mini|Ansicht der Anlage über den Donaukanal (1895) Der Tiergarten am Schüttel war ein privat geführter Tiergarten im 2. Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt. Er befand sich am Donaukanal, am Rand des Praters, am oberen Ende des heutigen Pratercottage, das teilweise auf seinem Gelände entstand.

Der Tiergarten am Schüttel bestand in drei Phasen von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts, konnte sich aber jeweils wirtschaftlich nicht lange halten. Während der Spätphase seiner Existenz war er eine Außenstelle des Vivariums.

Geschichte mini|Tiergartenmauer in der Laufbergergasse (1900) mini|hochkant|Portal des Tiergartens, Fotografie von August Stauda (1894)

Einen ersten Versuch gab es 1863 von der Wiener Thiergarten-Gesellschaft, einen Tiergarten im Prater zu eröffnen, dieser musste bereits 1866 schließen. Der Kaiser hatte das Grundstück zur Verfügung gestellt, finanziert wurde er unter anderem von August Breuner und Johann Nepomuk Wilczek, geleitet wurde er von Gustav Jäger und Alexander Ussner. Die Konzeption war für die damalige Zeit fortschrittlich, allerdings war der Tiergarten von Anfang an nicht rentabel.Das Drama rund um den Tiergarten am Schüttel auf pratercottage.at Als letzlicher Grund der Schließung wird mangelnde Akklimatisierung vieler Tiere an den europäischen Winter angegeben, was kostspielige Neubauten erfordert hätte, für die die Gesellschaft das Kapital nicht hatte aufbringen können. Ein weiterer Versuch 1868 unter einer anderen Leitung scheiterte schon nach einem Jahr.

1894 erfolgte eine Neueröffnung, nunmehr als Teil des unter der Leitung von Friedrich Knauer stehenden Vivariums. Finanziell unterstützt wurde das Vorhaben von Karl Adolf Bachofen von Echt. Über die neu angelegte Laufbergergasse waren die beiden Teile der Institution verbunden.

In der Folge versuchten mehrere Unternehmen, das ausgedehnte Gebäude zu nutzen. Zunächst zog die große Hagenbecksche Reptilienschau mit Schlangen, Krokodilen und Schildkröten ein.

Bekannt wurde der Tiergarten in weiterer Folge allerdings weniger durch Tiere als durch die dort abgehaltenen Völkerschauen, wo „exotische“ Völker mit ihren Tieren ausgestellt wurden: 1895 Zulus, 1896 und 1897 Aschanti, 1898 Senegambier, 1899 Kabylen, 1900 Beduinen.

Am bekanntesten ist die Ausstellung der Aschanti von Juni bis Anfang Oktober 1896, wo etwa 70 Personen in einem nachgebildeten Dorf zu sehen waren, die nicht nur alltäglichen Verrichtungen nachgingen, sondern zur Unterhaltung des Publikums auch Tänze und Schaukämpfe lieferten. Sie erreichte ungeheure Popularität im damaligen Wien, es wurden Straßensängerlieder über die Aschanti gesungen, sogar ein Aschanti-Marsch wurde geschrieben, und Erdnüsse wurden unter der Bezeichnung „Aschanti-Nüsse“ verkauft (dieser Ausdruck hielt sich in Wien noch jahrzehntelang). Von Peter Altenberg wurde das in seinem aus 32 Prosaskizzen bestehenden Buch „Ashantee“ beschrieben, wo er seine (zahlreichen) Besuche der Aschanti beschreibt und die Faszination, die sie auf ihn ausüben, aber auch nicht mit Kritik spart, etwa an der arroganten Einstellung des Wiener Publikums den Afrikanern gegenüber oder auch der Tatsache, dass diese aus Gründen der „Authentizität“ auch an den bereits kühlen Septemberabenden ihre traditionelle, an das europäische Klima nicht angepasste Kleidung tragen mussten. Tatsächlich hatte diese Vorschrift am 4. Oktober 1896 den Tod eines gewissen John Ahadi zur Folge, der sich in Wien eine Lungenentzündung zugezogen hatte. Weiters gibt es den offenen Brief der Häuptlingsfrau Jaboley Domeï an die Wiener Caricaturen, in dem sie mit der Respektlosigkeit und Leichtgläubigkeit des Wiener Publikums abrechnet. Domeï war auch Angeklagte in einem Gerichtsprozess, da sie einer Frau, die sie berührt hatte, mit ihren Fingernägeln im Gesicht gekratzt hatte. Dieser endete in einem Vergleich.Thomas Hofmann: Der Menschenzoo im Wiener Tiergarten. In: Die Presse, 14. August 2016.

Letztlich konnte sich der kommerzielle Betreiber gegen die Konkurrenz des bei freiem Eintritt zugänglichen Tiergartens Schönbrunn nicht behaupten und musste Konkurs anmelden. Das Gebäude wurde nach dem sich 1900 abzeichnenden Konkurs der Tiergartengesellschaft im Frühjahr 1902 verkauft, ebenso die vorhandenen Tiere, offeriert als mögliche billige Erwerbungen.

Bis 1909 wurde das Gebiet im dann so genannten Tiergartenviertel mit repräsentativen Wohnhäusern verbaut, die sich am Anfang der Böcklinstraße (zeitgenössisch Valeriestraße) im Pratercottage befinden. Sie stammen überwiegend von Friedrich Krombholz und Josef Schalberger. Auf Böcklinstraße 1 entstand 1912/13 das Gebäude der Bildhauerschule von Eduard Zotter.

An den Tiergarten erinnert die Tiergartenstraße, die allerdings etwas unterhalb des ehemaligen Geländes zwischen Böcklinstraße und Schüttelstraße verläuft.

Einzelnachweise

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