Mojmir I. (auch Moimir, Moymir;slowakisch und tschechisch: Mojmír I., in zeitgenössischen Quellen lateinisch: Moimarus, Moymarus. † wahrscheinlich August 846) war von spätestens um 830 bis 846 der erste historisch belegte Herrscher der Mährer (dux Maravorum) und Namensgeber der mährischen Mojmiriden-Dynastie.
Über Mojmirs Herkunft und Herrschaftsführung ist nichts bekannt, jedoch wird ihm von Historikern die spätestens um 833 erfolgte Vereinigung der mährischen Slawen in einem gemeinsamen Mährerreich zugeschrieben. Die Fragen nach der Annahme des Christentums durch Mojmir und seiner Rolle bei der Christianisierung Mährens sind Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Historiker, die Mojmir als christlichen Herrscher betrachten, führen die von einer späten Quelle überlieferte Taufe „aller Mährer“ durch den Passauer Bischof Reginhar im Jahr 831 auf sein Wirken zurück. Im Jahr 846 wurde er vom ostfränkischen König Ludwig dem Deutschen durch seinen Neffen Rastislav ersetzt.
Herkunft Zuverlässige Belege über Mojmirs Herkunft gibt es nicht.Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. München 1997, S. 35. Nach ihm ist die mährische Dynastie der Mojmiriden benannt, obwohl er möglicherweise nicht deren erster Herrscher war. Laut einer von Tomáš Pešina z Čechorodu (1629–1680) mitgeteilten späten Überlieferung stammen die Mojmiriden direkt vom frühen Slawenherrscher Samo (623–658) ab. Pešinas Aufzeichnungen zufolge war Mojmir I. der Sohn eines gleichnamigen mährischen Fürsten „Mojmir“, der angeblich vom Passauer Bischof Urolf zwischen 804 und 806 getauft wurde und von 811 bis 820 über die Mährer geherrscht haben soll. Dieser historisch unbelegte Mojmir soll drei Söhne gehabt haben: Ljudevit, Boso und Mojmir I. (in der Tradition als Mojmir II. angeführt), der sein Nachfolger wurde. Die Regierungszeit Mojmirs I. dauerte dann laut der Überlieferung von 820 bis 842.Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, Brünn 2013, S. 89–90; Lubomír E. Havlík: Svatopluk Veliký, král Moravanů a Slovanů. Brünn 1994, S. 63; Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. München 1997, S. 35.
Einer anderen Theorie zufolge war Vojnomir – ein slawischer Markgraf des 8. Jahrhunderts, der in den Diensten von Erich von Friaul stand – ein Vorgänger Mojmirs.Sommer et al.: Great Moravia. In: christianization.hist.cam.ac.uk, abgerufen am 20. Dezember 2015, 15:23. Der Name Mojmir (geschrieben auch Moimar, Moymar) deutet laut manchen Forschern auf eine alanische Herkunft der Dynastie bzw. der Mährer überhaupt hin. Solche Hypothesen gibt es jedoch auch in Bezug auf Anten, Russen, Kroaten und Serben.Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, Brünn 2013, S. 103.
Fürst der Mährer Machtpolitik mini|Ungefähre Grenzen Mährens unter Fürst Mojmir I.
Mojmir I. setzte sich in den 820er Jahren oder spätestens um 830 als MachthaberDie altslawischen Quellen verwenden für mojmiridische Herrscher einheitlich den Titel „кнѧзь“ bzw. „княз“ (Knes), der auch mit der arabischen Umschreibung „k.náz“ überliefert ist. Griechische Quellen übersetzen den Knesen-Titel der Mojmiriden einheitlich mit „ἄρχων“ (Archon), während die Titulatur in den lateinischen Quellen uneinheitlich ist. Es dominieren die Titel „dux“ und „rex“, seltener „regulus“, „princeps“ und als Einzelfall „comes“. Inwiefern der altslawische Knesen-Titel den modernen Titeln Fürst, Herzog oder König zugeordnet werden kann, ist unter Historikern umstritten, tendenziell wird aber die Bezeichnung „Fürst“ bevorzugt. Im vorstaatlichen Zeitraum hatten die westslawischen Stämme nicht nur einen Knesen, sondern mehrere. Im Gegensatz dazu gab es in Mähren seit Mojmir I. immer nur noch einen einzigen Knes. Vgl. dazu František Graus: Dux-rex Moraviae. In: Sborník prací Filozofické Fakulty Brnenské Univerzity C. 1960, S. 181–190; Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, Brünn 2013, S. 111–112, 132–133, 368; Miroslav Lysý: Titul mojmírovských panovníkov. In: Historia et theoria iuris. 2013, S. 24–33; Sommer et al: Great Moravia. von Mähren durch.Zum Herrschaftsantritt Mojmirs in den 820ern vgl. Alexis P. Vlasto: The Entry of the Slavs into Christendom. An Introduction of the Mediaval History of the Slavs. London/New York 1970, S. 20; Richard A. Fletcher: The Barbarian Conversion: From Paganism to Christianity. New York 1998, S. 336. Zum Antrittsjahr 830 vgl. Herwig Wolfram: Grenzen und Räume. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1995, S. 248, 315; Eric J. Goldberg: Struggle for Empire: Kingship and Conflict under Louis the German, 817–876. Ithaca 2006, S. 138. Die Anfänge der mährischen Reichsbildung bleiben völlig unklar, jedoch fällt auf, dass – im Gegensatz zu Böhmen und Polen – in Mähren im 9. Jahrhundert die alten Stämme bereits verschwunden waren. Somit muss die Zentralisierung hier früher eingesetzt haben als in den benachbarten Ländern.Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2., überarbeitete Auflage, Berlin / New York 2008, S. 68; František Graus: Die Nationenbildung der Westslawen im Mittelalter (= Nationes. Historische und philologische Untersuchungen zur Entstehung der europäischen Nationen im Mittelalter. Band 3). Sigmaringen 1980, S. 43.
Die Mährer selbst werden in den schriftlichen Quellen erstmals 822 erwähnt. Im Bericht der Annales regni Francorum zu diesem Jahr sind sie unter den slawischen Völkern aufgelistet, die dem fränkischen Kaiser Ludwig dem Frommen Tribute brachten.Eric J. Goldberg: Ludwig der Deutsche und Mähren. Eine Studie zu karolingischen Grenzkriegen im Osten. In: Wilfried Hartmann (Hrsg.): Ludwig der Deutsche und seine Zeit. Darmstadt 2004, S. 67–94, hier: S. 74. Möglicherweise wurden ihre Gesandten jedoch schon 811 in Aachen und 815 in Paderborn von den karolingischen Kaisern empfangen.Paul M. Barford: The Early Slavs. Ithaca/New York 2001, S. 109. Da die Mährer und ihr Gebiet 817 noch nicht als Bestandteil des bayerischen Königreiches Ludwigs des Deutschen erwähnt werden, erkannten sie vermutlich erst zwischen 817 und 822 die Tributpflicht gegenüber dem Frankenreich an.Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Vstup Čechů do dějin (530–935). 2. Auflage, Prag 2008, S. 270. Fortan sahen die Franken Mähren als ein von ihrem Reich abhängiges Tributärfürstentum an. Allerdings respektierte die fränkische Politik die Macht des östlichen Nachbarn, dessen Herrschaftsgebiet als „Reich der Maraven“ (regnum Maravorum) bezeichnet wurde.Herwig Wolfram: Grenzen und Räume. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1995, S. 315; zu den unterschiedlichen lateinischen Schreibvarianten des mährischen regnum vgl. Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, JOTA, Brünn 2013, S. 354–355.
Die das Land durchziehenden Fernhandelsstraßen und der mit dem Fernhandel einhergehende Wohlstand begünstigten die rasche Machtausweitung des mährischen Fürsten.Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. München 1997, S. 35. Archäologische und schriftliche Quellen belegen, dass der mährische Adel einen beträchtlichen Wohlstand genoss und einen aristokratischen Lebensstil pflegte, der dem der Franken nicht unähnlich war.Eric J. Goldberg: Ludwig der Deutsche und Mähren. Eine Studie zu karolingischen Grenzkriegen im Osten. In: Wilfried Hartmann (Hrsg.): Ludwig der Deutsche und seine Zeit. Darmstadt 2004, S. 67–94, hier: S. 77.
Um das Jahr 833Die Datierung ist unter den Historikern umstritten. Lubomír E. Havlík und Dušan Třeštík geben 832 bis 833 an (Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. o. O. 2013, S. 101f.; Dušan Třeštík: Vznik Velké Moravy. Moravané, Čechové a střední Evropa v letech 791–871. 2. Auflage, Prag 2010, S. 126ff.), Paul M. Barford, Wilfried Harmann, Herwig Wolfram und Ján Steinhübel das Jahr 833 (Paul M. Barford: The Early Slavs. Ithaca/New York 2001, S. 218; Wilfried Harmann: Ludwig der Deutsche. Darmstadt 2002, S. 113; Herwig Wolfram: Grenzen und Räume. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1995, S. 248; Ján Steinhübel: Die Kirchenorganisation in Neutra um die Jahrtausendwende. In: Bohemia 40, 1999, S. 69.) und Sebastian Brather und Jörg K. Hoensch den Zeitraum zwischen 833 und 836 (Sebastian Brather: Archäologia der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa. 2., überarbeitete Auflage, Berlin / New York 2008, S. 68; Jörg K. Hoensch: Geschichte Böhmens. Von der slavischen Landnahme bis zur Gegenwart. 3., aktualisierte und ergänzte Auflage. München 1997, S. 35). verbannte Mojmir I. den rivalisierenden Machthaber Pribina aus Mähren. Dieser hatte zuvor in der Stadt Nitra („Nitrava“) eine Kirche gebaut und durch den Salzburger Erzbischof Adalram weihen lassen.Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, Brünn 2013, S. 90–91, 101–103; Dušan Třeštík: Vznik Velké Moravy. Moravané, Čechové a střední Evropa v letech 791–871. 2. Auflage, Prag 2010, S. 126. Dies stand im Zusammenhang mit dem Anspruch Salzburgs auf dieses Territorium als Missionsgebiet.Alexis P. Vlasto: The Entry of the Slavs into Christendom. An Introduction of the Mediaval History of the Slavs. London/New York 1970, S. 24. Die genaue Stellung von Pribina ist unter Historikern umstritten. So bezeichnen ihn manche als Herrscher eines eigenständigen Fürstentums Nitra,Paul M. Barford: The Early Slavs. Ithaca/New York 2001, S. 218; Dušan Kováč: Dejiny Slovenska. Prag 2000, S. 25; Ján Steinhübel: The Duchy of Nitra. In: Mikuláš Teich, Dušan Kováč, Martin D. Brown: Slovakia in History. New York 2011, S. 16. während andere ihn für einen mährischen Statthalter Mojmirs I. und möglicherweise ein Mitglied der Mojmiriden-Dynastie halten.Lubomír E. Havlík: Kronika o Velké Moravě. 3. Auflage, Brünn 2013, S. 103; Dušan Třeštík: Vznik Velké Moravy. Moravané, Čechové a střední Evropa v letech 791–871. 2. Auflage, Prag 2010, S. 132–135; Alexis P. Vlasto: The Entry of the Slavs into Christendom. An Introduction of the Mediaval History of the Slavs. London/New York 1970, S. 20. Falls Pribina der Fürst eines eigenen politischen Gebildes mit Zentrum in Nitra war, ist spätestens mit seiner Verbannung und der Vereinigung beider Fürstentümer unter Mojmirs Herrschaft das Mährerreich („Großmähren“) entstanden. Pribina ließ sich nach seiner Verbannung in Traismauer taufen und erhielt später von Ludwig dem Deutschen ein eigenes Fürstentum in Unterpannonien zugeteilt, welches als Bollwerk gegen die Mährer und Bulgaren dienen sollte.Eric J. Goldberg: Ludwig der Deutsche und Mähren. Eine Studie zu karolingischen Grenzkriegen im Osten. In: Wilfried Hartmann (Hrsg.): Ludwig der Deutsche und seine Zeit. Darmstadt 2004, S. 67–94, hier: S. 77; Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Vstup Čechů do dějin (530–935). 2. Auflage, Prag 2008, S. 271.