Toskana-Fraktion ist ein Schlagwort der politischen Kultur in Deutschland und Österreich. Es wird vor allem in der Presse häufig auf eine Gruppe Politiker und Intellektueller der Sozialdemokraten des politischen Spektrums angewandt, die ihren Urlaub vorzugsweise in der Toskana verbringen.

Die Toskana-Fraktion stellt dabei keine Seilschaft im eigentlichen Sinne dar (wie etwa der konservative Andenpakt). Der meist abwertend gebrauchte Begriff ist vielmehr auf eine den Toskana-Fraktionären angeblich gemeinsame hedonistische Haltung gemünzt: Die einstmaligen Rebellen der 68er-Bewegung seien demnach, ermattet vom „Marsch durch die Institutionen“, im Alter zu durchaus bürgerlichen Genussmenschen geworden, was sich in ihrer Vorliebe für italienische Gaumenfreuden, Ferienhäuser und Wohnsitze zeige. Häufig schwingt in der Verwendung des Begriffs der Vorwurf der Faulheit und Selbstgefälligkeit mit. Von diesem Zusammenhang ausgehend bedienen sich Ethnologen bei der Charakterisierung von Ferienhausbesitzern in Mittelitalien ebenfalls dieses Begriffes.Cord Pagenstecher: Buchrezension (2011) im Portal hsozkult.geschichte.hu-berlin.de zu Daniella Seidl: „Wir machen hier unser Italien …“. Multilokalität deutscher Ferienhausbesitzer. Waxmann Verlag, Münster 2009, ISBN 978-3-8309-2211-7, S. 86 f. (online) Der Ursprung des Begriffs ist unklar. Er kam in den frühen 1990er Jahren aufRobert Gernhardt: Über alles. Ein Lese- und Bilderbuch. S. Fischer Verlag, 2014 (online) und wurde insbesondere zur Kritik an der sogenannten „Enkelgeneration“ der SPD genutzt;Cora Stephan: Der Betroffenheitskult. Eine politische Sittengeschichte. Edel Books, 2013 (online)Franz Walter: Abschied von der Toskana. Die SPD in der Ära Schröder. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004 als möglicher Erfinder wird Klaus von Dohnanyi genannt.Merian.de

Der Toskana-Fraktion wurden und werden von der Presse üblicherweise folgende Politiker zugeordnet:das Porträt: die Toskana-Fraktion in: vom 14. Oktober 2007 (abgefragt am 4. April 2010)

Björn Engholm (SPD; war nur einmal in der Toskana), Ausgabe 1/2009 (abgefragt 4. April 2010)SPON-Interview (abgefragt 25. Juli 2011) Otto Schily (SPD, vormals Grüne; besitzt seit 1989 ein Landgut bei Siena)Merian.de (abgefragt am 4. April 2010) Peter Glotz (1939–2005; SPD; verbrachte seine Ferien meist in Castiglion Fiorentino) Gerhard Schröder (SPD; wurde erstmals 2003 gesichtet)Kanzler kam erst spät zur Toskana-Fraktion in: Handelsblatt vom 9. Juli 2003, (abgefragt am 4. April 2010) Oskar Lafontaine (Bündnis Sahra Wagenknecht, vormals Die Linke, vormals SPD; urlaubt bevorzugt in Capannori bei Lucca) Joschka Fischer (Grüne) Claudia Roth (Grüne) Jürgen Trittin (Grüne) Michael Häupl (ehem. Bürgermeister von Wien, SPÖ)"Ich bin die Toskana-Fraktion!" in Der Standard vom 29. August 2003 (abgefragt am 4. April 2010) Alfred Gusenbauer (ehem. österreichischer Bundeskanzler, SPÖ)Nationalrat, XXI.GP, Stenographisches Protokoll 113. Sitzung / Seite 94 (abgefragt am 4. April 2010)

Analoge Begriffe Das Schweizer Pendant zur Toskana-Fraktion sind die „Cüpli-Sozialisten“, zu denen beispielsweise der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger oder der Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät gezählt werden (Cüpli = ein Glas Champagner). Analog verwendet werden im englischsprachigen Bereich champagne socialist („Champagnersozialist“) und in Frankreich gauche caviar („Kaviarlinke“).

Im englischsprachigen Raum prägte Tom Wolfe in seinem Essay Radical Chic: That Party at Lenny's (deutsche Übersetzung: „Radical Chic und Mau-Mau bei der Wohlfahrtsbehörde“) den Begriff der radical chic. Anlass für Wolfes Essay war das Verhalten des Komponisten Leonard Bernstein, der auf einer von ihm veranstalteten Luxusparty Geld für die Black Panther Party sammeln ließ.

Weblinks Wie wir Toskana-Fraktion wurden (abgefragt am 4. April 2010) Robert Gernhardt: Toskana-Arbeit in: Zeit online (abgefragt am 4. April 2010) toskanafraktion.de im Internet Archive: Website zur Geschichte der Toskanafraktion (bis 2018)

Einzelnachweise

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