mini|Khanjari mit einer Schelle wahrscheinlich aus Westbengalen. Metropolitan Museum of Art, um 1885Widersprüchliche Angabe zur Herkunft auf der Webseite des MET: „The khanjari is a small frame drum of southern India“, aber „Geography: Bengal, India“. Der Name „Khanjari“ spricht für Bengalen. Khanjari (, , kaijadi), auch khanjri, khaṃjari, khanjeri, khenjir, ist in Pakistan, Nordindien und Nepal ein Typus von einfelligen kleinen Rahmentrommeln mit einem relativ hohen runden Rahmen, der teilweise mehrere Schellen (klingende Metallscheiben) enthält. Die khanjani () genannten Rahmentrommeln in den ostindischen Bundesstaaten Odisha und Westbengalen sowie in Bangladesch besitzen einen sehr kleinen, aber schweren Holzrahmen und häufig Schellen. Diese seit Anfang des 16. Jahrhunderts bekannten, in der indischen Volksmusik und gelegentlich in der religiösen Musik (zur Begleitung von Bhajan-Gesängen) verwendeten Rahmentrommeln breiteten sich von Nordindien in den Süden aus, wo sie kanjira (ganjira) und ähnlich genannt werden. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte der Musiker Manpoondia Pillai die heutige Form der südindischen kanjira mit einer Schelle und führte sie in die südindische klassische Musik ein.

Herkunft mini|hochkant|Ein Spieler schlägt mit beiden Händen die Rahmentrommel tammate. Relief an einem Pfeiler im Vittala-Tempel von Hampi, der ehemaligen Hauptstadt des südindischen Vijayanagar-Reichs, Ende 15. – Anfang 16. Jahrhundert Den Trommeln kommt in Indien seit frühesten Zeiten eine besondere Bedeutung in der Musik und in mythischen Vorstellungen zu. Deshalb finden sich in der auf Sanskrit und Tamil verfassten altindischen Literatur Hunderte Trommelnamen, die sich auf die Form eines der zahlreichen Trommeltypen, auf die Funktion einer Trommel oder allgemein auf die ihr zugedachten Eigenschaften beziehen. Ein funktioneller Name für eine Kriegstrommel und Ritualtrommel war dundubhi, vermutlich eine hölzerne Kesseltrommel oder eine Röhrentrommel. Der dritte hauptsächliche Trommeltyp, die Rahmentrommel, ist aus dem alten Indien nur vereinzelt überliefert. Abbildungen aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten in der antiken Region Gandhara im äußersten Nordwesten Südasiens zeigen einfellige Rahmentrommeln, die mit Riemen sternförmig an der Unterseite verspannt werden. Vermutlich gelangten die Rahmentrommeln aus Vorderasien nach Gandhara, von wo sie sich später bis nach Zentral- und Südindien ausbreiteten.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 31, 33

Für die Typologie der Rahmentrommeln wurde eine eigene Systematik nach Formkriterien eingeführt, die sich auf der ersten Gliederungsebene an den drei Elementen Membran, Korpus und Technik der Membranspannung orientieren. Für die an den frühen indischen Rahmentrommeln in Gandhara beobachtete Membranbefestigung wurde die Bezeichnung „Riemenstern“ geprägt. Dabei verlaufen Hautstreifen oder Schnüre vom Fellrand im Zickzack sternförmig bis zu einem Schnurring in der Mitte der Unterseite. Diese Verschnürung ist nicht wie bei den Innengrifftrommeln (sibirische Schamanentrommeln) dazu geeignet, um die Trommel mit einer Hand an der Unterseite zu halten. Sie kommt überwiegend an einigen indischen Rahmentrommeln vor, etwa bei der südindischen tambattam (Tamil, tammittam, tambotta auf Malayalam, tammate, halige auf Kannada).Heide Nixdorff: Zur Typologie und Geschichte der Rahmentrommeln. (Baessler-Archiv. Beiträge zur Völkerkunde. Neue Folge, Beiheft 7) Dietrich Reimer, Berlin 1971, S. 40, 81; Abbildung der Unterseite in: Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin) 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923; Nachdruck: Olms, Hildesheim 1983, S. 64 Curt Sachs (1940) vermutet, dass diese Rahmentrommel (mit einem Durchmesser von 35 bis 38 Zentimetern)Curt Sachs: Reallexikon der Musikinstrumente. Verlag von Julius Bard, Berlin 1913, S. 374 und ihr Name aus Babylonien, von wo die akkadische Bezeichnung timbutu für eine Rahmentrommel überliefert ist, nach Südindien und bis nach Sri Lanka gelangt sein könnten.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Company, New York 1940, S. 154 Die in Sri Lanka singhalesisch temmettama genannte Trommel hat einen Durchmesser von bis zu 125 Zentimetern.Sibyl Marcuse: Musical Instruments: A Comprehensive Dictionary. A complete, autoritative encyclopedia of instruments throughout the world. Country Life Limited, London 1966, S. 507, s. v. „tambattam“ Die Beschreibungen von tambattam und ähnlich genannten Rahmentrommeln in Südindien und Sri Lanka gehen auf Curt Sachs (1913, 1923, 1940) zurück. In neuerer Literatur steht tammata in Sri Lanka für ein kleines Kesseltrommelpaar. Die in Sri Lanka gespielten Rahmentrommeln heißen rabana und sind sprachverwandt mit vom Indischen Ozean (ravanne) bis Südostasien (rebana) bekannten Rahmentrommeln.

Steinreliefs an den buddhistischen Stupas von Bharhut (2.–1. Jahrhundert v. Chr.) und Sanchi (1. Jahrhundert v. Chr.) im zentralen Nordindien zeigen große Rahmentrommeln, die mit einem am Ende umgebogenen Stock geschlagen werden. Auf einem Relief in Sanchi setzt der Trommler einen Stock in jeder Hand für die wohl an einem Gurt um seinen Hals hängende Rahmentrommel ein.Walter Kaufmann, 1981, S. 48, 62, 66 Auf einer Wandmalerei in Höhle 10 der buddhistischen Felshöhlen von Ajanta aus dem 6. Jahrhundert ist ein großes Ensemble von Musikerinnen zu sehen, die vermutlich bei einer religiösen Prozession Trompeten blasen, Rahmentrommeln schlagen, klatschen und tanzen.Walter Kaufmann, 1981, S. 172

Die am weitesten in Indien verbreiteten Bezeichnungen für Rahmentrommeln gehören zum Wortumfeld von daf, das auf das hebräische tof im Alten Testament für von Frauen gespielte Rahmentrommeln zurückgeht und sich als duff im vorislamischen Arabien und später mit der muslimischen Kultur über Vorderasien bis Indien verbreitete. So bezeichnete Rahmentrommeln waren zu Beginn des Sultanats von Delhi in Nordindien bekannt, denn sie werden im 13. Jahrhundert in den Werken des Dichters Amir Chusrau erwähnt.Alastair Dick: Ḍaph. In: Grove Music Online, 22. September 2015 Mit dem Wortumfeld daf benannte Rahmentrommeln werden üblicherweise in einer Hand am Rahmen gehalten und mit Fingern und Ballen der anderen Hand geschlagen.R. Conway Morris, Cvjetko Rihtman, Christian Poché, Veronica Doubleday: Daff. In: Grove Music Online, 2001 Von der zeitlichen Einführung eines Instrumentennamens lässt sich nicht zwangsläufig auf das Alter des Instrumententyps schließen. So ist das von daf abgeleitete dappu in Südindien ein anderer Name für die teilweise mit zwei Stöcken geschlagene parai.

Auf eine arabische Herkunft lässt sich das Wort khanjari ebenso wenig wie auf Sanskrit zurückführen. Dafür bezeichnet Abu 'l-Fazl in seiner 1598 vollendeten persischen Geschichtschronik Āʾīn-i Akbarī über die Mogulzeit eine mit Zimbeln besetzte kleine Rahmentrommel als khenjir (khanjari) und als eine Variante der daf.N. Scott Robinson, 2013, S. 26; Katherine Schofield, 2003, S. 155

mini|links|Musikerinnen mit Rahmentrommeln – einer großen daf mit Schellen unten und einer kleinen khanjari ohne Schellen darüber – spielen bei der Hochzeit des Mogulherrschers Aurangzeb. Linke Hälfte aus einer indischen Miniatur von 1636Katherine Schofield, 2003, S. 158f mini|hochkant|„Allegorie der diesseitigen und jenseitigen Trunkenheit“. Safawidische Malerei aus Täbris, 1531–1533. Zum höfischen Musikensemble gehören neben der Spießgeige kamantsche drei Rahmentrommeln daira mit Schellen und eine lange Rohrflöte nay Der persische Name khanjari verbreitete sich mit dem Rahmentrommeltyp von den urdu- und hindisprachigen Gebieten Nordindiens in zahlreichen Aussprachevarianten regionaler Sprachen bis nach Nepal und Südindien. Eine dravidische (südindische) Sprachwurzel von khanjari gibt es nicht. In der tamilischen Schrift fehlt ein Zeichen, mit dem die Aussprachen von k, g und kh unterschieden werden. In der lateinischen Umschrift wird diese Rahmentrommel in Tamil Nadu daher als kanjira oder ganjira wiedergegeben. Für die südindischen Sprachen Malayalam und Telugu lautet die gebräuchliche Umschrift kanjira und für Kannada khanjira. Der Lautübergang von khanjari zu kanjira in Tamil könnte unter dem Einfluss des tamilischen Wortes kanja („Haut“) und der onomatopoetischen Silbe jira („Glöckchen, Zimbeln“, also „Membran mit Zimbeln“) erfolgt sein.N. Scott Robinson, 2013, S. 25–27; vgl. arabisch Plural jalajil, „Schellen, Zimbeln“.

Unter dem Titel Mīrzānāma („Buch des Mirza“) wird im British Museum in London ein 1739 abgeschriebenes Manuskript aufbewahrt, das um 1660 von einem unbekannten Autor verfasst wurde und von den Aufgaben und Pflichten eines mogulzeitlichen Fürsten (mīrzā) handelt.Aziz Ahmad: The British Museum Mīrzānāma and the Seventeenth Century Mīrzā in India. In: Iran, Band 13, 1975, S. 99–110 Darin wird der klassische höfische Gesangsstil dhrupad gewürdigt, während die Spieler der kleinen Fasstrommeln dholak oder dholki und der Rahmentrommel khanjari diskreditiert werden. Beide Trommler gelten demnach als Straßenmusiker, die auf Märkten auftreten, und als dem Bereich der Frauenmusik zugehörig, das heißt als vulgär und effeminiert. Die einzigen (männlichen) Musiker, die laut dem Mīrzānāma im 17. Jahrhundert etwa bei Hochzeiten die beiden Trommeltypen spielten, waren die dhadhis (heute im Punjab Spieler der kleinen Sanduhrtrommel dhadd). Demgegenüber wird die zweifellige Doppelkonustrommel pakhawaj als edles, dem höfischen/klassischen Bereich zugeordnetes Musikinstrument gepriesen. Die stete Beidnennung von dholak/dholki und khanjari lässt vermuten, dass Fasstrommeln und Rahmentrommeln zusammen gespielt wurden.Katherine Schofield, 2003, S. 154f, 301

Beide Trommelkategorien (namentlich dhol, dholak oder dholki und daf, daira oder khanjari) werden häufig in der indischen Mogulmalerei abgebildet, gespielt von Musikerinnen im höfischen Bereich der Frauen. Bei den gemäß islamischer Tradition nach Geschlechtern getrennt durchgeführten Hochzeitsfeiern sollten der strengen Moralauffassung des Mīrzānāma zufolge dholak und khanjari zur Unterhaltung der Frauen und die pakhawaj zur Unterhaltung der Männer gespielt werden. Auf mogulindischen Miniaturen sind hingegen häufig Trommel spielende Musikerinnen und Sängerinnen zu sehen, die bei Hochzeitsfeiern vor der höfischen Männergesellschaft auftreten. Spieler von dholak und khanjari wurden, ob männlich oder weiblich, im 17. Jahrhundert generell den unteren Sozialschichten zugerechnet. Katherine Schofield (2003) zufolge dürfte die Zuordnung dieser beiden Trommeln im Mīrzānāma zum weiblichen Bereich hauptsächlich dazu gedient haben, ihren niedrigen Status festzuschreiben, um die Musiker von der Patronage durch die Fürsten auszuschließen. Eine 1636 datierte Miniatur zeigt hingegen Großmogul Aurangzeb bei seiner Hochzeit umgeben von Musikerinnen und Sängerinnen, die dem Herrscher Glück und Erfolg bringen sollten. Außer bei Festen und Familienfeiern war die Hauptaufgabe der Musikerinnen die Unterhaltung der Frauen im Frauenbereich (Harem) am Hofe.Katherine Schofield, 2003, S. 156–159