Die Libysche Wüste, (die Schreibweise der Eigennamen folgt meist der international üblichen englischen Transkription des Ägyptisch-Arabischen), ist eine Wüste in Libyen, in Ägypten und im Sudan. In Ägypten wird sie wegen der historischen Animositäten gegen Libyer und Libyen auch „Westliche Wüste“ genannt, obwohl man seit dem Altertum, unter anderem auch in Mesopotamien, alle Gebiete westlich des Nils Libyen nannte und deren Bewohner Libyer (nach altägyptischen Quellen reicht das libysche Gebiet sogar anderthalbtausend Kilometer weit nach Süden, das heißt bis etwa Höhe des 3. Katarakts, ca. 20. Breitengrad).

Als geographische Einheit erstreckt sie sich heute vom westlichen Ägypten in das östliche Libyen und den nördlichen Sudan sowie je nach Betrachtungsweise in die nordöstlichsten Regionen des Tschad. Alle drei auf ihrem Gebiet und an ihren Rändern lebenden Völker (Ägypter, Libyer und Sudanesen) haben jedoch im Laufe ihrer Geschichte ein ganz unterschiedliches Verhältnis zu dieser einst als Savanne zeitweise durchaus bewohnbaren, heute aber meist völlig öden, ja extrem lebensfeindlichen Landschaft aus Sand-, Geröll- und Felswüsten, Hochländern, Gebirgen und weiten Ebenen entwickelt.

Die Libysche Wüste gehört zu den trockensten Wüsten der Erde, die allerdings nicht nur ein hochkomplexer und sich immer wieder verändernder Naturraum, sondern auch ein uralter Kulturraum ist, der besonders durch seine enge Koppelung an die jeweilige naturräumliche Situation geprägt wurde und wird.

mini|300px|Sandsturm über Ägypten (2. Februar 2003).Eine große Wolke mit Saharasand (weißes Band) zieht über die nördliche Hälfte der Libyschen Wüste in Richtung östliches Mittelmeer. In der Bildmitte erkennt man westlich des Nils den weit ausschwingenden Bogen der großen Oasenkette zwischen Bahariya und Kharga. Unten links das Gebiet um das libysche Kufra (dunklere Flecken).

Kultur- und Naturraum Libysche Wüste Die Libysche Wüste ist der kulturhistorisch bedeutsamste Teil der Sahara, obwohl sie nur etwa 17 % ihrer Fläche umfasst (1,5 zu 9 Millionen km²). Während andere Regionen der Sahara allenfalls aufgrund ihrer Karawanenwege zwischen den Hochländern und ihrer Wasserstellen Bedeutung besaßen, entwickelte sich in der Libyschen Wüste zwischen 3500 und 3000 v. Chr. die erste Hochkultur der menschlichen Geschichte, das alte Ägypten. Auch das spätere Reich von Kusch, auf das das Reich von Meroe folgte und die bislang kaum erforschte Kultur der Garamanten in Libyen, mit der dort unter anderem die berberische Tuaregkultur in Verbindung gebracht wird, sind Zeichen einer kulturell bevorzugten Entwicklung, die im Bereich der Libyschen Wüste stattfand. Die Libysche Wüste gehört damit zusammen mit dem Fruchtbaren Halbmond und Kleinasien, dem Zweistromland, dem Industal und dem Tal des Jangtsekiangs sowie der Halbinsel Yucatán mit dem zentralmexikanischen Hochland zu den wichtigsten frühgeschichtlichen Kulturentstehungszonen weltweit.

Bereits die zahlreichen, bis in vorneolithische Zeiten der Jäger und Sammler reichenden Felsgravuren und Felszeichnungen der Libyschen Wüste zeigen, dass dort, wo sich heute eine menschenfeindliche Einöde erstreckt, lange und immer wieder Menschen gelebt und sich kulturell geäußert haben.K.-H. Striedter: Felsbilder der Sahara. Prestel, München 1984, ISBN 3-7913-0634-0. Sie zeigen zudem eine Entwicklung, die Voraussetzung für die Entstehung der späteren nordostafrikanischen Hochkulturen gewesen ist. Denn im südöstlichen Teil der Libyschen Wüste war, neben der etwa gleichzeitigen unterägyptischen Hochkultur im Fayyum und bei Merimde, die wohl älteste und neben der ägyptischen einzige neolithische Kultur Afrikas entstanden, das Sahara-Sudan-Neolithikum.J. D. Clark: The Cambridge History of Africa. Bd. 1. Cambridge University Press, Cambridge 1989, ISBN 0-521-22215-X, S. 559–582. Dieses unternubische Neolithikum des Sudan mit dem östlichen Zentrum um Khartum reichte im 5. und 6. vorchristlichen Jahrtausend bis weit in die Südsahara, wo es in der Zentralsahara auch als TénérénSiehe Clark: The Cambridge History of Africa. Bd. 1, S. 571 ff. bezeichnet wird und wahrscheinlich in den Hochländern der Sahara bzw. an deren Rändern seinen Ursprung hat. Bestimmte Keramikformen und Werkzeugtypen sind seine Hauptmerkmale. Seine Träger waren möglicherweise, wie die Felsbildperiode der sogenannten „Rundköpfe“ vermuten lässt, vom eher schwarzafrikanischem Typus, allerdings waren im Epipaläolithikum auch die eher europäisch aussehenden Proto-Berber über die afroasiatische Landbrücke eingewandert und gelten als Träger der letzten altsteinzeitlichen Kulturen Nordafrikas, des Capsien und Ibéromaurusien, doch ist diese Frage bis heute nicht eindeutig geklärt.Vgl. Baumann: Die Völker Afrikas, Bd. 1, S. 97–103. Während sich indes in der westlichen und zentralen Sahara dieses Neolithikum nicht weiter entwickelte und fünf- bis sechstausend Jahre relativ unverändert bestand, kam es in den neolithischen Zentren der Ostsahara im Verlaufe von massiven Umweltveränderungen, welche die Wüste einerseits immer unbewohnbarer machten, das bisher eher unwirtlich sumpfige Niltal hingegen zu einem privilegierten Zufluchtsort, zu einer ganz anderen Entwicklung, an deren Ende die alten Kulturen Ägyptens und Nubiens standen.M. Schwarzbach: Das Klima der Vorgeschichte. Eine Einführung in die Paläoklimatologie. S. 222–226, 241–255. Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1993, ISBN 3-432-87355-7.H. H. Lamb: Klima und Kulturgeschichte. Der Einfluss des Wetters auf den Gang der Geschichte. S. 125–148. 3. 6. T. Rowohlt Taschenbuch, Hamburg 1994, ISBN 3-499-55478-X.R. Schild, F. Wendorf, Angela E. Close: Northern and Eastern Africa Climate Changes Between 140 and 12 Thousand Years Ago. In: Klees, Kuper (Hrsg.): New Light on the Northeast African Past. S. 81–98.

Die Entstehung und Entwicklung der ägyptischen Niltalkultur ist ohne die aus der Libyschen Wüste kommenden Einflüsse, aber auch Zwänge denn auch kaum verständlich. Ägypten sei ein Geschenk des Nil, fand schon Herodot (Bücher der Geschichte, 2. Buch, V. 1), obwohl er damit eigentlich nur das Nildelta meinte – aber Ägypten ist eben auch ein Geschenk der Libyschen Wüste, die das Niltal wie ein tödlicher Wall von Westen her abschirmt und wie bereits James H. Breasted in seiner großen Geschichte Ägyptens einleitend feststellte, die Bewohner seines fruchtbaren Tales so stark geistig prägte, vor allem aber absicherte, dass sie unter dem klimatischen Druck der immer trockener werdenden Libyschen Wüste im späten Neolithikum in Ruhe ihren Staat aufbauen konnten. Dieser war dann später abgesehen von einzelnen räuberischen Einfällen libyscher Nomaden, die allerdings in der 22. Dynastie mit den Bubastiden von 945 bis 712 v. Chr. auch Ägypten beherrschten, nur noch von Süden, also Nubien und von Norden, also von See her bedroht, später auch von Osten durch andere antike Großreiche dort (Perser, Hethiter, Mesopotamien, Hellenen); vor allem aber aus seinem Inneren.L. Krzyzaniak: The Late Prehistory of the Upper (main) Nile. Comments on the Current State of Research. In: Klees, Kuper (Hrsg.): New Light on the Northeast African Past. S. 239–248.

Die Sahara und insbesondere die Libysche Wüste ist mit den Werkzeugfunden an ihrer Oberfläche und den Bildern an ihren Felswänden also ein Beleg der menschlichen Früh- und Vorgeschichte bis zurück in die Zeit des altpaläolithischen Homo erectus vor zwei Millionen Jahren, ja sogar, noch sehr viel weiter zurück bis in die Zeit der Vorfahren der Menschenaffen, deren Fossilien man besonders im Fayyum findet. Sie zeigt uns überdies auch durch viele Phänomene die geologische, klimatologische wie biologische Vergangenheit der Erde selbst an, weit zurück noch hinter das Tethys-Meer vor über zweihundert Millionen Jahren, denn Paläontologen fanden in der Libyschen Wüste bei Bohrungen (nach Erdöl und Wasser) durchaus die sonst sehr seltenen marinen Fossilien aus der Zeit des Kambriums (570–505 Mio. B. P.). Auch die darauffolgenden Erdzeitalter bieten hier einen teils reichen Befund.W. Henke, H. Rothe: Paläoanthropologie, S. 82–85, 474–477. Springer, Heidelberg 1994, ISBN 3-540-57455-7

Geographie und Topographie Benennung, Kartierung und Erforschung Abseits der historisch bedingten ägyptisch-libyschen Kontroversen und der sie begleitenden antiken Aspekte wurde die Libysche Wüste besonders von konservativen britischen Geographen lange als von der Sahara getrennt zu betrachtende Einheit angesehen, und zwar obwohl sie so extrem unterschiedliche Landschaftsformen wie die Weiße und Schwarze Wüste, die wie blaue Juwelen in der Rebiana-Sandsee liegenden Mandara-Seen oder den gigantischen Wau-El-Namus-Krater am äußersten westlichen Rand umfasst, ganz zu schweigen von den menschenfeindlichen, von verwinkelten Wadis – eines im Gilf el-Kebir-Plateau heißt sogar Winkelwadi – durchfurchten Hochplateaus mit ihren fratzenhaft erodierten Steilabstürzen.

Diese „separatistische“ Auffassung hatte vermutlich ihre Ursache darin, dass früher in der Kolonialzeit Frankreich den größten Anteil an Kolonien im Westen Nordafrikas und in der zentralen Sahara besaß (nur Ägypten und der Sudan waren britisch, Libyen war italienisch, einige Teile wie die marokkanische Nordküste und die Westsahara waren spanisch). Es existierte also eine politische Vorgabe, dieser Tatsache auch durch separate geographische Benennungen entsprechend Rechnung zu tragen und so den britischen Anspruch zumindest auf diesen östlichen Teil Nordafrikas zu unterstreichen. Was die Libysche Wüste allerdings vor allem als gesonderte Einheit kennzeichnet, ist ihre extreme, weltweit einzigartige Trockenheit.

Die Sahara wurde früher meistens von Karawanenhändlern, Einheimischen und Pilgern durchquert; der bekannteste unter ihnen war der bedeutendste arabische Reisende des Mittelalters Ibn Battūta (Ende 11. Jahrhundert – 1138). Der erste Europäer, der die Sahara erforschte, ist 1865 der Deutsche Gerhard Rohlfs gewesen. Erst 1924 gelang es dann Ahmed Mohamed Hassanein mit einer Kamelkarawane, auf einer Expedition über 3500 km die ersten genauen Karten zu zeichnen, wobei er nebenbei das Bergland von Uwainat und die Quellen an seinem Fuß entdeckte.

Ende der 1920er bis Beginn der 1940er Jahre war Patrik A. ClaytonJSTOR.org: Lieut.-Colonel Patrick Andrew Clayton In: G. W. Murray: The Geographical Journal. Bd. 128, Nr. 2 (Juni 1962), Blackwell Publishing, S. 254–255 Chef des britischen Desert Survey in Kairo; er war es aber vor allem, der nun die Libysche Wüste vermessen ließ und die präzisen, bis heute zum Beispiel auch von der ägyptischen Armee immer noch benutzten Karten erstellte. Zahlreiche der jetzigen geographischen Namen wie Peter and Paul für zwei markante Gipfel, Clayton Cairn, Clayton Craters usw. stammen von ihm. An einer dieser Expeditionen nahm auch der ungarische Graf Ladislaus Almásy teil, der dabei die Felsbilder des Wadi Sora entdeckte, das eigentlich ein Wadi Sura (arab. Nabel-Wadi) gewesen ist, weil es wegen der zahlreichen Abris diese Form hatte und das man deswegen flugs in Wadi Sora (Tal der Bilder) umtaufte.