Pietro II. Candiano, in den zeitlich nächsten Quellen Petrus (* 872; † 939), gilt nach der traditionellen, das heißt von der Republik Venedig gesteuerten Geschichtsschreibung, als 19. Doge. Er herrschte von 931 oder 932 bis 939. Sein Vater Petrus I. war 887 ebenfalls Doge, genauso wie sein gleichnamiger Sohn und sein Enkel (942–959, bzw. 959–976). Die Candiano neigten insgesamt zu einer aggressiveren Außenpolitik, beginnend mit Istrien sowie Comacchio am Unterlauf des Po.
Möglicherweise zwang Petrus seinen Vorgänger Ursus II. Particiaco zum Rücktritt. Petrus II. begann einen erneuten Versuch venezianischer Expansionspolitik auf dem Festland, nachdem dies bereits unter Johannes II. Particiaco (881–887) versucht worden war. Zu einem unbekannten Zeitpunkt brannte Venedig seine Nachbarstadt und Rivalin Comacchio nach einem unbedeutenden diplomatischen Zwischenfall zum zweiten Mal nieder, nachdem dies bereits 883 geschehen war. Langfristig wirksamer war jedoch die Expansion nach Osten, denn Venedig begann damit, auf Istrien eine Reihe von Städten in seine Abhängigkeit zu bringen. Die Particiaco, die später mit den Badoer gleichgesetzt wurden, herrschten nicht ohne Unterbrechung. Der Sohn des Dogen, Petrus III., wurde erst 942 Doge, nachdem der Sohn seines Vorgängers Ursus, Pietro Badoer (Petrus Badovarius), drei Jahre lang dieses Amt ausgefüllt hatte.
Herrschaft mini|Italien und der Adriaraum um 1000
Petrus Candianus oder Pietro Candiano war der Sohn des Dogen Petrus I., der am 18. September 887 nach nur wenigen Monaten der Herrschaft gegen die Slawen an der Narenta ums Leben gekommen war.Auch wenn Roberto Cessi in einigen seiner Publikationen diese Verwandtschaft in Zweifel gezogen hat, so gilt doch eine Vereinbarung mit Capodistria vom 14. Januar 932 als ausreichender Nachweis. Er wurde im Alter von etwa 60 Jahren zum Nachfolger von Ursus II. aus der Familie der Particiaco (später mit den Badoer gleichgesetzt und lange als „Partecipazio“ bezeichnet), der sich in ein Kloster zurückgezogen hatte. Der scharfe Wechsel in der Politik von einer ausgleichenden, friedlichen zu einer expansiven Außenpolitik führte in der Historiographie zu Mutmaßungen darüber, ob Ursus wirklich freiwillig zurückgetreten, oder ob er nicht von Petrus II. dazu gezwungen worden war. Hart kontrastiert in der Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus der friedvolle Rückzug des kranken und alten Dogen ins Kloster des hl. Felix auf Ammiana„Ursus dux, dum ducatum annis gereret XX, iam senex effectus, terrena penitus parvi pendens coenobitalemque habitum in sancti Felicis monasterio devote suscipiens, ibi vitam finivit“. mit der völligen Neuausrichtung unter Petrus, die kein Beispiel am Vorgänger nahm: „ducatum suscipiens, nihilominus sui decessoris exemplo subditum sibi populum tractare conatus est“.Beide Zitate nach La cronaca veneziana del diacono Giovanni, in: Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime (= Fonti per la storia d’Italia [Medio Evo], IX), Rom 1890, S. 132 f.
Auf Istrien entspann sich in den 930er Jahren ein heftiger Konflikt, dessen Folgen als Ausgangspunkt des venezianischen Kolonialreiches gelten.Den Konflikt stellte 1906 bereits Adolf Schaube: Handelsgeschichte der romanischen Völker des Mittelmeergebiets bis zum Ende der Kreuzzüge, erschienen in München auf S. 8 dar (Digitalisat, S. 8); ital.: Storia del commercio dei popoli latini del Mediterraneo sino alla fine delle crociate, Turin 1915. Dabei war die Halbinsel für Venedigs Handel nicht nur die erste Etappe in den Kernraum des Mittelmeerraumes, denn über die und von der Halbinsel kamen auch Sklaven, Holz und Eisen, wie Quellen für die Zeit zwischen Juni 960 und Juli 971 belegen. Der Handelsumfang stieg schon aufgrund der Privilegierung der Stadt im Königreich Italien, die bis in die Zeit Karls des Großen zurückreichte. Dabei gelang es den Dogen nicht nur, sich unbehinderten Handel mit Capodistria, dem heutigen Koper, garantieren zu lassen, teilweise sogar ihren Eigenhandel ohne Abgaben betreiben zu dürfen, sondern auch, die im Ausland tätigen venezianischen Händler ihrer eigenen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen. Mit diesem Ausgreifen nach Istrien kam es aber schon seit längerem zu Konflikten.
Wintherius, der Markgraf von Friaul und Istrien, hatte wohl schon unter Ursus II. mit Übergriffen gegen venezianische Händler begonnen, also Sequestrationen, Vertreibungen, Raub, aber auch gegen Besitz des Dukats oder der Bischöfe.Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. I: Duca e popolo, Venedig 1963, S. 311; Suzanne Mariko Miller: Venice in the East Adriatic. Experiences and Experiments in Colonial Rule in Dalmatia and Istria (c. 1150–1358), Stanford University, 2007, S. 53. Dies galt vor allem um Pula auf Istrien. Die Auseinandersetzungen eskalierten, und schließlich kam es zum Bruch. Der Doge erzwang von Capodistria, wohl zu dieser Zeit wichtigstes Emporium der Halbinsel, eine Promissio, einen öffentlichen Eid, am 14. Januar 932 (Pactum Justinopolitanum, benannt nach dem alten Namen der Stadt, nämlich Justinopolis). Die Einwohner der Stadt sollten allen Venezianern Schutz vor Gewalt und gleichzeitig Rechtsschutz bieten, kurz: „salvare et defensare“. Dann sollten sie das geleistete Homagium alljährlich erneuern. Außerdem erhielt der Doge honoris causa 100 Amphoren Wein als Dank für seinen Schutz und für die Freiheit des Handels innerhalb des venezianischen Dukates.
Gerade aufgrund dieser Bestimmungen bleibt der Charakter dieses Vertrages unklar, denn zwischen Homagium, Freundschaft und formaler Verpflichtung, Tributpflicht, zwischen vasallitischem Verhältnis, bzw. aus dem Blickwinkel Capodistrias einem Seniorat, aber auch als im Regnum Italicum verbleibender Ort von erheblicher Selbstständigkeit, bleibt ein breites Feld der Einordnung und Ausdeutung. Dies wurde in der Historiographie nur unzureichend beachtet. In jedem Falle wird dies als Ausgangspunkt venezianischer Herrschaft auf Istrien betrachtet, und damit langfristig der Entwicklung eines Kolonialreichs. Der Markgraf sah sich zudem gezwungen, die Vermittlung des Marinus, also des Patriarchen von Grado anzurufen. Ein Jahr später, am 12. März 933 beeidete der Markgraf die Rückkehr zum Status quo ante in Anwesenheit der Bischöfe und Gesandten von Pola und Capodistria, aber auch von Triest, Muggia, Pirano, Cittanova und Caorle. Darin verankerte Venedig die Sicherheit der Waren und Personen auf Istrien, die Rückgabe aller sequestrierten Güter, die Widerrufung aller ungerechterweise eingeführten Lasten und schließlich den Schutz der Schifffahrt.Promissio Wintherii de rebus Istriensibus vom 12. März 933 (Regest (ital.) und Transkription, Centro interuniversitario per la storia e l’archeologia dell’alto medioevo). Eine der Ursachen für die Konfrontation war die Schwäche des Regnum Italicum in diesem Gebiet, so dass Venedig seine Ansprüche selbst durchsetzen musste.
Umstritten ist im Gegensatz dazu die Echtheit eines Briefes vom Juni 932. In diesem gemeinsamen Brief des Petrus, „imperialis consul et senator atque dux Veneticorum“, und des Marinus, des besagten Patriarchen von Grado, sowie anderer Bischöfe, an König Heinrich I. sowie Hildebert, den Erzbischof von Mainz, und an die auf der Synode anwesenden Bischöfe erscheint eine Ermahnung des Dogen, die Taufe der Juden in seinem Reich entsprechend dem byzantinischen Vorbild zu erzwingen, oder ihre Vertreibung durchzusetzen. Darüber hinaus sollte der Handel mit Kultobjekten oder heiligen Metallen untersagt werden. Womöglich versuchte Venedig die Juden als Handelskonkurrenten auszuschalten. Ausgangspunkt des Briefes sollte ein Streit zwischen Juden und Christen sein, der sich angeblich in Jerusalem zugetragen hatte. Um den Gewinner aus einem Disput feststellen zu können, ließ der dort herrschende Sultan eine Kirche und eine Synagoge schließen, um auf ein göttliches Zeichen zu warten. Dies erfolgte so drastisch – ohne menschliches Zutun war die Kirche illuminiert, Christus selbst hing am Kreuz –, dass viele Juden verwirrt wurden, manche zum Christentum konvertierten. Entsprechend dem Willen des Jerusalemer Patriarchen sollte der ostfränkische König in seinem Reich die Taufe aller Juden anweisen.Bernhard Blumenkranz: Juifs et chrétiens dans le monde occidental 430–1096, Paris-La Haye 1960, Nachdruck 2006, S. 102, 284 f. Roberto Cessi zog die Echtheit dieses Briefes allerdings in Zweifel.Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. I, S. 314 f.
Ähnlich wie in Istrien, ging Venedig auch am Westufer der Adria scharf gegen Konkurrenten vor. Unter dem Vorwand, einige Venetici seien von „Comaclensis insule homines“ angegriffen worden, ließ der Doge das dortige Comacchio attackieren. Schon früher hatte Venedig versucht, die Konkurrentin mit Hilfe des Papstes zu erwerben, denn Comacchio beherrschte den Zugang zum Flusssystem des Po, der wichtigsten Wasserstraße Norditaliens. Zu einem unbekannten Zeitpunkt erfolgte dieser Angriff, bei dem das castellum der Stadt zerstört wurde. Die außerhalb lebende Bevölkerung wurde deportiert, bis sich die schwer einnehmbare Festung ergab und die deportierten Männer wie Frauen, wie es bei Andrea Dandolo ausdrücklich heißt, einen Eid geschworen hatten.
Wie die meisten seiner Amtsvorgänger entsandte auch Petrus II. seinen gleichnamigen Sohn nach Konstantinopel. Dieser wurde, wie gewohnt, mit zahlreichen Geschenken bedacht, doch ist nicht klar, ob er auch diesmal den Titel eines Protospatharios erhielt. So heißt es zwar bei Johannes Diaconus: „Petrus Candianus dux, suum dilectum equivocum filium Constantinopolim ad Constantinum et Romano imperatores transmisit, a quibus protospatharius effectus, cum maximis donis ad Veneciam rediit“ (S. 133) – der Doge habe also seinen gleichnamigen, geliebten Sohn nach Konstantinopel zu Constantinos und Romanos geschickt, von denen er, zum Protospatharios erhoben, mit äußerst großzügigen Geschenken nach Venedig zurückkehrte. Doch einige Historiker beziehen den Titel auf den Vater, nicht auf den Sohn. Dies hängt damit zusammen, dass in den überlieferten Dokumenten der dritte Candiano nicht den besagten Titel trägt.So etwa in der Carta promissionis des Patriarchen Lupus II. von Aquileia vom 13. März 944, wie schon Monticolo in einer Fußnote zur Edition anmerkte; Roberto Cessi: Politica, economia e religione, in: Storia di Venezia, Bd. II, Venedig 1958, S. 200 und Ders.: Venezia ducale, Bd. I, n. 4, S. 314. Dagegen Carlo Guido Mor: L’età feudale, 2 Bde., Mailand 1952, Bd. I, n. 3, S. 282 ff. Folgt man dieser Annahme, müsste man die Reise nach Konstantinopel als einen der ersten politischen Akte des Candiano betrachten, denn in der Promissio der Capodistrianer vom 14. Januar 932 wird er bereits als „protospatarius et gloriosus Veneticorum dux“ bezeichnet.