Ä ist das erstmals 1997 im Haffmans Verlag erschienene „dritte Kolumnenbuch“ von Max Goldt, „die Fortsetzung von Die Kugeln in unseren Köpfen“.Max Goldt: Ä. Kolumnen. (=Heyne-Bücher, 1: Heyne allgemeine Reihe, Band 10642.) Heyne, München 1998. ISBN 3-453-13715-9. S. 7. Kurzbeschreibung Ä vereinigt 24 im Zeitraum Januar 1995Goldt, Ä, S. 11. bis Dezember 1996Goldt, Ä, S. 194. im Satiremagazin Titanic erschienene Kolumnen und „winzige Arabesken“ zu unterschiedlichen Themen. „Die Texte sind freilich für die Buchveröffentlichung ziemlich aufgemotzt worden, mancherlei von dem, was hier zu lesen vorliegt, stand in der Titanic gar nicht drin.“ Inhalte der einzelnen Texte Besser als Halme: Blutmagen, grob Die Kolumne beschäftigt sich unter anderem mit den Phänomenen der ungeschickten Ehrung und des eingeschränkten Lobes, beides eine „heikle Materie“, mit subtiler Beleidigung durch sprachliche Nuancen und mit der selbstzufrieden-feigen „Behauptung, es sei schlechterdings unmöglich, noch wesentlich Neues zu schaffen […]. Keine Kunst ist je zu Ende und getan. Auch die der Werbung nicht. Ich habe bemerkt, daß es im deutschen Fernsehen keine Werbung für Salz gibt.“Goldt, Ä, S. 12. Ein Schwerpunkt des Texte ist „alles Wesentliche, was man über das Fotografieren wissen muß“,Goldt, Ä, S. 19. beispielsweise die Uninteressantheit von Fotos, auf denen Menschen „einander zuprosten oder sich in den Armen liegen“, oder von Fotos, auf denen lediglich die „Erhabenheit des Pomps bombastischer Baulichkeiten“ festgehalten wird.Goldt, Ä, S. 17. „Man wisse aber, daß der Pomp in der Kameralinse verdorrt“ und man zusammen mit jenen Baulichkeiten irgendwelche Skurrilitäten festhalten möge, beispielsweise den Reisegefährten: „Wenn man keinen hat bzw. bereits 10000 Fotos besitzt, wo der drauf ist, dann sollte man versuchen, mit der Kamera fremde Leute zu erhaschen, Frauen mit komischen Frisuren oder Männer, die sich bücken, wodurch die sogenannte Klempnerfalte hervorguckt.“ Der aufblasbare Schrei meiner Altstadt „Eine verläßliche Quelle des Mißvergnügens ist es, in einer fremden Stadt unterwegs zu sein und jemanden nach dem Weg fragen zu müssen. […] Noch unangenehmer, als jemanden fragen zu müssen, ist es manchmal, selber um Auskunft angegangen zu werden“, meint der Ich-Erzähler in dieser KolumneGoldt, Ä, S. 20. und beschäftigt sich darin unter anderen mit Deutschlands „schicksten“ Altstädten (Bamberg und Görlitz),Goldt, Ä, S. 25. dem „pathetischen Gebälk“Goldt, Ä, S. 21. des Brandenburger Tors und der zwanghaften Großtuerei mancher Städte oder Staaten, die für ihn ein Zeichen „deprimierenden Ehrgeizes“ sind.Goldt, Ä, S. 24. Darüber hinaus geht es um die Frage, wie ein Salatesser sich vor ekelerregenden Kochschinken-Streifen als Salat-Topping schützen könne: „Manche Menschen haben noch nie eine Leiche gesehen bzw. gerochen. Kein Problem! Man muß nur in einen Supermarkt gehen und eine Plastikfolie mit eingeschweißtem gekochten Vorder- oder Hinterschinken kaufen und diese daheim öffnen.“Goldt, Ä, S. 22. Hamburger können keine Schleife „Fast jede Stadt unseres Landes hat etwas, wofür sie berühmt ist und worum sie beneidet wird“,Goldt, Ä, S. 28. behauptet diese Kolumne und beschäftigt sich mit diversen Städten und Gemeinden wie Hannover (ist „okay“,Goldt, Ä, S. 33. hat aber „die wohl superfieseste Hardcore-Fußgängerhölle des Landes“)Goldt, Ä, S. 31. oder Wolgast, das an Attraktionen arm war, bis nahebei „die größten Ameisenhaufen Deutschlands entdeckt wurden. Man ließ sie fotografieren, und nun hängen sie hübsch gerahmt im Rathaus.“Goldt, Ä, S. 29. Das Phänomen des „Lokalmasochismus“ sei also nicht berechtigt, obwohl man immer wieder an Leute gerate, die einem „ein Klagelied darüber singen, daß es gerade in ihrer Stadt besonders öde, geistig eng und altbacken zugehe.“Goldt, Ä, S. 30. Ä Dieser dem Kolumnen-Sammelband seinen Gesamttitel verleihende Text verdankt seinen eigenen Titel einem Blick in den Kalender: „Das Ä in Mariä Empfängnis macht echt Laune. Es ist ein veritables Fun-Ä. Viele Völker beneiden uns Deutsche und die Schweden und Norweger wegen unseres verbrieften Rechts, Pünktchen auf Buchstaben zu streuen.“Goldt, Ä, S. 39. Daneben beschäftigt sich der Text unter anderem mit Alltag-Sachverhalten, „die ich einfach nicht glauben mag“,Goldt, Ä, S. 38. der relativen Unsinnigkeit, geographisch weit entfernte Bekanntschaften zu pflegen („Warum lernen die Leute nicht einfach ihre Nachbarn kennen“),Goldt, Ä, S. 40. mehr oder minder erfolgreich individualisierten Monitorbegrüßungen in Hotelzimmern oder den Exzessen eines Hausfrauen-Tortenbodenkonflikts: „Manche Hausfrauen pflegten vor dem Auflegen des Eingekochten einen Zentimeter Vanillepudding auf den Tortenboden zu streichen, damit das Obst nicht durchsuppt. Andere unterließen dies. Die beiden Gruppierungen beargwöhnten einander und wechselten gegebenenfalls die Straßenseite.“Goldt, Ä, S. 41. Stinksvans tötet die Theaterstimmung Diese Kolumne beschäftigt sich unter anderem mit der Peinlichkeit, mit einem Großgebinde Klopapier gesehen zu werden und somit als „rückwärtiger Nimmersatt“ zu gelten,Goldt, Ä, S. 48. mit Benennungsfragen nicht-heteronormativer Gruppen, mit dem Thema Hitparade oder mit dem Versuch, „ein unauffälliges, langweiliges Fahrrad mit möglichst wenig Gängen“ zu kaufen,Goldt, Ä, S. 49. weil solch ein Fahrrad weniger wahrscheinlich geklaut werde, ein Ziel, das man vielleicht allerdings auch durch einen „Einkaufsbeutel mit herausragenden Lauchstangen“ erreichen könne, denn sowas „macht jedes Rad unsportlich und unattraktiv; Diebe halten sich die Hand vor Augen, zucken zurück. Niemand stiehlt gern so ein biederes Suppengrün-Fahrrad. Vielleicht ist Porree ein viel sicherer Schutz gegen Fahrraddiebstahl als das feudalste Schloß.“ Den Rahmen der Kolumne bilden die Firmen Ikea und Aldi: Sie endet mit Ikeas „von Irren gezeichneten Bauanleitungen“Goldt, Ä, S. 53. und beginnt mit Produktbenennungen bei Aldi und Ikea. „Wäre die Luft kein gottgewollter Gratis-Naturgascocktail, sondern ein Aldi-Produkt, dann hieße sie Aerosina, und wenn die Luft von Ikea hergestellt würde, dann wäre ihr Name wohl Stinksvans.“Goldt, Ä, S. 47. Auch Tote dürfen meine Füße filmen Der Ich-Erzähler startet zu einem New-York-Besuch, „um dem Ruf des Erbguts zu folgen, sprich: Jeans zu kaufen.“Goldt, Ä, S. 57. Vor der Landung im Jeans-Mekka hat der Herr aber einen Zwischenstopp gesetzt: „Wenn man ein konventionelles Ziel hat, kann man der Reise Würze verleihen, indem man sich mit einer komischen Fluglinie transportieren lässt. Daher wählte ich Icelandair“,Goldt, Ä, S. 54. was ein längeres Intermezzo am Flughafen Keflavík und ein Bad in der isländischen Blauen Lagune nach sich zieht. In New York haust der Ich-Erzähler in einer New Yorker Billig-Absteige, in deren Gängen ein „Dreigeruch aus Defäkation, Menstruation und Desinfektion“ wabert,Goldt, Ä, S. 56. geht unter anderem wie geplant dem Jeans-Erwerb nach und läuft viel herum: „Meine Füße sind Wunderwerke der Biologie. Sie verbinden entenartigen Fleiß mit der Belastbarkeit von uruguayanischen Arbeitsameisen.“Goldt, Ä, S. 58. Gepriesen wird daher das Fußbad, allein oder zu zweit, denn „vier Füße in einer Schüssel, wer diese Liebesouvertüre nie kennengelernt hat, sinkt unterinformiert ins Grab.“ Lockende Wucherungen, schäbige Irrtümer Diese Kolumne beschäftigt sich unter anderem mit Zungenbrechern, dem estnischen Doppel-Ö, Mehrfachstecker-Fotos, guten und bösen Plastiktüten (samt Orten, wo man sie in der heimischen Küche gut hinstopfen kann), Ursachen für Zungenverletzungen (Lecken an Messer oder Lecken an Briefumschlag-Gummierungen), der Vertracktheit eines gewöhnlichen Alliberts („einer der unbrisantesten, aber auch einer der schäbigsten Irrtümer unserer Zivilisation“),Goldt, Ä, S. 69. dem „Sichten von Frauensorgen guter Qualität“Goldt, Ä, S. 64. und schildert sieben seiner eigenen Männersorgen, darunter Sorge Nr. 3: „Die meisten Frauen sind ca. 15 cm kleiner als ich. Wenn sie bei Regen durch die Fußgängerzone marschieren, jagen sie mir immer die Schirmspeichen in die sieben Öffnungen meines Kopfes. Ich finde, das Schlimmste am Regen sind die Schirme anderer Leute. Sind das normale Empfindungen?“Goldt, Ä, S. 64–65. Finanztantenhappen in Freiheit heißen Hering Themen dieser Kolumne sind unter anderem die mögliche Inkongruenz von manchen Speisen und deren Benennung (beispielsweise der Fischkonserve „Senatorenhappen“) oder die „größte Wanzensammlung der Welt“Goldt, Ä, S. 76. im Naturwissenschaftlichen Museum Aschaffenburg. Geschildert wird ferner das eine oder andere „Rendezvous mit dem Staat“,Goldt, Ä, S. 71. vom Bargeld-Einzahlen beim Finanzamt über das Begehen von Kleindelikten vor Eintreten der Strafmündigkeit bis hin zum Schöffenamt, das der Ich-Erzähler 1985 bis 1988 ausübte, unter anderem zusammen mit einem „Punkweib, das kaum noch Zähne hatte. Eine Gerichtssekretärin erklärte mir, daß diese Frau halt unbescholten war und zuverlässiger als die meisten. Man stelle sich aber mal das Gesicht eines Menschen vor, der wegen einer kleinen Schlawinerei erstmals mit dem Gericht zu tun hat, und der Richter wird von zwei Hardcore-Dark-Wave-Fans in vollem Satanspriester-Ornat flankiert.“Goldt, Ä, S. 74. Viel Treppe, viel Kirche Ausgehend von der Frage einer Interviewerin, „was mir zu Jesus einfalle“,Goldt, Ä, S. 78. schildert der Ich-Erzähler als „unfreiwilliger Heide“Goldt, Ä, S. 80. sein „gutes, fast kumpelhaftes Verhältnis zur Religion“,Goldt, Ä, S. 82. an der er grundsätzlich interessiert ist (beispielsweise durch Kirchenbesuche), ohne zum Glauben zu kommen. „Fern liegt mir die Zeit, als ich mich zu dem öden Kreis zählen ließ, für den nur solche Transzendenzen legitim sind, die durch Alkohol und andere Rauschmittel hervorgerufen werden“. Von seiner Hamburger Mitwohnung aus kann der Ich-Erzähler acht Kirchtürme erblicken. „Ich glaube, ich könnte auch in den Genuß des Blicks auf zehn Kirchtürme gelangen, wenn ich mich noch weiter hinauslehne, doch ich bin geräuschempfindlich, besonders was das Geräusch des Aufpralls meines eigenen Körpers auf Asphalt angeht.“Goldt, Ä, S. 84. Die Leutchen und die Mädchen Diese Kolumne beschäftigt sich unter anderem mit der Nutzlosigkeit der Frage „Was wäre wenn…?“,Goldt, Ä, S. 85. mit Gratis-Zeitschriften, -Postkarten und -Kulturveranstaltungen, mit dem Thema Eleganz, mit der Frage, woran man deutsche Touristen in Paris erkennt, sowie mit „den lächerlichsten englischsprachigen Freizeitbekleidungsbeschriftungen […]. Warum läßt die Bevölkerung das mit sich machen? Dünkt es einen cool, beschriftet zu sein?“Goldt, Ä, S. 86. Thema ist darüber hinaus die Bevölkerungsgruppe der pubertierenden Mädchen (seltener: Jungs). „Manche wohnen ja im falschen Körper und wären gern ein Mädchen. Wenn ich mich jedoch im Spiegel sehe, denke ich: Das ist, traurig wie die Welt nun mal ist, genau der richtige Körper für mich.“Goldt, Ä, S. 91. Zur Herzverpflanzung fährt man nicht mit dem Bus In dieser Kolumne geht es unter anderem um den Vergleich von Äpfeln mit Birnen, die mangelnde Wahrscheinlichkeit, auf einen idealen Apfel zu treffen sowie die „ideale Birne“ als bislang noch nie eingetroffener Genuss,Goldt, Ä, S. 93. um zwei Dessert-Ideen mit Ovomaltine, um eine in den 1980ern kurzzeitig modische Psycho-Tank-Welle (zweistündiges Abliegen in einer völlig verdunkelten Salzlake), überflüssige In- und Out-Listen, die Individual-Fliegerei als „eine der letzten Bastionen des Herrenmenschen kolonialer Prägung“Goldt, Ä, S. 100. und die Folgen der Wehrpflicht auf die Gemütslage unbescholtener männlicher Jugendlicher: „Fährt man freitags Zug, drängt sich der Eindruck auf, der Wehrdienst verzaubere nette junge Männer in Gase und Gebrüll ausscheidende Monster, doch dieser Eindruck ist fehlerhaft.“Goldt, Ä, S. 94. „32/32“