter. Und er präsentierte sich kämpferisch stark und in vorzüglicher konditioneller Verfassung. Gerwiens Ausgleich (74.) zum Endstand von 1:1 war der verdiente Lohn für die Blau-Gelben. mini | Fußballstadion von Eintracht Braunschweig |563x563px
Zur konditionellen Arbeit von Trainer Johannsen gibt es Aussagen der damaligen Spieler Klaus Gerwien und Wolfgang Simon: „Unter Helmuth Johannsen herrschten plötzlich andere Trainingsbedingungen, alles wurde schärfer und härter. Wir mussten nicht nur laufen, sondern auch in Sprunggruben hüpfen und die Tribüne hoch- und herunterlaufen. Wir wurden unter seiner Leitung konditionell besser und kampfstärker. [...] Johannsen hat mich immer angetrieben und gefordert – man konnte ihm nichts vormachen (Klaus Gerwien)“. Simon äußerte sich wie folgt: „Es war unglaublich, was er mit uns konditionell angestellt hat. Er hat uns richtig geschliffen. [...] Widerworte und Diskussionen hatten bei ihm keinen großen Sinn. Er war eine Autorität.“BZV Medienhaus (Hrsg.): Sonderdruck Eintracht 1967. 50 Jahre Deutsche Meisterschaft. JHM Verlag. Braunschweig 2017. S. 33.
Die Neuzugänge Dulz und Kaack verstärkten die Mannschaft und mit 20:10 Heimpunkten wiesen die Johannsen-Schützlinge eine klar positive Bilanz aus; die 8:22 Punkte in den Auswärtsspielen verhinderte mehr als das Erreichen des 11. Tabellenplatzes. Wirklich abstiegsgefährdet war die Eintracht aber die gesamte Runde nicht. Mit einem 2:0-Heimerfolg am 9. Mai 1964 gegen Borussia Dortmund beendeten die Niedersachsen die erste Runde in der Bundesliga. Eine personelle Schwächung hatten sie durch den krankheitsbedingten (Nierenleiden) monatelangen Ausfall des quirligen Außenstürmers Klaus Gerwien erfahrenHorst Bläsig, Alex Leppert: Ein roter Löwe auf der Brust. Die Geschichte von Eintracht Braunschweig. S. 105, der ab der Winterpause die komplette Rückrunde ausfiel und erst im November 1964 wieder sein Comeback feiern konnte. Für den Leistungsträger und zu diesem Zeitpunkt zweimaligen Nationalspieler, war nach 15 Rundeneinsätzen mit drei Toren die Runde 1963/64 beendet gewesen.
Saison 1964/65 In der zweiten Bundesligasaison, 1964/65, kam Eintracht Braunschweig zwar auch nur auf die Punktebilanz des Vorjahres mit 28:32 Zählern, aber der Spielerkader hatte sich in der Offensive deutlich verstärkt. Trainer Johannsen und dem Präsidium war es gelungen die Spieler Lothar Ulsaß, Erich Maas und Dieter Krafczyk an die Hamburger Straße zu holen. Krafczyk und Maas wurden vom Bundesligaabsteiger 1. FC Saarbrücken losgeeist, wo Trainer Johannsen die beiden Angreifer bereits in der Oberliga Südwest trainiert hatte und mit Ulsaß glückte ein Coup erster Güte. Er war beim Regionalligisten SV Arminia Hannover Regisseur und Torjäger in einer Person gewesen. Dem Verhandlungsgeschick von Trainer Johannsen war es zu verdanken, dass Ulsaß der Eintracht noch vor einer Offerte des Hamburger SV den Vorzug gab. Bei der Eintracht wurden alle drei Sommer-Zugänge auf Anhieb Stammspieler; Ulsaß und Maas entpuppten sich als Glücksgriffe. Sie entwickelten sich bei der Eintracht zu Nationalspielern und hatten wesentlichen Anteil am sportlichen Aufschwung der folgenden Jahre.Horst Bläsig, Alex Leppert: Ein roter Löwe auf der Brust. Die Geschichte von Eintracht Braunschweig. S. 105 mini | rechts | Lothar Ulsaß (vordere Reihe: 4. von links bzw. 4. von rechts)
In der Ausgewogenheit, der Kompaktheit und der Zuteilung der idealen Position von Einzelnen war noch zu feilen. Im Tor musste der Übergang von Routinier Jäcker auf das Nachwuchstalent Wolter vollzogen werden, im Mittelfeld wäre noch eine spielerische zweite Kraft neben Ulsaß vonnöten gewesen – Dulz kam bei weitem nicht an seine Leistungen der ersten Bundesligasaison heran und seine langen Pässe auf die Flügel fehlten – und die Flügelzange für das erfolgversprechende Konterspiel war durch die lange Krankheit von Klaus Gerwien massiv geschwächt und auch im Sturmzentrum wartete man noch auf die Leistungssteigerung bei Dieter Krafczyk. So musste die Eintracht mit erneut 28:32 Punkten und dem 9. Rang zufrieden sein.
Saison 1965/66 Zur Saison 1965/66 wurde die Liga auf 18 Mannschaften erweitert und als Neuzugänge wurden die Spieler Werner Rinaß, Wolfgang Matz und Wolfgang Simon unter Vertrag genommen. Keiner der drei Neuen schaffte es in die Stammelf, was bei den bisherigen Amateuren Matz und Simon nicht überraschend war. Weitaus mehr Wirkung für die nächsten Jahre bewirkte der Übergang im Tor von Jäcker zu Horst Wolter. Der Ehrgeiz, die mentale Frische, die persönliche Ausstrahlung und sein Talent stellten eine klare Verbesserung des Defensivverbundes dar. Im Angriff hatte Johannsen mit Gerwien und Maas zwei lauffreudige Flügelstürmer, Dulz kam wieder besser auf Touren und Ulsaß zeigte in 31 Rundeneinsätzen mit 17 Toren seine Klasse. Krafczyk überzeugte nicht vollends im Angriffszentrum. Des Weiteren trat in der Verwaltung die Änderung ein, dass der bisherige verdienstvolle Präsident Kurt Hopert auf der Generalversammlung vom 29. November 1965 sein Amt niederlegte und sein bisheriger Vertreter Ernst Fricke zu seinem Nachfolger gewählt wurde und eine neue Ära einleitete.