mini|300px|rechts|Neudörffers Adelswappen 13. August 1607 Anton Neudörffer (von Neudegg) (* 5. März 1571 in Nürnberg; † 28. April 1628 in Regensburg) war ein deutscher Schreib- und Rechenmeister.
Leben und Werk Neudörffers Eltern waren der Nürnberger Schreib- und Rechenmeister Johann Neudörffer der Jüngere (* 22. Februar 1543 in Nürnberg; † 1. November 1581 in Nürnberg) und dessen erste Ehefrau Susanna Widemann (* in Augsburg als Tochter von Caspar und Anna Widemann; † 12. März 1581 in Nürnberg). Seine Großeltern väterlicherseits waren der Nürnberger Schreib- und Rechenmeister Johann Neudörffer der Ältere und dessen zweite Ehefrau Katharina Nathan.Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 110–111, 113–115, 121−122, 180–191. Anton Neudörffers älterer Bruder war der Nürnberger Stadtphysikus Johann III Neudörffer (* 18. August 1567 in Nürnberg; † 27. Oktober 1639 in Nürnberg).Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 119–120, 192−196. Ein Neffe von Anton Neudörffer war der Korporal Johann IV Neudörffer (* 30. August 1600; † 25. Mai 1639), der älteste Sohn von Johann III Neudörffer.Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 124.
Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau heiratete Anton Neudörffers Vater am 26. Juli 1581 ein zweites Mal, nämlich Justina Hentz (* 28. Februar 1556 in Nürnberg; † 18. Mai 1615 in Nürnberg). Kurz darauf starb er selbst. Seine Witwe verehelichte sich am 21. Januar 1583 in Nürnberg mit Konrad Schiller.Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 113–115.
Anton Neudörffer hatte seinen Großvater nicht mehr gekannt. Er bekam seine Ausbildung zunächst von seinem Vater. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er bei seinen Stiefeltern auf und wurde vom Nürnberger Rechenmeister Adam Strobel († 2. November 1604),Biographie von Adam Strobel in der Datenbank der Nürnberger Rechenmeister der Astronomischen Gesellschaft in der Metropolregion Nürnberg e.V. einem Schüler seines Großvaters, weiter unterrichtet. 1591 ging er nach Köln, um beim Lautenspieler Adrian DenssNiederländische Wikipedia und Haller: Wer war „Adrian Dennsten“?. 2018. Französisch zu lernen, und nach Antwerpen, um die Aritmétique von Valentin MennherVgl. den ausführlicheren Artikel in der französischen Wikipedia. ins Deutsche zu übersetzen. Nach einer Italienreise ließ er sich in Nürnberg als Schreib- und Rechenmeister nieder.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 10.
Neudörffer heiratete am 18. April 1597 Anna Elisabeth Glöckner, Tochter des Doktors beider Rechte Heinrich Glöckner aus Speyer. Zeitnah wird er seine Schreib- und Rechenschule in Nürnberg eröffnet haben. Jetzt wurde er auch als Autor produktiv:Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 16–19, 45–54; Haller: Ein weiteres Exemplar von Anton Neudörffers „Practic“, ihm beigebunden Gebete aus seiner Rechenschule. 2008. 1598 Schreibmeisterbuch in brillanten Farben auf Pergament 1599 Künstliche vnd Ordentliche Anweyßung der gantzen Practic 1600 Verzeichnuß etlicher Teutschen vnd Lateinischen Gebetlein 1601 dem Rat der Stadt Nürnberg gewidmete Schreibkunst in zwei Teilen.
1601 veröffentlichte der St. Galler Esaias Weber (* 3. Januar 1566; † 20. November 1610) mit seiner Arithmetica ein weitreichendes Plagiat von Neudörffers Practic (1599), allerdings mit selbst verfassten Lösungswegen zu den Aufgaben.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 34; Haller: Die Editionen von Anton Neudörffers „Practic“ und Esajas Webers Raubzug. 2005; Haller: Anton Neudörffer und Esajas Weber. 2006.
1603/1604 steuerte Neudörffer die Aufgabe CXIV (Lösung mit kubischer Gleichung) zu Johannes Faulhabers Arithmetischem Cubicossischem Lustgarten bei.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 55.
Am 13. August 1607 erhob ihn Kaiser Rudolf II. in den rittermäßigen Reichsadelsstand mit dem Prädikat ‘’von Neudegg’’ (das keinem speziellen Ort zugeordnet werden kann). Die seinem Großvater verliehenen Privilegien (Freiheiten) samt dem Hofpfalzgrafenamt (comes palatinus) wurden auf ihn ausgedehnt. Dessen 1543 erteiltes und am 19. Juni 1555 gebessertes Wappen wurde durch einen Spangenhelm weiter gebessert.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 11–13, 25–26.
Am 5. April 1609 gab Neudörffer das Nürnberger Bürgerrecht auf und zog mit seiner Frau nach Regensburg. Gründe für diese Entscheidung sind nicht bekannt.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 27. In Regensburg trat er nicht mit einer Rechenschule in Erscheinung, sondern lebte offenbar von seinem Vermögen und der Kreditvergabe.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 29, 45.
1616 brachte Neudörffer sein Rechenbuch Practic in erweiterter Form mit dem neuen Titel Arithmetic heraus (s. u. ‚Details‘).
Am 1. Mai 1620 wurde ihm und seinem Bruder Johann III der Reichsadelsstand zusammen mit einer weiteren Wappenbesserung (Vierung) verliehen. Das Prädikat von Neudegg und die Hofpfalzgrafenwürde wurden auf Johann III ausgedehnt.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 31.
Am 16. Mai 1616 wurde Neudörffers erste Ehefrau Anna Elisabeth in Regensburg bestattet. Acht Jahre später ging er seine zweite Ehe ein: am 26. April 1624 mit der Lebküchnerstochter Margareta Aufhamer (* 1. März 1598).Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 38–39. Am 26. April 1628 kam die Tochter Susanna Catharina auf die Welt, die schon am 17. August 1634 zu Grabe getragen wurde.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 43, 45. Kurz nach der Geburt seiner Tochter starb Neudörffer in Regensburg und wurde am 28. April 1628 bestattet.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 43. Seine Witwe Margareta verheiratete sich am 2. März 1630 mit dem Regensburger Ratsherrn Georg Dimpfel.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 45; Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 121–122, 199.
Details zu Neudörffers Rechenbüchern
Die Künstliche vnd Ordentliche Anweyßung der gantzen Practic besteht aus 12 Kapiteln („Buechlein“) und enthält damals gängige Themen: Mengen, Preise, Bruchrechnung, Dreisatz („Regula de tri“), Warenrechnung („Haushaltung“), Währungen („Wechsel“), Mengen (Maß-, Gewichts- und Gebinde-Einheiten: „Hantierung“), Umgekehrter Dreisatz („Regula conversa“), Fünfsatz („Regula quinque“), Gewinn und Verlust, Warentransport, Zins („Wucher“), Warentausch („Stich“), Kaufmannsgesellschaften, Faktoreien, Edelmetalle, Münzlegierungen. Neudörffer verwendete keine mathematischen Symbole (Operatoren) und keine Gleichungen mit einer Unbekannten, also keine Algebra.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 50–55, und sehr detailliert in Haller: Anton Neudörffers „Practic“ von 1599. 2002. Die Aufgabensammlung ist umfangreich; bei jeder Aufgabe ist aber nur das Ergebnis ohne Lösungsweg angegeben. Deshalb ist das Rechenbuch nicht zum Selbststudium geeignet, sondern setzt den kostenpflichtigen Unterricht bei einem Rechenmeister voraus.
1616 erweiterte Neudörffer sein Rechenbuch unter dem neuen Titel Arithmetica um zwei Kapitel: die „Schwarze MünzeVgl. Schwarzpfennig. in Bayern und Schwaben“ und die „Regel helcataim oder positionum in 199 Exempeln“.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 33, 56–58.
In der Editio quarta von 1627 erschien erstmals ein „Appendix“ („Fragmenta“) mit 86 Aufgaben aus Neudörffers geplanter, aber nie gedruckter Grosser Arithmetic.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 35, 59–60, 70–73 . In der postumen Editio quinta von 1634 kamen von der Hand des Verlegers nochmals 22 „Zugab-Exempel“ („Recreationis exempla“) daraus hinzu.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 63–64. Eine wertvolle, sonst nirgends dokumentierte Sammlung von weiteren 285 gelösten Aufgaben aus der Grossen Arithmetic überlieferte der Regensburger Rechenmeister Georg Wendler (er musste auf irgendeine Weise Zugang zu einem Manuskript bekommen haben) in seiner Handschrift Analysis vel Resolutio.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 70–73. Er löste dort auch alle Aufgaben aus den Abschnitten „Helcataim“, „Appendix“ und „Zugab-Exempel“ des gedruckten Rechenbuchs.Überblick in Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 1, S. 265. Der auf diese Weise überlieferte Bestand der Grossen Arithmetic bildet eine Fundgrube mit teilweise sehr originellen und anspruchsvollen Aufgaben.Ediert in Haller, Holl: Anton Neudörffer. 2020, Bd. 2.
Neudörffer stellte am Ende von drei Ausgaben seines Rechenbuchs ein WortrechnungsrätselBei diesem damals sehr beliebten Aufgabentyp sind – auf beliebig komplexe Art – Zahlen zu bestimmen, die Buchstaben codieren, aus denen sich ein Lösungswort oder -satz ergibt. ohne Lösung: 1599Lösung „Deus adiutor meus“ in Kurtz: Resolutio. 1604, fol. g ii r – g iii v, und in Haller: Anton Neudörffers Rätsel. 2008., 1616Lösung „Bona dei honoranda“ in Redlich: Aufflösung. 1656, S. 27–34; auf Redlich aufbauend in Wendler: Analysis vel Resolutio, fol. 73r–75r, und in Haller: Anton Neudörffers Rätsel. 2008., 1627Lösung „Laurentius“ in Wendler: Analysis vel Resolutio, fol. 111v–113r, und in Haller, Holl: Zwei Rätsel. 2017.. Ein viertes, kleineres Rätsel aus der Grossen Arithmetic ist nur von Georg Wendler handschriftlich überliefert.Lösung „Strasburg“ in Wendler: Analysis vel Resolutio, fol. 127r, und in Haller, Holl: Zwei Rätsel. 2017.
Postume Veröffentlichungen Anton Neudörffers zweiteilige Schreibkunst wurde 1631 von seinem Neffen Johann IV Neudörffer mit einem zusätzlichen Appendix erneut herausgegeben.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 61–62.
1666 und 1695 veröffentlichte der Basler Jacob Meyer (* 21. August 1614; † 21. Juni 1678) Teile von Neudörffers Rechenbuch unter dem Titel Arithmetica practica mit Angabe von eigenen Lösungswegen.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 66–69.
Werke
Schreibkunst
Schreibmeisterbuch. Nürnberg 1598. Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 9635 (Online). Unter dem Titel Prachtvolles Schreibmeister-Manuskript auf Pergament von Anton Neudörffer, komplett, 1598 datiert und mit einer Fülle figürlichen Dekors bereichert in: Eberhard König, Heribert Tenschert (Hg.): Leuchtendes Mittelalter. VI. 44 Manuskripte vom 14. bis zum frühen 17. Jahrhundert aus Frankreich, Flandern, England, Spanien, den Niederlanden, Italien und Deutschland. Katalog XXXI. Heribert Tenschert, Rotthalmünster: 1993/1994, S. 310–319. Schreibkunst Das erste Theil. Jnn Welchem die künstliche Außtheilung des gantzen Kils Temperierung vnd Proportionierung desselben auch wie man die Feder recht fassen sol. Nachmals der Grund des zierlichen Teutschen Schreibenß vfs klerlichst angezeigt vnd angewisen das ein anfangender gar leichtlich daraus schreiben lernen kan. Mit angehengten 29. newen schönen Versal Alphabethen der gleichen niemals gsehen worden. Paul Kaufmann, Nürnberg: 1601 (Online) (das Werk ist eine korrigierte und vermehrte Version des Gesprechbuchleins von Antons Großvater Johann Neudörffer dem ÄlterenHaller: Anton Neudörffer. 2020, S. 49.); neu hg. von Anton Neudörffers Neffen, Johann IV Neudörffer, gedruckt von Simon Halbmayer, Nürnberg 1631.Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 61–62. Das ander Theil, der Schreibkunst. Begreifft in sich Neun vnd zwaintzig schöne Teutsche Versal Alphabet allerley manier, die einer Seins gefallens, sowol die Lateinischen neben den beigefüegten zierungen gebrauchen kann. Selbstverlag, Nürnberg 1601; neu hg. von Johann IV Neudörffer, gedruckt von Simon Halbmayer, Nürnberg 1631; zusätzlich ein Appendix hg. von Johann IV Neudörffer, gedruckt von Johann Pfann, Nürnberg 1631 (Online).Haller: Anton Neudörffer. 2020, S. 61–62. Verzeichnuß etlicher Teutschen vnd Lateinischen Gebetlein/ so zu sonderlichen Zeiten vnd Stunden deß Tags/ in Scola Neudorfferiana, von der Jugend gesprochen werden. Paul Kauffmann, Nürnberg 1599.
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