Das Jüdische Waisenhaus in Paderborn war eine bedeutende soziale und pädagogische Einrichtung der jüdischen Gemeinde, in der elternlose und unbemittelte jüdische Kinder betreut, erzogen und unterrichtet wurden. Es bestand von 1863 bis 1942 und befand sich an der Leostraße 3 (heute Warburger Straße), Ecke Husener Straße in Paderborn. Das Haus war für viele Jahrzehnte ein Zentrum jüdischer Fürsorge in Westfalen und der Rheinprovinz.Jüdisches Waisenhaus. In: 80 Jahre Pogrom (Jüdische Gemeinde Paderborn). Abgerufen am 12. Oktober 2025.Jüdische Orte. Jewish Places. Abgerufen am 12. Oktober 2025.

Gründung und Aufbau Die Erzieherin Fanny Nathan war die Gründerin des Waisenhauses. Sie setzte sich ab 1855 für die Einrichtung eines Heims für jüdische Waisenkinder ein. Zunächst wurden einige Kinder in ihrem Privathaus am Domplatz 14 aufgenommen. Durch Spenden konnte dann ein größeres Gebäude in der Leostraße gebaut werden. 1861 wurde der Grundstein gelegt, und zwei Jahre später (am 1. August 1863) zogen 21 Kinder in das neue Haus ein.Internet-Portal „Westfälische Geschichte“. LWL. Abgerufen am 12. Oktober 2025.LWL: „Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“ (2021), Seite 99–100. Abgerufen am 17. Oktober 2025.

Im Jahr 1864 erhielt das Waisenhaus auch eine Elementarschule. Diese Schule bestand aus nur einer Klasse, ermöglichte den Kindern aber einen vollständigen Volksschulabschluss. Das Waisenhaus wurde durch Spenden, Stiftungen und Vermächtnisse finanziert. Es wurde zu einer bekannten und anerkannten Einrichtung der jüdischen Wohlfahrt in Westfalen.

Leben und Erziehung im Waisenhaus Im Waisenhaus lebten Kinder, die keine Eltern oder Angehörigen mehr hatten. Sie erhielten dort Unterkunft, Kleidung, Bildung und religiöse Erziehung. Der Unterricht legte Wert auf Ordnung, Fleiß und Gemeinschaft. Neben dem Lernen in der Schule wurden die Kinder auf das Berufsleben vorbereitet. Auch der jüdische Glaube spielte im Alltag eine wichtige Rolle. Das Haus war ein Ort, an dem Religion, Bildung und Fürsorge eng miteinander verbunden waren.

Zeit des Nationalsozialismus Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft änderte sich die Situation im Waisenhaus stark. Nach der Zerstörung der Paderborner Synagoge im Jahr 1938 wurde der Betsaal des Waisenhauses zu einem wichtigen religiösen Treffpunkt für die jüdische Gemeinde. Die Kinder wurden nun auch gezielt auf die Auswanderung vorbereitet, um sie vor der Verfolgung zu schützen. Diese Aufgabe wurde 1936 offiziell in die Satzung des Hauses aufgenommen.

Unter der Leitung von Liese Dreyer wurde das Heim ab 1940 zudem eine Anlaufstelle für verfolgte Jüdinnen und Juden. Es gehörte nun zur „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, einer Organisation, die alle jüdischen Einrichtungen verwaltete. 1942 musste die Reichsvereinigung das Gebäude weit unter Wert an den Kreis Paderborn verkaufen. Dieser übergab es an die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“.

Am 26. Mai 1942 mussten die letzten 20 Kinder zusammen mit ihrem Lehrer David Köln Paderborn verlassen. Am 11. Juni 1942 folgte auch Liese Dreyer. Sie wurden nach Ahlem bei Hannover gebracht, wo sich eine jüdische Gartenbauschule befand, die inzwischen als Sammelstelle für Deportationen genutzt wurde. Fast alle Kinder, Lehrerinnen und Lehrer sowie die letzte Leiterin des Heims, Liese Dreyer, wurden später in den Konzentrationslagern Theresienstadt oder Auschwitz ermordet.„Rosenland Nr. 25 (Juli 2021)“. (PDF). Rosenland Zeitschrift für lippische Geschichte, S. 118. Abgerufen am 17. Oktober 2025.

Bewohner des Waisenhauses, die ab Oktober 1941 von Ahlem aus deportiert wurden Name Geboren Rolle im Waisenhaus / Anmerkung Schicksal Elise „Liese“ Dreyer 1895 Leiterin 11.06.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Berta Edelmann 1931 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 23.10.1944 Auschwitz, ermordet Ella Feldmeier 1902 Kindergärtnerin 12.06.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, für tot erklärt Erich Freudenberger 1932 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 18.05.1944 Auschwitz, ermordet Hannelore Gonsenhäuser 1929 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 09.10.1944 Auschwitz, ermordet Eva Groß 1925 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, für tot erklärt David Köln 1887 Lehrer 26.05.1942 Ahlem, 29.01.1943 Auschwitz, für tot erklärt Frieda Köln 1890 Ehefrau von David Köln 08.06.1942 Ahlem, 29.01.1943 Auschwitz, für tot erklärt Gerhard Köln 1926 Sohn von David Köln 08.06.1942 Ahlem, 29.01.1943 Auschwitz, für tot erklärt Hans Köln 1929 Sohn von David Köln 26.05.1942 Ahlem, 23.07.1942 Theresienstadt, für tot erklärt Manfred Kratzer 1929 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 23.07.1942 Theresienstadt, ermordet Philipp Massholder 1928 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 28.09.1944 Auschwitz, ermordet Lilli Perlstein 1929 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, für tot erklärt Inge Ransenberg 1935 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 01.10.1944 Auschwitz, für tot erklärt Alfred Rosenstein 1935 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Erich Rosenstein 1932 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Horst Rosenstein 1931 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Johanna Ryster 1926 Schülerin 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Ingrid Schlesinger 1932 Schülerin 30.08.1940 Wien, später Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Ruth Spier 1927 Schülerin 12.06.1942 Ahlem, Auschwitz, vermutlich ermordet Max Taub 1928 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Otto Taub 1930 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 02.03.1943 Auschwitz, ermordet Erwin Tobias 1933 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 01.03.1943 Auschwitz, ermordet Karl Tobias 1932 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 01.03.1943 Auschwitz, ermordet Kurt Tobias 1935 Schüler 26.05.1942 Ahlem, 01.03.1943 Auschwitz, ermordet Ludwig Träger 1927 Schüler 12.06.1942 Ahlem, 29.09.1944 Auschwitz, ermordet

Quelle: Informationstafel an der Husener Straße (am Standort des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses), Stand: 12. Oktober 2025.

Bewohner des Waisenhauses, die ab Oktober 1941 in andere Orte zurückgekehrt waren und von dort aus deportiert wurden Name Geboren Rolle im Waisenhaus / Anmerkung Schicksal Anneliese Blume 1926 Haushälterin 06.05.1942 Detmold, 1942 Auschwitz, für tot erklärt Hannelore Diekhoff 1927 Schülerin 03.12.1941 Ossendorf, 13.12.1941 Riga, ermordet Harry Dieckhoff 1930 Schüler 03.12.1941 Ossendorf, 13.12.1941 Riga, ermordet Werner Eichenwald 1935 Schüler 28.04.1942 Erwitte, 30.04.1942 Zamosc, ermordet Margarete Falkenstein 1920 Hausangestellte 31.12.1941 Rothenburg/Fulda, 01.06.1942 Sobibor, ermordet Ruth Kalkstein 1927 Schülerin 16.11.1941 Essen, 22.04.1942 Izbica, ermordet Herbert Joachim Kaufmann 1929 21.03.1942 Aachen, 22.03.1942 Izbica, ermordet Marga Loeb 1928 Schülerin 28.04.1942 Brilon, deportiert, ermordet Ruth Loeb 1927 Schülerin 28.04.1942 Brilon, 30.04.1942 Zamosc, ermordet Ernst Ludwig Löwengrung 05.12.1941 (Rimbeck) 13.12.1941 Riga, ermordet Walter Mosbach 10.04.1942 (Lippstadt) 30.04.1942 Zamosc, für tot erklärt Eva Luß 1900 08.10.1941 Bünde, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt Max Meyers 1928 Schüler 26.11.1941 Stadtlohn, deportiert, ermordet Margarete van Mölken 1920 Hausangestellte 31.12.1941 Hamm, Schicksal unbekannt Ursula van Mölken 1931 Schülerin 31.12.1941 Hamm, Schicksal unbekannt Günter Münchhausen 1933 Schüler 26.11.1941 Vreden/Ahaus, 13.12.1941 Riga, ermordet Hannelore Präger 1928 Schülerin 17.04.1942 Laasphe, Schicksal unbekannt Fritz Scheideberg 1932 Schüler 25.03.1942 Erkeln, deportiert, ermordet Harry Scheideberg 1931 Schüler 25.03.1942 Erkeln, deportiert, ermordet Ruth Simson 1933 Schülerin 04.12.1941 Höxter, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt Werner Simson 1934 Schüler 04.12.1941 Höxter, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt Max Siegfried Schlösser 1929 Schüler 28.10.1941 Ahaus, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt Walter Stein 1933 Schüler 03.12.1941 Lügde, 13.12.1941 Riga, Schicksal unbekannt Trude Stern 1929 Schülerin 25.06.1942 Schmallenberg, 1943 Auschwitz, ermordet Kurt Tannenbaum 1935 Schüler 28.10.1941 Rüthen, 31.03.42 Warschau, für tot erklärt Grete Weisner 1897 Küchenhilfe 08.06.1942 Unna, 12.10.1944 Auschwitz, ermordet Ruth Weisner 1929 Tochter von Grete Weisner vermutlich 08.06.1942 Unna, 12.10.1944 Auschwitz, ermordet Edith Zytnik 1933 Schülerin 02.12.1941 Bocholt, 13.12.1941 Riga, ermordet Manfred Zytnik 1932 Schüler 02.12.1941 Bocholt, 13.12.1941 Riga, ermordet

Quelle: Informationstafel an der Husener Straße (am Standort des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses), Stand: 12. Oktober 2025.

Zerstörung des Gebäudes Am 27. März 1945 wurde das Gebäude des Waisenhauses bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde ein Teil des Grundstücks für den Ausbau der Kreuzung Husener Straße verwendet. Der restliche Teil gehört heute zur Westfälischen Schule für Blinde und wird als Garten und Spielplatz genutzt. Vom ursprünglichen Waisenhaus ist nichts mehr erhalten.

Personen mit Bezug zum Waisenhaus (Auswahl) Inge Ransenberg mini|hochkant|rechts|Straßenschild des Inge-Ransenberg-Wegs in Paderborn (2025) Inge Ransenberg wurde 1935 im Mescheder Ortsteil Wennemen geboren. Nach den Novemberpogromen von 1938 fand sie gemeinsam mit ihrem Vater und ihren drei Geschwistern vorübergehend Zuflucht im jüdischen Waisenhaus in Paderborn. 1942 wurde sie von den Nationalsozialisten zunächst nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie im Alter von nur sieben Jahren ermordet. Inge Ransenberg war das jüngste Kind aus dem Paderborner Waisenhaus, das in Auschwitz ums Leben kam.

Ella Feldmeier mini|hochkant|rechts| Stolperstein für Ella Feldmeier am Grundstück des ehemaligen jüdischen Waisenhauses in Paderborn (2025) Ella Leontine Feldmeier wurde am 17. Mai 1902 in Plauen im Vogtland geboren. Ihr Vater Ernst Louis Feldmeier war Kaufmann und leitete die Plauener Niederlassung einer internationalen Firma. Ihre Mutter Elise Feldmeier, geborene Mandelbaum, stammte aus Frankfurt am Main. Die Familie lebte zunächst in Plauen und später in Jocketa bei Plauen.

Nach dem Tod ihrer Mutter heiratete Ellas Vater erneut. Über Ella Feldmeiers Leben in den folgenden Jahren gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Vermutlich wohnte sie bis Ende der 1920er Jahre bei Verwandten in Jocketa.

Am 22. Januar 1929 kam Ella Feldmeier nach Paderborn und arbeitete dort im jüdischen Waisenhaus als Kindergärtnerin. Sie betreute die Kinder gemeinsam mit der Heimleiterin Liese Dreyer und war eng in den Alltag des Hauses eingebunden. Da sie selbst im Waisenhaus lebte, kümmerte sie sich rund um die Uhr um die ihr anvertrauten Kinder. Wahrscheinlich verfügte sie über eine pädagogische Ausbildung.

Während der Zeit des Nationalsozialismus verschlechterte sich die Situation für jüdische Menschen zunehmend. Ella Feldmeier versuchte im Jahr 1938, nach Kanada oder in die Vereinigten Staaten auszuwandern, um der Verfolgung zu entkommen. Ihr Antrag wurde jedoch abgelehnt.

Nachdem das jüdische Waisenhaus 1942 zwangsweise aufgegeben werden musste, begleitete Ella Feldmeier die noch dort lebenden Kinder gemeinsam mit Liese Dreyer nach Ahlem bei Hannover. Die ehemalige jüdische Gartenbauschule diente zu dieser Zeit bereits als Sammelstelle für Jüdinnen und Juden aus der Region.

Am 2. März 1943 wurde Ella Feldmeier zusammen mit Liese Dreyer von Ahlem aus nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie ermordet.

Albert Rose mini|hochkant|rechts|Straßenschild des Dr.-Rose-Wegs in Paderborn (2026) Albert Rose wurde 1882 in Paderborn geboren. Nach dem Abitur am Gymnasium Theodorianum studierte er Rechtswissenschaften in Köln und Berlin und war anschließend als Jurist in Paderborn tätig. Er engagierte sich in der jüdischen Gemeinde und gehörte sowohl dem Vorstand der Synagoge als auch dem Vorstand des jüdischen Waisenhauses an.