mini|Vorlage für die Umschlaggestaltung der Erstausgabe: Georg Flegel: uccelli (1637) Der Schatten der Tiere ist der Titel eines 2008 publizierten Romans von Mathias Gatza. Der Erzähler schildert seine im Alkoholismus und Delirium endende Identitäts- und Sinnkrise, seine Freundschaft mit dem ihm seelenverwandten Logiker Braun und seine unglückliche Liebesbeziehung mit dessen Witwe Hélène. Inhalt Überblick In den ersten beiden Teilen berichtet der nicht namentlich genannte Erzähler über seinen Ausstieg aus seinem Berufs- und Familienleben und über seine therapeutischen Zoobesuche. Mit der Nachricht von Brauns Tod und der Ankunft seiner Witwe beginnt die Suchreise mit den Nachforschungen über sein Leben und die Ursachen seines Todes. Teil 1: Besuch Hélène Brauns in Berlin. Reise mit dem Erzähler nach Stettin zur Beerdigung ihre Mannes. Teil 2: Rückblicke auf das Leben des Erzählers und Brauns. Brauns unter Alkoholeinfluss verfasstes bolivianisches Tagebuch.
Der Erzähler hat sich während der Reise zu Brauns Beerdigung in Stettin in Hélène verliebt und besucht sie in Amsterdam. Dabei wird er von Dr. Franken, der die Forschung Brauns vermarkten will, unter Verhördruck gesetzt, sein Wissen preiszugeben. Bereits bei seinem Aufenthalt in Königslutter suchen Kriminelle beim Pater nach Unterlagen des Wissenschaftlers und verfolgen ihn. Teil 3: Irrfahrt mit Verfolgungen zu Hélène nach Amsterdam. Gespräch mit Brauns Taufpater in Königslutter. Teil 4: Besichtigung Amsterdams. Teil 5: Besuch bei Hélène. Verhör. Brauns Tagebuch, 2. Teil.
Hélène fürchtet weitere Verfolgungen und flieht mit dem Erzähler aus der Stadt. Beide machen sich auf die Reise zu Brauns Hütte in Norwegen, um etwas über seinen Tod herauszufinden. Während der letzten Etappe füllen sich die Erinnerungslücken des Erzählers mit schemenhaften Bildern und Dialogen, die auf seine Seelenverwandtschaft mit Braun und ihren Konflikt zwischen Innen- und Außenwelt, Traum und Lebenspraxis hinweisen. Während der Reise entwickelt sich eine Liebesbeziehung, doch Hélène fürchtet wegen der Ähnlichkeiten zwischen Braun und dem Erzähler, die sie anfangs offenbar reizt, eine Wiederholung der Beziehungsprobleme, und als der Erzähler wieder zu trinken beginnt, reist sie ab und lässt ihn allein in der Hütte zurück. Teil 6: Reise mit Hélène zu Brauns Hütte in Norwegen. Teil 7: Schemenhafte Erinnerungen des Erzählers an seinen Besuch bei Braun.
Im Mittelpunkt des Romans steht das Doppelporträt des Erzählers und Brauns, ihre Beziehung zueinander und ihre Liebe zu Hélène.
Der Erzähler Zwei Jahre vor der Haupthandlung gerät das Leben des Erzählers in eine Krise (I, 1): Der erfolgreiche Berliner Verleger und Lektor wird alkoholabhängig und spielsüchtig, entfremdet sich von seiner Frau Eleni und seiner Tochter Noomi, hat eine Affäre mit einer Übersetzerin und macht ohne die Familie Urlaub in Mexiko. Anfang Januar fährt er, nachdem er die 13-jährige Noomi zum Flughafen gebracht hat (I, 2), betrunken an der Rudolf-Wissell-Brücke in eine Gartenkolonie (I, 3, 4) und überwintert, durch Alkohol ins Unbewusste und permanente Delirium untergetaucht, bis Anfang März bei der Tunnelklausen-Wirtin Roswitha (I, 5).
Nach seinem Zusammenbruch liefert man ihn in die Intensivstation Dr. Hilberts ein. Er wird dort entgiftet und macht eine fast ein Jahr dauernde Entzugskur. Fünf Monate nach seinem Verschwinden entdeckt Eleni ihn in der Suchtklinik (I, 7). Er trinkt nicht mehr, zieht sich von den Menschen seiner Berufszeit (Verlag, Schriftsteller usw.) zurück und verkauft nach dem Konkurs seiner Firma seine Anteile. Schreib- und Lesetherapien lehnt er ab und spaziert täglich durch den Zoologischen Garten, beobachtet die Tiere und denkt über das Leben und die Evolution und die Begrenztheit der Sprache zur Verständigung nach: „Beim Anblick von Tieren kann man […] wahrscheinlich ganze Jahrtausende zurückspringen […] vielleicht sogar bis zum sechsten Schöpfungstag.“Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 168.
Im Herbst trifft der Erzähler im Berliner Zoo einen anderen Aussteiger, den ehemaligen Wissenschaftler Braun, und befreundet sich mit ihm (III, 6). Mitte März, nach dem letzten Treffen, bevor sich Braun nach Norwegen zurückzieht, verlässt der Erzähler die Klinik (III, 1). Er bezieht eine Zweizimmerwohnung im 12. Stock eines Hochhauses gegenüber dem Zoo, arbeitet als Tierpfleger und schreibt für Dr. Weyls Zeitung Artikel über Tiere (I, 11). Er arbeitet an einem Buch „Der Schatten der Tiere“, gibt dieses Projekt jedoch wieder auf. Seinen 40. Geburtstag feiert er mit der Tierpflegerin Rosie de la Paz nachts im Zoo. Eleni hat sich inzwischen mit „Demmarcus“ befreundet, gibt aber die Hoffnung auf eine Resozialisierung ihres Mannes nicht auf und lädt ihn zu Partys mit seinen alten Kollegen und Freunden in ihr Haus ein (II, 11): „Du kannst nicht einfach weglaufen“. Aber er will nicht mehr in sein altes Leben zurückkehren.
Im November lädt ihn Braun zu einem Besuch nach Norwegen ein. Mit Artikeln für Dr. Weyl finanziert er seine Reise nach Kautokeino, lebt eine Woche in Brauns von seinem Großvater geerbten Holzhaus, kehrt mit den bolivianischem Tagebüchern des Mathematikers nach Berlin zurück und versucht, sich wieder in seinen Alltag einzufügen.
Hier beginnt die Haupthandlung: Die Spurensuche. Nach der Reise mit Hélène zu Brauns Beerdigung beschäftigen ihn die ungeklärten Umständen seines Todes, zumal er an seine Norwegenreise keine Erinnerungen hat. Er fährt zu Hélène nach Amsterdam, gerät in eine Kriminalgeschichte und reist gemeinsam mit Hélène zu Brauns Hütte in Norwegen.
Braun Hélène hat seit ihrer Bolivienreise ihren Mann nicht mehr gesehen und nur brieflich mit ihm kommuniziert. Aus ihren Schilderungen, den Tagebüchern und dem Bericht eines Paters in Königslutter kann der Erzähler einige Lebensetappen und -probleme rekonstruieren:
Brauns Kindheit ist durch gesundheitliche Probleme, Folgen einer vielleicht eingebildeten Herzschwäche und daraus resultierender Krankheitsangst, eingeschränkt. Auffällig sind seine Schneeaffinität und seine Zurückgezogenheit und Egozentrik. Den Verdacht auf eine leichte Form des Autismus, wie ihn seine Mutter andeutet, weist Hélène zurück: Die „Merkwürdigkeiten waren eher ein Symptom der Rekonstruktion seiner Persönlichkeit als eins der Deformation.“Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 26 ff. In Königslutter (III, 4) erinnert sich ein alter Pfarrer an das für Rechenoperationen hochbegabte Kind, das von seinem Vater Norbert, einem Schriftsteller, atheistisch erzogen, jedoch auf Wunsch der katholischen Mutter Kareen, die Hélène und der Erzähler am Wannsee besuchen, getauft wurde. Für Brauns Entwicklungsschwierigkeiten sei die Familiensituation, v. a. der Vater, verantwortlich und für seine Probleme als Forscher das den menschlichen Geist überfordernde Projekt.
1987 nimmt Braun an einem grenzübergreifenden Gauß-Kongress in Buckow teil und lernt die Pianistin Hélène, eine Berühmtheit des Rostocker Konservatoriums, bei einem Konzert im Rahmen des Abendprogramms kennen. Im November 1989 bleibt sie nach der Maueröffnung im Westteil der Stadt und wohnt bei ihm in seiner kleinen Wohnung. Er arbeitet am Institut für Grundlagenforschung der Physik in Potsdam. 1992 heiraten sie, wie Braun betont, „ohne uns für etwas zu entscheiden“.Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 149. Später wird er Professor für mathematische Logik, u. a. in Nizza, flieht wegen seines Ticks immer wieder aus den Unis in Schneegebiete und verliert schließlich seine Arbeitsstelle.
Hélène besucht ihn während seines Stipendiums an der Sternwarte bei La Paz in Bolivien, wo er Versuche zu Gödels Kosmostheorie macht. Sein Tagebuch aus dieser Zeit mit den Angaben über den Staudammbau ist wegen seines Alkoholismus für Hélène nicht glaubwürdig.
Einzelheiten über Brauns Forschung erfährt der Erzähler in Potsdam am „Geophysikalischen Institut“ (II, 9, 10). Dort findet man Karteikarten mit algebraischen Sonderzeichen, Bruchstücke von Beweisen für topologische Supersymmetrien, aber ohne Verknüpfung mit einem größeren Zusammenhang und ein Experte verspricht, weiter zu recherchieren. Später, auf seiner Norwegenreise mit Hélène, erhält der Erzähler die Nachricht, dass Braun seit 1999, und dann in Bolivien, am Problem der dunklen Materie „Stichwort WIMPS“ geforscht und den Bau eines Neutrinotanks für Szintillatorflüssigkeit geplant hat.Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 350 ff.
Danach steigt Braun aus der Wissenschaft aus, taucht immer wieder im Berliner Zoo auf und zieht sich anschließend nach Norwegen in die Einsamkeit zurück.
Der Königslutterer Pater spekuliert nach Brauns Tod über sein Scheitern: Logiker wie Braun seien leicht davon überzeugt, „dass selbst Gott berechenbar ist“ und würden sich einbilden, „dass sie, da sie Grenzen definieren, Grenzen auch bis ins Unendliche verschieben können. Brauns Welt konnte jede beliebige Größe annehmen, was nichts anderes besagt, als dass sie gar keine Welt gewesen ist.“ Er erinnert sich an die Vorliebe des Jungen für logische Schlussfolgerungen, deren Schwächen ihm „als Achillesferse der Weltordnung“ galten.Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 176 ff. Russell und Whitehead hätten für ihren Beweis, „dass zwei plus zwei vier ist, zweihundertneunundfünfzig […] Seiten ihrer Principia mathematica benötigt und Braun benötigte ein ganzes Leben, um herauszufinden, dass man mit einer Zahl 1 oder eins oder I nicht wirklich rechnen kann“. Der Pater vermutet, das habe ihn „so bockig werden lassen … denn als Lebensaufgabe [sei] das einfach zu viel … oder zu wenig“.Mathias Gatza: Der Schatten der Tiere. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2008, S. 179.
Suchreise Die Haupthandlung beginnt am Neujahrstag mit dem Besuch von Brauns Witwe, der Pianistin Hélène Grimaud. Wenige Tage zuvor hat er im Radio die Nachricht von Brauns Tod gehört. Seine Leiche sei mit zerfleischtem Gesicht in der Nähe seiner Hütte gefunden worden. Da der Erzähler der letzte bekannte Besucher des Toten war, ist seine seit 10 Jahren in Amsterdam lebende Frau an seinen Informationen über ihren Mann und dessen Tod interessiert, und da Braun in Briefen den Erzähler als einzigen Freund bezeichnete, bittet sie ihn, sie zur Beerdigung nach Stettin zu begleiten. Er erfüllt ihren Wunsch. In Stettin ermittelt die Polizei über Brauns Tod, auch ein Mord wird offenbar nicht ausgeschlossen, denn sein Gesicht sei erst nach dem schnell eingetretenen Tod zerbissen worden.
Hélène reist nach Amsterdam zurück. Fünf Monate später folgt ihr der Erzähler. Unterwegs besucht er Brauns Geburtsort Königslutter und gerät in eine gefährliche Situation, denn auch Kriminelle sind an dem Mathematiker und an Kontaktpersonen interessiert (III, 4). Brauns Taufpater ist für sie ein Geheimnisträger und wird, bevor er dem Erzähler eine Botschaft Brauns an ihn übergeben kann, im Dom, wie der Erzähler vermutet, ermordet oder durch einen Schuss verletzt. Der Erzähler flieht, fühlt sich observiert und wechselt unterwegs den Zug. In Amsterdam wird er von einem Detektiv beschattet und in Hélènes Wohnung von ihrem undurchsichtigen mafiösen „Paten“ Dr. Franken abgefangen. Dieser lässt ihn von seinen Dienstmännern unter Drogen setzen und über Braun verhören (V, 5). Franken war früher am CERN tätig, wirbt jetzt als Brainscout Talente von Instituten ab und verkauft sie zu Höchstpreisen. Er hat Braun Geld für seine Grundlagenforschung gegeben und sucht jetzt nach den Aufzeichnungen bei der von ihm finanziell abhängigen Hélène und ihren Bekannten (III, 4, 5).