Hände. Das Leben und die Liebe eines zärtlichen Geschlechts ist ein deutscher experimenteller Kurzfilm von Miklós Bándy und Stella Simon von 1927, in dem nur Hände handeln.

Inhalt Hände und Arme sind die einzigen Darsteller in diesem Film. Sie suchen, werben, berühren sich, umschließen sich und agieren in Gruppen. Es gibt Annäherungen und Berührungen einer männlichen und einer weiblichen Hand, die eine Beziehung zueinander aufbauen.

„Es sind allein Hände, Hände vieler junger Tänzerinnen, die eine zärtliche Geschichte erzählen (…). Ihre Bühne ist von schrägen Kartons unterteilt, sodass sie auf verschiedenen Diagonalen ins Bild kommen, weich und fließend, wie von Wasser und Wind bewegt. Irgendwann werden sie zu Paaren, Finger verschränken sich, gleiten ineinander. Es ist erstaunlich, wie viel Sanftheit in ihrem Spiel liegt.“Katrin Bettina Müller, Etwas Neues wagen. Tanz in der Weimarer Republik, in taz vom 30. April 2021, über die Ausstellung im Georg-Kolbe-Haus über verschiedene Tänzerinnen

Der Film ist mit deutschen Zwischentiteln versehen, die eine fortlaufende Handlung erzählen. Die meisten Szenen sind als künstlerische Bewegungen ohne eine erkennbare Handlung zu verstehen.

Entstehung Die 48-jährige US-amerikanische Fotografieabsolventin Stella F. Simon kam Ende 1926 nach Berlin, um Film zu studieren. Sie begegnete dem dadaistischen Fotografen Hans Richter und weiteren Künstlern im Umfeld der avantgardistischen Novembergruppe und entwickelte mit ihnen das Konzept für diesen Film.Hans Richter by Hans Richter, New York 1971, p. 44, nach den Erinnerungen von Hans Richter, erwähnt in Stella F. Simon Woman Film Pioneer Project, mit einigen Hintergrundinformationen über die Entstehung des Films

Der deutsch-ungarische Publizist Miklós Bándy hatte sich vorher mit dem experimentellen Film der Gegenwart beschäftigt, er hatte Kontakte zu Filmemachern in Berlin und Paris und wirkte in einigen von deren Filmen als Assistent mit.Márton Orosz, The Hungarian Contribution to Avant-Garde Film in the Weimar Republic, in Ralf Burmeister, Thomas Köhler, László Baán, András Zwickl (ed.), Magyar Modern. Hungarian Art in Berlin 1910–1933, Berlin 2022, S. 210–217, hier S. 210 (erster Absatz) (Digitalisat), er hatte Kontakt zu Viking Eggeling in Berlin, über dessen Experimentalfilm Symphonie Diagonal er einen Aufsatz schrieb, sowie in Paris zu Jean Epstein, Abel Gance und Alberto Cavalcanti, bei den beiden letzteren wirkte er in Filmen mit Die tänzerische Gestaltung hatte die Tanzpädagogin Hertha Feist mit ihren Schülerinnen, die besonders von Rudolf von Laban geprägt waren. Weitere Solisten waren die Ausdruckstänzer Takka-Takka (Lucie Lindemann) und Berthold Schmidt.Hände Filmportal, mit einigen weiteren Details. Die Gruppenszenen waren an die Laban-Bewegungschöre angelehnt. Die Entwürfe für die Kulissen schuf der Grafiker Max Dungert.

Die Aufnahmen fanden im Rex-Atelier in Berlin-Wedding an der Müllerstraße statt. Marc Blitzstein schrieb eine Komposition für Klavier und Perkussion, von der die Noten erhalten sind.

Aufführungen Die erste Aufführung des noch unvollendeten Films fand am 31. August 1927 in der Galerie Neumann-Nierendorf in Berlin statt.Howard Pollack, Marc Blitzstein. His Life, His Work, His World, Oxford University Press, 2012, p. 54, mit einigen Hintergrundinformationen über die Entstehung dieses FilmsRevue des Monats, September (oder Oktober?) 1927, S. 92 (PDF), mit Foto, auch von einem Darsteller bei der Entstehung Anfang 1928 zeigte ihn der US-amerikanische Kunstwissenschaftler Alfred Barr bei seiner Reise in der Sowjetunion privat bei Bekannten.Pollack, S. 54

Am 1. Februar 1929 wurde der Film erstmals vollständig in New York zur Eröffnung des Film Guild Cinema im Beisein von Stella Simon vorgeführt.Jan-Christopher Horak, Lovers of Cinema, Wisconsin University Press, 1995, p. 23 Es gab wahrscheinlich eine gleichzeitige Erstaufführung in Paris.

Am 16. Februar 1929 präsentierte die avantgardistische Novembergruppe Hände bei einem Filmabend im Gloria-Palast in Berlin dreimal, davon mindestens einmal durch einen Gazevorhang auf eine Leinwand mit Falten.Nachtvorstellung der Novembergruppe. Programm 16. Februar 1929; Faksimile in Hertha Feist Deutsches Tanzarchiv (unten Bild 10), als Programm-Nummern 3, 9 und 13, jeweils den 2. Teil Das Publikum brach dabei vor Unverständnis in Lachen aus, einer rief: „Hände weg!“Pollack, 2012, p. 54, mit Note 24

Das Museum of Modern Art in New York zeigte ihn 1936 und 1939 und wieder 2019 und 2023.Hands / Soleil Museum of Modern Art, 2023; auch Sunrise / Hands Museum of Modern Art, 2019 Dort war auch die einzige Kopie des Films im 16-mm-Format erhalten.

Der Film war außerdem im Kino Arsenal in Berlin 2008 und 2024,Wiederentdeckte Avantgardefilme der 20er Jahre Filmblatt, 2008 im Georg-Kolbe-Museum in Berlin in einer Tanz-Ausstellung 2021Katrin Bettina Müller, Etwas Neues wagen.. Tanz in der Weimarer Republik, in taz vom 30. April 2021 (Text), es ist nicht ganz klar, wie lange die Ausstellung geöffnet war und bei den Stummfilmtagen in Bonn 2022 zu sehen.Hände Förderverein Filmkultur In Paris zeigte die Ausstellung Hände (1927) Fotos und Hintergründe des Films von 7. Juli bis 9. November 2025.Hände (1927) Musée d’art et d’histoire du Judaisme (deutsch)

Er wird im Zeughauskino in Berlin am 20. Dezember 2025 wieder gezeigt.Hände und Fische. Filmische Entdeckungen von 1925 bis 1932 Zeughauskino

Der Film wurde 2022 vom Filmarchiv des Deutschen Filminstituts und Filmmuseums restauriert und digitalisiert. Eine Kopie befindet sich im Deutschen Tanzarchiv in Köln.Hertha Feist Deutsches Tanzarchiv Köln, Nachlässe und Sammlungen Er ist auch auf der DVD Unseen Cinema. Early American Avant-Garde film (2005) und auf der Disc Silent Avant-Garde (2023) enthalten.Hände Silent Era Die erhaltene Fassung ist möglicherweise etwas kürzer als die ursprüngliche.

Rezeption Die Illustrirte Zeitung schrieb nach der ersten Aufführung 1927:

Der Regisseur Fritz Lang betonte in einem lobenden Brief an den Regisseur Miklós Bándy 1927, dass der Film bestätige, dass Hände oftmals eine stärkere Ausdruckskraft hätten als Gesichter.Brief von Fritz Lang an Miklós Bándy vom 13. September 1927, jetzt im Archive Lefebvre, Paris, auszugsweise übersetzt in Márton Orosz, The Hungarian Contribution to Avant-Garde Film in the Weimar Republic, in Ralf Burmeister, Thomas Köhler, László Baán, András Zwickl (ed.), Magyar Modern. Hungarian Art in Berlin 1910–1933, Berlin 2022, S. 210–217, hier S. 210, mit Anm. 11, (Digitalisat)

Der US-amerikanische Kunstwissenschaftler Alfred Barr schrieb 1928 in einer sowjetischen Filmzeitschrift, dass Hände die dokumentarische Wirklichkeitsnähe des neuen russischen Films mit dem rhythmischen Spiel von abstrakten Formen verbinde.Alfred Barr, Ruki [=Hände], in Kino, Moskau, Februar 1928, S. 26–27; Rezension über diesen Film während seines Aufenthaltes in der Sowjetunion, er hatte auch eine Kopie mit, die er privat Bekannten zeigte (zitiert übersetzt in Márton Orosz, The Hungarian Contribution to Avant-Garde Film in the Weimar Republic, in Ralf Burmeister, Thomas Köhler, László Baán, András Zwickl (ed.), Magyar Modern. Hungarian Art in Berlin 1910–1933, Berlin 2022, S. 210–217, hier S. 210, mit Anm.9 (Digitalisat))

Der Film-Kurier berichtete über die Vorstellung von 1929:

Der deutsch-amerikanische Filmhistoriker Jan-Christopher Horak sah in seiner ausführlichen Handlungsbeschreibung des Films 1995 auch ein Melodrama einer Frau, die Angst hat, ihren Geliebten an eine Konkurrentin zu verlieren, und sich dabei in Selbstverstümmelungsfantasien flüchtet.Jan-Christopher Horak: The First American Film Avant-Garde 1919–1945, in ders. (ed.), Lovers of Cinema, Wisconsin University Press, 1995, S. 14–66, hier S. 43 (siehe auch Notes S. 62); mit einer längeren Handlungsbeschreibung des Films, die teilweise auch von späteren Autoren und Autorinnen rezipiert wurde Am Schluss gebe es aber ein Happy End.

Die US-amerikanische Filmwissenschaftlerin Prof. Jennifer Wild bezeichnete 2005 Hände als einen „feministischen Avantgarde-Kurzfilm“ und schrieb dazu:

Die Filmwissenschaftlerin Louise Burkart vom Deutschen Filminstitut bezeichnete Hände als einen „einzigartige[n] Film“ mit „eine[r] unglaubliche[n] visuelle[n] Ausdruckskraft“.Hände Stummfilmtage Bonn 2022, mit Text vom Deutschen Filminstitut und Filmmuseum

Das Berliner Kino Arsenal lobte ihn 2024:

Weblinks

Hände Filmportal Hände. Das Leben und die Liebe eines zärtlichen Geschlechts Light One, mit Fotos Hände Film Hands Film Hands Museum of Modern Art, 2023, mit einigen Informationen

Einzelnachweise

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