Die Literatur der Philippinen spiegelt die reiche kulturelle Geschichte des vielsprachigen Landes ebenso wider wie die fast 400 Jahre kolonialer Unterdrückung und schwieriger Identitätsbildung. Sie umfasst die mündliche und schriftliche Tradition in mehreren Sprachen, darunter die dominante Sprache der Metropolregion Manila, das dialektreiche Tagalog (als Nationalsprache seit 1887 Filipino), das ebenfalls von vielen Millionen gesprochene Cebuano (auch Visayan oder Bisayan genannt) auf den Visayas und Mindanao, weitere Regionalsprachen wie Ilokano, Waray-Waray sowie Englisch (seit 1935 die zweite Nationalsprache) und Spanisch (Amtssprache bis 1987).

Die Literatur des Landes war zunächst durch die spanische Missionstätigkeit geprägt. Die säkulare Literatur setzt sich nach sozialkritischen Anfängen in der späten spanischen Kolonialzeit in den letzten Jahrzehnten verstärkt mit der kolonialen Vergangenheit auseinander. Sie war bisher in Deutschland wenig bekannt, seit etwa 2022 steigt jedoch die Zahl der Übersetzungen. Immer mehr philippinische Autoren schreiben mittlerweile in englischer Sprache. Kennzeichnend für die neuere Sprachentwicklung ist die Verwendung hybrider Neologismen.R. David Zorc: Tagalog Slang Dictionary. Manila 2000

Mündliche Überlieferung und der Beginn der schriftlichen Fixierung Vor der spanischen Kolonialzeit existierte auf den Philippinen eine reiche Tradition an mündlichen Erzählungen, Märchen, Gedichten, Liedern und Sprüchen, mit denen die Geschichte, Mythologie und Moralvorstellungen tradiert wurden. Aufgrund der ethnischen Vielfalt der Inseln mit ihren ca. 180 Sprachen ist die mythologische Tradition sehr vielfältig. Besonders umfangreich ist die Überlieferung der Ilokanos im zentralen Hochland Luzons.

Die schriftliche Fixierung der oralen Tradition erfolgte seit Beginn der spanischen Kolonialzeit.R. Nolasco: Philippine Oral Literature: An Introduction. Ateneo de Manila University Press, Quezon City 2005. So wurden die poetische und Erzählformen (balac/balak) in Waray und orale Traditionen in Cebuano erstmals 1668 von einem spanischen Mönch dokumentiert. Viele dieser Traditionen wurden auch in der Kolonialzeit weiter gepflegt, so das Karagatan (Ozean), ein ritueller, dramatisch inszenierter Dichterwettbewerb, bei dem es ursprünglich um einen von einer Prinzessin in die See geworfenen Ring ging. Duplo ist ein poetischer Dialog, bei dem ein Teilnehmer schnell auf eine von einem anderen gesprochene Zeile antworten muss. In der schriftlich fixierten Lyrik war das Tanaga verbreitet, eine metaphernreiche, Haiku-ähnlich puzzleartig komponierte Form mit vier Versen zu je sieben Silben und dem Endreimschema : AAAA, AABB oder ABAB, die häufig moralische Botschaften enthielt und heute wiederbelebt wird.Beispiele mit formgetreuer engl. Nachdichtung Das Ambahan war ähnlich komponiert, aber von unbegrenzter Länge.

Prägend waren in der vorkolonialen Zeit jedoch malayische, indojavanisch-hinduistische und chinesische Einflüsse, die vor allem über Handelskontakte vermittelt wurden. Diese Kontakte hinterließen erste schriftliche Zeugnisse. Das älteste schriftliche Dokument der philippinischen Geschichte ist die Laguna-Kupferplatteninschrift, eine Urkunde eines Herrschers, die um 900 in indonesischer Kawi-Schrift in einer Mischung aus Sanskrit, Altjavanisch, Altmalaiisch und Tagalog geschrieben wurde. Aus der Kawi-Schrift entwickelte sich etwa seit 1200 die Baybayin-Silbenschrift, die von den Spaniern zur katholischen Missionierung genutzt wurde. Seit dem 10. Jahrhundert betrieb China Handel mit den Philippinen, insbesondere mit der reichen Inselgruppe der Visayas, und hinterließ deutliche Kultureinflüsse. Zahlreiche Wörter sind aus dem Chinesischen in das Tagalog eingeflossen. Im 15. Jahrhundert erstarkte der islamische Einfluss, wodurch sich im Süden der Philippinen das arabische Jawi-Alphabet verbreitete, das vor allem für religiöse Schriften genutzt wurde.

Das früheste schriftlich überlieferte komplette Epos, Das Leben des Lam-Ang (Biag ni Lam-ang), stammt aus der Region Iloko im nordwestlichen Teil der Insel Luzon. Es handelt sich um eine schon in vorkolononialer Zeit mündlich tradierte Ramayana-Adaption, die um 1640 in der regionalen Sprache Ilokano mit lateinischen Buchstaben niedergeschrieben wurde. Das dem populären christlichen Prediger Pedro Bukaneg (ca. 1592–1620) zugeschriebene Werk enthält 294 Strophen mit ca. 1500 Versen; die Zuschreibung ist jedoch fraglich, weil Bukaneg blind war. Das Werk zeigt, welch hohen Kulturstandard die schriftlose Ilokano-Kultur erreicht hatte.Pedro Bukaneg Father of the Iloko Literature

Das Darangen (Darangan) ist ein episches Lied der Maranao aus vorislamischer Zeit, das seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. In mehr als 72.000 tetrametrischen Zeilen werden die Geschichte des Volkes und die Taten seiner mythischen kriegerischen Helden dargestellt. Das Epos wird (heute nur noch selten) mit Musikbegleitung und improvisierten Einlagen vorgetragen. Es wurde teilweise in arabischer Schrift überliefert und erfordert von den Rezitatoren eine enorme Gedächtnisleistung.Darangen: Epic of the Maranao people of Lake Lanao auf ich.unesco.org Das Darangen wird mit den großen indischen und den homerischen Epen verglichen.Mimitua Saber: Darangen: The Epic of the Maranaws, in: Philippine Sociological Review, Vol. 9, No. 1/2 (1961), S. 42–46.

mini|hochkant|Illustration aus dem Boxer-Codex: Tagalog-Herrscher in charakteristischer roter Kleidung mit Frau Das Ausmaß der überregionalen Kontakte der Philippinen in vorkolonialer Zeit wird deutlich im sog. Boxer-Codex, einem erst 1947 wiederentdeckten, reich illustrierten Manuskript. Der um 1590 unter chinesischem Einfluss entstandene und auf chinesischem Reispapier verfasste Codex beschreibt die Länder, Ethnien und Mythologien Südost- und Ostasiens in spanischer Sprache.C. R. Boxer: A Late Sixteenth Century Manila MS. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. No. 1/2 (1950), S. 37–49 Mit der spanischen Eroberung ging der chinesische Einfluss zwar schlagartig zurück. Jedoch finden sich in der Literatur zahlreiche Motive, Figuren und Fabeln chinesischer Herkunft sowie konfuzianische Werte.

Frühe spanische Kolonialzeit 1571 eroberten die Spanier Manila, stürzten den letzten muslimischen Herrscher des Luzon-Reichs und bauten die Stadt zur Hauptstadt der Kolonie aus. Der Islam war im Norden des Landes aber noch nicht tief genug verwurzelt, so dass die christliche Mission sehr erfolgreich war. Während der ersten 250 Jahre der kolonialen Herrschaft wurden vor allem vor allem religiösen Texte, Gedichte, aber auch erbauliche Prosa in spanischer Sprache verfasst. 1593 wurde der erste Katechismus Ang Doctrina Cristiana in spanischer Sprache und Tagalog (in römischer Schrift und Baybayin) als Holzschnitt gedruckt. Das zweite, ebenfalls als Holzschnitt gedruckt Buch mit dem Titel Nuestra Señora del Rosario umfasste Heiligengeschichten und Gebete. Es wurde 1602 von dem Priester Blancas de San José verfasst. Das erste mit beweglichen Lettern erstellte Druckerzeugnis war das Libro de los Cuatro Post Primeras de Hombre über Tod, Jüngstes Gericht, Hölle und Ewiges Leben in spanischer Sprache und Tagalog von Gaspar Aquino de Belen (1704). Gaspar übersetzte zahlreiche weitere religiöse aus dem Tagalog Texte und verfasste unter Einbeziehung vorchristlicher Mythen den Passionszirkel Ang Mahal na Pasión ni Jesu Christong Panginoon Natin na Tola (1704), die immer wieder neu aufgelegte sog. Pasyón Mahal, die auch eine Schöpfungsmythologie einschließt.

Wichtige Elemente der spanischen Missionsarbeit waren erbauliche religiöse Theateraufführungen, in die volkstümliche vorkoloniale Traditionen sowie Elemente des javanischen, malayischen und indischen Theaters einflossen. Zu den beliebtesten Formen gehörte das Cenacul (senakulo),Senakulo auf nationalmuseum.gov.ph, 15. April 2022 ein in achtsilbigen Versen verfasstes Passionsspiel mit acht Versen pro Strophe. Man unterscheidet die gesungene Cantada von der Hablada, bei der mehr rezitiert wird. Das Salubong ist ein Osterfestspiel, bei dem die Begegnung des auferstandenen Christus mit seiner Mutter dargestellt wird.Salubong-Auffuhrung in der Kathedrale von Cubao 2025 Aber auch reines Unterhaltungstheater wurde in der Kolonialzeit gepflegt: Das Carillo war eine inzwischen nicht mehr praktizierte Form des Schattenspiels, das nachts aufgeführt wurde. Es enthielt oft Szenen, die den Kampf der Christen gegen muslimische Piraten und Sklavenhändler aus Mindanao schilderten (moro-moro). Die Zarzuela (sarsuwela) ist eine meist mehraktige musikalische Komödie oder ein Melodram, dessen Form im 19. Jahrhundert aus dem spanischen Theater übernommen wurde.Nicanor G. Tiongson: A Short History of the Philippine Sarsuwela (1879-2009). In: Philippine Humanities Review, 11. Mai 2010, S. 149–186. Die Sainete ist wie im Spanischen eine schlichte einaktige musikalische Posse oder Komödie. mini|hochkant|Illustration aus einer Ausgabe von Ibong Adarna von Juliana Martinez Von einem unbekannten Autor des 19. Jahrhunderts stammt das epische Tagalog-Gedicht Ibong Adarna („Der Vogel Ibong“), dessen Inhalt auf die Folklore der vorspanischen Zeit zirückgeht und das auch in anderen lokalen Sprachen verbreitet wurde, aber deutliche europäische Einflüsse zeigt. Es handelt von einem mythischen Vogel, der Krankheiten heilen kann, und den drei Söhnen des Königs, die ihn aufsuchen, um dem erkrankten Vater zu helfen. Früher wurde es dem Dichter José de la Cruz (Huseng Sisiw, 1746–1829) zugeschrieben. Das Epos wurde 1941 verfilmt und gelangte auf die Bühne. Es gehört zum kanonischen Unterrichtsstoff der Mittelstufe.

Späte spanische Kolonialzeit Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewann die säkulare Literatur an Bedeutung, die nicht mehr von Spaniern oder Missionaren, sondern von auf den Philippinen geborenen Weißen und Mestizen verfasst wurde. Mit erwachendem Nationalbewusstsein – eine Wirkung der Aufklärung, aber vor allem der lateinamerikanischen Revolutionen – entwickelte sie mit allerdings großer Verspätung gegenüber Lateinamerika einen antiklerikalen, sozialkritischem oder nationalistischem Charakter, wobei sie dennoch die Volksfrömmigkeit achtete.

Florante at Laura (1838) ist ein bis heute immer wieder neu aufgelegtes romantisches Liebesgedicht zwischen einer Christin und einem persischen Muslim von Francisco Balagtas (1788–1862), angesiedelt in einem fiktiven Albanien. Das Gedicht mit 399 Strophen ist nach dem für Tagalog-Gedichte bekannten Standardschema von vier zwölfsilbigen Versen pro Strophe gebaut und durch Assonanzen des Typs AAAA gekennzeichnet.Jose P. Rizal: Tagalische Verskunst. Komisyon sa Wikang Filipino & Pambangsang Komisyon At Para Sa Kultura. At Mga Sining, Manila 2014 (zuerst Berlin 1887) Es lässt sich unschwer als verschlüsselte Kritik an der spanischen Herrschaft deuten. Außerdem schrieb Balagtas zahlreiche Theaterstücke, die heute zum größten Teil verschollen sind.

Pedro Paterno (1858–1911) kann als frühester Nationalromantiker der Philippinen gelten. Der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit versuchte, philippinische Kultur und spanische Bildung zu verbinden, wobei er die vorkoloniale Kultur romantisierte. Sein Werk Ninay (1885) ist der erste romanartige Text eines Filipinos in spanischer Sprache. Er verfasste auch historische Werke in Tagalog.

Eine der ersten antiklerikalen satirischen Romane ist Fray Botod (1890) des Journalisten Graciano López Jaena. Kritisiert wird die spanische Kolonialherrschaft, personalisiert in der Figur des gierigen, korrupten und lüsternen Mönchs Fray Botod. Der Verfasser war Mitherausgeber der Zeitschrift La Solidaridad, eines wichtigen Organs der philippinischen Aufklärer in Spanien, an der andere philippinische Reformer wie Reformer wie Rizal und del Pilar sowie der Pharmazeut Antonio Luna mitwirkten.