mini|Erste Ausgabe des Wiennerischen Diariums vom 8. August 1703
Die Wiener Zeitung wurde 1703 als Wiennerisches Diarium von Johann Baptist Schönwetter gegründet und war ab ihrer Gründung rund eineinhalb Jahrhunderte lang führend auf dem österreichischen Zeitungsmarkt. 1857 übernahm der österreichische Staat das Blatt. Die letzte gedruckte Ausgabe erschien am 30. Juni 2023. Als älteste bis dahin noch gedruckt erscheinende Tageszeitung der Welt nahm die Wiener Zeitung in der Mediengeschichte Österreichs eine besondere Stellung ein. Seit Juli 2023 erscheint ein Nachfolgeprodukt in digitaler Form.
Geschichte Gründung und Anfangszeit mini|links|Im ehemaligen Haus „Zum roten Igel“ am Wiener Wildpretmarkt befand sich von 1703 bis 1721 das erste Redaktionslokal, Aquarell von Franz Poledne, 1904 mini|Das erste Druckereilokal befand sich von 1703 bis 1721 im „Regensburgerhof“ am Lugeck, Aquarell von Franz Poledne, 1897 In seiner allerersten Ausgabe vom 8. August 1703 enthält das Wiennerische Diarium, wie das Blatt ursprünglich hieß, als Begrüßung an die Leserschaft eine Art Grundsatzerklärung,Andrea Reisner und Alfred Schiemer: Das Wien(n)erische Diarium und die Entstehung der periodischen Presse. In: Matthias Karmasin und Christian Oggolder (Hrsg.): Österreichische Mediengeschichte. Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferenzierung des Mediensystems (1500 bis 1918). Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11008-6, S. 91. und zwar in der Form einer immerhin eine ganze Zeitungsseite umfassenden „Anmerckung“, worin kundgetan wird, dass die in der Redaktion einlauffenden Begebenheiten / ohne einigen Oratorischen und Poëtischen Schminck / (…) sondern der blossen Wahrheit derer einkommenden Berichten gemäß (…) ordentlich vorgestellt werden.Wiennerisches Diarium, Num I., vom 8. August 1703. Damit wurde in der Berichterstattung von Beginn an Sachlichkeit zur obersten Maxime erhoben.Andrea Reisner und Alfred Schiemer: Das Wien(n)erische Diarium und die Entstehung der periodischen Presse. In: Matthias Karmasin und Christian Oggolder (Hrsg.): Österreichische Mediengeschichte. Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferenzierung des Mediensystems (1500 bis 1918). Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11008-6, S. 92. In der ersten Ausgabe finden sich unter anderem Berichte über die Armee in Süddeutschland, über ein Gefecht mit den Franzosen am Gardasee, über Unruhen in Ungarn sowie über eine Hofjagd in Ungarn, bei welcher der Kaiser mit eygener Hand etliche Hirschen von ungewöhnlicher Größe erlegt hatte. Neben weiteren Meldungen wurde auch eine Lista von Sterbefällen und Vermählungen abgedruckt. Die Erscheinungsweise wurde im Titelblatt der ersten Ausgabe mit Mittwoch und Samstag festgelegt.Wiennerisches Diarium, Num I., vom 8. August 1703. Das Blatt behielt auch weiterhin Form und Gliederung der ersten Ausgabe bei. Den Zeitumständen entsprechend überwogen Berichte von den Schauplätzen des spanischen Erbfolgekriegs. Kriegsberichte respektive mit dem Krieg in Zusammenhang stehende Meldungen machten oft vier Fünftel des Blattumfanges aus.Franz Stamprech: Die älteste Tageszeitung der Welt. Werden und Entwicklung der „Wiener Zeitung“. Dokumentationen zur europäischen Geschichte, 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1977, S. 15.Andrea Reisner, Alfred Schiemer: Das Wien(n)erische Diarium und die Entstehung der periodischen Presse. In: Matthias Karmasin, Christian Oggolder (Hrsg.): Österreichische Mediengeschichte. Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferenzierung des Mediensystems (1500 bis 1918). Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11008-6, S. 92.
Gründer und Herausgeber des Wiennerischen Diariums war Johann Baptist Schönwetter (1671–1741). Das erste Redaktionslokal befand sich (1703 bis 1721) im ehemaligen Haus „Zum roten Igel“ am Wildpretmarkt, der Druck erfolgte im Regensburgerhof am Lugeck.Wilhelm Böhm: Geschichte der „Wiener Zeitung“. In: 250 Jahre Wiener Zeitung. WZ 1703–1953. Eine Festschrift. Österreichische Staatsdruckerei, Wien 1953, S. 8 f. und 25. Die Leitung des Blatts behielt sich Schönwetter selbst vor. Mit der redaktionellen Arbeit betraute er Hieronimus Gmainer, der als erster Redakteur Wiens gilt. Auf seinem Grabstein fand sich die Berufsbezeichnung „Zeitungsschreiber“. Für Übersetzungsarbeiten zog Schönwetter seinen sprachkundigen Korrektor Anton Hedlinger heran.Franz Stamprech: Die älteste Tageszeitung der Welt. Werden und Entwicklung der „Wiener Zeitung“. Dokumentationen zur europäischen Geschichte, 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1977, S. 3.
Schreibweise Die Schreibweise Wiennerisches Diarium entspricht den Usancen im 17. und 18. Jahrhundert. Beispielsweise lautete auch der auf das Wiener Pestjahr 1679 bezogene Titel von Abraham a Sancta Claras berühmtestem Werk Mercks Wienn (erschienen 1680).Mercks Wienn auf univie.ac.at. Auf Plänen von Wien aus jener Zeit scheint ebenfalls die Bezeichnung „Wienn“ auf.Karte „Wienn in Oesterreich“ Kupferstich, um 1770. Ab dem 11. Mai 1712 erschien das um ein „n“ verkürzte Wienerische Diarium.Anno Jahresauswahl auf anno.onb.ac.at. In den Ausgaben vom 3. und 7. Jänner 1722 wurde ausnahmsweise nochmals der alte Titel verwendet.Offensichtlich hängt das mit der Übernahme des Blattes durch Johann Peter van Ghelen zusammen, der kurzfristig nochmals den ursprünglichen Namen verwendete. Ab der Folgeausgabe vom 10. Jänner wurde sodann bis zur Umbenennung auf Wiener Zeitung am 1. Jänner 1780 konsequent der Name Wienerisches Diarium beibehalten.
Die Ära Johann Peter van Ghelens und seiner Erben Im Jahr 1721 schlug eine vom Kaiserhof ins Leben gerufene Hofkommission vor, dass die Mittel für den Bau der neuen Hofbibliothek durch eine „Impost“ genannte Abgabe auf Kalender und Zeitungen aufgebracht werden sollten. Ursprüngliche Bedenken gegen diesen Plan waren mit dem Hinweis zerstreut worden, dass die Wiener Zeitungsherausgeber Johann Baptist Schilgen (der den Mercurius herausbrachte), Johann Jakob van Ghelen (dem die italienischsprachige Zeitung Coriere ordinario gehörte) und Johann Baptist Schönwetter (Inhaber des Wiennerischen Diariums) durch ihre Privilegien wohlhabende Leute geworden seien, weshalb deren finanzieller Beitrag für die Hofbibliothek gerechtfertigt sei. Diese Auffassung entsprach zudem der Tatsache, dass die Einzelexemplare ihrer Zeitungen in Wien um 7 Kreuzer verkauft wurden und das Jahresabonnement 12 Gulden kostete. Das Jahresgehalt eines mittleren Beamten überstieg damals kaum 100 Gulden.Franz Stamprech: Die älteste Tageszeitung der Welt. Werden und Entwicklung der „Wiener Zeitung“. Dokumentationen zur europäischen Geschichte, 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1977, S. 16.
Bei der auf Vorschlag der Hofkommission den Wiener Zeitungsherausgebern abverlangten Abgabe handelte es sich weniger um eine Zeitungssteuer als um einen Pachtbetrag für die Gewährung der entsprechenden Privilegien. Johann Baptist Schönwetter allerdings weigerte sich beharrlich, die verlangte Gebühr von 3.000 Gulden jährlich zu entrichten. Infolgedessen wurde verfügt, dass bei weiterer Weigerung das Privileg dem Meistbietenden zuzuschlagen sei. Nach fortgesetzter Weigerung Schönwetters zu bezahlen wurde das Privileg schließlich am 18. Dezember 1721 Johann Peter van Ghelen (dem Sohn des Privilegieninhabers des Coriere ordinario) gewährt, der die Gebühr anstandslos beglich.Rita Klement: „Das Wiener Alltagsleben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Spiegel des Wienerischen Diariums“. Univ. Dipl. Arb, Wien 2012, S. 44. Wie Franz Stamprech in seiner Geschichte der Wiener Zeitung betont, begann mit der Übernahme des Blatts durch Johann Peter van Ghelen für dieses „eine neue Ära“, zumal dieser auch den „Mercurius“ kaufte, wodurch er „alleiniger Zeitungsherr auf dem Wiener Platz“ wurde.Franz Stamprech: Die älteste Tageszeitung der Welt. Werden und Entwicklung der „Wiener Zeitung“. Dokumentationen zur europäischen Geschichte, 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1977, S. 23 und 25.
Immer mehr Raum erhielten im Blatt nun die bezahlten Einschaltungen.Franz Stamprech: Die älteste Tageszeitung der Welt. Werden und Entwicklung der „Wiener Zeitung“. Dokumentationen zur europäischen Geschichte, 2. Aufl., Verlag der Österreichischen Staatsdruckerei, Wien 1977, S. 26. Umgestellt wurde auch auf zweispaltigen Zeilenumbruch der redaktionellen Seiten und die Auslandsmeldungen rückten an die Spitze der Berichterstattung.Andrea Reisner und Alfred Schiemer: Das Wien(n)erische Diarium und die Entstehung der periodischen Presse. In: Matthias Karmasin und Christian Oggolder (Hrsg.): Österreichische Mediengeschichte. Band 1: Von den frühen Drucken zur Ausdifferenzierung des Mediensystems (1500 bis 1918). Springer Verlag, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-11008-6, S. 101. In weiterer Folge wurde im Zuge der Trennung des Versatzamtes und des Fragamtes 1721 das Kundschafts=Blätl mit dem „Wienerischen Diarium“ vertrieben. 1728 wurde sodann mit den „Posttäglichen Wiener Frag= und Anzeigungs=Nachrichten“ ein eigenes Amtsblatt herausgegeben, welches 1729 dem Wienerischen Diarium weitgehend angeschlossen wurde. Als Johann Peter van Ghelen 1754 verstarb, blieb das Schicksal des „Wienerischen Diariums“ auch weiterhin mit dem der Familie van Ghelen verknüpft.Rita Klement: „Das Wiener Alltagsleben in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Spiegel des Wienerischen Diariums“. Univ. Dipl. Arb., Wien 2012, S. 44f.
1780, im Jahr des Beginns der Alleinregentschaft Kaiser Josephs II., wurde das Blatt auf Wiener Zeitung umbenannt. Die Auflage dürfte zu dieser Zeit schon einige Tausend erreicht haben. Der redaktionelle Teil erfuhr eine wesentliche Verbesserung, als die Ghelen’schen Erben im Jahr 1782 Conrad Dominik Bartsch (1759–1817), einen Schüler des Aufklärers Joseph von Sonnenfels engagierten. Bereits als 23-Jähriger hatte dieser die Redaktion der Wiener Zeitung, und damit des wichtigsten Periodikums der Monarchie, übernommen. Ungeachtet der auch die Wiener Zeitung überwachenden Zensur schickte er sich an, aufklärerisches Gedankengut zu vermitteln.
mini|links|Abdruck der Erklärung der Menschenrechte in der Wiener Zeitung vom 9. September 1789 in deutscher Übersetzung: „Alle Menschen sind frey geboren, und bleiben frey und gleich in Ansehung der Rechte (…).“