mini|Siegfried Lenz (1972) Das Vorbild ist der Titel eines 1973 publizierten Romans von Siegfried Lenz: Drei Experten treffen sich im November 1968 in Hamburg, um den Abschnitt „Lebensbilder – Vorbilder“ eines Lesebuchs zu erarbeiten. In einer Überlagerung mit ihren persönlichen Problemen diskutieren sie über geeignete Erzählungen und erarbeiten einen umstrittenen Vorschlag.

Inhalt

Überblick Der kürzlich pensionierter Rektor Valentin Pundt aus Lüneburg, die Hamburger Lektorin Rita Süßfeldt und der 38-jährige Studienrat Janpeter Heller aus Diepholz erarbeiten im Auftrag eines Arbeitskreises der Kultusministerkonferenz ein repräsentatives Lesebuch für Deutschland. Die beiden ersten Kapitel, „Arbeit und Feste“ und „Heimat und Fremde“, haben sie fertiggestellt. Zum Entwurf des dritten Abschnitts „Lebensbilder – Vorbilder“ treffen sie sich im November 1968 in Hamburg in der Hotel-Pension Ida Klöver, einer alten Villa an der Alster. Zur Vorbereitung hat jeder zwei Erzählungen ausgewählt. Nach kontroversen Diskussionen finden jedoch alle Texte keine ungeteilte Zustimmung.

In einem zweiten Anlauf beschäftigt sich der Kreis mit dem Lebenslauf der Biochemikerin Lucy Beerbaum, die 1967 aus Solidarität mit ihren von der griechischen Militärjunta inhaftierten Kollegen einen Hungerstreik beginnt und an den Folgen stirbt. Dieser Entwurf wird schließlich von den beiden in der Kommission verbliebenen Sachverständigen eingereicht, jedoch vom Chefredakteur des Verlags abgelehnt. Am Schluss verabschieden sich Heller und Süßfeldt, wie zuvor Pundt, aus dem Gremium.

Überlagert wird ihre Arbeit am Tagungsort durch persönliche Probleme: Süßfeldt wohnt zusammen mit ihrer Schwester Margarethe (Mareth) und versorgt mit ihr ihren nervenkranken Cousin Heino Merkel, der unter der Abhängigkeit von den Schwestern leidet und sie am Ende der Handlung verlässt. Pundts Sohn Harald hat sich nach erfolgreichem Studium und Examen in Hamburg getötet. Der Vater sucht nach Erklärungen dafür, nutzt seinen Aufenthalt zu einer Spurensuche und wird mit seiner Erziehungsmethode konfrontiert. Hellers Frau Charlotte hat sich von ihm getrennt. Sie ist Arzthelferin und plant mit ihrem Chef Gerhard Thormählen eine zweite Ehe, doch gibt es für sie und ihren Mann auch Ansätze für eine Wiederbelebung der Familie mit ihrer Tochter Stefanie.

Beziehungsprobleme Bei den drei Kommissionsmitgliedern zeigt sich eine Diskrepanz zwischen ihren Theorien zur ethischen Bildung der Jugendlichen und der Umsetzung der Ideen in ihrem Privatleben. Parallel zu dem Scheitern ihrer Lesebuch-Konzeption verändern sich auch ihr Selbstbild und ihre Familienbeziehungen.

Pundt Valentin Pundt nutzt seinen Hamburg-Aufenthalt zu einer Spurensuche. Sein Sohn Harald hat sich nach erfolgreichem Studium und Examen getötet und der Vater sucht nach Erklärungen dafür. In Haralds Kneipe trifft er seinen ehemaligen Schüler Eckelkamp, der sich an die konsequente Prinzipienreiterei seines alten Lehrers und an dessen Spitznamen „Wegweiser“ erinnert. Er erzählt ihm von Haralds Freundin Lilly Fligge (Kp. 7). Sie ist gerade im Aufbruch zu einem Semester in Aberdeen und berichtet über ihre Trennung von Norbert wegen seiner insistierenden Begründungssucht auch bei Kleinigkeiten, was sie nicht aushalten konnte. Sie vermutet als Motiv für seinen Suizid Angst vor der Zukunft.

Dem Kern des Problems kommt Pundt durch sein Gespräch mit dem Sänger Mike Mitchner näher. Harald sah den ehemaligen Protestsänger als sein Vorbild an. Nachdem dieser jedoch als „Sänger einer heilen Welt“ bei „Licht, Bewegung und Musik“-Shows vor phantasievoll kostümierten Fans (Kp. 3) und in Kaufhaus-Werbeveranstaltungen auftritt, hat sich Harald, wie er in seinem letzten Brief an den Sänger mitteilt, von ihm getrennt (Kp. 14): „Wir waren nicht bereit, die Welt als vollendete Tatsache anzuerkennen, mit diesen Vätern, diesen Richtern, mit diesen Verbrauchern und Vorgesetzten, und du hast unserer Ablehnung die Stimme gegeben. […] Von Dir lernte ich, dass nicht etwa Beliebiges zu tun sei, sondern systematisch das, was wir uns selbst schuldig sind. Gemeinsam besichtigten wir die Zustände. Wir sagten nein. Wir verklagten die Zeit. Wir ließen keinen im Unklaren darüber, dass wir nicht mitmachen wollten, und wir haben manchem beigebracht, dass Wegsehen korrumpiert.“Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979, S. 204.

Durch diese Recherchen blickt Pundt kritisch auf seine Erziehungsmethode und erkennt, „dass er nicht der Mann [ist] der anderen Vorbilder empfehlen kann“.Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979, S. 300. Als Heller und Süßfeldt ihn nach einer Misshandlung durch eine Straßengang im Krankenhaus besuchen, teilt er ihnen mit, dass er aus dem Unternehmen aussteige (Kp. 20). Er sei zwar immer noch davon überzeugt, dass „es im pädagogischen Auftrag lieg[e], auf die vorbildliche Tat hinzuweisen“, doch ihm fehle „das Recht zur Empfehlung“. „Seine Irrtümer“ hätten „das zulässige Maß erreicht“.Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979, S. 300, 301.

Heller Der 38-jährige Janpeter Heller unterrichtet als Studienrat an einem Gymnasium in Diepholz. Seine Frau Charlotte hat sich vor einigen Jahren von ihm getrennt und lebt mit Tochter Stefanie in Hamburg am Isebek-Kanal. Sie ist Arzthelferin, hat inzwischen eine Beziehung mit ihrem Chef Gerhard Thormählen und plant mit ihm ihre zweite Ehe. Grund der Trennung war Hellers zeitaufwändiges Engagement für die Mitbestimmungsrechte seiner „Pennäler“, das sich auch in den privaten Bereich ausdehnte und zu einer Vernachlässigung seines Familienlebens führte, und zum Vorwurf Charlottes: „…du benimmst dich, als seist du einer von ihnen: du sprichst wie sie, du kleidest dich wie sie, du spielst dich an sie heran, als ob ihr Wohlwollen dir das Wichtigste sei. Ja, sie sind begeistert von dir, und du genießt es. Sie machen dich zu ihrem Vertrauten, diese Jungen und Mädchen von neunzehn, und du revanchierst dich dafür, indem du vergisst, was dich von ihnen trennt. […] wieviel ist geblieben, was uns noch gemeinsam angeht? Die Mahlzeiten und die üblichen Nachfragen, wie es dem Kind geht; und das alles findet statt an der Grenze der Rufweite.“Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979, S. 124. Auch bei seinem Hamburg-Besuch interessiert sich Heller für die progressive Jugendszene, besucht das Konzert seines ehemaligen Schülers Mike Mitchner, beteiligt sich spontan an einer Schüler-Demonstration gegen Erhöhung der Straßenbahngebühren und wird als deren Wortführer zur Überprüfung seiner Personalien verhaftet (Kp. 5).

Heller versucht immer wieder, mit seiner Frau über eine Wiederbelebung der Ehe zu sprechen, und er nutzt sein Recht, seine Tochter zu sehen, obwohl diese Treffen meist enttäuschend enden. Beim gemeinsamen Nachmittag in Hamburg geht er nach der Überreichung des Geschenks nicht auf die Wünsche des Kindes ein, sucht als Programm am Hafenjubiläumstag die Besichtigung eines Militärschiffes aus und reagiert zunehmend gereizt auf die Fragen des Kindes. Dabei reflektiert er sein Verhalten: „Warum hatte er darauf bestanden, das Kind zu sehen? Hatte ihn die Erinnerung nicht gewarnt? All die Augenblicke der Ungeduld, des Überdrusses, all die Gelegenheiten, die ihn an seiner Tauglichkeit als Vater selbst zweifeln ließen“.Siegfried Lenz: Das Vorbild. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1979, S. 123. Heller ist sich unsicher über seine weitere Beziehung zu Charlotte. Zwar taucht er überraschend in Thormählens Praxis auf und fordert Charlotte auf, mit ihm zu kommen (Kp. 19). Als sie, nach einer Auseinandersetzung mit dem Arzt wegen der Provokation, mit ihm über seinen Vorschlag und die Kündigung ihrer Stelle reden will, bleibt er jedoch unbestimmt, warnt sie vor übereilten Entschlüssen, rät zum Abwarten und verlässt am Ende der Handlung Hamburg (Kp. 23).

Süßfeldt Rita Süßfeldt arbeitet als freie Lektorin in Hamburg wohnt in einer mit alten Möbeln vollgestellten Wohnung zusammen mit ihrer Schwester Margarethe (Mareth) und ihrem nervenkranken Cousin Heino Merkel, (Kp. 4). Seine Krankheit ist die Folge einer schweren Verletzung, als bei der Verfilmung seines Buches „und die Arche schwamm doch“ das nach seinen Angaben gebaute Schiff mit den Tieren verbrannte und der Archäologe schwer verletzt wurde (Kp. 8). Seitdem leidet der unter Gewaltausbrüchen und Zerstörungswut. Er fesselt sich dann auf einem Spezialstuhl, bis er sich wieder beruhigt hat. Die Schwestern haben unterschiedliche Vorstellungen von Merkels Zukunft. Mareth findet in die Rolle der Pflegerin einen Lebensinhalt und will die Situation fixieren, während Rita merkt, dass ihr Cousin unter seiner Abhängigkeit leidet und sich im Haus gefangen fühlt. Um dem Kranken zu mehr Selbstbewusstsein und Bestätigung zu verhelfen, setzt sie sich als Jury-Mitglied dafür ein, dass er mit dem „Hamburger-Tradition“-Preis der Züllenkoop-Stiftung für seine Forschung ausgezeichnet wird (Kp. 20). Als Merkel jedoch von Ritas Unterstützung erfährt, zerreißt er Urkunde und Scheck und verlässt fluchtartig das Haus der miteinander streitenden und ratlosen Schwestern (Kp. 22).

Vorbild-Projekt

Erzählungen Die drei Experten haben als Vorbereitung für ihr Hamburger Treffen Erzählungen und Ersatzbeispiele ausgewählt. Sie stellen sie dem Arbeitskreis vor und diskutieren über ihre Eignung für des Lesebuch: „Die Absage“ (Hellers Vorschlag): Ein Sohn lehnt das Angebot seines Vaters ab, in dessen zweigeteilte Praxis, Vertrauensarzt einer Rentenbehörde und Privatarzt mit Interessenkonflikten, einzutreten und sie später zu übernehmen, und zieht dem die Arbeit als Schiffsarzt vor (Kp. 2). „Die Falle“ (Pundts Vorschlag). Ein Wachsoldat versteckt einen entflohenen Häftling in einem Waffendepot, versorgt ihn mit Nahrungsmitteln und setzt sein Leben aufs Spiel, als er ihn vor der Sprengung aus dem Lager rettet (Kp. 4). „Das Zugeständnis“ (Süßfeldts Vorschlag): Ein aus der Jugendstrafanstalt entflohener Junge taucht bei seiner Mutter auf und behauptet, für ein Wochenende auf Ehrenwort beurlaubt worden zu sein. Obwohl sie ihm nicht glaubt, versteckt sie ihn vor der Polizei und gibt ihm aus Mitleid Geld, damit er mit Freunden ein schönes Wochenende verbringen kann. Doch er verspielt das Geld und die Jungen versuchen, es durch einen Einbruch zu ersetzen. Erst als die Mutter dies herausfindet, benachrichtigt sie die Polizei und lässt ihren Sohn abholen (Kp. 6). Süßfeldts Ersatzbeispiel: An der norddeutschen Küste ist ein Schiff gestrandet und wird aufgegeben. Nach anderthalb Jahren baggert eine kleine private Bergungsfirma eine Rinne frei und schleppt mit großer Ausdauer nach mehreren vergeblichen Versuchen das Wrack zur Küste. Doch nachts im Nebel wird es von einer Fähre gerammt (Kp. 8) Pundts Ersatzbeispiel: In einem Saal kommen zwei Gefangenentransporte zusammen, eine Gruppe ist aus der Gefangenschaft entlassen worden, die andere wird in das Lager transportiert. Ein alter entlassener Häftling tauscht mit einem jungen, der die Haft noch vor sich hat, den Platz (Kp. 8). Hellers Ersatzbeispiel: Nach einer Sturmflut sind die überfluteten Gehöfte verlassen. Ein Mann steuert mit einem Floß ein Haus an, durchsucht es und findet in einem Schrank Silberschmuck. Beim Ablegen hört er aus dem Dachraum ein Wimmern. Er kehrt um, bringt eine Frau mit ihrem Säugling auf seinem Floß an Land, obwohl er weiß, dass sie seinen Diebstahl beobachtet hat, und verschwindet (Kp. 8).