Las Poquianchis war der Spitzname für die vier mexikanischen Schwestern María Delfina González Valenzuela, María de Jesús („Manuela“) González Valenzuela, María Luisa González Valenzuela und María del Carmen González Valenzuela. Sie betrieben ab den 1940er-Jahren in den Bundesstaaten Guanajuato und Jalisco ein Netz aus Bars und Bordellen, in denen angeworbene, teils minderjährige Frauen systematisch zur Prostitution gezwungen, misshandelt und – sofern sie als „unbrauchbar“ galten – getötet wurden. Anfang Januar 1964 befreite die Polizei auf der Ranch San Ángel bei San Francisco del Rincón 18 schwer gezeichnete Frauen; in der Folge wurden zahlreiche Leichen und sterbliche Überreste entdeckt. 1964 verurteilte ein Gericht die Haupttäterinnen zu jeweils 40 Jahren Haft.

Hintergrund Die Schwestern wuchsen in einfachen Verhältnissen auf; der Vater arbeitete zeitweise bei der Polizei. Ab den späten 1930er-/frühen 1940er-Jahren eröffneten sie zunächst Bars und Cabarets, später Bordelle in San Francisco del Rincón (Guanajuato) und in León. Kundschaft kam auch aus Behörden und dem Sicherheitsapparat, was die jahrelange Straflosigkeit beförderte. Ihre Organisation rekrutierte junge Frauen häufig mit falschen Versprechen (z. B. Hausangestelltenstellen), entzog ihnen Identität und Einkommen und unterwarf sie rigider Kontrolle und Gewalt. Schwangerschaften wurden sanktioniert; Abtreibungen und das Verschwinden von Neugeborenen sind dokumentiert.

Taten Zeitzeugenberichte und Ermittlungsakten zeichnen das Bild eines Systems aus Zwangsprostitution, Folter und gezielter Aushungerung. Die Mädchen wurden in Gefangenschaft gehalten, viele sahen nie Tageslicht, wurden vergewaltigt und geschlagen. Jungfrauen wurden für Freier mit hoher Zahlungsbereitschaft zurückgehalten, die Betroffenen sahen für ihre Dienste kein Geld. Frauen, die wegen Krankheit, Verletzungen oder Alter als „unbrauchbar“ galten, wurden separiert und vielfach getötet. Leichname wurden auf Liegenschaften der Täterinnen verscharrt oder verbrannt. Die gesicherten Opferzahlen variieren je nach Quelle, belegt ist eine Vielzahl vorsätzlicher Tötungsdelikte über Jahre. Schwangerschaften wurden nicht geduldet. Wurden die Mädchen schwanger, zwangen die Schwestern sie zur Abtreibung, die Föten wurden auf dem Anwesen Rancho El Ángel, dem Hauptbordell, verscharrt. Wer krank wurde, sich dem Sex verweigerte oder sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen hatte, wurde ermordet und neben den Föten begraben. Die Tötungen erfolgten mit besonderer Kaltblütigkeit, etwa durch Einsperren bis zum Hungertod oder indem andere Mädchen gezwungen wurden, die Betroffenen mit Stöcken zu Tode zu prügeln. Selbst Freier waren nicht sicher. Wer mit viel Bargeld erschien, erlebte den nächsten Morgen oft nicht.

Aufdeckung, Ermittlungen und Prozess Zwischen dem 5. und 13. Januar 1964 verlegten die Täterinnen einen Teil der gefangengehaltenen Frauen auf die Ranch San Ángel bei San Francisco del Rincón. Dort befreite die Polizei am 9. Januar 1964 insgesamt 18 Frauen in schwerem Zustand und stellte weitere Beweise sicher. In den folgenden Monaten vernahm die Staatsanwaltschaft Dutzende Zeuginnen; am 15. Oktober 1964 sprach ein Gericht in San Francisco del Rincón umfangreiche Schuldsprüche gegen die beiden Hauptschuldigen (u. a. wegen mehrfachen Mordes, Entführung, Vergewaltigung, Zuhälterei, Körperverletzung und heimlicher Beisetzung) und weitere Beteiligte aus; die Haupttäterinnen erhielten je 40 Jahre Haft. Politische Hintermänner blieben weitgehend unbehelligt, obwohl Akten eine behördliche Mitverantwortung nahelegen.

Opferzahlen und Bewertung Die exakte Opferzahl ist ungeklärt. Zeitgenössische und spätere Darstellungen nennen Zahlen von mindestens zwei Dutzend bis deutlich über 90 getöteten Personen; die Spannbreite erklärt sich u. a. aus unvollständigen Akten, verdeckten Beisetzungen sowie Sensationalismus damaliger Berichterstattung. Im Jahr 2002 stießen Bauarbeiter in der Nähe des Ranch San Ángel auf rund 20 Skelette. Nach Einschätzung der Ermittler wurden die sterblichen Überreste dort vermutlich Mitte des 20. Jahrhunderts verscharrt. Somit könnte die Opferzahl bei 110 liegen.

Rezeption Der Fall gilt als einer der berüchtigtsten Kriminalfälle Mexikos. In der Kultur fand er u. a. Eingang in: den Film Las Poquianchis (1976) von Felipe Cazals; den Roman Las muertas (dt. Die toten Frauen) von Jorge Ibargüengoitia (1977; dt. Suhrkamp 1990); aktuelle Adaptionen, u. a. die 2025 erschienene Netflix-Miniserie Die toten Frauen, die die Ereignisse fiktionalisiert aufgreift.

Siehe auch Gewalt gegen Frauen

Literatur Jorge Ibargüengoitia: Die toten Frauen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1990, ISBN 978-3-518-22059-7.

Einzelnachweise

Kategorie:Serienmörder (Mexiko) Kategorie:Kriminalfall 1964 Kategorie:Prostitution Kategorie:Gewalt gegen Frauen Kategorie:Geschwister