mini|hochkant=2|Akkad-zeitliches (ca. 2330–2200 v. Chr.) Rollsiegel aus Lapislazuli mit moderner Abrollung, Chicago, Oriental Institute
Rollsiegel oder Zylindersiegel sind zylindrische Siegel, deren Mantelfläche mit einer eingravierten Darstellung versehen wurde, die auf einem formbaren Material (v. a. Ton) eine Abrollung in Form eines fortlaufenden Bandes erzeugen konnte. Im Normalfall waren die Siegel bzw. Siegelzylinder aus Stein oder Schmuckstein (vor allem Onyx, Lapislazuli, Achat) oder künstlich hergestellten Steinen (v. a. Quarzkeramik) geschnitten. Nahezu alle Rollsiegel waren in Intaglio-Technik gearbeitet, das heißt, dass die Darstellung vertieft gearbeitet wurde und der Abdruck so im Hochrelief erscheint.
Das zum Schutz (Versiegelung) gegen unberechtigten Zugriff und zur Bestätigung von Verträgen dienende Rollsiegel ist in Südmesopotamien/Südwest-IranErika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, hier: S. 77–78, 121–128 (Katalognummer 45–50) und 162 (Katalognummer 88). in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. erfunden worden und ist bis in das 1. Jahrtausend v. Chr. die dominante Siegelform des Alten Orients. Wohl von dort übernommen treten lokal hergestellte Rollsiegel auch im Ägypten des Alten bis Mittleren Reiches sowie im Bereich der Indus-Kultur auf. Außerhalb dieser Gebiete treten zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Gebieten (Balkan, Italien, Transkaukasien, Lateinamerika) Zylinder zur Verzierung von Keramik auf, die aber keine Siegelfunktion hatten.
Vorderer Orient Rollsiegel treten im Vorderen Orient praktisch zeitgleich mit der Entstehung der Keilschrift in der Spät-Uruk-Zeit (ca. 3400 v. Chr.) erstmals auf und bleiben dort eng mit dem Schriftsystem Keilschrift und dem Schriftträger Ton verbunden. Erstmals sind auch Rollsiegel des ausgehenden 4. und beginnenden 3. Jahrtausend v. Chr. auch mit der Fundstätte Tepe Siyalk IV zu verzeichnen.Erika Bleibtreu: Iran von prähistorischer Zeit bis zu den Medern. Kurzer Einblick in sechs Jahrtausende iranischer Kulturgeschichte. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, ISBN 3-85497-018-8, S. 40–53, hier: S. 42 und 48 f. Sie verdrängen schnell die bis dahin üblichen Stempelsiegel. Erst mit der Verbreitung der auf Papyrus geschriebenen Alphabetschrift in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. treten Stempelsiegel in Mesopotamien und Syrien wieder häufiger auf. In der achämenidischen Zeit (550–330 v. Chr.) kommt das Rollsiegel im Vorderen Orient außer Gebrauch.
Vorderasiatische Rollsiegel sind in der Regel 2 bis 8 cm lang und haben einen Durchmesser von 1 bis 3 cm. Sie sind üblicherweise längs durchbohrt.
Viele der heute in Museen und Sammlungen aufbewahrten Rollsiegel sind über den Kunsthandel dorthin gelangt und sind daher wahrscheinlich bei Raubgrabungen entdeckt worden. Diesen Siegeln fehlt daher der archäologische Kontext; ihre zeitliche Einordnung ist vielfach durch die stilistische Einordnung ihrer Darstellung bzw. die Lesung einer eventuell vorhandenen Inschrift möglich.
Ikonographie Aus dem Alten Orient hat sich eine sehr große Zahl von Originalsiegeln und Siegelabrollungen erhalten, da wichtige Funktionsträger und ab der zweiten Hälfte des 3. Jahrtausends zunehmend auch Privatpersonen je mindestens ein Rollsiegel besaßen, die wegen ihres dauerhaften Materials oft gut erhalten sind. Siegelabrollungen auf Ton sind – wenn einmal in den Boden gelangt – ebenfalls sehr gut haltbar. Daher stellen die Siegelbilder die bei weitem umfangreichste Quelle zur Ikonographie des Alten Orients dar.
Uruk-Zeit (ca. 3500–3000) mini|Uruk-zeitliches Rollsiegel und Abrollung, Louvre mini|Uruk-zeitliches Rollsiegelfragment mit Abrollung, gezeigt ist der von einem Diener gefolgte „Mann im Netzrock“, Louvre
Die Rollsiegel der Uruk-Zeit wurden ganz überwiegend aus Kalkstein oder anderen weichen Steinen gefertigt und sind im Vergleich zu Rollsiegeln aus späteren Perioden häufig recht groß. Zum Ende der Uruk-Zeit wurde gelegentlich härteres Gestein verwendet, u. a. Lapislazuli, der aus dem entfernt gelegenen Badachschan stammte.
Häufig finden sich unter den urukzeitlichen Rollsiegel Exemplare mit einem zoomorph gestalteten Knauf/Griff aus Bronze, der mit Hilfe der verlorenen Form gegossen wurde. Auch sind Nachbildungen von Knochenendstücken als Knauf belegt.
Dargestellt werden vor allem domestizierte Tiere (Rinder, Schafe und Ziegen), die ein wichtiger Bestandteil der urukzeitlichen Wirtschaft waren, daneben aber auch Fabelwesen (vor allem der Schlangendrache), Ornamente und geometrische Muster. Die auffälligste Menschendarstellung zeigt den sog. „Mann im Netzrock“, der als Darstellung einer Herrschergestalt interpretiert wird. Dargestellt ist ein bärtiger Mann mit Haarknoten und breitem Haarband. Der Oberkörper ist unbekleidet; er trägt einen knöchellangen halbdurchsichtigen Rock mit Netzmuster. Er taucht in verschiedenen Kontexten auf, wie in Ritualhandlungen vor Tempeln, Kultprozessionen, mit Pflanzen in den Händen zwischen Viehherden, in Jagdszenen sowie in Gefangenendarstellungen. Die Darstellung von Gefangenen vor dem „Mann im Netzrock“ ist auf Rollsiegeln nur von wenigen Fundstellen belegt (Susa, Uruk, Habuba Kabira und Choga Miš) und gehört zu den seltenen Zeugnissen dieser sozialen Hierarchie.
In der Forschung ist vermutet worden, dass zwischen den Motiven der Siegelabbildungen und der Tätigkeit ihrer Benutzer ein Zusammenhang bestand.Mark A. Brandes: Siegelabrollungen aus den archaischen Bauschichten in Uruk-Warka. Wiesbaden 1979, S. 27–39. Demnach wären Tierdarstellungen dem Bereich der Viehwirtschaft oder Jagd zugeteilt, Bootsdarstellungen der Fischerei oder Wasserwirtschaft, Gefangenendarstellungen der Verwaltung von Kriegsbeute und der „Mann im Netzrock“ kultischen Handlungen. So hat man in Susa Abrollungen von Siegeln mit Darstellungen von Getreideähren tatsächlich in als Getreidespeicher genutzten Gebäuden gefunden.D. Collon: First Impressions: Cylinder Seals in the Ancient Near East. London 1987, S. 15. Insgesamt gibt es aber zu wenig gesicherte Funde aus primärem Kontext, um die genannte These verifizieren zu können.
Vor allem gegen Ende der Uruk-Zeit kommen Rollsiegel mit konkav eingezogener Mantelfläche vor, deren Darstellungen häufig noch Spuren des zur Herstellung verwendeten Kugelbohrers tragen. Themen dieser Siegel sind einfache Tierreihen und in der Regel sitzende Personen (ganz überwiegend Frauen), die bei häuslichen oder landwirtschaftlichen Tätigkeiten gezeigt werden.
Frühdynastische Zeit (ca. 3000–2330) mini|Rollsiegel und moderne Abrollung aus dem Grab der Königin Puabi, Ur, ca. 2450 v. Chr. British Museum mini|Rollsiegel aus Mari und moderne Abrollung: Tierkampfszene als Figurenband, ca. 25. Jh. v. Chr., Louvre
Die Rollsiegel der Frühdynastischen Zeit waren meist aus Stein, Halbedelstein oder Metallen gefertigt, wobei letzteres sich nicht besonders gut eignete, da ihre Abrollung nicht immer ein klares Bild ergab und sie nicht besonders widerstandsfähig waren.U. Moortgat-Correns: Glyptik. In: Reallexikon der Assyriologe und Vorderasiatischen Archäologie. Band 3, Berlin / New York 1957–1971, S. 457.
Zu Beginn der frühdynastischen Zeit treten Siegel (überwiegend aus Steatit) mit geometrischen und stilisierten pflanzlichen Darstellungen auf. Häufigstes Motiv ist eine Rosette, die vielfach von schraffierten Bändern oder Kreislinien eingefasst ist. Daneben kommen Leitermotive, stilisierte Blätter und Gruppen von Punkten und Rauten vor. Siegel in diesem Stil scheinen auf die ersten zwei bis drei Jahrhunderte des 3. Jahrtausends beschränkt zu sein und sind danach offensichtlich nicht mehr hergestellt worden.D. Collon: First Impressions: Cylinder Seals in the Ancient Near East. London 1987, S. 20–23.
Die zwei wichtigsten Motive der nachfolgenden frühdynastischen Glyptik sind Tierkampf- und Bankettszenen. Während in älterfrühdynastischer Zeit das Hauptmotiv der Siegel noch hauptsächlich Tiere, wie Widder, Hirsche und Ziegen und weniger Menschen waren, entwickelte sich dies im Laufe der Zeit zu Tierkampfszenen. Diese stellen Auseinandersetzungen zwischen Personen, die meist als Helden identifiziert werden, Mischwesen (wie dem Stiermensch), Herdentieren und Raubtieren (v. a. Löwen) dar. In den meisten Fällen sind diese Kämpfe in Form des Figurenbandes dargestellt, bei dem alle Beteiligten in gleicher Größe aufrecht auf den (Hinter-)Beinen stehend dargestellt sind. Dabei kommt es regelmäßig zu Überschneidungen zweier Figuren. Die Tierkampfszenen bleiben das Hauptmotiv in jüngerfrühdynastischer Zeit, in welcher die Tierdarstellung nun noch sorgfältiger und plastischer wird und nicht mehr, wie zuvor, auf eine Ansammlung an Linien reduziert wird. Weitere, weniger verbreitete Tier- und Pflanzendarstellungen zu dieser Zeit zeigen einen löwenköpfigen Adler mit ausgestreckten Schwingen.
Die ersten BankettszenenG. Selz: Die Bankettszene. Entwicklung eines "überzeitlichen" Bildmotivs in Mesopotamien von der frühdynastischen bis zur Akkad-Zeit. Wiesbaden 1983. auf Rollsiegeln sind zum Ende der älterfrühdynastischen Zeit belegt, wo sie meist noch einen geometrischen Stil aufweisen, der später durch einen naturalistischen abgelöst wird. Allerdings ist eine genaue Datierung schwierig, da sich die Bankettszenen im Laufe der Zeit kaum veränderten.
Es ist umstritten, wie die Bankettszenen zu deuten sind, ob nun als religiöse, historische oder kulturelle Handlung, oder ob das dargestellte Bankett nur zu einem gewissen Ereignis stattfand, wie dem Tod oder der Geburt einer wichtigen Person.K. Rohn: Beschriftete mesopotamische Siegel der Frühdynastischen und der Akkad-Zeit. Göttingen 2011, S. 53–54.
In einigen Fällen wird die Siegelfläche mit einer Doppellinie in zwei Register geteilt. Dabei können sowohl gleichartige als auch verschiedene Szenen in den beiden Registern kombiniert werden.
In jüngerfrühdynastischer Zeit werden Rollsiegel erstmals mit Inschriften versehen, die den Besitzer/die Besitzerin, gelegentlich auch den Beruf und/oder einen Oberherrn nennen. Siegelbesitz und -gebrauch scheint in dieser Zeit auf Angehörige der Herrscherhäuser und Funktionsträger beschränkt gewesen zu sein; Privatpersonen besaßen in der Regel keine Siegel.
Wichtige Fundorte für frühdynastische Siegel sind Susa, Ur, Šuruppak, Nippur, Ešnunna, Ḫafāǧī, Tell Aqrab, Mari und Tell Brak.
Akkad-Zeit (ca. 2330–2150) mini|Moderne Abrollung des Siegels von Ibni-Šarrum, Schreiber des akkadischen Königs Šarkališarri, Louvre
Sargon von Akkad schuf mit seinen Eroberungen das erste Großreich des Alten Orients. Mit ihm beginnt die Akkadzeit, in der in der Glyptik eine Vielzahl von bis dahin nicht bekannten Themen und Szenen dargestellt werden, sodass das Motivrepertoire der akkadischen Glyptik größer ist als das irgendeiner anderen Periode der altorientalischen Geschichte.D. Collon: First Impressions: Cylinder Seals in the Ancient Near East. London 1987, S. 35. Aus dieser Zeit stammen einige besonders qualitätvolle Rollsiegel. Zweiregistrige Siegel verschwinden fast völlig.